Reim

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Reim (Begriffsklärung) aufgeführt.

Der Reim ist im weiteren Sinne eine Verbindung von Wörtern mit ähnlichem Klang. Im engeren Sinne ist der Reim der Gleichklang eines betonten Vokals und der ihm folgenden Laute. Dieser Laut kann je nach Dichtungstradition am Anfang des Wortes (Anlaut), in der Mitte oder am Ende stehen. Beispiel: lauf – sauf; laufen – saufen; Laufender – Saufender. In der linguistisch orientierten Lyriktheorie werden Reime als phonologische Überstrukturierung aufgefasst.

Das mittelhochdeutsche Wort rim ist entlehnt aus dem Französischen: Das Substantiv rime für Reim stellt eine Rückbildung des Verbs rimer für „in Reihen ordnen, reimen“ dar (fränkisch und althochdeutsch rim „Reihe“). Die englische Schreibweise rhyme beruht darauf, dass zu Zeiten der Einführung des Modernen Englisch fälschlicherweise eine Verbindung zum griechischen rhythmos angenommen wurde.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff „Reim“ bezeichnete bis ins 17. Jahrhundert den ganzen gereimten Vers. Martin Opitz (1597–1639), Dichter des Barock und Verfasser der ersten deutschsprachigen Poetik, begründete die heutige Definition: „Ein reim ist eine vber einstimmung des lautes der syllaben vnd wörter zue ende zweyer oder mehrer verse /welche wir nach der art die wir vns fürgeschrieben haben zusammen setzen.“[1] Die ursprüngliche Bedeutung hat sich aber noch in Ausdrücken wie Kinderreim und Kehrreim erhalten.

In China wurde der Reim bereits zwischen dem 10. und dem 7. Jahrhundert v. Chr. verwendet, was durch das Buch der Lieder, die älteste Sammlung von Gedichten und die größte aus vorchristlicher Zeit, bezeugt ist.

Die heidnische und christliche Dichtung der Spätantike im germanischen Sprachraum ist geprägt durch den Stabreim. Der Endreim wurde vermutlich über die christlich-lateinische Hymnendichtung eingeführt. Das alte Testament kennt den Reim aber ebenso wenig wie die Dichter der griechischen und römischen Antike, die den Gleichklang der Laute als unschön ablehnten.

Der Koran, der im 7. Jahrhundert entstand, ist in Reimprosa abgefasst. Diese literarische Form, die durch Endreime am Satzende oder an syntaktischen Einschnitten ohne Bindung an ein Versmaß getragen wird, war damals auf der arabischen Halbinsel sehr verbreitet.

Die geistliche und weltliche lateinische Dichtung des europäischen Mittelalters ist entweder akzentuierend und reimend, oder sie erscheint reimlos und quantitierend, d. h., es werden die antiken Metren verwendet, vor allem der Hexameter. Eine Ausnahme bildet der leoninische Vers, der die Quantitäten mit dem Reim verband.

Als erste in Endreimen abgefasste deutsche (althochdeutsche) Schriftdichtung gilt das Evangelienbuch Otfrids von Weißenburg (um 870). Seit dem 12. Jahrhundert tritt der Reim den Siegeszug in der Dichtung aller europäischen Volkssprachen an, und er behält seine vorherrschende Stellung, bis diese sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark abschwächt. Die moderne Lyrik verzichtet häufig auf die klassischen poetischen Mittel von Reim und Versmaß und verwendet den freien Vers, der im 19. Jahrhundert in Frankreich als vers libre entwickelt wurde. Durch den völligen Verzicht auf die Regeln der Metrik nähert sich der freie Vers der Prosa an.

Versuche deutscher Dichter im 18. Jahrhundert, den Reim durch den Blankvers und antike Metren zu ersetzen (Klopstock, Voss, Goethe, Schiller, Hölderlin), bleiben eine – wenn auch sehr bedeutsame – Episode.

Sehr lebendig ist der Reim auch noch im 21. Jahrhundert innerhalb der Rap-Poetry und beim Spoken Word, wo er auf vielfältigste Weise und bei weitem nicht nur auf den Endreim beschränkt als Stilmittel verwandt wird.

Funktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Funktion des Reims im Gedicht ist es, zusätzlich zu der metrischen Struktur der Silben, eine Struktur der Reime zu eröffnen, und damit diese beiden Perzeptionsebenen zu einer übergeordneten komplexeren Ebene in Beziehung zu setzen. Reim dient also nicht bloß der ‚Gliederung‘, sondern die Reimstruktur bildet eine eigene ästhetische Dimension der Lyrik.

Lyrik hat eine musikalische Dimension. Der Gleichlaut ist vergleichbar mit einem phonetischen Idiom, das die Rückkehr zu bzw. das Ausgehen von einem Referenzpunkt (s. Kadenz) ermöglicht. Er schmeichelt dem Ohr und wirkt nach dem ästhetischen Prinzip der Einheit in der Vielfalt vor allem dann überzeugend, wenn die Reimwörter in ihrer Bedeutung und ihren Konnotationen weit auseinander liegen. Als Echo des Gedankens haben reimende Wörter oft für die Sinngebung der Dichtung ein besonderes Gewicht. Karl Kraus vertrat die Ansicht, dass ein Reim umso höher zu bewerten sei, je mehr Widerstand er zu überwinden hätte, sei es, dass ein einsilbiges Wort auf ein mehrsilbiges reimt oder die beiden Reimwörter aus verschiedenen sprachlichen Sphären stammen.[2]

Gereimtes bleibt zudem besser im Gedächtnis haften, daher haben Sprichwörter, Wetterregeln, Merkverse, Werbesprüche und dergleichen oft die Form des Reims. So hat das Reimen von Botschaften auch einen pragmatischen Nutzen, z. B. bei den Wandersängern des Mittelalters und der Renaissance zur Übermittlung von Nachrichten.

Der Endreim markiert das Ende der Zeile und setzt die einzelnen Zeilen zueinander in Beziehung. Diese Funktion ist besonders wichtig in französischen Gedichten, in denen der Vers nur durch die Silbenzahl (z. B. im Alexandriner zwölf oder dreizehn Silben) bestimmt wird.

Reimformen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reime können nach ihrer Silbenzahl, der Stellung im Vers, ihrer phonologischen und morphologisch-lexikalischen Struktur und ihrem Reimschema beschrieben werden. Regelmäßige Reimschemata deuten in Zusammenhang mit bestimmten Versformen auf festgelegte lyrische Strophenformen hin. Bertolt Brechts Gedicht Erinnerung an die Marie A. mag als Beispiel dienen:

Und über uns im schönen Sommerhimmel
War eine Wolke, die ich lange sah
Sie war sehr weiß und ungeheuer oben
Und als ich aufsah, war sie nimmer da.

Das Reimpaar „sah/da“ beispielsweise ist einsilbig (Silbenzahl), endreimend (Stellung im Vers), rein (phonologisch) und reimt nur jede zweite Zeile (Reimschema). Morphologisch-lexikalisch weist es keine Besonderheiten auf. Formal steht Brechts Gedicht damit der Volksliedstrophe nah.

Reime nach der Silbenzahl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Kadenz (Verslehre) und Katalexe

Männlich oder stumpf, einsilbig[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Zeile endet auf einer betonten Silbe.

Es stand vor eines Hauses Tor
Ein Esel mit gespitztem Ohr.

Weiblich oder klingend, zweisilbig[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beide Zeilen enden auf reimenden Silben, die erste ist betont, die zweite unbetont.

Womit man denn bezwecken wollte,
dass sich der Esel ärgern sollte.

Wilhelm Busch

Gleitend oder reich, dreisilbig[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beide Zeilen reimen auf drei Silben, deren erste betont ist.

Wunderschön Prächtige,
Große und Mächtige

Zu Reimformen, die mehr als die letzte betonte Silbe einbeziehen, siehe erweiterter Reim.

Das Merkmal der Silbenzahl beim Reim wird auch als Reimgeschlecht bezeichnet. Wechseln männliche und weibliche Reime regelmäßig ab, so bezeichnet man das als Reimalternanz.

Reime nach der Stellung im Vers[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Endreim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beim Endreim oder auch Ausgangsreim stehen die Reimworte am Ende des Verses. Dies ist die im Deutschen und zahlreichen anderen Sprachen häufigste Reimform.

Klingt im Wind ein Wiegenlied,
Sonne warm herniedersieht,
Seine Ähren senkt das Korn,
Rote Beere schwillt am Dorn,
Schwer von Segen ist die Flur
Junge Frau, was sinnst du nur?

Theodor Storm: Juli

Binnenreim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Binnenreim

Beim Binnenreim stehen die Reimworte ganz oder teilweise im Versinneren. Nach der jeweiligen Stellung der Reimworte werden mehrere Formen unterschieden:

  • Innenreim oder Inreim: Reimworte am Versende und im Versinneren desselben Verses
  • Mittelreim: Reimwörter im Inneren aufeinanderfolgender Verse. Eine spezielle Form des Mittelreims ist der Zäsurreim, bei dem die Reimworte vor einer Zäsur stehen.
  • Mittenreim: ein Wort am Versende reimt mit einem Wort im Inneren des folgenden oder vorangehenden Verses
  • Schlagreim: Reimwörter folgen unmittelbar aufeinander. Spezielle Formen des Schlagreims sind:
    • Echoreim: die Wiederholung der Reimsilben bildet ein Echo nach
    • Übergehender oder überschlagender Reim: Reimworte sind durch ein Versende getrennt

Anfangsreim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beim Anfangsreim oder auch Eingangsreim reimen die ersten Wörter zweier Verse.

Zeilen, die sich hinten reimen,
nennt man darum ein Gedicht.
Feilen muss man da nicht lange.
Kennt man eine andre Form?

Michael Schönen

Pausenreim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beim Pausenreim steht das Reimpaar am Anfang und am Ende der reimenden Verse. Der Vers mit dem Reimwort am Anfang erscheint deshalb reimlos und erweckt den Eindruck der Pause. Beispiele finden sich hauptsächlich in Minne- und Meistersang.

wol vierzec jar hab ich gesungen oder me
von minnen und als iemen sol.

Reime nach phonologischer Struktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reiner Reim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einem reinen Reim stimmt die hörbare Lautfolge ab dem letzten betonten Vokal genau überein: HerzSchmerz; RoseDose

Das Lied von der Glocke (1800)

Unreiner Reim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Unreiner Reim

Beim unreinen Reim stimmt die hörbare Lautfolge der Reimsilben nur annähernd überein, Abweichungen treten in Klangfärbung und Betonung auf.

Wie ein Gebild aus Himmels Höh’n,
mit züchtigen, verschämten Wangen
sieht er die Jungfrau vor sich stehn.
Friedrich Schiller: Das Lied von der Glocke

Zu den Formen des unreinen Reims gehören insbesondere:

  • historischer Reim: war zur Zeit seiner Entstehung rein, ist es aber heute aufgrund anderer Sprechgewohnheiten nicht mehr (provelove; slayshey)
  • unebener Reim: zwar Gleichklang der reimenden Silben, jedoch unterschiedliche Betonung (ZeitEwigkeit)
  • Assonanz: nur die Vokale, aber nicht die Konsonanten stimmen überein (wagenlaben)
  • Konsonanz: nur die Konsonanten, nicht aber die Vokale stimmen überein; die Vokalquantität bleibt erhalten (wagenWogen)
  • Endsilbenreim: reimt zwischen unbetonten oder nebentonigen Endsilben

Erweiterter Reim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Erweiterter Reim

Der „erweiterte Reim“ ist ein unscharfer Oberbegriff für Formen des Reims, bei denen die Übereinstimmung der Reimwörter über den, für den Endreim maßgeblichen Teil ab der letzten betonten Silbe, hinausgeht. Zu den erweiterten Reimformen zählen:

  • Doppelreim: Reim ab der vorletzten und der letzten betonten Silbe (Winde wehenLinde gehen)
  • Mehrfachreim: Reim mit zwei oder mehr betonten Silben, also Verallgeimerung des Doppelreims.
  • vokalischer Halbreim: Reim mit dem letzten betonten und dem vorhergenden, unbetonten Vokal, also eine Abschwächung gegenüber dem Doppelreim. (licht warsichtbar)
  • rührender Reim: Reimt auch den Anlaut der Reimsilbe mit, das heißt auch die Konsonanten vor dem Vokal der betonten Reimsilbe klingen gleich. Spezialfälle des rührenden Reims:
  • Schüttelreim: Doppelreim mit zwei Anfangslauten oder -lautgruppen, die den Platz tauschen

Reime nach morphologisch-lexikalischen Besonderheiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gespaltener Reim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der gespaltene Reim ist ein mehrsilbiger Reim, bei dem sich mindestens eines der Reimglieder auf zwei oder mehrere, meist kurze Worte erstreckt.

Es gibt nichts Gutes
außer: Man tut es.

Gebrochener Reim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der gebrochene Reim ist ein Reim, der durch ein morphologisches Enjambement (einen Zeilenwechsel mitten im Wort) möglich wird.

Ehe, ehe die somali-
braune Nacht die Sterne bleckt,
schmelze, was mir als morali-
sches Gesetz im Halse steckt.

Peter Rühmkorf Das Zeitvertu-Lied

Augenreim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beim Augenreim gibt es eine Übereinstimmung nur vom Schriftbild her, die lautliche Entsprechung ist unvollständig oder fehlt.

Greif im Aldi in der Schlange
Aus dem Wagen die Orange.
Aber ach, welche Blamage:
Jene sah schon bessre Tage.
Auch das falbe Cordon Bleu:
Nicht mehr nigelnagelneu.
Dieser Einkaufsvormittag
Taugt noch als Gedichte-Gag.

Grammatischer Reim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Grammatischer Reim

Der grammatischer Reim verbindet Wörter des gleichen Stammes, zum Beispiel Glaubeglauben, oder Flexionsformen desselben Wortes ohne Rücksicht auf Gleichklang.

Es ist eine Schande,
sie so zu schänden.

Zwillingsreim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Mischform aus gleichlautendem, mehrsilbigem und gespaltenem Reim ist der Zwillingsreim (nach Günter Nehm): Er reimt Wörter mit gleichem Buchstabenmaterial, die an jeweils anderer Stelle durchtrennt werden.

Böse Diebe klauten Waren,
Böse die Beklauten waren.

Günter Nehm

Vexierreim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Vexierreim (von lat. vexare = plagen, vgl. Vexier und Vexierbild) steuert auf ein naheliegendes Reimwort (oft mit frivolem oder kompromittierendem Hintergrund) zu, bevor er ein anderes vergibt. In Liedform spricht man von einem Vexierlied.

Wir ziehen los mit ganz großen Schritten,
und Erwin faßt der Heidi von hinten an die Schulter.

aus dem Refrain des Stimmungsliedes Polonäse Blankenese (Interpret: Gottlieb Wendehals)

Das erwartete Reimwort kann auch durch eine gesamte Phrase ersetzt werden:

Denn jetzt kommt Tutti Frutti auf RTL,
da ham’ die Frauen fast nichts drunter.
Ich sitz’ in meinem Sessel, der Puls geht schnell,
und dann hole ich mir einen – Beutel Kartoffelchips aus der Küche.

Aus dem Lied So. 22:40 RTL [do it yourself] (Interpret: Norbert und die Feiglinge)

Stabreim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Stabreim

Der Stabreim ist ein strenges Versilbungsprinzip der altgermanischen Sprachen, das sich der Alliteration bedient, das also gleiche Anlaute von betonten Stammsilben an bestimmten Positionen im Vers fordert. Vor allem im Alt- und Mittelenglischen, Altnordischen, Altsächsischen und Althochdeutschen sind Dichtungen in Stabreimversen überliefert.

In den Literaturen der Neuzeit wird der Stabreim nur historisierend verwendet (Richard Wagner). Alliteration ist dagegen ein seit jeher und bis heute häufig gebrauchtes sprachliches Schmuckmittel, allerdings kann es nur im weitesten Sinne als Reim gelten, wenn es nicht mit metrischer Regelhaftigkeit eingesetzt wird.

Reimfolgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Reimfolge, das heißt die Abfolge und Art der Korrespondenzen in einer Strophe oder einem Gedicht, wird in der Verslehre durch ein sogenanntes Reimschema in abstrahierender Form beschrieben. Dabei entspricht jedem Vers ein (Klein-) Buchstabe, für reimende Verse werden gleiche Buchstaben verwendet.

Nicht reimende Verse werden als Waisen bezeichnet und im Reimschema mit [x] notiert.

Paarreim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reim je zweier aufeinander folgender Verse. Zwei durch Paarreim verbundene Verse werden dementsprechend Reimpaar genannt.

Schema: [aabb ccdd …]

[a]   Ich geh’ im Urwald für mich hin…
[a]   Wie schön, dass ich im Urwald bin:
[b]   Man kann hier noch so lange wandern,
[b]   Ein Urbaum steht neben dem andern.

Kreuzreim, auch Wechselreim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Kreuzreim

Schema: [abab cdcd …]

[a]   Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
[b]   so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
[a]   Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
[b]   und hinter tausend Stäben keine Welt.

Umarmender Reim, Blockreim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch umfassender Reim, umschließender Reim oder eingebetteter Reim genannt.

Schema: [abba cddc …]

[a]   Ein reiner Reim ist sehr begehrt,
[b]   doch den Gedanken rein zu haben,
[b]   die edelste von allen Gaben,
[a]   das ist mir alle Reime wert.

Goethe

Das heißt, ein Reimpaar fasst ein anderes ein, „umarmt“ es bildlich gesehen also.

Verschränkter Reim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Reimfolge ist beim verschränkten Reim: [abc abc …]. Man kann sich vorstellen, die Reimpaare seien wechselweise ineinander verschoben, also ‚verschränkt‘ worden.

[a]   Der Tag ist karg an liebesüßen Wonnen,
[b]   Es schmerzt mich seines Lichtes eitles Prangen
[c]   Und mich verzehren seiner Sonne Gluthen.
[a]   Drum birg dich Aug’ dem Glanze ird’scher Sonnen!
[b]   Hüll’ dich in Nacht, sie stillet dein Verlangen
[c]   Und heilt den Schmerz, wie Lethes kühle Fluten

Haufenreim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beim Haufenreim wiederholt sich der Reim mehr als zweimal hintereinander.

Eine spezielle Form des Haufenreims ist der Dreireim mit drei aufeinanderfolgenden Reimen, der in der Stollenstrophe das Strophenende markiert (Schema: [ababccc]). Sonst ist der Dreireim selten.

Wird der Reim viermal oder öfter wiederholt und verknüpft alle Verse einer Strophe oder eines Gedichtabschnitts, so spricht man von Einreim, Reihenreim oder Tiradenreim.

[a]   Ich bin ein Bote und nichts mehr,
[a]   Was man mir gibt, das bring’ ich her,
[a]   Gelehrte und polit’sche Mär;
[a]   Von Ali Bei und seinem Heer,
[a]   Vom Tartar-Khan, der wie ein Bär
[a]   Die Menschen frisst am schwarzen Meer
[a]   (Der ist kein angenehmer Herr),
[a]   Von Persien, wo mit seinem Speer
[a]   Der Prinz Heraklius wütet sehr.
[a]   Vom roten Gold, vom Sternenheer,
[a]   Von Unschuld, Tugend, die noch mehr
[a]   Als Gold und Sterne sind – …

Matthias Claudius aus der Ankündigung des Wandsbecker Boten

Schweifreim, auch Zwischenreim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schema: [aa b cc b …]

[a]   Ja, ich weiß, woher ich stamme,
[a]   Ungesättigt gleich der Flamme
[b]   Glühe und verzehr’ ich mich.
[c]   Licht wird alles, was ich fasse,
[c]   Kohle alles, was ich lasse,
[b]   Flamme bin ich sicherlich

Kettenreim, auch Terzinenreim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Terzine

Die einzelnen Reimgruppen sind beim Kettenreim dadurch miteinander verknüpft, dass ein Wort der vorhergehenden Reimgruppe in der darauf folgenden Reimgruppe als Reimwort aufgenommen wird.

Schema: [aba bcb cdc ded …]

[a]   Auf halbem Weg des Menschenlebens fand
[b]   ich mich in einen finstern Wald verschlagen,
[a]   Weil ich vom rechten Weg mich abgewandt.

[b]   Wie schwer ist’s doch, von diesem Wald zu sagen,
[c]   Wie wild, rauh, dicht er war, voll Angst und Not;
[b]   Schon der Gedank’ erneuert noch mein Zagen.

[c]   Nur wenig bitterer ist selbst der Tod;
[d]   etc.

Kehrreim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Refrain

Regelmäßige Wiederholung von Versen innerhalb von strophischen Gedichten und Liedern an entsprechender Position. Nach Position wird unterschieden:

  • Endkehrreim
  • Binnenkehrreim
  • Anfangs- oder Gegenkehrreim

Körner[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Körner (auch: Körnerreime) sind Verszeilen, deren Reim nicht in der eigenen Strophe, sondern erst in der (den) folgenden seine Entsprechung hat und die einzelnen Strophen und deren Aussagen miteinander durch Reimklang umschlingt. Körner spielen im Meistersang eine Rolle.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bernhard Asmuth: Reim. In: Gert Ueding (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Band 7: Pos – Rhet. Niemeyer, Tübingen 2005, ISBN 3-484-68107-1, Sp. 1115–1144.
  • Ulrich Ernst, Peter-Erich Neuser (Hrsg.): Die Genese der europäischen Endreimdichtung. (= Wege der Forschung 444). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1977, ISBN 3-534-06717-7.
  • Gerhard Grümmer: Spielformen der Poesie. 2. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1988, ISBN 3-323-00204-0.
  • Rüdiger Zymner, Harald Fricke: Einübung in die Literaturwissenschaft. Parodieren geht über Studieren. (= UTB 1616 Literaturwissenschaft). 5., überarbeitete und erweiterte Auflage. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2007, ISBN 978-3-8252-1616-0.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Rhymes – Sammlung von Bildern, Videos und AudiodateienVorlage:Commonscat/Wartung/P 2 fehlt, P 1 ungleich Lemma
 Wiktionary: Reim – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Martin Opitz: Buch von der deutschen Poeterei. 7. Kapitel.
  2. Die Lehre vom Reimwiderstand nach Karl Kraus.
  3. Der Alterston. In: Walther von der Vogelweide: Die Lieder Walthers von der Vogelweide. Bd. 1: Die religiösen und die politischen Lieder. 3. Auflage. Hrsg. von Friedrich Maurer. Niemeyer, Tübingen 1967, S. 14.