Besetzung der Großen Moschee 1979

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Koordinaten: 21° 25′ 19″ N, 39° 49′ 33″ O

Gefangengenommene Besetzer (ca. 1980)
Die Große Moschee mit der Kaaba

Die Besetzung der Großen Moschee war eine terroristische Aktion im Jahr 1979, bei der rund 500 militante Islamisten die Große Moschee in Mekka in ihre Gewalt brachten und viele Pilger als Geiseln nahmen. Die Besetzung unter der Führung von Dschuhaimān al-ʿUtaibī wurde blutig niedergeschlagen und viele Besetzer wurden hingerichtet. Die Besetzung gilt als ein wichtiges Ereignis für die Entwicklung des islamistischen Terrorismus.

Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Morgen des 20. November 1979, des Neujahrstags des Jahres 1400 nach islamischer Zeitrechnung, stürmte eine bis zu 500 Personen zählende Gruppe[1] schwer bewaffneter radikaler Islamisten aus verschiedenen arabischen Ländern die Große Moschee in Mekka und nahm tausende versammelte Gläubige als Geiseln. Anführer der Gruppe war Dschuhaimān al-ʿUtaibī, ein fundamentalistischer Prediger. Die von eschatologischen Vorstellungen angetriebenen Aufständischen erklärten, dass das Ende der Welt bevorstehe und der Mahdi in Gestalt von Muhammad ibn Abdullah al-Qahtani gekommen sei. Sie riefen zur Übernahme islamischer Rechtsordnungen in allen muslimischen Ländern, zum Sturz des saudischen Königshauses und zum Bruch der diplomatischen Beziehungen mit westlichen Ländern auf[2][3] und verlangten, dass kein Erdöl mehr in die USA geliefert werde.

König Chalid ließ die Landesgrenzen schließen. Am Nachmittag des 20. November 1979 wurde die Moschee umstellt und die Stromzufuhr unterbrochen. Ein großer Teil der Geiseln wurde nach und nach freigelassen. Die saudische Regierung erwirkte eine Fatwa der obersten Theologen, die die Anwendung von Gewalt in der heiligen Stadt erlaubte. Erst nach langwierigen und verlustreichen Kämpfen im labyrinthischen Gebäude gelang es nach mehr als zweiwöchiger Besetzung, unter Mitwirkung der Anti-Terroreinheit der französischen Gendarmerie GIGN, die überlebenden Aufständischen zur Aufgabe zu zwingen. Dass der saudische König „Ungläubige“ in die heilige Stadt Mekka rief, war für das Empfinden vieler Muslime eine nicht wieder gut zu machende Schande, auch wenn im Nachhinein behauptet wurde, die französischen Gendarmen seien vor ihrem Einsatz noch schnell zum Islam konvertiert.[4]

Die Besetzung forderte nach offiziellen Zahlen 330 Todesopfer unter den Geiselnehmern, den Geiseln und den Sicherheitskräften, andere Schätzungen sprechen sogar von tausend Opfern.[5] 63 Aufständische, darunter al-ʿUtaibī, wurden am 8. Januar 1980 in einer Massenexekution in acht verschiedenen Städten Saudi-Arabiens enthauptet.[6][7][8]

Nachwirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der iranische Revolutionsführer Ajatollah Chomeini erfand in einer Radiobotschaft die Behauptung, dass US-Amerikaner für die Besetzung verantwortlich seien. Daraufhin wurde schon am 21. November in Islamabad die US-amerikanische Botschaft von einem wütenden Mob niedergebrannt. Weitere antiamerikanische Proteste gab es auf den Philippinen, in der Türkei, in Bangladesch, in anderen Städten Saudi-Arabiens, in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Libyen.[9]

Für die Fatwa sollen die saudi-arabischen Religionsgelehrten Milliarden gefordert haben, um damit die wahhabitische Missionierung im Ausland zu intensivieren. Diese Bemühungen werden später zur Grundlage für die Radikalisierung der Muslime in einigen Nachbarländern.[10]

Der Nahost-Korrespondent von Die Zeit, Martin Gehlen, beurteilt 2017 die Wirkung so: Das dreijährige "Kalifat" des IS führte im sunnitisch-arabischen Islam mit Saudi-Arabien an der Spitze zu einer weitreichenden Selbstzerstörung. Das ideologische Gift für diesen historischen Niedergang wurde ausgerechnet in der Heimat Mohammeds angerührt, als das saudische Königshaus nach der Entweihung durch die Besetzung der Großen Moschee 1979 den einheimischen wahhabitischen Fundamentalisten freie Hand versprach. Von Marokko bis Jemen, von Pakistan bis Indonesien bekämpften ihre Missionare fortan die eingesessene, vor Ort verwurzelte Religiosität als "verdorben" und "unislamisch", und die Ölmilliarden vom Hofe Al-Saud sorgten dafür, dass diese aggressive Intoleranz bis in jeden Winkel der Erde getragen wurde.[11]

Die Südwest-Presse urteilt 2015: Im Westen ist das Datum vergessen, für die Welt des arabischen Islam aber war der 20. November 1979 ein Einschnitt mit katastrophalen Folgen. Mit ihr begann, wie es Navid Kermani bei seiner Friedenspreisrede formulierte, ein Krieg des Islam gegen sich selbst, der fast vollständige Bruch mit seiner Tradition, der Verlust des kulturellen Gedächtnisses, seine zivilisatorische Amnesie. Der multiethnische, multireligiöse und multikulturelle Orient ist damals untergegangen, meint Kermani, der Orient, den ich in seinen großartigen literarischen Zeugnissen aus dem Mittelalter studiert und während langer Aufenthalte in Kairo und Beirut, als Kind während der Sommerferien in Isfahan, als eine zwar bedrohte, niemals heile, aber doch quicklebendige Wirklichkeit lieben gelernt hatte.[12].

Archäologischer Fund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während der Gefechte wurde bei der Explosion einer Bombe der Boden der Kaaba aufgerissen. Darunter kamen mehrere vorislamische Idole zum Vorschein, die die saudischen Behörden schnell beseitigten. Über ihren Verbleib ist nichts bekannt.[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nach dem Moschee-Massaker von Mekka: Wankt der Thron der Saudis? In: Die Zeit. 21. November 2012, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 1. September 2017]).
  2. Lawrence Wright: Der Tod wird euch finden, S. 112.
  3. Jonathan Randal: Osama, S. 64–65.
  4. Olivier Da Lage: Géopolitique de l’Arabie Saoudite. Éditions Complexe, Brüssel 1996, ISBN 2-87027-622-2, S. 34.
  5. SPIEGEL ONLINE, Hamburg Germany: Anschlag in Mekka 1979: Die Blutspur des Terrors. In: SPIEGEL ONLINE. Abgerufen am 11. August 2016.
  6. Lawrence Wright: Der Tod wird euch finden. S. 112–117.
  7. Es begann in Mekka. In: Die Zeit, 9. Februar 2006.
  8. Sabine Korsukéwitz: 1979 präsentierten schiitische Häretiker den Endzeit-Propheten der Welt. In: DeutschlandRadio Berlin, 20. November 2004.
  9. 1979: Mob destroys US embassy in Pakistan. In: BBC (englisch).
  10. Erich Follath, Das Duell der Auserwählten, Der Spiegel, 39, 2015, S. 94, online
  11. Das saudische Gift, Die Zeit, 12. November 2017 online
  12. Martin Gehlen, Südwest-Presse, 24. Oktober 2015 Der Islam im Krieg gegen sich selbst.
  13. The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Brill, Leiden. Bd. 9, S. 5 (sanam)