Riesenbovist

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Riesenbovist

Riesenbovist (Calvatia gigantea)

Systematik
Klasse: Agaricomycetes
Unterklasse: Agaricomycetidae
Ordnung: Champignonartige (Agaricales)
Familie: Champignonverwandte (Agaricaceae)
Gattung: Großstäublinge (Calvatia)
Art: Riesenbovist
Wissenschaftlicher Name
Calvatia gigantea
(Batsch) Rostk.

Der Riesenbovist (Calvatia gigantea, Syn. Langermannia gigantea, Lycoperdon gigantea) ist ein leicht bestimmbarer Wiesenpilz mit außerordentlich großen Fruchtkörpern aus der Familie der Champignonverwandten. Früher zählte man ihn zur Klasse oder Unterklasse der Bauchpilze (Gastromycetes bzw. Gastromycetidae), die nach neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen keine taxonomische Bedeutung mehr haben. Der Gattungsname Langermannia ehrt den deutschen Arzt und Juristen Johann Gottfried Langermann (1768–1832).[1]

Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alter, zu braunem Sporenpulver zerfallender Fruchtkörper des Riesenbovist
Sporen des Riesenbovist im Rasterelektronenmikroskop, stereoskopische Darstellung, Vergrößerung 5000x

Der Riesenbovist wird im Durchmesser etwa 10–50 cm groß, ist rundlich und ohne Stiel. Die Haut ist glatt und lederartig. Die Farbe ist jung weißlich, dann grüngelblich und alt durch die Sporen olivbraun oder rotbraun bis dunkelbraun. Die Fruchtmasse ist anfangs ebenfalls weiß und wird während der Reifung olivbraun und pulverig. Reifere Pilze riechen unangenehm harnartig. Vereinzelt wurden Exemplare mit 60 cm Durchmesser und einem Gewicht von 11,5 kg gemeldet.[2]

Artabgrenzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Riesenbovist zählt zu den wenigen Pilzarten, die kaum verwechselt werden können. Im jungen Zustand, wenn die Fruchtkörper noch klein sind, können jedoch Verwechslungen mit den giftigen Wulstlingen auftreten. Ebenfalls können dann Verwechslungen mit essbaren Stäublingen (Beutelstäubling, Hasenstäubling) vorkommen.

Ökologie und Phänologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hexenring aus 27 Fruchtkörpern des Riesenbovist (1,5–5 kg/ St.) mit 6 m im Durchmesser auf einer extensiv genutzten Weide

Riesenboviste wachsen von Juni bis Oktober vornehmlich auf Wiesen, Weiden und lichten Wäldern (aufgelockerte Kiefernwälder auf eher trockenen Standorten). Charakteristische Standorte sind vor allem alte Streuobstwiesen, wo schon Hexenringe von zehn oder mehr Metern Durchmesser beobachtet werden konnten.

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jeder Fruchtkörper produziert im Inneren über sieben Billionen Sporen. Junge, im Anschnitt noch weiße Exemplare sind essbar, besitzen jedoch nur einen geringen Eigengeschmack. Sie können, in Scheiben geschnitten, ähnlich wie ein Wiener Schnitzel zubereitet werden. Roh verzehrt wirken sie auf Säugetiere toxisch.[3] Früher wurden schwelende Exemplare in der Imkerei neben den Bienenstock gestellt, um die Bienen bei der Imkerarbeit ruhig zu halten. Auch als Zunder wurde dieser Pilz verwendet. Darüber hinaus enthält der Riesenbovist das zytotoxische[4] Calvacin.[5] Calvacin ist ein mäßig hitzestabiles, nicht diffusionsfähiges, basisches Mukoprotein (aus der Familie der Glykoproteine).[6] Es wurde in den 1960er Jahren als Anti-Tumormittel getestet.[7] Die wiederholte Gabe von Calvacin erzeugte bei Hunden und Affen allergische Reaktionen.[8] Die Weiterentwicklung wurde zudem wegen der hohen Toxizität der Verbindung eingestellt.[9][10]

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Lotte Burkhardt 2022: Eine Enzyklopädie zu eponymischen Pflanzennamen: Von Menschen & ihren Pflanzen – Berlin: Botanic Garden and Botanical Museum Berlin, Freie Universität Berlin. – doi:10.3372/epolist2022, Berlin 2022.
  2. Fast zwölf Kilogramm schwer: Ein Schwammerl für Wikipedia. In: Passauer Neue Presse. 1. September 2016, abgerufen am 26. September 2016.
  3. Stephen S. Sternberg, Frederick S. Philips, Alice P. Cronin, Jane E. Sodergren, Pedro M. Vidal: Toxicological Studies of Calvacin. In: Cancer Research. Band 23, 1963, S. 1036–1044 (englisch, aacrjournals.org [PDF; 1,8 MB]).
  4. C. Eroğlu, M. Seçme, P. Atmaca, O. Kaygusuz, K. Gezer, G. Bağcı, Y. Dodurga: Extract of Calvatia gigantea inhibits proliferation of A549 human lung cancer cells. In: Cytotechnology. Band 68, Nummer 5, Oktober 2016, S. 2075–2081, doi:10.1007/s10616-016-9947-4, PMID 26820971, PMC 5023580 (freier Volltext).
  5. Hermann Hager: Hagers Handbuch der Pharmazeutischen Praxis. Folgeband 2: Drogen A-K. Springer, Berlin/Heidelberg 1998, ISBN 3-540-61618-7, S. 267.
  6. Soumya Chatterjee, Gunjan Biswas, Saikat Kumar Basu, Krishnendu Acharya: Antineoplastic effect of mushrooms: a review. In: AJCS Band 5, Nummer 7, 2011, S. 904–911.
  7. E. H. Lucas, R. U. Byerrum, D. A. Clarke, H. C. Reilly, J. A. Stevens, C. C. Stock: Production of oncostatic principles in vivo and in vitro by species of the genus Calvatia. In: Antibiotics annual. Band 6, 1958–1959, S. 493–496, PMID 13637789.
  8. Everett S. Beneke: Calvatia, Calvacin and Cancer. In: Mycologia. Band 55, Nummer 3, 1963, S. 257–270.
  9. Zeyad Alresly: [Chemical and Pharmacological Investigations of Fomitopsis betulina (formerly: Piptoporus betulinus) and Calvatia gigantea.] Dissertation, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, 2019, S. 12.
  10. H. Kawagishi, K. Hamajima, Y. Inoue: Novel hydroquinone as a matrix metallo-proteinase inhibitor from the mushroom, Piptoporus betulinus. In: Bioscience, biotechnology, and biochemistry. Band 66, Nummer 12, Dezember 2002, S. 2748–2750, doi:10.1271/bbb.66.2748, PMID 12596882.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Riesenbovist (Calvatia gigantea) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien