Defensive Architektur

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Holzbank mit Armlehnen in der Mitte, New York City Subway
Gewelltes Parklet in der autofreien Zone der Berliner Friedrichstraße (2021)

Defensive Architektur (auch: Anti-Obdachlosen-Architektur; Feindliches Design,[1] englisch: hostile architecture, defensive architecture, hostile design,[2] deterrent design,[3] defensive urban design, unpleasant design, exclusionary design) ist eine Form der Gestaltung des öffentlichen Raums, des öffentlichen Personennahverkehrs, öffentlicher Gebäude oder Objekte, um Aktivitäten bestimmter Gruppen zu verhindern, zum Beispiel den längeren Aufenthalt von Obdachlosen, Skatern, Sprayern und Drogensüchtigen. In einem weiteren Sinn dient sie der Verhinderung von Müll, Verunreinigung, Diebstahl und Autounfällen sowie der Vergrämung von Tieren. Der Einsatz defensiver Architektur im Städtebau wird mit der Begründung kritisiert, dass er Bevölkerungsgruppen aus dem öffentlichen Raum verdränge, ohne ihre Probleme zu lösen.[4]

Geschichte und Begriffe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff „defensive architecture“ („defensive“ oder „Verteidigungsarchitektur“) wird im Englischen mindestens seit den 1980er Jahren als kritische Bezeichnung für Stadtplanung verwendet.[5] Im Deutschen wird der Begriff „defensive Architektur“ seit den 2010er Jahren verwendet,[6] das Phänomen selbst ist älter. Die New Yorker U-Bahn stellte in den 1980er Jahren Holzbänke mit Armlehnen auf.[7][8] Über Anti-Obdachlosen-Bänke aus Metall wurde Ende der 1980er Jahre berichtet.[9] 1990 entfernte die MTA fünf Bänke in der Station Grand Central Station nach Kritik.[10]

Ideen defensiver Architektur gehen auf die seit den 1960er Jahren im angloamerikanischen Raum entwickelte Strategie der Kriminalprävention durch environmental design zurück (Crime prevention through environmental design, CPTED) und den 1972 vom Stadtplaner Oscar Newman geprägten Begriff des „defensible space“ („zu verteidigender Raum“). Im Englischen hat sich in den 2010er Jahren zunehmend der kritische Begriff „hostile architecture“ („feindselig“, „abweisend“) durchgesetzt. Der Begriff „defensive architecture“ wurde als Euphemismus kritisiert.[11] Im Deutschen wird als Kritik häufig der Begriff „Anti-Obdachlosen-Architektur“ gebraucht.[12][13]

Dokumente von Anbietern entsprechender Bänke sprechen unter anderem von Abschreckung („deters rough sleeping“)[14] oder Prävention („to prevent loitering“).[15]

Im Baukulturbericht der Bundesstiftung Baukultur wurde den deutschen Industrie- und Handelskammern 2021 die Frage gestellt: „Haben Sie den Eindruck, dass sichtbare defensive Architektur im öffentlichen Raum (wie Poller o. ä.) im direkten Umfeld negativen wirtschaftlichen Einfluss auf Handel und Gewerbe haben?“. 41 Prozent antworteten mit Ja, 59 mit Nein.[16]

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kersten-Miles-Brücke (Hamburg)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Debatte in Deutschland entstand um die Gestaltung der Flächen unterhalb der Kersten-Miles-Brücke in Hamburg im Jahr 2011.[17] Die vormals von Obdachlosen als Schlafplatz genutzte Fläche wurde für 100.000 Euro mit Steinen und einem Bach bebaut.[18][19]

Camden-Bänke (London)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Camden-Bank (2015)

2012 sorgte das Aufstellen eines ausschließlich zum Sitzen geeigneten Betonbanktyps im Londoner Stadtteil Camden für eine Debatte um den Einsatz defensiver Architektur. Verschiedene Designelemente der Bank verhindert nach Angaben des britischen Herstellers Factory Furniture mehrere Dinge:

  • Schlafen (keine durchgehenden Oberflächen)
  • Drogenhandel (keine Öffnungen, in denen Drogen versteckt werden können)
  • Taschendiebstahl (Menschen können ihre Taschen in Einbuchtungen hinter ihren Beinen ablegen)
  • Müll (keine waagerechten Oberflächen)
  • Autounfälle und Terrorismus (verschiebbare Betonbank dient als Barriere)[14]

Sitzkiesel (Berlin)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Sitzkiesel“ im Ottopark in Berlin

Seit den 2010er Jahren wurde über die Installation sogenannter „Sitzkiesel“ im öffentlichen Raum diskutiert, also Sitzgelegenheiten in Kiesform.[20] Sie wurden unter anderem im Ottopark in Berlin-Moabit installiert, der für seine Trinker- und Drogenszene bekannt ist.[21] Die Sitzkiesel wurden von Anwohnern als unpraktisch kritisiert.[22]

Musik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sitzbänke in der Pariser Metrostation Louvre – Rivoli
Louvre Metro Station 1970.jpg
Station-louvre-rivoli.jpg
Station Louvre-Rivoli (cropped).jpg


1970
2007
2021

In verschiedenen deutschen Städten wird Musik gegen Obdachlose und Drogenabhängige eingesetzt, etwa am Bahnhofsvorplatz des Frankfurter Hauptbahnhofs.[23] Die Deutsche Bahn kündigte 2018 atonale Musik als Mittel gegen den Aufenthalt Obdachloser am Berliner S-Bahnhof Hermannstraße an. Nach Protesten wurde die Maßnahme nicht umgesetzt.[24] In Bahnhöfen der Münchner U-Bahn wird klassische Musik unter anderem eingesetzt, um für Fahrgäste ein Gefühl der subjektiven Sicherheit zu erzeugen.[25] In der Stuttgarter Klett-Passage spachtelten Aktivisten 2022 einen Lautsprecher mit Beton zu, der zur Vertreibung Obdachloser mit Musik angebracht worden war.[26]

Weitere Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Häufige Beispiele sind Bänke mit unebenen Sitzflächen oder mit Bügeln, die das Liegen verhindern sollen. Weitere Beispiele sind

  • Blaues Licht (gegen Drogenkonsumenten, die sich Rauschgift in eine (blaue) Vene injizieren)[27]
  • Sprinkler-Anlagen (gegen Obdachlose)[28]
  • Uneben oder mit Armlehnen gestaltete Sitzbänke oder Sitzschalen im öffentlichen Nahverkehr (gegen Obdachlose)[29]
  • Ultraschall (gegen Jugendliche)[30]
  • Taubenspikes und andere Maßnahmen zur Vogelabwehr[31]
  • Steine, Findlinge,[32] Formelemente, Poller oder Bolzen in ansonsten ebenen Flächen

Künstlerische Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der britische Künstler Nils Norman veröffentlichte in seinem Künstlerbuch The Contemporary Picturesque 2001 Fotografien von Anti-Obdachlosen-Architektur in Großstädten.[33][34] Die amerikanische Künstlerin Sarah Ross entwarf 2005 für ihr Projekt Archisuits Kleidung, deren Form so an Elemente defensiver Architektur angepasst ist, dass man bequem darauf sitzen kann.[35]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • C.R. Jeffery: Crime Prevention through Environmental Design. Beverly Hills: Sage, 1971.
  • Oscar Newman: Defensible Space: Crime Prevention Through Urban Design. New York: Macmillan Publishing, 1972.
  • Helmut Höge: Pollerforschung. Hrsg. mit einem Nachwort von Philipp Goll. Universi, Siegen 2010 (= Kleine Siegener Helmut Höge-Ausgabe. Band 1; Reihe: Massenmedien und Kommunikation, Band 179/180), ISSN 0721-3271.
  • Savičić, G., & Savić, S. (Eds.). (2013). Unpleasant Design. GLORIA, Belgrade.
  • Eric M. Tenz: Wehrhafte Räume oder defensive Architektur? Politische Erzählungen über Ordnungs- und Sicherheitsarchitekturen in öffentlichen Räumen im Kontext von Wohnungslosigkeit, Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung, 2020, Online
  • Stefan Gillich: „Wohnen ohne festen Wohnsitz“. In: Handbuch Wohnsoziologie, 2020, S. 1–19, PDF
  • Cara Chellew: „Defending Suburbia: Exploring the Use of Defensive Urban Design Outside of the City Centre“. In: Canadian Journal of Urban Research, Summer 2019, Volume 28, Issue 1, S. 19–33, PDF

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Defensive Architektur: Warum Parkbänke oft unbequem sind. Abgerufen am 23. August 2021 (österreichisches Deutsch).
  2. Andreas Rauschal: Glossen - Hostile Design, Schmuckeremiten, Fritzl-Keller. Abgerufen am 30. Mai 2021.
  3. Wieso Parkbänke so verdammt ungemütlich sind. Abgerufen am 30. Mai 2021.
  4. VRM GmbH & Co KG: „Defensive Architektur“ in Mainz: Kontroverse um Wohnungslosigkeit. 14. September 2018, abgerufen am 1. Juni 2021.
  5. Ghetto architecture: an exhibition of makeshift design. In: Christian Science Monitor. 7. Oktober 1983, ISSN 0882-7729 (csmonitor.com [abgerufen am 31. Mai 2021]).
  6. Auf Stacheln gebettet. 31. Juli 2015, abgerufen am 30. Mai 2021 (deutsch).
  7. MTA | news | Authentic Wooden Subway Benches Available. Abgerufen am 30. Mai 2021.
  8. Robert Rosenberger: How Cities Use Design to Drive Homeless People Away. 19. Juni 2014, abgerufen am 1. Juni 2021 (englisch).
  9. New York Media LLC: New York Magazine. New York Media, LLC, 30. Januar 1989, S. 22 (google.de [abgerufen am 30. Mai 2021]).
  10. Padraig O'Malley: Homelessness: New England & Beyond. John W. McCormack Institute of Public Affairs, 1992, ISBN 978-0-87023-825-3 (google.de [abgerufen am 30. Mai 2021]).
  11. Lisa Wade: Unkind Architecture: Designing Against the Homeless. Abgerufen am 30. Mai 2021 (englisch).
  12. Feindselige Bänkli. In: Der Bund. ISSN 0774-6156 (derbund.ch [abgerufen am 30. Mai 2021]).
  13. Gitter, Dornen, Stacheln: Architektur, die sich gegen Obdachlose richtet. Abgerufen am 30. Mai 2021 (österreichisches Deutsch).
  14. a b CAMDEN Bench. Factory Furniture, 29. Januar 2017, abgerufen am 30. Mai 2021.
  15. Oakley Collection - Slatted Metal Bench - With Back. In: Park Warehouse. Abgerufen am 1. Juni 2021 (amerikanisches Englisch).
  16. Bundesstiftung Baukultur: Bericht Öffentliche Räume 2020/21, S. 162, PDF
  17. Jens Schneider: St. Pauli hält Obdachlose mit Zaun auf Distanz Süddeutsche Zeitung, 28. September 2011.
  18. Der unbarmherzige Kreuzzug gegen die Obdachlosen. Abgerufen am 30. Mai 2021.
  19. Benjamin Laufer: Immer Ärger mit den Zäunen Zeit Online, 27. Mai 2016.
  20. Politik und Verwaltung. Abgerufen am 30. Mai 2021.
  21. Gut 400.000 Euro kosten die "Sitzkiesel" im Park. Abgerufen am 30. Mai 2021.
  22. extra 3: Realer Irrsinn: Die Sitzkiesel von Moabit. ARD-Mediathek, abgerufen am 30. Mai 2021.
  23. Frank Pergande: Klassische Musik gegen Drogenkonsum faz.net, 15. November 2016.
  24. Bayerischer Rundfunk: Obdachlose mit atonaler Musik vertreiben: Deutsche Bahn stoppt das Berliner Projekt. BR-Klassik, 27. August 2018, abgerufen am 30. Mai 2021.
  25. Abendzeitung Germany: Klassische Musik - ein Allzweckmittel im Untergrund. 30. Januar 2018, abgerufen am 30. Mai 2021.
  26. Stuttgarter Nachrichten, Stuttgart Germany: Obdachlose in der Klett-Passage in Stuttgart: Musiklautsprecher zugespachtelt – Tat offenbar politisch motiviert. Abgerufen am 23. Januar 2022.
  27. Katja Rudolph: Mit blauem Licht gegen Junkies an der Uni Hessische Niedersächsische Allgemeine, 24. Mai 2015.
  28. Salon criticised over anti-homeless water sprinklers BBC, 30. Januar 2018.
  29. Kein Platz mehr für Obdachlose? Neue Sitzbänke in Berliner U-Bahnhöfen sorgen für Kritik. Abgerufen am 30. Mai 2021.
  30. Victoria Barnack: Ultraschallgerät Mosquito gegen Jugendliche Märkische Allgemeine
  31. Cara Giaimo: What Pigeon Spikes Can Teach Us About People. 22. Dezember 2017, abgerufen am 30. Mai 2021 (englisch).
  32. Tobias Kaluza: Wie in Düsseldorf Architektur Menschen ausgrenzt. 16. März 2021, abgerufen am 19. August 2021 (deutsch).
  33. The Cruel Dialectic: On the Work of Nils Norman T.J. DEMOS, PDF
  34. David Pinder: 31. On Nils Norman, The Contemporary Picturesque (2001). University of California Press, 2015, ISBN 978-0-520-96131-9, doi:10.1525/9780520961319-033/html (degruyter.com [abgerufen am 30. Mai 2021]).
  35. Archisuits (2005-2006) - Sarah Ross. Abgerufen am 23. Januar 2022 (englisch).