Helmut Höge

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Helmut Höge (* 18. Oktober 1947 in Bremen) ist ein deutscher Journalist und Schriftsteller. Er lebt in Berlin.

Helmut Höge ist insbesondere als Redakteur der tageszeitung (taz) bekannt, für die er seit deren Anfangszeit schreibt. Eine kontinuierlich, aber unregelmäßig von ihm beschickte Kolumne ist „Hier spricht der Aushilfshausmeister“, die im taz-Blog erscheint. Darüber hinaus verfasste Höge eine Reihe von dokuliterarischen Büchern, von denen allerdings viele unter Pseudonymen bzw. unter fiktiven Gruppennamen erschienen sind.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seiner Jugend arbeitete Höge u. a. als Übersetzer bei einem Radiosender der US Air Force und als Tierpfleger im Bremer Zoo. 1968 war er Teil der Bremer Schülerbewegung. Nachdem Höge vor dem Kriegsdienst zunächst nach Schweden, dann nach West-Berlin ausgewichen war, wurde er 1969 wegen Fahnenflucht in Berlin angeklagt. Ab 1970 lebte er in der Berliner Wannseekommune und beteiligte sich dort an den Zeitschriften Die soziale Revolution ist keine Parteisache und Hundert Blumen.

Sein journalistisches Engagement galt in den Folgejahren verschiedenen Autonomen- und Beatnikblättern wie der Lila Eule, dem Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten, Ulcus Molle Info oder dem Pflasterstrand. Währenddessen immatrikulierte sich Helmut Höge immer wieder an verschiedenen Hochschulen, wie der PH Berlin, der FU Berlin, an der Universität Paris VIII in Vincennes sowie an der Universität Bremen und führte ein autodidaktisches Universalstudium. Der marxistische Theoretiker Alfred Sohn-Rethel war ihm während seiner Studienzeit in Bremen ein Mentor.[1] 1978 entstand der erste Kontakt zur taz. Seinen Unterhalt verdiente er in erster Linie noch als Tutor. Er erwarb keinen Studienabschluss.

Höges schriftstellerische Tätigkeit begann während seiner Studienzeit mit der Herausgabe der Zeitschrift Neues Lotes Folum im Bremer Impuls-Verlag. Dieses frühe Werk ist bestimmt durch die Theorien Gilles Deleuzes, Félix Guattaris und Michel Foucaults sowie durch den französischen Situationismus. Besonders die Verwendung der Digression als literarisches Stilmittel und das situationistische Motiv der Zweckentfremdung unterstreichen dies. Exemplarisch treten sie in der Verwendung von Fußnoten auf, die teils über mehrere Seiten ausgeführte Subtexte bilden. Ebenfalls typisch ist die Integration von Zitaten in den Fließtext ohne Quellenangaben. Diese Arbeitsweisen gehen auf das von Deleuze und Guattari 1977 in ihrem Hauptwerk Tausend Plateaus: Kapitalismus und Schizophrenie entwickelte poststrukturalistische Rhizom-Prinzip zurück,[2] das als Alternative zur hierarchischen Konstruktion von Wissen verstanden wird. Wie schon seine journalistischen Texte veröffentlicht Höge die drei Bände des Neuen Loten Folums pseudonym bzw. unter fiktiven Gruppennamen.

Die Grenzen zwischen Journalismus und literarischer Autorschaft sind bei Helmut Höge fließend. 1984 erscheint im Rotbuch-Verlag sein erster Roman Vogelsberg: Endlosroman unter dem Pseudonym „Agentur Standard Text“. Das Buch vermittelt Höges Erfahrungen im Vogelsberg im Allgemeinen und in einer hessischen Landkommune im Besonderen in Form journalistischer Recherchen, aber verbunden mit fiktionalen Erzählungen. Nahezu zeitgleich veröffentlicht er in der März-Anthologie Mammut: Märztexte 1 und 2 einen Text mit dem Titel „The Glühbirnen-Fake“ unter dem Pseudonym „Helke Schwan“. Höges Idee, als Autor hinter das Werk zurückzutreten, blieb für sein literarisches Schaffen bis in die 1990er Jahre prägend. (Weitere von Höge in Anspruch genommene Pseudonyme waren beispielsweise „W.Meier“, „Ha.Ha.“, „C. Sciolti“, „P. Acerbo“, „flora soft“ oder „A. Mijn Jong“.) Er setzte dabei auf ein Konzept Michel Foucaults, das dieser in einem Interview mit Christian Delacampagne erörtert hat („Der Maskierte Philosoph“).[3] Sein zweites Buch, Babelsberg: Eine Endlosrecherche, das 1991 als Fortsetzung von Vogelsberg: Endlosroman im Verlag Edition Nautilus erscheint, bleibt Höges letzte große pseudonyme Publikation.

Nach der Wende war Helmut Höge bei Narva, einem ostdeutschen Glühbirnenfabrikanten, an der Herausgabe einer Betriebszeitung beteiligt. Außerdem unterstützte er die ostdeutsche Betriebsräteinitiative bei ihren Versuchen, die Produktionsstätten der ehemaligen DDR gegen die Anpassung an die freie Marktwirtschaft durch die Treuhand zu verteidigen. Seine Erfahrungen verarbeitete er in Essays und Reportagen vor allem in Babelsberg: Eine Endlosrecherche und im erstmals 1997 im Verlag BasisDruck erschienenen Buch Berliner Ökonomie: Prols und Contras. Gegenüber seinen früheren Werken zeichnet es sich durch den Verzicht auf Fiktion aus. Stattdessen rücken komplexe Felduntersuchungen in den Vordergrund einer Analyse wirtschaftlicher Verflechtungen.

2004 veröffentlichte er das Buch Neurosibirsk im Peter Engstler Verlag, in dem er von seinen Reisen im asiatischen Raum berichtet. Mit Wölfe – Partisanen – Prostituierte erschien im Kulturverlag Kadmos 2007 sein vorerst letztes Buch. Eine Der kleine Brehm betitelte Serie von Broschüren stellt seit 2012 seine Beobachtungen verschiedener Tiere vor.

Wissenschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Helmut Höges Werk zeichnet sich durch eine Reihe verschiedener ‚Forschungsschwerpunkte‘ aus. Darunter fallen zum Beispiel die von ihm selbst als „Pollerforschung“ oder „Glühbirnenforschung“ bezeichneten Gebiete. Letztere ist inspiriert durch Thomas Pynchons Roman Gravity’s Rainbow und Höges Beschäftigung mit Narva in den 1990er Jahren. Als Spezialist für Glühbirnentechnik beschäftigte er sich mit den verschiedenen Auswirkungen von kapitalistischer und kommunistischer Marktpolitik auf die Produktionsweisen von Glühbirnen. Dieser Arbeitsschwerpunkt mündete in „Kartellforschung“; hierzu hat er in der Folge eine Reihe von Analysen des Siemens-Konzerns vorgelegt. 2001 erschien in Zusammenarbeit mit Peter Berz und Markus Krajewski Das Glühbirnenbuch im Verlag Edition selene.

Höges Erforschung des Pollers, durch seinen Essay „Ordnung und Widerstand im öffentlichen Raum“ 1989 eröffnet,[4] ist weniger von wissenschaftlichem als von einem künstlerischen Anspruch geleitet. Mit seiner Pollerforschung untersucht Höge die Möglichkeiten der Umgestaltung bzw. Zweckentfremdung des urbanen Raums. Die Enttrivialisierung des Pollers durch Höges Forschungen lässt außerdem einen Rückschluss auf die situationistische Idee von der Verbindung von Trivial- und Hochkultur zu.[5] Seine ‚Forschungsergebnisse‘ vereint Höge unter dem Sammelbegriff „Hausmeisterkunst“ (derzeit über 300 Einträge) im Internet auf seinem taz-Blog „Hier spricht der Aushilfshausmeister“.

Journalismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Höge hat neben zwei Kolumnen in der taz, für die er seit 1997 umfangreich schreibt, eine solche in der Tageszeitung junge Welt, für die er auch mit anderen Beiträgen tätig ist. Er schrieb für Die Zeit und schreibt mitunter für den Freitag und die Frankfurter Rundschau und auch für Die Aktion und Jungle World. Höge publizierte im Sklaven oder in Der Alltag.[6] Auch war er an Neugründungen beteiligt, so 2006 an Super Nomad, einer mongolisch-deutschen Zeitschrift.

Autorenförderung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1998 lernte Helmut Höge Wladimir Kaminer auf einer Tagung zum Thema „Osteuropa im Wandel zwischen Revolution und Konterrevolution“ kennen. Höge vermittelte Kaminer die Beschäftigung als Kolumnist bei der taz und 1998 erschien sein erster Text. Im Goldmann Verlag veröffentlichten sie 2002 ihr Gemeinschaftswerk Helden des Alltags: Ein lichtbildgestützter Vortrag über die seltsamen Sitten der Nachkriegszeit, in dem Kaminer kleine Texte zu Fotografien schrieb, die Höge aus seinem Diaarchiv zur Verfügung stellte.

Zu einer Buchveröffentlichung führte auch eine Bekanntschaft Höges mit der Ukrainerin Lilli Brand. Unter dem Titel Transitgeschichten erschien deren Buch 2006 in der Deutschen Verlags-Anstalt.

Zitate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Es gibt immer zu viel Deutung und nie genug Fakten, die Akte durch Deutung sind am gefährlichsten für die Freiheit.“[7]

„Das ist die dümmste Lesart eines Werkes: Wenn man Texte um einen Autor gruppiert und diesen damit quasi auf eine bestimmte Einheit des Schreibens festnagelt.“[8]

„Seien wir ehrlich: Wenn irgendwo auf der Welt ein Mistvolk – gleichermaßen nach unten hin überheblich wie zur Macht hin unterwürfig – es verdient, attackiert zu werden, dann ist es dieses scheißdeutsche!“[9]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Agentur Standard Text: Vogelsberg. Endlosroman. Erster Teil. Rotbuch, Berlin 1984, ISBN 3-88022-289-4.
  • Bismarc Media: Babelsberg. Eine Endlos-Recherche. Edition Nautilus, Hamburg 1991, ISBN 3-89401-184-X.
  • Helmut Höge: Berliner Ökonomie. Prols und Contras. BasisDruck, Berlin 1997, ISBN 3-86163-066-4.
  • Peter Berz, Helmut Höge, Markus Krajewski: Das Glühbirnenbuch. Edition Selene, Wien 2001, ISBN 3-85266-109-9 (2. Auflage, Braunmüller, Wien 2011, ISBN 978-3-991000-38-9).
  • Helmut Höge, Wladimir Kaminer: Helden des Alltags. Ein lichtbildgestützter Vortrag über die seltsamen Sitten der Nachkriegszeit. Goldmann, München 2002, ISBN 3-442-54183-2.
  • Helmut Höge: Neurosibirsk. Engstler, Ostheim vor der Rhön 2004, ISBN 978-3-929375-59-6.
  • Helmut Höge: Wölfe. Partisanen. Prostituierte. Kadmos, Berlin 2007, ISBN 978-3-931659-80-6.
  • Helmut Höge: Pollerforschung. Hrsg. mit einem Nachwort von Philipp Goll (= Kleine Siegener Helmut Höge-Ausgabe, Bd. 1). Siegen, Universi 2010 (= MuK. Massenmedien und Kommunikation, Bd. 179/180), ISSN 0721-3271.[12]
  • Helmut Höge: Reihe kleiner Brehm. Teil 1: Spatzen. Peter Engstler, Ostheim/Rhön 2012, ISBN 978-3-941126-20-6 (weitere Teile in den Folgejahren über: Gänse, Pferde, Schwäne, Hunde, Affen, Elefanten, Bienen, Kühe, Fische, Rabenvögel …).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise, Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. Helmut Höge: Propemptikon für einen Professor. In: L’invitation au voyage zu Alfred Sohn-Rethel. Hrsg. von Bettina Wassmann, Joachim Müller. Wassmann, Bremen 1979, Heft 1.
  2. Gilles Deleuze, Félix Guattari: Rhizom. In: Tausend Plateaus: Kapitalismus und Schizophrenie. Hrsg. von Günther Rösch. Merve, Berlin 1997, S. 12–42.
  3. Michel Foucault: Der maskierte Philosoph. Gespräch mit Christian Delacampagne (1980). Übers. von Peter Gente. In: Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik. Essais. Hrsg. von Karlheinz Barck, Peter Gente, Heidi Paris, Stefan Richter. 5., durchgesehene Auflage. Reclam, Leipzig 1993, S. 5–13 (PDF-Datei; 569 kB) (Memento vom 7. Januar 2004 im Internet Archive).
  4. Helmut Höge: Ordnung und Widerstand im öffentlichen Raum. In: Die Aktion. Zeitschrift für Politik, Literatur, Kunst. 9. Jg., H. 52/54 (Mitte Juni 1989), S. 798–817.
  5. Vgl. Philipp Goll: Helmut Höges Pollerforschung. Nachwort des Herausgebers. In: Helmut Höge: Pollerforschung. Universi, Siegen 2010, S. 155–200, S. 164 ff.
  6. Seit den 1990er Jahren gehört er zum Netzwerk von Publizisten um die Berliner Intellektuellen Katharina und Michael Rutschky (siehe z. B. Katharina Rutschky: Der Stadthund. Von Menschen an der Leine. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2001, S. 122 und 217; Michael Rutschky: In die neue Zeit. Aufzeichnungen 1988–1992. Berenberg, Berlin 2017, S. 104 und 223).
  7. Helmut Höge: Berliner Ökonomie. In: Archäologie der Arbeit. Hrsg. von Dirk Baecker. Kadmos, Berlin 2002, S. 32.
  8. Helmut Höge: Profis versus Amateure in: junge Welt, 12. Juni 2007, Nr. 134, S. 13.
  9. Helmut Höge: Über Scheißdeutsche. „Zur rechten Zeit erteilte Hiebe / Schaffen Vertrauen, Furcht und Liebe“ (altdeutscher Sinnspruch). In: die tageszeitung, 16. Januar 2008, Berlin lokal, S. 23 (Normalzeit).
  10. Ausgezeichnet: Helmut Höge erhält den Ben-Witter-Preis (taz, 30. Juli 2014). Abgerufen am 31. Juli 2014.
  11. Siehe hierzu den Bericht von Detlef Kuhlbrodt: Vielleicht später: Die Reise (Logbuch Suhrkamp | Das Onlinemagazin vom Suhrkamp Verlag).
  12. Nora Sdun: Rezension vom 28. März 2010: Hausmeister-Kunst.