Demokratur

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Das Oxymoron Demokratur ist ein Schlagwort des politischen Diskurses, als neologistisches Kofferwort zusammengesetzt aus Demokratie und Diktatur. Das Schlagwort soll in kritischer Absicht zum Ausdruck bringen, dass eine vorgebliche Demokratie tatsächlich keine echte Demokratie ist.

Wortherkunft und Abgrenzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Wortbildung wie Demokratur wird in der Linguistik auch Amalgamierung oder Blending genannt. Dies bezeichnet neue Wörter aus Teilen anderer Wörter, wobei diese Teile keine Morpheme sein müssen: „Die Amalgamierung, die Verschmelzung von Wörtern z.T. aufgrund partieller Homonymie und auch unter Ausnützung der Silben- bzw. Morphemgrenzen, wird […] häufig auch im alltäglichen Sprachgebrauch spielerisch verwendet. […] Beispiel […] aus dieser Kategorie ist ‚Demokratur‘ aus dem Solo ‚Demokratie und Diktatur‘ von Karl Farkas.“ (Dieter W. Halwachs)[1]

Abgrenzend beschrieben wird die Demokratur als „Staatsform, die sich von einer Demokratie zu einer Quasi-Diktatur entwickelt hat“ und sich durch ein Demokratiedefizit auszeichnet. Sie entspricht in diesem Sinne einer Scheindemokratie.[2]

Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rudolf Augstein rühmte sich 1993 in einem Interview mit der Zeitschrift Stern: „... Ich habe doch wesentlich mitgewirkt, der Demokratur der beiden Herren Adenauer und Strauß ein Ende zu machen ...“ Schon im November 1955 hatte Der Spiegel die Behauptung, man lebe nicht mehr in einer Demokratie, sondern in einer „Demokratur“, als „gängige Floskel“ bezeichnet.[3] „Jene Neubildung zur Bezeichnung der Adenauerschen Regierungsform, die Kontamination aus Demokratie und Diktatur, die Demokratur ist eine Mainzer Karnevalsbildung von 1951“, behauptete 1971 der Münchner Philologe Werner Betz.[4] Besser in Erinnerung ist heute allerdings die Verwendung des Ausdrucks durch Kabarettisten wie Dieter Hildebrandt.

Das Schlagwort wird in allen politischen Lagern aufgegriffen:

  • „Wünschenswert ist für RechtsextremistInnen ein starker, autoritärer Staat […] [z]udem wird die Demokratie nicht nur kritisiert, sondern auch durch spöttische Bezeichnungen wie ‚Ersatzdemokratie‘, ‚Demokratur‘ oder ‚Demokrötie‘ verunglimpft'“ (Marion Stangl).[5]
  • „Also es war keine Diktatur, es war eine Diktatrie, und was wir jetzt haben, ist eine Demokratur, was im Prinzip auf dasselbe hinausläuft.“ (Peter Brasch über den Umgang mit Kulturschaffenden in der DDR und nach der Wiedervereinigung)[6]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Demokratur – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Politischer Extremismus als Problem demokratischer Systeme: Rechtsextremismus in Österreich, Marion Stangl, 2004/05, Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik

Einzelbelege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dieter W. Halwachs: „Am Anfang war das Wortspiel.“ In: Festschrift für Karl Sornig zum 66. Geburtstag. Grazer Linguistische Studien 11 (1994), S. 55 ff., 77, 80
  2. Hans-Georg Müller: Adleraug und Luchsenohr: deutsche Zwillingsformeln und ihr Gebrauch. Peter Lang, 2009, S. 24., ISBN 3631597649, ISBN 9783631597644; (Auszüge Online)
  3. Steuerzahler / BonnDer Spiegel, Ausgabe 48/1955, 23. November 1955
  4. Werner Betz: Humor in Goethes Landschaft und Goethes letzte Worte. In: Sprache und Bekenntnis: Hermann Kunisch zum 70. Geburtstag, S. 105, books.google.de.
  5. Hans Joachim Schwagerl: Rechtsextremes Denken. Merkmale und Methoden. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main, 1993, S. 24
  6. Peter Brasch in F.-B. Habel: „Der musealen Ungenauigkeit begegnen.“ Das Blättchen, Sonderausgabe; 22. Oktober 2012