Deutsche Hochschule für Politik

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Deutsche Hochschule für Politik (DHfP) war eine im Oktober 1920 gegründete private Hochschule in Berlin. Sie ging hervor aus der Staatsbürgerschule, die Friedrich Naumann 1918 ins Leben gerufen hatte. 1940 wurde sie in die Auslandswissenschaftliche Fakultät der Friedrich-Wilhelms-Universität eingefügt, 1948 neu gegründet und 1959 in das Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin umgewandelt.

Aufgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Carl Heinrich Becker

Die DHfP sollte aus einem liberalen Geist heraus die elementaren Grundsätze eines demokratischen Gemeinwesens in Deutschland etablieren und die noch junge Weimarer Republik in diesem Sinne gegen antidemokratische Tendenzen festigen helfen. Politikwissenschaft wurde zu dieser Zeit noch als Demokratiewissenschaft verstanden und bezeichnet. Vorgängereinrichtung der Hochschule für Politik war die 1918 gegründete Staatsbürgerschule in Berlin.

Förderer bzw. Mitglieder des Gründungskuratoriums waren u. a. Walter Simons, Ernst Jäckh, Friedrich Naumann, Friedrich Meinecke, Max Weber, Hugo Preuß, Gertrud Bäumer und Moritz Julius Bonn. Einen wesentlichen Anteil an der erfolgreichen Gründung der neuen Hochschule hatte der preußische Kultusminister, Bildungsreformer (und Islamwissenschaftler) Carl Heinrich Becker.

Weimarer Republik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorlesungen und Seminare für die ersten 120 Studenten fanden anfangs lediglich am Abend mit überwiegend nebenamtlichen Honorardozenten statt. Schwerpunktbereiche waren zunächst (1) Allgemeine Politik, Politische Geschichte und Politische Soziologie, (2) Außenpolitik und Auslandskunde, (3) Innenpolitik, einschließlich Kulturpolitik und Pressewesen, sowie (4) Rechtsgrundlagen bzw. (5) Wirtschaftsgrundlagen der Politik. Mit steigenden Studentenzahlen erhöhte sich in den Folgejahren der Anteil der hauptamtlichen Dozenten sowie der Lehrstühle. Ein Abschlussdiplom der Hochschule für Politik konnte aufgrund der Schwierigkeiten, die Ausbildung zu akademisieren, erst ab Mitte der zwanziger Jahre erworben werden.

Zu den Lehrenden gehörten u. a.

sowie

Dessen Sohn Hans Simons leitete zeitweilig die Hochschule und nahm ebenfalls Lehraufgaben wahr.

Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werdegang bis 1940[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Führererlass über die Errichtung der Hochschule für Politik vom 30. September 1937

Ein Großteil dieser Dozenten der DHfP emigrierte 1933, um sich den Repressalien des NS-Staates gegen politische Gegner und Menschen jüdischer Herkunft zu entziehen. Schon Ende Mai 1933 übernahm das Reichspropagandaministerium dadurch die Kontrolle über die Deutsche Hochschule für Politik, dass dem dortigen Referenten Paul Meier, der schon 1927 der NSDAP beigetreten war, die Leitung zunächst provisorisch übertragen wurde. Im November 1933 wurde er von Joseph Goebbels offiziell als Präsident eingesetzt. Meier nannte sich seitdem Meier-Benneckenstein.[1] Geschäftsführer wurde in der Folgezeit der politische Schriftsteller Peter Kleist, seit 1931 Mitglied der NSDAP.[2]

Während des Nationalsozialismus wurde die gleichgeschaltete Hochschule im Jahr 1937 zunächst unmittelbare Reichsanstalt. Dem Nationalsozialismus am nächsten standen die „national-revisionistischen“ und die „völkisch-konservativen“ Lehrkräfte, die aus dem Politischen Kolleg stammten. Dieses hatte 1927 eine Arbeitsgemeinschaft mit der DHfP begründet. Von da an war der Lehrkörper zerrissen, es wurde kein einheitliches Konzept entwickelt. Die politische Wissenschaft wurde dann auf Außenpolitik und die sogenannte Auslandswissenschaft begrenzt und damit Teil des ideologischen Apparats der nationalsozialistischen Außenpolitik. Johann von Leers wurde 1933 der Leiter der „Abteilung für Außenpolitik und Auslandskunde“.

Zu den Dozenten seit 1933 gehörten[3]:

Integration in Auslandswissenschaftliche Fakultät und Deutsches Auslandswissenschaftliches Institut (DAWI)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1940 wurde die Deutsche Hochschule für Politik zusammen mit dem Seminar für Orientalische Sprachen, das schon 1935 zur Auslandhochschule der Universität Berlin geworden war, verschmolzen und in die Universität als Auslandswissenschaftliche Fakultät eingefügt. Dekan wurde der 30-jährige Franz Alfred Six. Neben seiner Funktion als Dekan leitete Six auch das eng mit der Fakultät verflochtene und personell weitgehend identische Deutsche Auslandswissenschaftliche Institut (DAWI), zu dessen Aufgaben die ideologische Schulung im Kontext auswärtiger Beziehungen gehörte. Ferner diente das Institut als Auslands-Auskunftsstelle für Partei- und Regierungsorgane.[4] Six war ein SS-Intellektueller, der zur Funktionselite der NSDAP gehörte; er arbeitete zugleich als Vorgesetzter Adolf Eichmanns im Reichssicherheitshauptamt an der Judenvernichtung. Ein anderer führender Nationalsozialist der Hochschule für Politik war der Soziologe und Geopolitiker Karl Heinz Pfeffer, der Six als Dekan ablöste. Auch antikolonialistische (meist indische und arabische) Studenten studierten hier bis 1945. Zu dieser Fakultät gehörte auch das der NSDAP unterstehende „Institut für Außenpolitische Forschung“ unter Friedrich Berber.

Zu den Dozenten der Auslandswissenschaftlichen Fakultät gehörten auch Albrecht Haushofer, Harro Schulze-Boysen, Ernst Wilhelm Eschmann, Werner Schmidt und Mildred Harnack.[5] Studenten an dieser Fakultät waren u. a.: Ursula Besser, Eva-Maria Buch, Ursula Goetze, Horst Heilmann, Rainer Hildebrandt, Bohdan Osadczuk (Pseudonym: Alexander Korab) und Fritz Steppat.

Weitere Autoren in den Publikationen der NS-Institute im Umfeld der Hochschule, meist in den „(Hamburger) Monatsheften für auswärtige Politik“[6] waren Karl Megerle,[7] häufig Giselher Wirsing sowie Karl Kerkhof.[8] Ein zentrales Publikationsorgan war die Zeitschrift für Politik, die zu dieser Zeit im Carl Heymanns Verlag erschien. Weitere Reihen und Monographien von assoziierten Autoren erschienen im Junker und Dünnhaupt Verlag Berlin.

Der Anteil der NSDAP-Parteimitglieder dieser Fakultät betrug 65 %, doppelt so viel wie an anderen Berliner Hochschulinstituten (Universität Berlin 38 %, Philosophische Fakultät 31 %). Sie arbeitete eng mit dem staatlichen Deutschen Auslandswissenschaftlichen Institut DAWI des Reichsministeriums für Volksbildung zusammen. Leiter des DAWI war ebenfalls Six, der in einer dritten Funktion noch Führer einer „Kulturpolitischen Abteilung“ des AA war; ein typischer nationalsozialistischer Multifunktionär. Einen guten Überblick über die Protagonisten des Six-Instituts DAWI liefert das Autorenverzeichnis des mit 1248 Seiten umfangreichen „Jahrbuches der Weltpolitik 1944“ mit ca. 40 verschiedenen Autoren. Hier traf sich alles, was in der nationalsozialistischen Kriegs- und Außenpolitik bzw. bei deren „wissenschaftlicher“ Untermauerung in Zukunft Karriere machen wollte.

Nachkriegszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dieser Artikel oder nachfolgende Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (beispielsweise Einzelnachweisen) ausgestattet. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst entfernt. Bitte hilf der Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und gute Belege einfügst.

1948 erfolgte die Wiederbegründung der Deutschen Hochschule für Politik unter dem Sozialdemokraten Otto Suhr. Mit der Umwandlung der Hochschule in das 1959 neu gegründete Otto-Suhr-Institut vollzog sich die Integration in die Freie Universität Berlin und der Umzug nach Berlin-Dahlem. In das repräsentative ehemalige Gebäude in Schöneberg zog 1971 die Fachhochschule für Wirtschaft Berlin.

Die ehemaligen Nationalsozialisten fanden nach Gideon Botsch eine neue Heimat in der 1951 gegründeten „Auslandswissenschaftlichen Gesellschaft“. So publizierte dort Gerhard von Mende, der für die muslimischen SS-Truppen des Mufti zuständig gewesen war und seine pädagogischen Instruktionen als Direktor in der Bundeszentrale für politische Bildung mit einer leicht geänderten Zielgruppe fortsetzte. Eine Ausnahme machte Herbert Scurla, früher Dozent und Beiratsmitglied am DAWI, der nach 1945 als Kulturbundfunktionär, Schriftsteller und Journalist eine zweite Karriere in der SBZ/DDR startete und hier hoch geehrt wurde, unter anderem 1974 mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold.

Erinnerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Ausstellung von Siegfried Mielke und seinen Mitarbeitern über Studenten und Dozenten der DHfP, „die in der Zeit der NS-Diktatur in Widerstandsgruppen aktiv waren“, wurde am 14. Juni 2008 im Foyer des OSI von Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse eröffnet.[9] Inzwischen wird die Schau auch an anderen Orten gezeigt. Ausstellung und Begleitbuch geben einen Überblick über die Entwicklung der Hochschule. Im Mittelpunkt stehen mehrere Dutzend Biografien von Dozenten und Studenten, die im Widerstand oder in der Emigration in unterschiedlichen Gruppierungen gegen den Nationalsozialismus gekämpft haben. Die Biografien belegen einen Zusammenhang zwischen der demokratischen Orientierung der Hochschule und dem politischen Engagement vieler ihrer Dozenten und Studierenden gegen den NS-Staat. Während bereits zur Jahreswende 1932/33 an den deutschen Universitäten Dozenten und Studierende in großen Scharen zu den Nationalsozialisten überliefen, blieb an der DHfP die Mehrheit der Dozenten und Studierenden den demokratischen Gründungsintentionen treu. Nach Angaben der Autoren sei dies „einzigartig“ in der Hochschullandschaft. Einzigartig sei auch die große Anzahl an Dozenten und Studierenden, die sich Widerstandsgruppen anschloss oder aus der Emigration das NS-System bekämpfte.

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Erwin Mai: Französische Kolonialpolitik. Ziele, Methoden, Probleme. Junker & Dünnhaupt, Berlin 1940 (Schriften des Deutschen Instituts für außenpolitische Forschung. Heft 68; zugleich: Frankreich gegen die Zivilisation. Heft 13 (54 Seiten). Die „Zivilisation“-Reihe umfasste 25 Hefte. Hrsg. von Karl Epting unter dem Pseudonym Matthias Schwabe. Siehe auch: Ernst Anrich).
  • Für weitere Veröffentlichungen der Hochschule und mit ihr verbundener Autoren siehe Junker und Dünnhaupt Verlag, Berlin.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gideon Botsch: „Politische Wissenschaft“ im Zweiten Weltkrieg. Die deutschen Auslandswissenschaften im Einsatz 1940−1945. Schöningh, Paderborn 2006, ISBN 3-506-71358-2.
  • Rainer Eisfeld: Ausgebürgert und doch angebräunt. Deutsche Politikwissenschaft 1920–1945. Nomos, Baden-Baden 1991, ISBN 3-7890-2393-0.
  • Ernst Haiger: Politikwissenschaft und Auslandswissenschaft im „Dritten Reich“ (Deutsche) Hochschule für Politik 1933-1939 und Auslandswissenschaftliche Fakultät der Berliner Universität 1940-1945. In: Göhler, Gerhard/Zeuner, Bodo (Hrsg.): Kontinuitäten und Brüche in der deutschen Politikwissenschaft. Nomos, Baden-Baden 1991, S. 94–136.
  • Steven D. Korenblat: A School for the Republic? Cosmopolitans and Their Enemies at the Deutsche Hochschule für Politik, 1920–1933. In: Central European History 39 (2006), Nr. 3, S. 394–430 (doi:10.1017/S0008938906000148).
  • Detlef Lehnert: „Politik als Wissenschaft“. Beiträge zur Institutionalisierung einer Fachdisziplin in Forschung und Lehre der Deutschen Hochschule für Politik (1920–1933). In: Politische Vierteljahresschrift. Bd. 30, Nr. 3 (September 1989), S. 443–465.
  • Siegfried Mielke (Hrsg.) unter Mitarbeit von Marion Goers, Stefan Heinz, Matthias Oden, Sebastian Bödecker: Einzigartig – Dozenten, Studierende und Repräsentanten der Deutschen Hochschule für Politik (1920−1933) im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Berlin 2008, ISBN 978-3-86732-032-0.
  • Antonio Missiroli: Die Deutsche Hochschule für Politik. Comdok, St. Augustin 1988, ISBN 3-89351-017-6 (Schriften der Friedrich-Naumann-Stiftung: Liberale Texte – über die Weimarer Zeit).
  • Erich Nickel: Politik und Politikwissenschaft in der Weimarer Republik. Rotschild, Berlin 2004, ISBN 3-9809839-0-0 (Rezension).
  • Ernestine Schlant: Die Sprache des Schweigens. Die deutsche Literatur und der Holocaust. C.H. Beck, München 2001, ISBN 3-406-47188-9.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wilhelm Bleek: Geschichte der Politikwissenschaft in Deutschland. S. 230; Paul Meier-Benneckenstein Vorwort zu Joseph Goebbels Der Faschismus und seine praktischen Ergebnisse (= Schriften der DHfP. Heft 1). Berlin 1934: Wir wollen „Verständnis für die Regierung Adolf Hitler vermitteln […] Der weiteren Durchdringung des deutschen Volkes mit nationalsozialistischem Gedankengut und der Erziehung im Geiste der Volksgemeinschaft sollen die Schriften der DHfP dienen.“ S. 5.; Meier-Benneckenstein war zugleich Mitherausgeber der Zeitschrift für Politik.
  2. Andreas Zellhuber: „Unsere Verwaltung treibt einer Katastrophe zu …“ Das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete und die deutsche Besatzungsherrschaft in der Sowjetunion 1941–1945. Vögel, München 2006, S. 74.
  3. Victor Farias: Heidegger and Nazism. Philadelphia 1989, S. 208.
  4. Gideon Botsch: „Politische Wissenschaft“ im Zweiten Weltkrieg: die „Deutschen Auslandswissenschaften“ im Einsatz 1940−1945. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2006, S. 13 u. 74; Deutsches Auslandswissenschaftliches Institut (Berlin) auf provenienz.gbv.de, abgerufen am 14. Oktober 2015.
  5. Eine vollständige Liste aller Dozenten der DHfP in: Gideon Botsch: „Politische Wissenschaft“ im Zweiten Weltkrieg. Die deutschen Auslandswissenschaften im Einsatz 1940−1945. Schöningh, Paderborn 2006, S. 247 ff.
  6. Mehrmals variierende Namen der Publikationen und der Verlage deuten möglicherweise auf institutionelle Unsicherheiten der Protagonisten hin, wie sie ihre Pläne am besten vertreten könnten.
  7. Karl Magerle: Deutschland und das Ende der Tschecho-Slowakei. Aufsatz im August 1939.
  8. Karl Kerkhof: Das Versailler Diktat und die deutsche Wissenschaft. Ein Beitrag zur Geschichte der internationalen Organisationen. Aufsatz im November 1940.
  9. Der Tagesspiegel. 14. Juni 2008, Seite B3.