Dina de-malchuta dina

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Dina de-malchuta dina (aramäisch דִּינָא דְּמַלְכוּתָא דִּינָא „Das Gesetz des Landes ist Gesetz“) ist ein talmudisches Prinzip. Es wurde vom babylonischen Amoräer Samuel in Verhandlungen mit dem Sassanidenherrscher Schapur I. im 3. nachchristlichen Jahrhundert festgelegt und hat seine Gültigkeit in der jüdischen Diaspora bis heute bewahrt. Es schreibt vor, dass Juden grundsätzlich verpflichtet sind, die Gesetze des Landes, in dem sie leben, zu respektieren und zu befolgen. Das bedeutet auch, dass die Landesgesetze in bestimmten Fällen sogar den Rechtsgrundsätzen der Halacha vorgeordnet sind, ähnlich wie im Kollisionsrecht. Solche Fälle traten in der Spätantike und im Mittelalter zunächst vor allem in zivil-, steuer- und finanzrechtlichen Fragen auf.[1]

Das Konzept wird an vier verschiedenen Stellen im Talmud zitiert: Nedarim 28a, Gittin 10b, Baba Kama 113a und Baba Batra 54b/55a. Es wurde besonders im Mittelalter von den jeweiligen Poskim je nach persönlicher Erfahrung und Lebensrealität unterschiedlich interpretiert.[2]

Als biblische Quellen für dieses Prinzip werden in Responsen aus der Epoche der Geonim Neh 9,37 EU und Jer 29,7 EU erwähnt. Die Stelle im Buch Nehemia drückt aus, dass es Gottes Wille ist, dass Juden die Gesetze nichtjüdischer Herrscher befolgen müssen. Die Stelle bei Jeremia legt den Juden im babylonischen Exil nahe, sich um das Wohl der Stadt zu bemühen, in die sie weggeführt wurden, sich den dortigen Gepflogenheiten anzupassen und die lokalen Regeln zu befolgen.

Im 16. Jahrhundert wurde dieses Prinzip im vierten Teil von Josef Karos Gesetzessammlung Schulchan Aruch (Choschen Mischpat 369, 8–10) bewusst flexibel formuliert, um verschiedene Auslegungsmöglichkeiten offenzulassen. Das führte dazu, dass Dina de-malchuta dina immer wieder neuen Gesetzen und Situationen angepasst werden konnte, wobei sich gleichzeitig der Geltungsbereich immer weiter ausdehnte und schließlich praktisch das ganze Privatrecht umfasste.

Sonderfall Israel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Streng genommen zählt Israel nicht zur Diaspora. Jedoch gerade in Israel befolgen viele ultraorthodoxe Juden (חֲרֵדִים Charedim) die Anordnungen der Behörden nicht. Diese führt zu Spannungen zwischen den säkularen und streng-religiösen Israelis. Ultraorthodoxe Juden, etwa 15 % der Bevölkerung, stellen die Halacha, die religiösen Gebote, über die staatlichen Gesetze und wollen eine Theokratie, also einen Gottesstaat, obwohl in Israel eine Trennung zwischen Staat und Religion besteht. Sie wollen etwa am Schabbat die Ladenöffnungszeiten oder den öffentlichen Personennahverkehr einschränken, ein Flugverbot für die El Al erreichen oder versuchen bei Veranstaltungen oder in Bussen, die Geschlechtertrennung durchzusetzen, obwohl sie in Israel verboten ist. Sie lehnen die Wehrpflicht für junge ultraorthodoxe Juden ab und befolgen die im Jahre 2020 verordneten Regelungen wegen der COVID-19-Pandemie nicht. Der Staat droht jedoch mit der Kürzung oder gar Streichung von Unterstützungsgeldern für die ultraorthodoxen Juden.[3]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Menachem Lorberbaum et al., Hrsg.: The Jewish Political Tradition: Volume 1 – Authority. New Haven: Yale University Press, 2000, S. 433–434.
  2. Rabbiner Jehoschua Ahrens: Dina de Malchuta Dina. 20. Januar 2014, abgerufen am 21. April 2021.
  3. Israel: Spannungen zwischen säkularen und ultraorthodoxen Juden, BR24, 3. August 2020. Abgerufen am 2. November 2020.