Dschenin

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Koordinaten: 32° 28′ N, 35° 18′ O

Karte: Palästinensische Autonomiegebiete
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Dschenin

Dschenin (auch Jenin oder Djenin, arabisch جنين‎ Dschanin, DMG Ǧanīn ( anhören?/i), hebräisch ג'נין‎, antik: Engannim) ist eine Stadt im Westjordanland mit etwa 46.139 (2014) Einwohnern.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufgrund vieler Wasserquellen war Dschenin schon früh besiedelt; der Ort wurde zum ersten Mal in altägyptischen Schriften um 2000 v. Chr. erwähnt. In der Zeit der Niederlassung der israelitischen Stämme nach dem Auszug aus Ägypten wurde hier die Levitenstadt „Ein Ganim“ (hebr. Gärtenquelle) gegründet (Josua 19, 21). Flavius Josephus erwähnt in seinem Werk Geschichte des jüdischen Krieges die Stadt „Ganim“ als eine jüdische Stadt im Norden Samarias. In der Vergangenheit konnte die Stadt außerdem eine wichtige von Jerusalem nach Norden in die Jesreelebene und nach Haifa führende Straße kontrollieren. Erst mit dem Bau der Küstenstraße über Chadera in den 1930er Jahren verlor diese Route an Bedeutung. Von 1913 bis 1948 wurde die Stadt von einer Zweigstrecke der Hedschasbahn bedient.

Dschenin liegt im Westjordanland, das – im UN-Teilungsplan von 1947 als Teil eines arabisch-palästinensischen Staates vorgesehen – nach dem israelischen Unabhängigkeitskrieg (bzw. Palästinakrieg) zunächst von Jordanien (damals Transjordanien) besetzt worden war, ehe das Gebiet 1967 von Israel erobert und besetzt wurde.

Als Folge des Oslo-Friedensprozesses wurde Dschenin 1996 eine autonome palästinensische Stadt. Im gleichen Jahr wurde auf Initiative der USA in der Nähe der Stadt die Arab American University gegründet, die im September 2000 den Lehrbetrieb aufnahm.

Wie in anderen Palästinensergebieten hat sich die Lebenssituation der Bevölkerung seit Ausbruch der Al-Aqsa-Intifada im Jahr 2000 erheblich verschlechtert. Sie leidet unter der Abriegelung der Gebiete, viele Gebäude sind zerstört, die Arbeitslosigkeit ist hoch (etwa 80 %).

UN-Flüchtlingslager Dschenin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Name Dschenin bezeichnet auch das angrenzende Flüchtlingslager Dschenin, das im Jahr 1953 für aus ihrer Heimat geflohene bzw. vertriebene Palästinenser gegründet wurde, die während des israelisch-arabischen Krieges 1948 vor den israelischen Gebietsansprüchen weichen mussten.

Die Einwohnerzahl Dschenins beläuft sich auf 35.000 Palästinenser. Das Flüchtlingslager Dschenin umfasst allein etwa 12.000 Flüchtlinge auf einer Fläche von 92 Hektar. Rund 42 % der Lagerbewohner sind unter fünfzehn Jahre alt,[1] zumeist Nachkommen von Flüchtlingen des Krieges von 1948.

Gegenwärtige Situation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blick auf Dschenin vom Gilboa

Dschenin galt lange als Hochburg der Al-Aqsa-Brigaden, die insbesondere während der Al-Aqsa-Intifada für eine Reihe von Terroranschlägen verantwortlich waren. In Reaktion darauf führte Israel 2002 eine umfassende Militäroperation in Dschenin durch, bei der das Militär große Teile des Flüchtlingslagers zerstörte. Mittlerweile hat sich die Situation in Dschenin deutlich entspannt. Die israelische Armee hat sich aus der Stadt zurückgezogen, nur noch selten kommt es zu nächtlichen Razzien israelischer Spezialeinheiten. Stattdessen haben die hiesigen Geschäfte und Cafés wieder bis in die Abendstunden geöffnet. Einer SZ-Reportage zufolge gleicht Dschenin heute (2010) einem „Laborversuch für einen zukünftigen Palästinenserstaat“. Die staatlichen EZ-Ansätze Deutschlands, der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreiches unterstützen die Zusammenarbeit in Fragen der Sicherheit und Zivilverwaltung zwischen Israel und der palästinensischen Autonomiebehörde.[2]

Cinema Jenin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf kultureller Ebene entstand seit 2008 neben dem bereits etablierten Freedom Theatre unter der Leitung des arabisch-jüdischen Künstlers Juliano Mer-Khamis das Kulturprojekt Cinema Jenin, das sich dem Wiederaufbau des während der Ersten Intifada 1987 zerstörten städtischen Kinos widmet. Cinema Jenin wurde vom deutschen Regisseur Marcus Vetter und den beiden Palästinensern Fakhri Hamad und Ismail Khatib gegründet und wird lokal wie international unterstützt; zu den Unterstützern des Projekts zählen unter anderem das deutsche Auswärtige Amt, das Goethe-Institut Ramallah und Prominente wie der Pink-Floyd-Sänger Roger Waters.[3]

Ismail Khatib wurde in Israel und darüber hinaus bekannt, nachdem er 2005 die Organe seines durch einen israelischen Soldaten getöteten Sohnes Ahmed an israelische Kinder spendete. Seine Geschichte wurde in dem preisgekrönten, von Marcus Vetter und dem israelischen Regisseur Leon Geller gedrehten Dokumentarfilm Das Herz von Jenin festgehalten.

Am 5. August 2010 wurde das Cinema Jenin mit einem dreitägigen Filmfestival wiedereröffnet.[4]

Militäroperation 2002[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

IDF Caterpillar D9L, ein gepanzerter Bulldozer.

Nach einem Attentat der Hamas am jüdischen Pessach-Fest in Netanja mit 30 Todesopfern und 140 Verletzten rückte die israelische Armee am 3. April 2002 in das Flüchtlingslager Dschenin ein, das ca. 30 km von Netanja entfernt ist. Israel hatte festgestellt, dass Dschenin als Basis für zahlreiche Terrorattentate und Selbsmordkommandos gegen israelisches Militär und gegen israelische Ortschaften und Bürger gedient hatte[5]. Nach tagelangen Kämpfen zerstörten israelische Abrisskommandos mit Bulldozern Teile des Flüchtlingslagers. Bestätigt sind 23 Todesopfer auf Seiten der israelischen Armee und 52 auf Seiten der Palästinenser (darunter 22 unbeteiligte Zivilisten). Der Vorwurf eines Massakers gegen die Palästinenser wurde von Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch und Amnesty International zurückgewiesen. Amnesty International behauptet, die israelische Armee habe Kriegsverbrechen begangen, unter anderem ungesetzliche Tötungen, Folter und Misshandlungen von Gefangenen, mutwillige Zerstörung hunderter Häuser, deren Bewohner zum Teil die Gebäude noch nicht verlassen hätten, Behinderung von Krankenwagen und Verweigerung humanitärer Hilfe sowie der Missbrauch palästinensischer Zivilisten als „menschliche Schutzschilde“.[6] Einer Delegation der UN-Menschenrechtskommission unter Leitung von Mary Robinson, der UN-Hochkommissarin für Menschenrechte wurde zunächst die Einreise nach Israel nicht erlaubt.[7] Die israelische Armee hingegen erklärte, mit der Entscheidung für eine Bodenoffensive statt eines Luftwaffeneinsatzes habe man bewusst ein höheres Risiko für die eigenen Soldaten einkalkuliert, um die Opferrate unter palästinensischen Zivilisten zu minimieren.

Seit dem Baubeginn der israelischen Sperranlage wurde eine „signifikante Reduzierung“ von Selbstmordanschlägen erreicht[8][9],[10] auch weil Dschenin von nördlichen Nachbargemeinden abgeschnitten ist. Die Sperranlage verläuft innerhalb der Westbank und nicht auf israelischem Staatsterritorium.[11]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Dschenin – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nach auf der Volkszählung von 1997 basierenden Hochrechnungen der UNRWA
  2. sueddeutsche.de
  3. cinemajenin.org
  4. Die Hoffnung führt Regie. Zeit Online, 6. August 2010. Süddeutsche Zeitung, 5. August 2010, S. 3; dort auch zur Aussöhnungsinitiative von Yaël Armanet-Chernobroda und Zakaria Tobassi
  5. Jenin’s Terrorist Infrastructure. In: Israel Ministry of Foreign Affairs. April 4, 2002. Abgerufen am September 22, 2008.
  6. Israel and the Occupied Territories: Shielded from scrutiny: IDF violations in Jenin and Nablus. amnesty international
  7. Bericht. Spiegel Online
  8. List of Palestinian militant groups suicide attacks (Liste der Selbstmordanschläge) in der englischsprachigen Wikipedia
  9. Hamas in call to end suicide bombings. The Guardian, 9. April 2006
  10. Statistik zeigt Rückgang der Terrorzahlen in Gebieten mit Terrorabwehrzaun. Newsletter der Israelischen Botschaft in Berlin, 2. Juli 2004
  11. Bericht der Uno