Durchgangsbahnhof

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Durchgangsbahnhof Cavaglia der Rhätischen Bahn.

Ein Durchgangsbahnhof ist ein Bahnhof mit durchgehenden Hauptgleisen.[1] Im Gegensatz zum Kopfbahnhof lässt ein Durchgangsbahnhof den Schienenverkehr aus zwei Richtungen zu.

Durchgangsbahnhöfe, bei denen sich das Empfangsgebäude in der Mitte der Gleisanlagen befindet, werden als Inselbahnhöfe bezeichnet.[2]

Kleine und mittlere Bahnhöfe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kleine und mittlere Bahnhöfe sind in der Regel als Durchgangsbahnhöfe ausgebildet. Zu den Mittelbahnsteigen gelangen die Reisenden durch Unterführungen, Fußgängerbrücken oder höhengleiche Bahnübergänge. Oft fahren die Züge derselben Richtung stets von demselben Bahnsteig ab, was den Reisenden die Orientierung erleichtert. Durchgangsbahnhöfe können mit Kreuzungsgleisen oder Überholgleisen ausgestattet sein. In Bahnhöfen, wo Züge enden oder Verstärkungswagen beigestellt werden, sind Abstellgleise notwendig.[3]

Große Bahnhöfe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durchgangsbahnhof in Gleistieflage Hamburg Hauptbahnhof (Gleise von Norden nach Süden durchgehend)

Durchgangsbahnhöfe zeigen gegenüber Kopfbahnhöfen betriebliche Vorteile, da die Züge nicht wenden müssen.[4] Sie benötigen weniger Gleise und ihre Gleisfelder mit den Weichen fallen weniger umfangreich aus als bei Kopfbahnhöfen mit gleicher Kapazität.[5][6] Zudem können die erlaubten Geschwindigkeiten vor der Einfahrt höher sein; bei einem Kopfbahnhof müssen sie aus Sicherheitsgründen reduziert werden.[5]

In den ersten Jahrzehnten des Schienenverkehrs wurden in großen Städten oft Kopfbahnhöfe gebaut. Sie waren Ausgangs- und Endpunkt der Bahnstrecken, die damals noch Punkt-zu-Punkt-Verbindungen waren. Auch als später ein Schienennetz entstand, wurden weiterhin Kopfbahnhöfe gebaut. Sie ermöglichten es, die Züge nahe zum Stadtzentrum zu führen. Die Stadt wird jedoch durch die Gleisanlagen völlig zerschnitten.[4]

Der Nürnberger Hauptbahnhof ist der Durchgangsbahnhof mit den meisten Gleisen in Europa.

Genf erhielt bereits 1858 mit dem Bahnhof Cornavin einen Durchgangsbahnhof am damaligen Stadtrand; man wollte die Stadtbewohner vor Lärm und Rauch schützen. Basel folgte 1860 mit dem Centralbahnhof, dem heutigen SBB-Bahnhof. Erster Durchgangsbahnhof einer deutschen Großstadt war der 1879 in Betrieb genommene Hauptbahnhof Hannover.

Der Durchgangsbahnhof mit den meisten Gleisen in Europa ist der Nürnberger Hauptbahnhof.

Zu Durchgangsbahnhöfen umgebaute Kopfbahnhöfe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einigen Fällen wurden deshalb schon vorhandene Kopfbahnhöfe zu Durchgangsbahnhöfen umgebaut. Dazu erhalten sie eine zweite Zufahrt in einem Tunnel oder als Hochbahn.[4] In Kassel wird der Fernverkehr seit 1991 statt vom Kopfbahnhof mit dem Namen Hauptbahnhof über den neu ausgebauten Durchgangsbahnhof Kassel-Wilhelmshöhe abgewickelt.

In Berlin wurden während der Teilung Berlins sämtliche Kopfbahnhöfe rund um die Innenstadt stillgelegt, während diejenigen entlang einer Ost-West-Achse schon durch die bereits 1882 eröffnete Berliner Stadtbahn miteinander verbunden und zu Durchgangsbahnhöfen umgebaut waren. Nach der Deutschen Wiedervereinigung wurde diese Verbindung durch eine den Tiergarten untertunnelnde Nord-Süd-Verbindung ergänzt. Am Kreuzungspunkt wurde der Hauptbahnhof in Betrieb genommen.

Größere Bauvorhaben, bei denen ein Kopfbahnhof zu einem Durchgangsbahnhof umgebaut bzw. von diesem ersetzt wird, sind die Projekte Wien Hauptbahnhof und Stuttgart 21. Erstgenannter ist seit Dezember 2015 in Vollbetrieb, der neue Stuttgarter Hauptbahnhof soll im Dezember 2025 eröffnet werden.[7] Bis 2013 besaß auch der Salzburger Hauptbahnhof Kopfgleise, diese wurden seit 2009 zu Durchgangsgleisen umgebaut. Beispiele eines kombinierten Kopfbahnhofes mit Durchgangsgleisen sind der Dresdner und der Zürcher Hauptbahnhof oder der geplante Durchgangsbahnhof Luzern.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Eisenbahnbetrieb. In: Otto Lueger: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften. Band 3. Stuttgart, Leipzig 1906, S. 279–304. (zeno.org).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Durchgangsbahnhof. In: Lexikon der Eisenbahn. 5. Auflage. Transpress VEB Verlag, Berlin 1978, S. 197.
  2. Inselbahnhof. In: Lexikon der Eisenbahn. Transpress VEB Verlag, S. 391.
  3. Bahnhöfe [2]. In: Otto Lueger: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften. Band 1. Stuttgart, Leipzig 1920, S. 59–70. (zeno.org).
  4. a b c Ulrich Martin: Warum sind Durchgangsbahnhöfe sinnvoller als Kopfbahnhöfe? Auf der Webseite Bahnprojekt Stuttgart–Ulm, 22. Juni 2011. Video (3:54)
  5. a b Edmund Mühlhans, Georg Speck: Probleme der Kopfbahnhöfe und mögliche Lösungen aus heutiger Sicht. In: Internationales Verkehrswesen. Band 39, Nr. 3, 1987, ISSN 0020-9511, S. 190–200.
  6. Pascal Bisang, Gianni Moreni: Tiefbahnhof Luzern. Nutzenstudie. Zürich, 13. März 2015, S. 52 (PDF; 4,3 MB).
  7. Stuttgart 21: Megaprojekt erreicht schon bei Eröffnung 2025 „Grenze der Leistungsfähigkeit“. Frankfurter Rundschau, abgerufen am 28. Juni 2021.