Ehen in Philippsburg

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Ehen in Philippsburg ist der erste Roman Martin Walsers. Noch im Erscheinungsjahr 1957 erhielt der Autor dafür den Hermann-Hesse-Preis.

Walser schrieb den Roman in der Zeit vom 9. Oktober 1954 bis zum 27. August 1956.[1]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Roman spielt in einer als Philippsburg bezeichneten Großstadt[2][3] in den 1950er Jahren und gibt ein satirisches Porträt der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft im Wirtschaftswunder. Die Erzählung spielt in bürgerlichen Kreisen, es geht um Karriere, Macht, Wohlstand und Seitensprünge. Dagegen gehen wahre Liebe und Leidenschaft den Protagonisten abhanden, Moral scheint ihnen fremd. So sauber die gerade erst entstandene Welt scheint, so zerbrechlich ist sie doch ohne diese Grundpfeiler.

Die vier Kapitel widmen sich vier verschiedenen Personen, wobei der anfangs mittellose Journalist Hans Beumann, der aus der Provinz kommt, zuletzt wieder auftritt, um die Geschichte zu vervollständigen. Die anderen drei Personen kommen aus seinem (in-)direkten Umfeld: der Gynäkologe Dr. Benrath, der Rechtsanwalt Dr. Alwin und der erfolglose Schriftsteller Berthold Klaff.

Walser betont die Gefühls- und Gedankenwelt des jeweiligen Protagonisten, die wörtliche Rede kommt oft im Gedankenfluss daher. Die Feingliedrigkeit des Wahrgenommenen wirkt eigenartig und skurril. Doch zerfällt die Geschichte daran nicht, sie präsentiert dem Leser eine beklemmend eingeschränkte Sicht auf die Welt, nach der jeder Mann nur am Erfolg und seinen Geliebten gemessen wird. Die Ehefrauen sind zu häuslichen, stillhaltenden Gastgeberinnen geworden. Kritik an der fehlenden Moral erscheint in den Aufzeichnungen der Gescheiterten.

2007 hat Martin Walser einen Großteil seiner Manuskripte als Vorlass an das Deutsche Literaturarchiv Marbach gegeben.[4] Teile davon sind im Literaturmuseum der Moderne in Marbach in der Dauerausstellung zu sehen, dazu gehören die Manuskripte von Ehen in Philippsburg, Das Einhorn und Ein springender Brunnen.[5]

Bezüge zu realen Personen und Orten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hinter Philippsburg verbirgt sich nach einer Aussage, die Walser im Gespräch mit Florian Illies machte, Stuttgart. Das Vorbild der Traubergstraße, in der Hans Beumann ein Zimmer bei der Familie Färber mietet, sei die Stuttgarter Reitzensteinstraße gewesen, in der die Familie Walser von 1951 bis 1953 wohnte. Weil diese Straße einst eine Bordellstraße gewesen sei, habe er die Figur der Prostituierten Johanna erfunden. Als reales Vorbild für den Intendanten Dr. ten Bergen habe Fritz Eberhard gedient, Eduard Rheins Angewohnheit, seine Brille zu kneten, habe er für die Figur des Harry Büsgen übernommen. Auch die ganze Stimmung, die Büsgen umgebe, dürfe man als authentisches Erlebnis mit Rhein ansehen, erklärte Walser. Berthold Klaff, der arbeitslose Schriftsteller, der das Zimmer über Beumann bewohnt und von diesem verlangt, er möge ihm eine Einkunftsmöglichkeit beim Rundfunk beschaffen, hat den Schriftsteller Arno Schmidt zum Urbild. Michael Pfleghar und sein Umfeld habe ihn bei der Schilderung der Philippsburger Villenbesitzergesellschaft inspiriert. In Walsers Tagebuch ist unter dem Datum des 8. November 1955 ein Abtreibungsversuch geschildert, der fast unverändert in den Roman übernommen wurde.[1]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Florian Illies bezeichnete Ehen in Philippsburg als das beste Buch der jungen Bundesrepublik, beklagte aber zugleich, das Werk sei sehr schnell und gründlich vergessen worden: „Walsers eigenes Exemplar ist in Marbach, im Deutschen Literaturarchiv. Symbolischer lässt sich die Haltung von Deutschland, seinen Lesern, seinen Kritikern und seiner Literaturwissenschaft zu Ehen in Philippsburg nicht beschreiben: Sie haben es im Archiv abgelegt. Unter „Frühwerk, wichtig“, das schon. Aber Deutschland hat darüber vergessen, es auch zu lesen. Dabei ist es vielleicht Martin Walsers stärkstes Buch.“ Illies sieht einen der Gründe für die eher verhaltene Aufnahme des Romans und sein angebliches schnelles Vergessenwerden darin, dass kurz nach Walsers Debütroman Günter Grass' Blechtrommel erschien. Dieses Buch habe nicht nur wegen seiner literarischen Qualität Furore gemacht, sondern auch dadurch, dass es die deutsche Vergangenheit, das Dritte Reich, thematisiert habe. Laut Illies „wurde Walser vorgeworfen, dass in seinem Roman die deutsche Vergangenheit nicht vorkommt – doch wahrscheinlich beweist sich der Romancier genau darin als Zeitdiagnostiker. Weil er demonstriert, wie laut das bewusste Schweigen über die Vergangenheit sein kann, wie selbstvergessen und selbstzerstörerisch das Beharren auf einer geschichtslosen Gegenwart.“[1]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Martin Walser: Ehen in Philippsburg, Frankfurt am Main 2002 (Suhrkamp Tb.), ISBN 3518398598

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Florian Illies: Der vergessene große Roman, in: ZEITmagazin LEBEN, 10. April 2008, Nr. 16 (online)
  2. Eindeutig wäre der Verweis auf die Stadt Philippsburg in Baden-Württemberg, die für die Handlung aber zu klein ist - insbesondere für die verschiedenen Zeitungen aus Philippsburg. Verweise finden sich im Roman, dass die Stadt jenseits von Hamburg, Stuttgart, Berlin, Bad Homburg und Travemünde liegen muss. Vgl. Walser, Martin: Ehen in Philippsburg. Sechstes bis achtes Tausend. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1958. S. 249; S. 312; S. 325.
  3. Im ZEITmagazin LEBEN, 10. April 2008 Nr. 16, verweist Walser auf die Stadt Stuttgart als Handlungsort: Zitat: "Aber ich konnte den Roman doch auch nicht 'Stuttgart' nennen".
  4. Pressebericht auf dem Presseportal.
  5. Artikel in der FAZ.