Eine Jugend in Deutschland

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Eine Jugend in Deutschland ist eine Autobiographie von Ernst Toller, die 1933 erschien (Wilpert). Der Autor erinnert sich seines Lebens bis zum Jahr 1924.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Zahl in runden Klammern verweist auf die Seite in der Quelle.

Am 1. Dezember 1893 wird Ernst Toller in der deutschen Stadt Samotschin (in der Provinz Posen, Kreis Kolmar, Amtsgericht Margonin (145)) im Netzebruch (7) als Sohn des Kaufmanns Max Toller und dessen Ehefrau Ida, geb. Kohn, geboren. Er verlebt dort die Kindheit im bürgerlichen (37) Elternhaus. Darauf besucht Toller das Realgymnasium im benachbarten Bromberg (22). Weil der Junge jeden Tag Apfelkuchen mit Schlagsahne für zwanzig Pfennig das Stück essen will und von den Eltern nur fünfzig Pfennige die Woche als Taschengeld bekommt, arbeitet er frühzeitig als Autor für die Heimat-Kolumne der Bromberger Ostdeutschen Rundschau (23). Der aufsässige Schüler Toller hinterfragt beim Religionslehrer kritisch die Folgen der Schöpfung: Haben damals am Anfang der Menschheit, direkt nach Adam und Eva, Bruder und Schwester wirklich einander geheiratet (27)?

Als Student in Grenoble (Jura, Literatur, Philosophie) (32) erlebt er den Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Sofort begibt sich der Patriot Toller auf deutschen Boden (42) und meldet sich freiwillig als Soldat. Von Bellheim geht es im März 1915 als Artillerist über Metz der Front entgegen (48). Soldat Toller schreit Hurra! (50), als sein Geschützfeuer vor Pont à Mousson den französischen Feind voll trifft. Im Priesterwald (54) und dann vor Verdun (56) lernt Toller den Krieg aus nächster Nähe kennen und wird Unteroffizier (58). Die Artikel in der deutschen Presse über den Feind findet Toller widerwärtig. Seinen eigenen Beitrag zum Thema bekommt er vom Redakteur des Kunstwarts unveröffentlicht zurück. Begründung: Man müsse auf die Volksstimmung Rücksicht nehmen (57). Toller meldet sich zum Fliegerkorps, weil er aus dem Massensterben ausbrechen will. Doch er erkrankt und wird kriegsuntauglich (62).

In München setzt er die unterbrochenen Studien fort und trifft dort Thomas Mann, Max Halbe, Frank Wedekind, Ernst Weiß und Rilke (64). In der Doktorfabrik Heidelberg will Toller bei Gothein über Schweinezucht in Ostpreußen promovieren (69). Dort in Heidelberg tritt er noch während des Krieges einem Kampfbund für die friedliche Lösung der Widersprüche des Völkerlebens (70) bei. Das Heidelberger Bezirkskommando reagiert prompt: Die Männer unter den Mitgliedern werden als kriegsverwendungsfähig in die Kasernen geschickt (72). Bestimmt wird der weitere Lebensweg Tollers entscheidend von Gustav Landauers „Aufruf zum Sozialismus“ (73). In dem Kapitel Streik seiner Biographie schreibt Toller: Der Krieg ließ mich zum Kriegsgegner werden (74), und so kämpft er in München an der Seite des Arbeiterführers Kurt Eisner gegen die Verantwortlichen für den Krieg (75). Toller redet, die ersten Sätze stotternd, in einer Massenversammlung (77). Nach seiner Beteiligung an Arbeiterkundgebungen auf der Theresienwiese wird er verhaftet und studiert im Militärgefängnis Marx, Engels, Lassalle, Bakunin, Mehring und Luxemburg (82).

Toller erzählt vom 9. November 1918 und der Vorgeschichte dieses Schicksalstages. Das Volk hungert und will keinen neuen Kriegswinter (95). Karl Liebknecht verkündet die deutsche sozialistische Republik (97) und wird mit Rosa Luxemburg im Januar 1919 erschlagen (100). Im Februar 1919 fährt Toller mit Eisner nach Bern zum Kongreß der Zweiten Internationale (101). Einige Tage später wird Eisner in München vom Grafen Arco-Valley erschossen (102). Auf seine Mitwirkung in der Bayerischen Räterepublik, beginnend mit dem 7. April 1919 und endend am 1. Mai 1919, geht der Autor ausführlicher ein. Nach dem gewaltsamen Ende der Republik muss sich Toller als Mitglied der Räteregierung vor der Polizei verbergen. Unterschlupf ist nur schwer auffindbar. Rilke sieht sich zur wirksamen Soforthilfe außer Stande (149). Der Maler Karli Sohn-Rethel, Enkel des Historienmalers Alfred Rethel, in dessen Atelier man Toller sucht, wird geohrfeigt und misshandelt[1] (150). Toller wird von einem Standgericht zu fünf Jahren Festung wegen Hochverrats verurteilt. Er sitzt die Strafe von 1920 bis 1924 in Niederschönenfeld bei Rain (182) ab. Während die Volksbühne in Berlin sein Drama Masse Mensch uraufführt, tritt Toller in den Hungerstreik, bricht ihn aber bald ab, weil er verrückt vor Hunger wird (189). Der Amnestie der Revolutionäre nach drei Jahren Haft durch den Reichstag folgt die bayerische Regierung nicht (194). Toller wird einen Tag eher freigelassen und sofort nach Sachsen abgeschoben (209).

Das Buch endet mit dem kurzen Kapitel Blick Heute, einer Klage über die Deutschen. In den Jahren von 1918 bis zum Zusammenbruch von 1933 hätten diese rein gar nichts gelernt. Die Republikaner hätten auf der ganzen Linie versagt.

Form[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Weg Ernst Tollers vom deutschen Bürgerlichen zum revolutionären Sozialisten (206) wird glaubhaft nachgezeichnet. Nicht zuletzt ist es der Kontrast von der leichtlebigen Jugendzeit des Autors zu seinen grauenvollen Erlebnissen im Schützengraben, die den Leser mitfühlen lassen. Seine komödiantische Erzählhaltung gibt Toller auch nicht bei bitterernsten Themen wie der Münchner Räterepublik auf. Stellenweise wird etwa nach dem Motto erzählt: die sozialistische Revolution in München – ein bayrisches Bauerntheater (107 bis 111).

Eingeschobene Dialoge (65) lockern die Faktenvielfalt auf. Das Werk enthält teilweise anrührende Kurzporträts von Tollers Weggefährten (104) und Beobachtungen des Gefängnisalltags (204 bis 208) in Niederschönenfeld. Beachtlich sind die zahlreich eingestreuten trefflichen Kurzcharakteristiken zu Personen der Zeitgeschichte, u. a. Adolf Hitler („Sein Programm ist primitiv und einfältig. Die Marxisten und die Juden sind die inneren Feinde und an allem Unglück schuld...“; 16. Kap.).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quelle für dieses Lemma
  • Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland. Text nach der Ausgabe 1936 (2. Auflage 4.–7. Tausend) Querido Verlag Amsterdam 295 Seiten, die der Reclam Ausgabe, Leipzig 1990, ISBN 3-379-00558-4 mit 216 Seiten zu Grunde liegt.
Ausgaben
  • Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland. Querido Verlag Amsterdam, 1933. Erstausgabe, mit einer Vorrede von Toller unterzeichnet „Am Tag der Bücherverbrennung meiner Bücher in Deutschland“.
  • Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland. Querido Verlag Amsterdam, 1933. Zweite veränderte Ausgabe mit einer Vorrede von Toller unterzeichnet „Am Tag der Bücherverbrennung meiner Bücher in Deutschland“ und einem gegenüber der Erstausgabe umgearbeiteten Eingangskapitel unter dem Titel Blick heute.
  • Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland. Rowohlt Taschenbuch, ISBN 978-3-499-14178-2.
  • Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland. Gesammelte Werke, Band IV. Hanser. 256 Seiten, ISBN 978-3-446-12520-9.
  • gemeinfreier Text bei Gutenberg.Spiegel.de
Sekundärliteratur
  • Hans-Jörg Knobloch: Jugend um die Jahrhundertwende. Im Spiegel der Autobiographien von Arthur Schnitzler, Stefan Zweig und Ernst Toller. In: History and Literature. Hrsg. von William Collins Donahue, Scott Denham. Tübingen: Stauffenburg 2001. 259–270.
  • Gero von Wilpert: Lexikon der Weltliteratur. Deutsche Autoren A–Z. S. 621. Stuttgart 2004. 698 Seiten, ISBN 3-520-83704-8.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Alison Beringer (Memento des Originals vom 4. März 2016 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/muse.jhu.edu: The Dance of Death in Ernst Toller's Masse Mensch