Elvira Castner

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Elvira Castner (Aufnahme vermutlich von 1914, anlässlich ihres 70. Geburtstages)

Elvira Castner (* 12. März 1844 in Zempelburg, Westpreußen; † 13. Juli 1923 in Berlin-Marienfelde[1][2]) war eine deutsche Lehrerin, Zahnärztin und Frauenrechtlerin. Sie gründete 1894 die erste Gartenbauschule für Frauen.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Elvira Castner war das fünfte von zwölf Kindern des Apothekers und späteren Rittergutsbesitzers Philipp Castner (1803–1867) und seiner Frau Mathilde Nadal (1817–1898). Ihre Mutter, die sich um den elterlichen Garten kümmerte, vermittelte ihr und ihren Geschwistern schon früh ein Verständnis für den Gartenbau.[1]

Von 1859 bis 1861 besuchte sie das 1. staatliche Lehrerinnenseminar in Posen. Anschließend arbeitete sie für kurze Zeit als Erzieherin, bevor sie eine Stelle als Lehrerin an der städtischen Volksschule in Jastrow (Westpreußen) antrat. Da sie eine chronische Heiserkeit entwickelt, musste sie diese Tätigkeit allerdings nach wenigen Jahren aufgeben.[3]

Castner wollte Zahnmedizin studieren, da die deutschen Universitäten aber keine Frauen zum Studium zuließen, studierte sie von 1876 bis 1878 Zahnheilkunde in Baltimore in den USA. Nach dem Abschluss als Doctor of Dental Surgery[4] kehrte sie nach Deutschland zurück, vertrat zuerst Henriette Hirschfeld-Tiburtius[5] und eröffnete dann eine eigene Zahnarztpraxis in Berlin.[3]

1891 erwarb sie ein Wohnhaus in Friedenau, in dessen Garten sie umfangreiche Gemüsekulturen und Obstbäume anpflanzte.[3]

Obst- und Gartenbauschule für Frauen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während ihres Amerika-Aufenthaltes fiel ihr im Hafen von Baltimore auf, wie hier große Mengen an Obst, insbesondere Äpfel, für den Export nach Deutschland verladen wurden. Sie hatte daraufhin die Idee, dass der Obstbau in Deutschland gefördert werden müsse. In ihren Augen war dies eine geeignete Aufgabe für junge Frauen.[6][7]

Fast zwanzig Jahre später wollte Castner die damals entstandene Idee umsetzen und Gartenbauschulen für Frauen gründen. Zunächst versuchte sie, dafür eine Genossenschaft zu gründen, konnte aber nicht genug Interessenten für eine Beteiligung finden. Deshalb beschloss sie, ohne fremde Hilfe eine entsprechende Schule zu eröffnen.

Am 1. Oktober 1894 eröffnete Castner die erste Obst- und Gartenbauschule für Frauen auf den Grundstücken Fregestraße 40 und 41.[8] Im ersten Jahr besuchten 7 Schülerinnen die Schule, im zweiten Jahr schon 16 Schülerinnen.[3][9][10]

Obst- und Gartenbauschule in Marienfelde

Einige Jahre später bot sich ihr die Möglichkeit, in Marienfelde ein Areal von 14 Morgen zu kaufen, auf dem sie ein eigenes Schulhaus errichten ließ. 1899 siedelte die Gartenbauschule mit 32 Schülerinnen[10] nach Marienfelde um, wo auf dem größeren Gelände die Möglichkeit bestand, mehr Schülerinnen an der Schule aufzunehmen.[6][11] Dieses Gelände hatte die Adresse Berliner Straße 5–6 und lag zwischen der Bismarck- (seit 1947: Beißstraße) und Emilienstraße.[12]

Im Durchschnitt besuchten jährlich zwischen 60 und 70 junge Frauen die Schule.[6] Zu Castners 70. Geburtstag im Jahr 1913 hatten bereits fast 700 Frauen die Gartenbauschule besucht, nach 25 Jahren des Bestehens (1919) wurde die tausendste Anmeldung gezählt.[10] Die Absolventinnen waren zwischen 16 und 50 Jahre alt, es gab für die Aufnahme als Schülerin keine Obergrenze für das Alter[3], allerdings wurde für die Aufnahme ein «Abgangszeugnis der ersten Klasse einer höheren Mädchenschule» verlangt.[13]

Neben der zweijährigen Vollzeitausbildung bot die Schule auch Gartenbaukurse für Lehrerinnen an, die jeweils im Frühling und Herbst stattfanden. Diese Kurse wurden durch das Kultusministerium gefördert.[3]

Castner leitete die Schule bis ins hohe Alter selbst und sorgte für eine stetige Weiterentwicklung des Lehrprogramms.[6]

Die Obst- und Gartenbauschule wurde 1922 geschlossen, Gelände und Gebäude an die Deutsche Reichsbahn verkauft. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Gebäude zerstört.[14]

Mitgliedschaften und Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Castner war Mitglied ab 1894 Mitglied der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft.[6]

Als Anerkennung für die Gründung der Gartenbauschule für Frauen verlieh die Kaiserin Castner das silberne Verdienstkreuz am weißen Bande.[6]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Welche soziale Bedeutung hat die Beteiligung der Frauenarbeit im Gartenbau. 1897.[15]
  • Die Frau als Gärtnerin. 1900.[15]
  • Obst- und Gartenbau, ein Erwerbszweig f. gebildete Frauen. 1895.[15]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Elvira Castner – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Pommersches Geschlechterbuch. Achter Band. In: Deutsches Geschlechterbuch. Band 155. C. A: Starke, Limburg an der Lahn 1971, S. 61 (archive.org).
  2. Bert Morio: Holtenauer Geschichte. Die Holtenauer Obst- und Gartenbauschule für Frauen. Abgerufen am 28. April 2018 (Siehe Fußnote: "In den Dokumenten des "Arbeitskreis Historisches Marienfelde" befindet sich ein Auszug (Kopie) aus dem Bestattungsbuch von Marienfelde aus dem Jahr 1923. Demnach ist Frau Elvira Castner am 13. Juli 1923 verstorben und am 18. Juli 1923 gab es die Urnenbeisetzung." (eMail von Godwin T. Petermann).).
  3. a b c d e f Anna Blum: Dr. Elvira Castner, eine Siebzigjährige! In: Die Lehrerin: Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins. 30. Jahrgang 1913/1914, Heft 50, S. 397
  4. Ernst Bahr, Gerd Brausch (Hrsg.): Altpreußische Biographie. Band 3. Elwert, Marburg/Lahn 1975, S. 880.
  5. Castner, Frl. Dr. Elvira. In: Sophie Pataky: Lexikon deutscher Frauen der Feder. Band 1, Berlin 1898, S. 124–125
  6. a b c d e f Marie Schaper: Frl. Dr. Elvira Castner. In: Deutsche Gartenbau-Gesellschaft: Gartenflora - Zeitschrift für Garten- und Blumenkunde. 63. Jahrgang, Kommissions-Verlag von Rudolf Mosse, Berlin 1914, S. 108–109
  7. Dr. Olga Knischewsky: Personalnachrichten - Castner, Frl. Dr. Elvira. In: Max Hesdörffer (Hrsg.): Die Gartenwelt - Illustrierte Wochenschrift für den gesamten Gartenbau. Band XVIII, Nr. 11. Paul Parey, Berlin 14. März 1914, S. 156 (archive.org [abgerufen am 3. Mai 2018]).
  8. August Scherl (Hrsg.): Adressbuch für Berlin und seine Vororte - Unter Benutzung amtlicher Quellen. V. Theil. Vororte von Berlin. Band 2, 1898, S. 187 (zlb.de [abgerufen am 30. April 2018]).: Diese Adresse war seinerzeit politisch dem Ort Steglitz zugeordnet, nur postalisch dem Ort Friedenau.
  9. Dr. Elvira Castner: Die Obst- und Gartenbauschule für Frauen. In: Friedenauer Lokal-Anzeiger. 5. Jahrgang, Nr. 116, 29. September 1898 (zlb.de [abgerufen am 28. April 2018]).
  10. a b c Felicitas Glade: Von den „Jungfern im Grünen“ - Berufsausbildung für „höhere Töchter“ in Gartenbauschulen für Frauen. Hrsg.: Rainer Hering (= Veröffentlichungen des Landesarchivs Schleswig-Holstein [Hrsg.]: Die Ordnung der Natur - Vorträge zu historischen Gärten und Parks in Schleswig-Holstein. Band 96). S. 121–142 (uni-hamburg.de [PDF; abgerufen am 3. Mai 2018]).
  11. Elisabeth Meyer-Renschhausen: Gärten schaffen Frieden. In: taz. 5. Juli 2005, S. 23
  12. August Scherl (Hrsg.): Adressbuch für Berlin und seine Vororte - Unter Benutzung amtlicher Quellen. V. Vororte von Berlin. 1921, S. 182 (zlb.de [abgerufen am 5. Mai 2018]).
  13. Karl Fritz: Die Ausbildung der weiblichen Jugend im Gartenbau. In: Max Hesdörffer (Hrsg.): Die Gartenwelt - Illustrierte Wochenschrift für den gesamten Gartenbau. Band XVII, Nr. 28. Paul Parey, Berlin 12. Juli 1913, S. 389 (archive.org [abgerufen am 3. Mai 2018]).
  14. Reifensteiner Verband - Verein ehemaliger Reifensteiner e.V. (Hrsg.): Obst- und Gartenbauschule in Marienfelde bei Berlin. (reifensteiner-verband.de [PDF; abgerufen am 30. April 2018]).
  15. a b c Herrmann A. L. Degener (Hrsg.): Wer ist's? - Unsere Zeitgenossen. Zeitgenossenlexikon, Eintrag Castner, Frl. Elvira. Nr. III. H. A. Ludwig Degener, Leipzig 1908.