Ernst Bulova

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Ernst Bulova (* 24. Juni 1902 in Wien; † 11. Januar 2001 in New Milford (Connecticut)) war ein deutschamerikanischer Pädagoge. Er war Pionier der Montessoripädagogik im Berlin der Weimarer Zeit und blieb diesem pädagogischen Konzept während seiner ersten Emigrationsjahre in Großbritannien treu und baute, von dessen Ideen weiterhin inspiriert, ein Jugendcamp in den USA auf, das eng mit progressiven amerikanischen Privatschulen kooperierte. Die Beltane School in Wimbledon, an der Ernst Bulova von 1934 bis 1940 arbeitete, ist eine der zwanzig von Hildegard Feidel-Mertz erstmals wissenschaftlich untersuchten Schulen im Exil.

Die vergessenen Bulovas[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es ist nicht leicht, biografische Details über Ernst Bulova in Erfahrung zu bringen. Auch Feidel-Mertz schreibt nur einige Sätze über die Beltane School, ohne näher auf die Person Ernst Bulova einzugehen. Mehr über ihn ist erst zugänglich, wenn es um sein Leben in den USA und um das dort von ihm gegründete Buck’s-Rock-Camp geht. So ist es dann auch kaum noch verwunderlich, dass die meisten der nachfolgend referierten Daten aus einem Nachruf in der New York Times stammen, in dem seiner als „Founder Of Camp With a Free Spirit“ gedacht wurde.[1] Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihm und seinem Wirken fehlt, vor allem auch über seine Jahre an der Beltane School.

Ungleich größer noch sind die Schwierigkeiten, an Informationen über seine Frau Ilse zu gelangen. Sie wurde als Ilse Simachowitz am 7. Januar 1903 im heutigen Hynčice (Heinzendorf) im Okres Náchod (Bezirk Nachod) in Tschechien geboren, das damals noch zu Österreich-Ungarn gehörte, weshalb sie auch, wie ihr späterer Ehemann, die österreichische Staatsbürgerschaft besaß. Als Ilse Bulova ist sie am 16. Oktober 1987 ebenfalls in New Milford gestorben. Über ihre Jugend und Ausbildung ist nichts bekannt, doch wurde unter ihrer Leitung am 2. Mai 1924 in Berlin-Wedding das zweite Berliner Montessori-Kinderhaus eröffnet.[2] Immerhin gibt es über dieses „Volkskinderhaus am Leopoldplatz“, das 1933 geschlossen werden musste, eine kurze Darstellung, in der auch auf das Wirken von Ilse Simachowitz eingegangen wird.[3] 1990 spricht Feidel-Mertz von ihr und ihrem späteren Ehemann als „von den ehemaligen Leitern der Montessori Schule in Berlin-Dahlem[4], was falsch war, da dies nur auf Ernst Bulova zutraf. Hermann Schnorbach revidierte das 2012 insofern, als er Ernst Bulova zum Leiter der „Montessori-Versuchsschule in Berlin-Dahlem“ erklärte, während seine Frau „für die Berliner Montessori-Kinderhäuser zuständig“ gewesen sei.[5] Eine Quelle für all diese Aussagen wird nicht genannt.

Wann Ilse Simachowitz und Ernst Bulova geheiratet haben, ist nicht bekannt, jedoch, dass sie 1933 gemeinsam nach Großbritannien emigriert sind. Von nun an aber verlieren sich die Spuren von Ilse Bulova völlig, sie wird „zur Frau an seiner Seite“, über deren Tätigkeit in Wimbledon und später in den USA nichts mehr zu finden ist. Somit kann nachfolgend nur noch über Ernst Bulovas Leben und Wirken etwas ausgesagt werden.

Ernst Bulovas Leben vor der Emigration nach Großbritannien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ernst Bulovas Vater war ein Anwalt[6] in Wien und verwandt mit der Familie Bulova, aus der der Gründer des Bulova-Uhrenimperiums hervorgegangen ist. Diese verwandtschaftlichen Beziehungen waren auch für Ernst Bulova nützlich, wie unten noch zu zeigen sein wird.

Ernst Bulova studierte Verhaltenswissenschaft („behavioral sciences“) in Wien, wechselte an eine Lehrerausbildungseinrichtung in Hamburg und legte eine erste akademische Abschlussprüfung („finished his undergraduate work“) in Berlin ab. Während seiner Zeit in Berlin besuchte er einen Kurs über die Montessori-Methode an einem eigenen Institut („at a separate institute“). Vermutlich handelte es sich dabei um einen der von Clara Grunwald initiierten „Montessori-Lehrgänge“ unter dem Dach der Deutschen Montessori-Gesellschaft. 1928 wurde Ernst Bulova Direktor der Montessori-Versuchsschule in Berlin-Dahlem.[7] Das blieb er bis 1933, dem Jahr seiner Emigration nach Großbritannien.

In seiner Berliner Zeit schrieb Ernst Bulova auch Hörspiele, von denen 25 ausgestrahlt worden sein sollen. Außerdem veröffentlichte er Bücher unter dem Pseudonym Dr. Überall oder Dr. Everywhere.[1] Für die Hörspiele lassen sich keine Hinweise mehr finden, und auch die Deutsche Nationalbibliothek kennt weder einen Dr. Überall noch den Dr. Everywhere. Ein Buch gibt es aber trotzdem. Es heißt Reisen mit Dr. Überall und wurde in mehrere Sprachen übersetzt (siehe Werke). Feidel-Mertz, die auf das Buch von einem ehemaligen Schüler Ernst Bulovas an der Dahlemer Versuchsschule aufmerksam gemacht wurde, vermutet, dass es auf den Rundfunkvorträgen Bulovas basiere.[4]

1933 wurde Ernst Bulova wegen früherer politischer Betätigungen im linken politischen Spektrum von der Gestapo verhaftet. Aufgrund seiner österreichischen Staatsbürgerschaft wurde er nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt freigelassen. Er floh nach England und wurde Co-Direktor der Beltane School in Wimbledon, wo er einige seiner ehemaligen Studenten aus Berlin wiedergetroffen haben soll.[1]

Beltane School, Wimbledon[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt keine belastbaren Quellen darüber, wie und weshalb Ernst Bulova an die Beltane School gekommen ist. Feidel-Mertz spricht davon, dass diese Schule von „Ernst und Ilse Bulova [..] mit Prof. Tomlinson von der University of Southampton 1934 ins Leben gerufen“ worden sei.[4] Quellen hierfür benennt sie nicht, wodurch auch unklar bleibt, wie der Kontakt zwischen Bulova und Tomlinson zu stande kam. Auch zur Person Tomlinson macht sie keine weiteren Angaben, und alle Versuche, ihn im Internet ausfindig zu machen, landen fast ausnahmslos bei einer einzigen Veröffentlichung: Andrew Tomlinson und seine Frau Joan waren 1929 die Übersetzer eines Buchs von Jean Piaget: The child's conception of the world[8]

Die Quellenlage zur Beltane School ist, sieht man von Feidel-Mertzs eigenem kurzen Text ab, sehr dürftig. Ihre einzige Quelle scheint ein Brief von Ulrich K. Goldsmith vom Mai 1983 gewesen zu sein.[9] Goldsmith, der bereits seit 1932 als Austauschstudent in London lebte, war von 1934 an als Sprachlehrer für Latein, Deutsch und Englisch an der Beltane School in Wimbledon tätig. Er wurde im Juni 1940 als Enemy Alien interniert und einen Monat später nach Kanada deportiert. Aus diesem Brief von Goldsmith zitierend, schreibt Feidel-Mertz, die Bulovas hätten „30 deutsche und österreichische Emigrantenkinder verschiedensten Alters nach England [gebracht] und mit einer gleichen Anzahl englischer Kinder zweisprachig und ‚ziemlich permissiv‘ erzogen und unterrichtet“.[9] Woher ihre weiteren Aussagen über die Schule stammen, muss offenbleiben.

„Die dort praktizierte Montessori-Pädagogik stellte für das englische Schulwesen eine Innovation dar. Die Schule wurde koedukativ geführt. Jeder Lehrer war für eine Gruppe von sieben Schülern verantwortlich, die er zu unterrichten und deren Fortschritte und Schwierigkeitern er mit ihnen zu besprechen hatte, was einen „universaIen“ Typ des Pädagogen voraussetzte. Entsprechend den Grundsätzen der Montessori-Pädagogik war die Umgebung der Kinder so gestaltet, daß sie zum Lernen anregte. Es wurde sowohl auf akademische Standards vorbereitet wie durch Werkstätten, Laboratorien, Musikräume eine vielseitige Ausbildung vermittelt. Der Lehrkörper war relativ groß im Verhältnis zur Schülerzahl. 1937 kamen 23 Lehrkräfte auf 200 Schüler. Es gab einen hohen Anteil von ausländischen Kindern in der Schule, die mehrere Nationalitäten repräsentierten. Es wurde besonderer Wert auf die Mitarbeit der Eltern gelegt. Die Kinder entwickelten eigene Organisationsformen und lernten dabei viel über die Probleme, die sich im Zusammenleben einer Gemeinschaft ergeben. Die Regeln der Schülerselbstverwaltung waren von den Schülern zu erarbeiten und durchzusetzen.[4]

Des Weiteren erwähnt Feidel-Mertz das großzügige Schulgelände in ländlicher Umgebung. Das mutet aus heutiger Sicht reichlich grotesk an, denn in der direkten Umgebung des ehemaligen Schulgeländes befand sich schon seit 1922 das für 14.000 Zuschauer ausgelegte „Mekka des Tennissports“. Nach Feidel-Mertz aber bot die ländliche und dennoch verkehrsgünstige Lage nahe London die Möglichkeit, die Schule hauptsächlich als Tagesschule zu führen. Sie habe aber auch Raum geboten für 60 Internatsschüler.[4]

Ernst Bulova, dessen Rolle an der Schule aus all dem nicht richtig klar wird, hat während dieser Zeit in Wimbledon seine eigene akademische Ausbildung vollendet. An der Universität Wien, an die er von England aus regelmäßig zu Konferenzen und Forschungsaufenthalten zurückkehrte, wurde er 1936 in Psychologie und Erziehungswissenschaft promoviert.[1]

Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden Ernst Bulova und seine Frau Ilse, obwohl sie beide österreichischer Nationalität waren, in einem Lager interniert. Dies war offenbar der Auslöser für beide, 1940 England zu verlassen und in die USA zu übersiedeln. Unterstützt wurden sie dabei von ihren amerikanischen Verwandten, den Eigentümern der „Bulova Watch Company“.[1]

Von der Montessori-Schule zum Verhörzentrum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gründe für die Übersiedelung der Bulovas in die USA sind nicht bekannt, und ebenso wenig die Gründe für die Schließung der Schule. Für Feidel-Mertz waren sie „kriegsbedingt“[4], doch fehlt jegliche Erläuterung hierzu. Möglicherweise waren die Gründe auch finanzieller Natur, denn an der Queensmere Road in Wimbledon war ein ziemlich großes Gebäude auf einem großzügigen Anwesen zu unterhalten. Hinweise darauf gibt es, dass bereits 1936 mit Mitteln aus einem externen Darlehensfond gearbeitet wurde, an dem unter anderem George Bernhard Shaw, Sir Walter Layton und Cecil Lewis beteiligt waren. Dokumente, die dies nahelegen, befinden sich im Bestand der British Library of Political and Economic Science.[10]

In einem Artikel im The Independent vom 30. Oktober 2003 über Nicholas Hammer, einen aus Ungarn stammenden Zeugen der NS-Barbarei und Holocaust-Überlebenden, wird berichtet, wie dieser nach seiner Befreiung aus dem KZ Dachau mit falscher Identität nach England kam. Nachdem seine wahre Identität geklärt war, wurde er als ausländischer Internierter unter Schutz gestellt und in der Beltane School untergebracht. Allerdings waren unter seinen dortigen Mitinsassen auch eine Anzahl internierter Nazis, darunter Otto Dietrich, Hitlers ehemaliger Pressechef.[11]

Den eigentlichen Zweck dieser Nazi-Internierungen beleuchtet ein Artikel im Newsletter der „The Wimbledon Society“ vom Juni 2012.[12] Nach diesem Bericht waren in der Beltane School bis zu 250 deutsche Wissenschaftler und Technologieexperten interniert, die 1945 und 1946 aus Deutschland nach England gebracht worden waren.[13] Die Idee dahinter war, von ihnen Informationen und Fachwissen abzuschöpfen über Bereiche in denen Deutschland gegenüber Großbritannien führend war. Über die Ergebnisse der Befragungen wurden Berichte veröffentlicht, durch die die britische Industrie mit Informationen versorgt werden konnte. Das Lager hatte bis zu 44 Mitarbeiter. Es wurde 1947 nach Hampstead verlegt, weil das Haus für ein College zur Lehrerausbildung benötigt wurde. Nachdem dieses College geschlossen worden war, wurde das Anwesen 1998 als „Royal Close“ ausgewiesen.[14]

Die Anzahl von 44 Mitarbeitern wird auch in einer Antwort auf eine Anfrage eines Unterhausabgeordneten vom 17. Dezember 1946 bestätigt. Die Anfrage des Abgeordneten offenbart allerdings auch, dass das Internierungslager Beltane School ein sehr offenes Haus gewesen sein muss, eher Pension als Lager: Es ist von Gästen die Rede, die zudem, von einigen Ausnahmen abgesehen, die Möglichkeit hatten, sich tagsüber frei in London zu bewegen.[15] Dass hinter dieser offenen Atmosphäre vermutlich aber eine ausgefeilte Strategie des britischen Geheimdienstes gestanden hat, um die Internierten in Sorglosigkeit zu wiegen, macht ein Radio-Feature des Hessischen Rundfunks deutlich, das sich mit der vergleichbaren Situation in Trent Park befasste, wo deutsche Generäle interniert waren.[16]

Buck’s Rock Work Camp[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gründe für die Übersiedelung der Bulovas in die USA liegen im Dunkeln, sie sei aber mit Unterstützung der Bulova-Verwandtschaft erfolgt. Folgt man der englischen Wikipedia-Seite, dann sei der ursprüngliche Plan gewesen, in den USA einen Zufluchtort für vom Krieg bedrohte Kinder aus England zu schaffen. Dieser Plan sei aber während oder kurz nach der Überfahrt aufgegeben worden, weil er Ernst und Ilse Bulovas als zu tückisch („treacherous“) erschienen sei. Ob damit die Gefahren einer Atlantiküberquerung angesichts der vielen deutschen U-Boot-Angriffe gemeint sein sollen, muss offenbleiben.

Das Gelände für das nicht mehr weiterverfolgte Camp für englische Flüchtlingskinder war bereits das, auf dem dann das Buck’s Rock Work Camp entstand. Der Name selber war für viele Mythen gut, weil er das Vorhandensein eines Felsens suggerierte, den es so aber nie gegeben hatte. Bulovas Sohn Stephen vermutete, dass es sich um das insgesamt sehr felsige Land eines Mannes, gehandelt habe, der Buck hieß. Das Gelände umfasste ca. 125 Acre bewaldetes Land und lag ca. 85 Meilen nördlich von New York City auf dem Gebiet von New Milford (Connecticut). Für den Ankauf konnte Bulova auf die Unterstützung seiner wohlhabenden Verwandtschaft zurückgreifen.[1]

Die wohlhabende Verwandtschaft war es auch, die Ernst Buzlova Kontakte zu zwei bekannten progressiven Schulen der damaligen Zeit herstellten, zur Dalton Schhool und zur Walden School. Er hatte die Möglichkeit an beiden Schulen Lehrer zu werden, unterrichtete aber nur an der Walden School. Schülerinnen und Schüler aus diesen beiden Schulen waren später die ersten Gäste im Camp. Wann es dort losging, ist über die Aussage „in den frühen 1940er Jahren“ hinaus, nicht sicher bekannt.[1] In einem Interview mit Pete Seeger über dessen Begegnungen mit Buck’s Rock wird von dem Interviewer behauptet, die Gründung sei 1943 erfolgt.[17] Auf der Webseite der „Friends of Buck's Rock“ heißt es, das Camp arbeite seit 1942.[18]

Seit den Anfangsjahren war die Camp-Philosophie geprägt von Maria Montessoris Lehren und ihrem Credo, dass Arbeit sowohl Spiel als auch eine reiche Lernerfahrung sein könnte. Während andere Jugendcamps zu der Zeit meist einen für die Jugendlichen stark reglementierte Lageralltag vorgaben, wurden sie in Buck’s Rock angehalten, ihre Zeit selbständig zu planen. Aktivitäten wurden angeboten, aber die Teilnahme an ihnen blieb freiwillig. In den frühen Camp-Jahren hatten die Jugendlichen zudem die Chance, durch eigene Arbeit Geld zu verdienen. Zum Beispiel verlieh das Camp Jugendlichen Geld für den Ankauf von Kälbern und Ferkeln. Sie pflegten und mästeten sie, und wenn die Tiere dann verkauft wurden, erhielten sie einen Anteil am Verkaufserlös entsprechend dem von ihnen investierten Aufwand. In den Anfangsjahren war es auch noch üblich, dass die Kinder auf benachbarten Farmbetrieben arbeiteten, um den Kriegsmangel zu mildern. Schüler übernahmen es auch, auf dem Campgelände Gräben auszuheben, Fahrzeuge zu warten und Traktoren zu fahren. Und selbstverständlich gehörte auch die Übernahme von Haushaltungsarbeiten zum Programm.[1]

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges begann dann das, was das Camp über Jahrzehnte hinweg berühmt gemacht hat: die kreativen und künstlerischen Programme für und durch die Camp-Gäste. Jede künstlerische Arbeit, Schreiben, Musik und Theater wurde gefördert, und für Ernst Bulova stand immer der Aspekt des Machens im Vordergrund, nie das Ergebnis. Arbeit sollte Sinn machen.[1] Vor diesem Hintergrund ist es dann auch nicht verwunderlich, dass zu den ehemaligen Besuchern des Camps viele in den USA bekannte Künstler zählen.

Einen besonderen Auftrieb erhielt das Camp in den 1960er und 1970er Jahren. Ernst Bulovas, der selbst der linken und sozialistischen Politik nahestand, konnte Tausende von Jugendlichen für das Camp gewinnen, die selber aus einem linksgerichteten New Yorker Milieu stammten. Bulovas Zielgruppe waren kreative, nonkonformistische Kinder. Und wohl ab dieser Zeit galt für das Camp das, was die New York Times so beschreibt: „But its spirit owed as much to Pete Seeger and Bob Dylan as to Montessori.“[1] Pete Seeger hielt sich in den 1950er Jahren und Anfang der 1960er mehrfach in Buck’s Rock auf.[17] Stephen Bulova erinnerte sich daran, wie Pete Seeger mit einer Axt Holz hackte und dazu If I Had a Hammer sang. Ein regelmäßiger emotionaler Höhepunkt in der damaligen Zeit war die jährliche Hiroshima-Nacht, bei der sich die Camper versammelten, um dem Abwurf der ersten Atombombe zu gedenken. Und zu Ernst Bulovas Angewohnheiten habe es gehört, Fragen mit einem Bob-Dylan-Zitat zu antworten: „The answer is blowin’ in the wind.“[1]

Die 1970er Jahre brachten zwei Einschnitte: einen Namens- und eine Besitzerwechsel. Aus dem Buck’s Rock Work Camp wurde das Buck’s Rock Creative Camp, bevor das Camp 1974 an eine Gruppe von drei Familien verkaufte wurde. Die Käufer hatten zuvor Erfahrungen als Berater in den Camps gesammelt und waren somit mit dessen Philosophie und Praxis bestens vertraut. Unter den Käufern waren auch die Eltern von Laura Morris, die dann 1996 zusammen mit ihrem Mann das Camp übernahm (siehe unten).[19] Auch nach dem Verkauf blieben die Bulovas auf dem Campgelände wohnen.

Das Camp erfuhr in den 1970er Jahren auch eine literarische Würdigung. Unter dem Namen Break Neck Work Camp wird ee in dem Roman Angst vorm Fliegen von Erica Jong erwähnt.[20] Jongs Tochter Molly Jong-Fast erinnerte sich, dass ihre Mutter das Camp immer beschrieben habe „like a big socialist summer camp, a big Jewish liberal Upper West Side camp“.[1]

Ilse Bulovas Frau, die sich ebenso wie ihr Mann intensiv in das Lager eingebracht hatte, starb 1987. Ernst Bulova heiratete 1990 Hertha Schleich (sie starb 1998) und behielt sein Haus auf dem Grundstück bei. Jeden Sommer kehrte er hierher aus den verschiedensten europäischen Orten zurück, in denen er den Rest des Jahres verbracht hatte.[1]

1996 wurde das Camp an das Ehepaar Mickey and Laura Morris verkauft, die es bis 2016 unter dem Namen Buck’s Rock Performing & Creative Arts Camp betrieben. Laura Morris, deren Eltern zu den früheren Besitzern des Camps gehört hatten, wuchs in Buck's Rock auf, zunächst als Camp-Besucherin, dann als Beraterin. Ihre Entscheidung, Buck’s Rock zu übernehmen, war weitgehend motiviert durch den Wunsch, die eigenen positiven Erfahrung mit dem Camp für ihre 3 Kinder und für die Kinder anderer Ehemaliger zu bewahren.[19]

Unter dem Namen Buck’s Rock Performing & Creative Arts Camp wird das Camp auch von den Nachfolgern der Familie Morris, Noah und Smadar Salzman, weiterbetrieben. Und wiederum bleibt das Camp „in der Familie“: Auch Noah Salzman ist das Camp aus eigener Erfahrung bestens vertraut.

„1981 entdeckte ich meine Leidenschaft in Buck's Rock. Es war die Glasbläserei. Sicher, ich habe auch andere Dinge gemacht, Holzbearbeitung, Schmuck gestalten und Softball spielen, aber es war das Glasblasen, das meine Phantasie gefangen nahm. Ich wusste nicht, dass mein erster Sommer in Buck's Rock mein ganzes Leben gestalten würde. Es eröffnete Möglichkeiten, mit Glas-Superstars wie Dale Chihuly zu arbeiten und führte mich an die RISD. Buck's Rock gab mir auch das Vertrauen, meinen Instinkten zu vertrauen, was mich dazu veranlasste, eine weitere Leidenschaft zu verfolgen. Ich war ein Lehrer, ein Schulleiter, und jetzt habe ich eine Bildungsberatung. Was wirklich erstaunlich ist, ist, dass meine Geschichte nicht einzigartig ist. Es gibt seit 75 Jahren junge Erwachsene, die nach Buck's Rock gingen und danach weitermachten, ihre Leidenschaften zu verfolgen.[21]

Im Jahr 2001 war der Tod von Ernst Bulova Anlass für viele Ehemalige, den Verein „Friends of Buck’s Rock“ zu gründen. Dies ist eine Non-Profit-Organisation, die sich darum kümmert, dass auch Kinder aus ärmeren Familien über ein Stipendium das Camp besuchen können. 40 Familien konnten auf diese Weise jährlich unterstützt werden.[19][22] Dieser Verein verweist auf die Crux von Einrichtungen wie Buck’s Rock: Sie bieten linke, progressive Erziehungsmodelle für Leute, die sich das für sich und ihre Kinder leisten können. Für 2017 kostet der günstigste zweiwöchentliche Campaufenthalt 3.790 Dollar, der zweimonatige Aufenthalt 10.990 Dollar je Kind oder Jugendlicher.[23] Trotzdem besuchen im Laufe einer Saison etwa 500 Kinder und Jugendliche das Camp.[17]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Reisen mit Dr. Überall, Williams & Co., 1.–6. Aufl., Berlin-Grunewald, 1932. (252 Seiten mit farbigen Illustrationen). In einem Antiquariatsangebot fanden sich hierzu folgende Inhaltsangaben: „Fahrt auf einer D-Zuglokomotive“; „Fahrt im Auto“; „Mit dem Schleppdampfer auf die Nordsee“; „Im Maschinenraum eines Ozeandampfers“; (..) „Reise zum Mond“.

1934 erschien von dem Buch eine niederländische Ausgabe:

  • Reizen met Dr. Overal, Gebr. Kluitman, Alkmaar, 1934. 1935 folgte eine polnische Ausgabe:
  • Najciekawsza podróż z dr. Wszędobylskim, nakładem „Mathesis Polska“, Warszawa, 1935.

Basierend auf der niederländischen Ausgabe erschien 1952 auch eine indonesische:

  • Berkeliling dengan Dr. Pengembara (Unterwegs mit Dr. Wanderer), Noordhoff-Kolff, Djakarta, 1952.

Im Gegensatz zur deutschen Ausgabe werden die fremdsprachigen Ausgaben im WorldCat nachgewiesen: Bücher von Ernst Bulova (Bulowa) im WorldCat. Dort findet sich auch der Nachweise über eine weitere Publikationen von Ernst Bulova:

  • Teknikkens Vidunderland: forklaret for Ungdommen (Technisches Wunderland: für die Jugend erklärt), Forlagskompagniet, Kopenhagen, 1933.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hildegard Feidel-Mertz (Hrsg.): Schulen im Exil. Die Verdrängte Pädagogik nach 1933. rororo, Reinbek, 1983, ISBN 3-499-17789-7.* Hildegard Feidel-Mertz (Übersetzung: Andrea Hammel): Integration and Formation of Identity: Exile Schools in Great Britain, in: Shofar. An Interdisciplinary Journal of Jewish Studies, Volume 23, Number 1, Fall 2004, pp. 71–84.
  • Hildegard Feidel-Mertz: Pädagogik im Exil nach 1933. Erziehung zum Überleben. Bilder einer Ausstellung. dipa–Verlag, Frankfurt am Main, 1990, ISBN 3-7638-0520-6.
  • Hildegard Feidel-Mertz (aktualisierte Fassung: Hermann Schnorbach): Die Pädagogik der Landerziehungsheime im Exil, in:Inge Hansen-Schaberg (Hg.): Landerziehungsheim-Pädagogik, Neuausgabe, Reformpädagogische Schulkonzepte, Band 2, Schneider Verlag Hohengehren GmbH, Baltmannsweiler, 2012, ISBN 978-3-8340-0962-3, S. 183–206.
  • JOHN GIMBEL: DEUTSCHE WISSENSCHAFTLER IN BRITISCHEM GEWAHRSAM. Ein Erfahrungsbericht aus dem Jahre 1946 über das Lager Wimbledon. In: VIERTELJAHRSHEFTE FÜR Zeitgeschichte, Institut für Zeitgeschichte, München, 38. Jahrgang, Heft 3, Juli 1990, S. 459–484. Der Artikel ist online einsehbar: VIERTELJAHRSHEFTE FÜR Zeitgeschichte, Heft 3/1990

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g h i j k l m DOUGLAS MARTIN: Ernst Bulova, 98, Founder Of Camp With a Free Spirit, Jan. 28, 2001
  2. Manfred Berger: "Hilf mir, es allein zu tun!" - Vor 50 Jahren starb Maria Montessori
  3. Diana Stiller: Clara Grunwald und Maria Montessori. Die Entwicklung der Montessori-Pädagogik in Berlin. Diplomica Verlag, Hamburg, 2008, ISBN 978-3-8366-6522-3, S. 66
  4. a b c d e f Hildegard Feidel-Mertz: Pädagogik im Exil nach 1933, S. 55 & S. 140
  5. Hildegard Feidel-Mertz (aktualisierte Fassung: Hermann Schnorbach): Die Pädagogik der Landerziehungsheime im Exil, S. 193
  6. Soweit nachfolgend keine anderen Quellen benannt werden, stammen alle Angaben aus dem Nachruf in der New York Times: DOUGLAS MARTIN: Ernst Bulova, 98, Founder Of Camp With a Free Spirit, Jan. 28, 2001
  7. Hildegard Feidel-Mertz (aktualisierte Fassung: Hermann Schnorbach): Die Pädagogik der Landerziehungsheime im Exil, S. 193
  8. Autor: Jean Piaget: The child's conception of the world; Translator: Joan Tomlinson & Andrew Tomlinson, Harcourt, Brace and Company, London and New York, 1929. Deutscher Titel: Das Weltbild des Kindes
  9. a b Hildegard Feidel-Mertz (Hg.): Schulen im Exil, S. 67–68
  10. SHAW – Shaw; George Bernard (1856-1950); author and playwright: Business Papers; 21 – Register of investments and correspondence about investments.
  11. Nicholas Hammer - Witness to the barbarity of the Nazi concentration camps
  12. German prisoners helped UK firms with their expertise
  13. Sehr ausführlich wird dieser Teil der Beltane-School-Geschichte 1990 in einem Aufsatz von John Gimbel in der Zeitschrift VIERTELJAHRSHEFTE FÜR Zeitgeschichte behandelt (siehe unter Literatur).
  14. Siehe ebenso:Andrew Nahum: ‚I believe the Americans have not yet taken them all!‘. The exploitation of German aeronautical science in postwar Britain. S. 113. Im Internet (Stand: 31. Dezember 2016) sind unter dem Suchbegriff „Royal Close, Wimbledon, SW19“ zahlreiche Immobilienangebote abrufbar, in denen luxuriöse Wohneinheiten innerhalb der ehemaligen Schule angepriesen werden.
  15. Unterhausanfrage: Beltane School Camp, Wimbledon (Guards)
  16. HR2: ''Abgehört. Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft.'' Ein Feature von Uwe Westphal, gesendet am 12. März 2017.
  17. a b c Norman A. Ross: An Interview with America's Balladeer Pete Seeger, July 25th, 2003
  18. Friends of Buck's Rock
  19. a b c One Cool Camp: Buck’s Rock
  20. Im Original heißt der Satz: „My adolescence (at Break Neck Work Camp, the High School of Music and Art, and as a counselor-in-training at the Herald Tribune Fresh Air Fund) had been spent in the palmy days when a black was invariably elected president of the senior class, and it was blazing sign of social status to have interracial friends and dates.“ (zitiert nach Google-Books: Fear of Flying: 40th Anniversary Edition). In den deutschen Ausgaben fehlt der Verweis auf das Break Neck Work Camp. Hier heißt es fälschlicherweise: „Meine Jungmädchenzeit (verbracht im Ferienlager der Hochschule für Musik und bildende Kunst, sowie als Freizeitbetreuerin, angestellt von der Ferienstiftung des Herald Tribune) [..].“ (zitiert nach der Übersetzung von Kai Molvig in den Ausgaben von 1978 für die Bertelsmann-Gruppe. Titelnachweis im Katalog der DNB. Molvig ist auch der Übersetzer aller Ausgaben im S. Fischer Verlag, einschließlich der deutschen Erstausgabe.)
  21. About us: Noah Salzman. Der Text im Original: „In 1981, I discovered my passion at Buck’s Rock. It was glassblowing. Sure, I did other things like woodworking, jewelry making and playing softball, but it was blowing glass that captured my imagination. Little did I know that my first summer at Buck’s Rock would shape my entire life. It opened up opportunities to work with glass superstars like Dale Chihuly and led to my attending RISD. Buck’s Rock also gave me the confidence to trust my instincts, which led me to pursue another passion—education. I have been a teacher, a principal and now I’ve got an educational consulting company. What’s really amazing is that my story isn’t unique. There are 75 years of young adults who went to Buck’s Rock and have gone on to pursue their passions.“
  22. About Friends of Buck's Rock (Memento des Originals vom 11. Mai 2016 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/friendsofbucksrock.org
  23. Buck's Rock Performing & Creative Arts Camp: Dates & Rates, Stand: 2. Januar 2017