Evangelisch-reformierte Kirchen der Schweiz

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Die Evangelisch-reformierten Kirchen der Schweiz sind in der Reformationszeit entstandene kantonale Landeskirchen in der Schweiz, die historisch auf der Lehre von Huldrych Zwingli und Johannes Calvin basieren (die deutschsprachigen Kirchen sind eher von Zwingli, die französischsprachigen eher von Calvin beeinflusst). Seit dem späten 19. Jahrhundert sind die evangelisch-reformierten Kirchen der Schweiz aber weitgehend durch Liberale Theologie geprägt und verfügen über kein verbindliches Glaubensbekenntnis mehr.

Die evangelische Tagsatzung der reformierten Staatskirchen der Kantone wurde 1858 ersetzt durch die Schweizerische Kirchenkonferenz. 1920 schlossen sich die kantonalen Kirchen zum Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund zusammen. Der Kirchenbund beteiligt sich international an ökumenischen Organisationen. Der Bruch mit den lutherischen Kirchen wurde 1973 mit dem Abschluss der Leuenberger Konkordie überwunden.[1]

Lehre und konfessionelle Ausprägung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kirchen sehen sich als «bekenntnisfrei». Die Glaubensbekenntnisse der alten Kirche sind in den meisten Liturgien der reformierten Kirchgemeinden der Schweiz nicht enthalten.[2][3] Eine offizielle konfessionelle Lehre gibt es nicht. In früherer Zeit hatten sich die reformierten Kirchen der Alten Eidgenossenschaft hingegen um ausformulierte Bekenntnisse bemüht. Das Zweite Helvetische Bekenntnis von 1561 (gedruckt 1566) wurde von allen reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz mit Ausnahme Basels angenommen, zusätzlich auch von Genf und ebenso von den Reformierten in Schottland, Polen, Österreich und Ungarn. Ein weiteres Bekenntnis enthält beispielsweise der Zürcher Katechismus von 1639, der dem Heidelberger Katechismus von 1563 sehr ähnlich ist.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstand innerhalb der reformierten Landeskirchen der deutschsprachigen Schweiz eine erneute Auseinandersetzung um das Glaubensbekenntnis. Liberale Theologen lehnten das apostolische Glaubensbekenntnis als «katholisierend» ab. 1868 wurde in Zürich eine revidierte Liturgie eingeführt; im Thurgau wurde 1874 die Abschaffung des Apostolikums beschlossen, was zur Abspaltung einer Freien Evangelischen Gemeinde führte. In den 1870ern kam es auch in Basel und Bern zu heftigen Auseinandersetzungen. Der theologische Liberalismus setzte sich in der deutschsprachigen Schweiz vollständig durch; um 1880 war das Apostolikum in den meisten Landeskirchen nicht mehr verpflichtend.[2]

Ein Grossteil der Schweizer Landeskirchen sind noch heute liberal geprägt, wobei jeweils eine evangelikale Minderheit besteht. Die Ordination von Frauen wird seit den 1970ern in allen Landeskirchen praktiziert.[4] Einige Landeskirchen bieten seit den 1990er Jahren auch Segnungsgottesdienste für homosexuelle Paare an, was intern aber auch zu scharfen Widersprüchen geführt hat.[5]

Der Gottesdienst in den reformierten Kirchen ist nicht an eine bestimmte Form gebunden; sein Zentrum liegt in der Verkündigung, in Taufe und Abendmahl. Während die Landeskirchen keine Liturgien mehr als verpflichtend vorschreiben, wurden weiterhin kantonale Liturgien verfasst, so etwa die Zürcher Liturgie von 1969, welche auch in das Gesangbuch der Evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz Eingang gefunden hat.

Die Taufe wird gewöhnlich Kindern gespendet. Sie kann auch später gespendet werden, ist aber keine Bedingung für die Mitgliedschaft. Die Zahl der jährlich gespendeten reformierten Taufen fiel von 40.000 (1960) auf 14.500 (2012).[6] Ebenso ist auch die fehlende Konfirmation kein Hindernis für die Kirchenmitgliedschaft. Das Abendmahl wird als Gedenkmahl an allen hohen Festtagen gefeiert, je nach Kirchgemeinde respektive Landeskirche aber auch bei anderen Gelegenheiten.

Seit 2006 wird vom Kirchenbund erneut das Ziel eines von allen Mitgliedern anerkannten Glaubensbekenntnisses verfolgt. Unter der Leitung von Matthias Krieg hat eine «gesamtschweizerische Initiativgruppe» dieses Ziel verfolgt. 2009 wurde ein Werkbuch Bekenntnis eingereicht, und der Rat des Kirchenbundes wurde beauftragt, eine Vernehmlassung dazu einzuleiten.[7]

Organisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die reformierten Landeskirchen der Schweiz

Alle reformierten Schweizer Landeskirchen sind synodal organisiert. Pfarrer und Kirchenpflege (je nach Landeskirche auch Kirchgemeinderat, Kirchenrat, Kirchenvorstand o. ä. genannt) werden demokratisch durch die Angehörigen der Kirchgemeinde, das landeskirchliche Parlament (Synode) durch die Konfessionsangehörigen des Kantons gewählt. Kirchen(rats)präsidenten (oberste Vorsteher der kantonalkirchlichen Exekutive) sind «primi inter pares» (Erste unter Gleichen), haben also keine höhere geistliche Würde als andere Pfarrer; ein Bischofsamt gibt es nicht.

Die lokalen Gemeinden sind finanziell selbständig; die Leitung haben Kirchenpflege und Pfarrer; wesentliche Entscheidungen werden von der Kirchgemeindeversammlung getroffen.

Eine besondere Ausprägung der Schweizer reformierten Kirchen in den ursprünglich reformierten Kantonen ist ihre historisch enge Verbundenheit mit dem Staat, die sonst bei reformierten Kirchen selten ist. Die meisten reformierten Kirchen, zumindest in Zürich, Bern, Basel, Genf und Neuenburg, sind in der Reformationszeit durch Entscheid eines republikanischen Stadtrats entstanden, der das Volk hinter sich wusste und der sich aktiv für die Reformation einsetzte. Kirche und Staat wurden nicht als Gegensatz zweier Reiche, sondern als sich gegenseitig fördernde Symbiose verstanden. Es konnten und sollten, wenn erforderlich, sowohl die Pfarrer die Regierung als auch die Regierung die Pfarrer korrigieren – ausdrücklich so festgelegt z. B. im Berner Synodus von 1532.

Diese historische Verbundenheit von Kirche und Staat führte zu einer kulturellen Prägung, die heute ein gewisses Eigenleben führt, das nicht mehr von der Einstellung zur reformierten Kirche abhängt – auch ein alteingesessener jüdischer, katholischer oder agnostischer Bankier in Zürich kann sich mit für Zürich typischer «zwinglianischer Nüchternheit» oder «protestantischem Arbeitsethos» identifizieren.

Da in der Schweiz alle kirchlichen Angelegenheiten auf Kantons- und nicht auf Bundesebene geregelt werden, hat jeder Kanton seine eigene gesetzliche Grundlage für das Verhältnis von Kirche und Staat; die Variationsbreite geht dabei von staatlich bezahlten Pfarrern bis hin zur vollständigen Trennung von Kirche und Staat. Die allgemeine Tendenz geht in Richtung Gewährung weitestgehender Autonomie der Landeskirchen bei Aufrechterhaltung von deren öffentlich-rechtlichem Status.

Sämtliche reformierte Kantonalkirchen der Schweiz gehören dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund an.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Heinz Rüegger: Evangelisch-reformierte Kirchen. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  2. a b Vgl. Rudolf Gebhard: Apostolikumsstreit. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 27. Januar 2011, abgerufen am 23. Mai 2017.
  3. Vgl. Reformierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn / Eglises réformées Berne-Jura-Soleure: Bekenntnisse. Abgerufen am 23. Mai 2017.
  4. laut theologinnen.ch: Erste Frauenordination in Zürich 1918 (danach erst wieder 1963). 1956–1969 Einführung des vollen Frauenpfarramts in den Evangelisch-reformierten Kantonalkirchen.
  5. «1996 veröffentlichte eine vom St. Galler Kirchenrat eingesetzte Arbeitsgruppe einen aufsehenerregenden Bericht. Die sechs Pfarrer plädierten für die Segnung von Homosexuellen. […] Die St. Galler einigten sich letztlich auf einen Kompromiss, der seither so oder ähnlich in den meisten Landeskirchen gilt: Den Pfarrern ist es freigestellt, Segnungsfeiern für homosexuelle Paare zu veranstalten – aber diese Rituale sollen sich liturgisch klar von Trauungen unterscheiden.» (Simon Hehli: Reformierte fürchten eine Kirchenspaltung, NZZ, 23. März 2015). «Die reformierte Zürcher Landeskirche [unterstützt] die Registrierung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften und bietet für solche Paare auch kirchliche Segnungsfeiern an.» (Segnung von Homosexuellen: Was sagen Reformierte, Christkatholiken und Juden? Katholisches Medienzentrum, 16. Februar 2015).
  6. Simon Hehli: Rufer in der Glaubenswüste. Für ihr Seelenheil brauchen viele Menschen die Kirchen nicht mehr. In: Neue Zürcher Zeitung, 2. September 2015, S. 12.
  7. Vernehmlassung Bekenntnis (kirchenbund.ch)