Fleischkonsum in Deutschland

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Der Fleischkonsum in Deutschland wird vom Bundesmarktverband für Vieh und Fleisch auf rund 60 Kilogramm verzehrtes Fleisch pro Kopf und Jahr geschätzt. Der Gesamtverbrauch einschließlich der Herstellung von Tierfutter, industrieller Verwertung und Verlusten lag 2013 bei rund 88 Kilogramm pro Kopf.[1] Damit belegt Deutschland im weltweiten Vergleich den 21. Platz. Am meisten Fleisch wird in den USA mit rund 120 Kilogramm pro Kopf und Jahr verbraucht, am wenigsten in Bangladesch und Indien mit ungefähr vier Kilogramm.[2] Im weltweiten Mittel werden etwa 42 Kilogramm Fleisch pro Kopf und Jahr verbraucht.[3]

Geschichte[Bearbeiten]

Während 1950 in Deutschland ein Kilogramm Schweinefleisch 1,6 Prozent des monatlichen Nettoverdienstes kostete, waren es 2002 nur noch 0,28 Prozent. Der Preis pro Kilogramm stieg in diesem Zeitraum von umgerechtet 2,19 auf 7,09 Euro, der Durchschnittslohn von umgerechnet 136 auf 2480 Euro.

In Deutschland lag der Fleischkonsum pro Kopf im Spätmittelalter jährlich bei über 100 Kilogramm. In den folgenden Jahrhunderten ging er immer weiter zurück und erreichte im 19. Jahrhundert den niedrigsten Wert von durchschnittlich 14 kg Fleisch.[4]

Zwischen 1961 und 2011 stieg der Fleischverbrauch in Deutschland von durchschnittlich 64 kg auf 90 kg pro Kopf und Jahr[5][6].

Eine größere gesellschaftliche Debatte zum Fleischkonsum gab es im Zuge der Diskussion um den Veggieday im Jahre 2013.

Aktueller Fleischkonsum in Deutschland[Bearbeiten]

Nach Prognose der Heinrich-Böll-Stiftung, Herausgeberin des „Fleischatlas”, verbraucht ein Deutscher in seinem Leben im Schnitt zwischen 635 und 715 Tiere. Die angegebene Spannbreite wird mit dem Wandel im Konsumverhalten bezüglich Fleischarten begründet.[7]

Von den rund 60 kg Fleisch, die 2013 pro Kopf verzehrt wurden, waren rund 30 kg Fleischwaren, also Wurst und Schinken. Pro Kopf wurden 2013 in Deutschland 38,1 kg Schweinefleisch, 11,6 kg Geflügelfleisch, 8,9 kg Rindfleisch, 0,6 kg Schaf- und Ziegenfleisch und 1 kg andere Fleischarten verzehrt.[1]

Ansehen verschiedener Wirtschaftszweige: Die Fleischwirtschaft hat einen „schlechten Ruf” (Universität Göttingen)[8]

Der Fleischkonsum sinkt in Deutschland mit steigendem Bildungsniveau und Einkommen.[9] Dies stellt eine historische Entwicklung dar, da in der Geschichte stets Menschen mit höherem gesellschaftlichen Status mehr Fleisch konsumierten. Für diesen Wandel wird vor allem ein „verheerendes Image” der Fleischbranche verantwortlich gemacht.[10]

Fleisch- und Wurstverzehr nach Bundesländern und Geschlecht

Der Fleisch- und Wurstverzehr hängt in Deutschland sowohl vom Geschlecht als auch vom Bundesland ab. Frauen verzehren dabei etwa halb soviel Fleisch wie Männer.[11]

Kritik am Fleischkonsum in Deutschland[Bearbeiten]

Barbara Unmüßig sagte bei der Vorstellung des Fleischatlas 2013, der gemeinsam von der Heinrich-Böll-Stiftung, dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und der Monatszeitung "Le Monde diplomatique" in Berlin vorgestellt wurde, dass, um die Fleischproduktion und den Konsum in Deutschland aufrechtzuerhalten, große Mengen an Futtermitteln importiert werden müssten (siehe auch Außenhandel der deutschen Ernährungswirtschaft). Dies trage zur Bedrohung des Regenwaldes bei. Auch würden aufgrund der hohen Nachfrage nach Fleisch in Deutschland vermehrt Antibiotika in der Massentierhaltung eingesetzt.

Nach Meinung der Natur- und Umweltschutzorganisation WWF Deutschland wirkt sich Fleischkonsum auf den Flächen- und Wasserverbrauch, die Emission von Treibhausgasen und die Fruchtbarkeit des landwirtschaftlich genutzten Bodens aus. Vier Fünftel der weltweit landwirtschaftlich genutzten Flächen würden heute allein von der Tierhaltung beansprucht. 35 % des weltweit angebauten Getreides gingen inzwischen in die Tierhaltung; in der EU seien es im Schnitt mehr als 60 %. In einer Studie hat der WWF Deutschland die Fläche berechnet, die zur Produktion von 1 kg Lebensmittel benötigt wird. Fleisch liege demnach mit einem Verbrauch von 8 bis 10 m² (Geflügel) bis 27-49 m² (Rind) pro kg deutlich höher als beispielsweise Weizen mit 1,4 m² oder Kartoffeln mit 0,25 m².[12][13] Nach Berechnung des WWF ließen sich in Deutschland bereits durch einen fleischfreien Tag in der Woche 9 Mio. t an Treibhausgasemissionen einsparen. Das entspricht dem CO2-Ausstoß von ca. 75 Mrd. km Fahrtstrecke mit dem PKW.[14][15]

In einer großangelegten dreiteiligen Untersuchung kommt der WWF Deutschland zu dem Ergebnis, dass erstens der „Flächen-Fußabdruck“ fleischbetonter Ernährung sehr groß sei, dass zweitens eine fleischärmere Ernährung und die Vermeidung von Nahrungsmittelabfällen zu bedeutsamen Einsparungen beim landwirtschaftlichen Flächenverbrauch und drittens zu deutlich geringeren Treibhausgasemissionen führen würde.[16] Allein für den Verzehr von Schnitzel, Wurst und Co. werden über 40 Prozent der Gesamtfläche „Ernährung“ benötigt. Deutlich niedriger liegt hingegen - mit knapp 30 Prozent - der Flächenverbrauch für den Konsum pflanzlicher Nahrung.[17] Ähnlich sieht es bei den Treibhausgasen aus. Die Erzeugung tierischer Erzeugnisse – inklusive Fisch – ist laut WWF Deutschland für mehr als zwei Drittel aller Treibhausgas-Emissionen der Ernährung verantwortlich.[18] Ein weiteres Problem stelle der zunehmende Anbau der Futtermittel auf Ackerflächen sowie die Herkunft der Futtermittel dar. In Deutschland werden jährlich mehr als 740 Millionen Rinder, Schweine und Geflügel geschlachtet. Mehr als 60 Prozent des angebauten Getreides würden in der Tierhaltung verwendet.[19] Der hohe Flächenverbrauch des Fleischkonsums führe zu „virtuellem Landhandel“, das heißt zur Nutzung von Fläche in anderen Ländern (vor allem in Südamerika) zur Deckung des eigenen Futtermittelbedarfs. Rund 1,6 Millionen Hektar nehme Deutschland allein für den Sojaanbau in Südamerika in Anspruch.[20]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie e.V.: Geschäftsbericht 2013/2014.
  2. Handelsblatt: Statistiken der FAO, abgerufen am 13. Juni 2015
  3. Zukunftsstiftung Landwirtschaft: Fleisch und Futtermittel In: weltagrarbericht.de.
  4. Massimo Livi Bacci, Europa und seine Menschen: eine Bevölkerungsgeschichte, C.H.Beck Verlag, 1999, ISBN 3-406-44700-7, S. 69
  5. Food Balance Sheets. Abgerufen am 6. August 2013.
  6. Fleischverbrauch und Fleischverzehr je Kopf der Bevölkerung. Abgerufen am 9. Dezember 2013.
  7. Fleischatlas extra: Abfall und Verschwendung (PDF; 4 MB) Heinrich-Böll-Stiftung. S. 16–19. Abgerufen am 15. Juni 2015.
  8. Universität Göttingen, Albersmeier & Spiller, Das Ansehen der Fleischwirtschaft: Zur Bedeutung einer stufenübergreifenden Perspektive, 2009
  9. Ergebnisse der Nationalen Verzehrstudie II (PDF; 54 kB)
  10. Fleisch wird zum Lebensmittel der Unterschicht Die Welt, vom 6. April 2009, abgerufen am 18. November 2013
  11. Nationale Verzehrsstudie II, Ergebnisbericht Teil 2, S. 199–230, online
  12. Studie Schwere Kost für Mutter Erde (PDF; 3,8 MB) des WWF 2014, S. 5. Abgerufen am 9. März 2015.
  13. Studie Fleisch frisst Land (PDF; 3,4 MB) im Auftrag des WWF 2014, S. 53. Abgerufen am 9. März 2015.
  14. Der Appetit auf Fleisch wwf.de, abgerufen am 9. März 2015.
  15. Studie Schwere Kost für Mutter Erde (PDF; 3,8 MB) des WWF 2014, S. 7. Abgerufen am 9. März 2015.
  16. WWF: Ernährung
  17. WWF Studie: Das grosse Fressen WWF in Zusammenarbeit mit Steffen Noleppa und Matti Cartsburg, S. 22
  18. WWF Studie: Das grosse Fressen WWF in Zusammenarbeit mit Steffen Noleppa und Matti Cartsburg, S. 26
  19. WWF: Der Appetit auf Fleisch und seine Folgen
  20. WWF Studie: Das grosse Fressen WWF in Zusammenarbeit mit Steffen Noleppa und Matti Cartsburg, S. 50