Bio-Lebensmittel

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Obst- und Gemüsestand auf dem Bonner Biomarkt am Münster

Als Bio-Lebensmittel werden Lebensmittel aus der ökologischen Landwirtschaft bezeichnet. Der Begriff ist in der EU gesetzlich definiert. Diese Produkte müssen aus ökologisch kontrolliertem Anbau stammen, dürfen nicht gentechnisch verändert sein und werden ohne Einsatz konventioneller Pestizide, Kunstdünger oder Abwasserschlamm angebaut. Tierische Produkte stammen von Tieren, die artgerecht gemäß EG-Öko-Verordnung[1] und in der Regel weniger mit Antibiotika und Wachstumshormonen behandelt wurden. Die Produkte sind nicht ionisierend bestrahlt und enthalten weniger Lebensmittelzusatzstoffe als konventionelle Lebensmittel, dürfen aber bis zu 30 % nicht ökologisch erzeugte Zutaten enthalten.

Bio-Siegel

Die EG-Öko-Verordnung von 2007 definiert, wie landwirtschaftliche Erzeugnisse und Lebensmittel, die als Öko-Produkte gekennzeichnet sind, hergestellt und gekennzeichnet werden müssen. Um konventionell von ökologisch hergestellten Lebensmitteln zu unterscheiden, führte Deutschland 2001 das staatlich kontrollierte Bio-Siegel ein, mit dem nur nach der EG-Öko-Verordnung hergestellte Produkte gekennzeichnet werden dürfen. Während Biokost als Synonym für Lebensmittel aus biologischem Anbau angesehen werden kann, muss Naturkost nicht aus biologischem Anbau nach EG-Öko-Verordnung stammen.

Erhältlich sind Bio-Lebensmittel in Bioläden, Reformhäusern und zunehmend im Lebensmittel-Einzelhandel sowie in Supermärkten. Es gibt in Deutschland eine Reihe von ökologischen Anbauverbänden, die einen höheren Qualitätsstandard garantieren, als es die EG-Öko-Verordnung vorschreibt.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Vorläufer der modernen Bio-Lebensmittel sind zumindest teilweise in der Naturkost-Bewegung (siehe Lebensreform), der Siedlung auf dem Monte Verità und anderen Gruppen zu sehen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts Ernährung und Bewusstsein miteinander verbanden. Diese Vorläufer hatten ihre Basis in Ernährungslehren zur Vollwertkost und im Vegetarismus. Anfangs bestand Naturkost hauptsächlich aus frischem Gemüse. Die damaligen Verbraucher, die Interesse an Naturkost hatten, suchten Lebensmittel, die frei von Zusatzstoffen, frisch oder nur minimal bearbeitet waren. Zunächst stammte nur ein Teil der Produkte in Naturkostläden tatsächlich aus biologischem Anteil. Sie waren vor allem wenig verarbeitet und vollwertig.[2] Von Seiten der Produzenten biologischer Lebensmittel ist v. a. der Demeter-Verband zu nennen, der seit den 1920er Jahren auf anthroposophischer Grundlage eine biologisch-dynamische Landwirtschaft propagiert.

Die moderne Naturkost-Bewegung erfuhr einen Aufschwung in der Hippie-Zeit der späten 1960er und frühen 1970er Jahre. Das sprichwörtliche Müsli gewann an Popularität (siehe auch Makrobiotik, Vollwerternährung). In den 1970er Jahren entstanden in Westdeutschland die ersten „Naturkostläden“ in Berlin, Hamburg und Münster. Ende der 1970er Jahre gab es bundesweit rund 100 dieser Läden.[2] Die Verbreitung der Naturkost nahm seit Mitte der 1980er Jahre zu.

Zum Fokus auf gering verarbeitete Lebensmittel gesellte sich zunehmend die Bedeutung eines „biologischen“ Anbaus. 1971 wurde der eingetragene Verein „bio-gemüse“ gegründet, der Vorläufer der verbreiteten Bioland-Anbauvereinigung für Bio-Lebensmittel (gegründet 1976). 1982 kam der Naturland Anbauverband hinzu. Mitte 1980er Jahre gab es bereits rund 2000 Produzenten von Bio-Lebensmitteln allein in Deutschland (siehe auch ökologische Landwirtschaft).[2]

Arten von Biokost[Bearbeiten]

Milchprodukte, Backwaren, Gemüse und Obst sind die am häufigsten nachgefragten Bio-Lebensmittel. Bearbeitete Bio-Lebensmittel werden meist in Supermärkten, Naturkostfachgeschäften und Biosupermärkten verkauft. Bearbeitete Bio-Lebensmittel enthalten meistens nur (oder zumindest ausdrücklich angegebene) Bio-Zutaten und keine künstlichen Lebensmittelzusatzstoffe, wie Farb- und Konservierungsstoffe, Geschmacksverstärker, künstlichen Aromen oder Stabilisatoren. Außerdem dürfen die Endprodukte nicht durch künstliche Methoden, Materialien oder Prozesse wie beispielsweise künstliche Reifungen oder Lebensmittelbestrahlung bearbeitet worden sein.

Studien[Bearbeiten]

Gesundheit[Bearbeiten]

In einer Studie des Senats der Bundesforschungsanstalten wurden geringfügige Unterschiede im Nährstoffgehalt von ökologisch und konventionell angebautem Gemüse festgestellt, allerdings verhindern widersprüchliche Ergebnisse eindeutige Folgerungen. Für die Erfassung des gesundheitlichen Wertes von Gemüse nach Anbauverfahren sind laut dem Bericht weitere Untersuchungen der funktionellen Unterschiede – beispielsweise antioxidatives sowie antimutagenes Potential − notwendig.[3]

Pestizidrückstände[Bearbeiten]

Eine Studie von Greenpeace aus dem Jahr 2005, bei der insgesamt 658 Proben von acht saisontypischen frischen Lebensmitteln aus konventionellem Anbau getestet wurden, zeigte teilweise erhebliche Pestizidbelastungen der drei Obst- und fünf Gemüsearten aus mehreren großen Supermarktketten in Deutschland, Österreich (Billa) und der Schweiz (Migros), warnt vor gesundheitlicher Gefahr beim Verzehr und empfiehlt biologisch angebautes Obst und Gemüse.[4]

Einer Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2006 zufolge wurden in konventionellen Lebensmitteln ca. drei- bis fünfmal so häufig Pestizidrückstände gefunden wie in biologischen Lebensmitteln. Vergleicht man die Proben, bei denen Pestizidrückstände gefunden wurden, so war die Belastung bei biologischen Lebensmitteln meist geringer. Allerdings waren Rückstände auch bei konventionell erzeugten Nahrungsmitteln zu gering, um eine Gesundheitsgefahr darzustellen.[5] Zudem besteht chemisch kein Unterschied zwischen einem synthetisch hergestellten und demselben natürlich vorkommenden (d.h. von der Pflanze synthetisierten) Pestizid. Eine Analyse von 52 natürlichen Pestiziden ergab, dass 27 davon karzinogen wirken können und in vielen gewöhnlichen Nahrungsmitteln enthalten sind.[6] Beispielsweise enthält eine Tasse Kaffee etwa die Dosis an Karzinogenen, welche in Form von Rückständen synthetischer Pflanzenschutzmittel in konventionell erzeugter Nahrung im Laufe eines Jahres typischerweise aufgenommen werden.[7]

Nährstoffgehalt[Bearbeiten]

Die amerikanische Ernährungswissenschaftlerin Virginia Worthington kam in einem Review von 41 veröffentlichten wissenschaftlichen Studien, die den Nährwert ökologisch und konventionell angebauten Gemüses, Obstes und Getreides verglichen, zu dem Schluss, dass ökologische Lebensmittel signifikant mehr Nährstoffe verschiedener Gruppen enthalten. Durchschnittlich enthielt Biorohware 27 % mehr Vitamin C, 21,1 % mehr Eisen, 29,3 % mehr Magnesium und 13,6 % mehr Phosphor. Zusätzlich enthielten die Bioprodukte 15,1 % weniger Nitrate als die konventionelle Vergleichsgruppe.[8] Ein Einfluss auf die Gesundheit wurde dadurch nicht nachgewiesen.

Eine Reihe weiterer Studien verglich ebenfalls den Nährstoffgehalt, teilweise wurde ein signifikant höheren Nährstoffgehalt gefunden, vor allem bei organischen Säuren und Polyphenol-Bindungen, teilweise gab es keine bedeutenden Unterschiede.[5] Es gibt auch gesundheitsschädliche Pflanzenstoffe, hier kommen manche bei Bio-Lebensmitteln, andere bei konventionellen Lebensmitteln häufiger vor.[5]

Ein Review der University of London zu allen wissenschaftlichen Studien aus den letzten 50 Jahren kam zu dem Schluss, dass es zwischen ökologisch und konventionell produzierten Nahrungsmitteln keine bedeutenden gesundheitsrelevanten Unterschiede im Nährstoffgehalt gibt.[9] Ein im September 2012 veröffentlichtes Review von Wissenschaftlern der Stanford University kam zu dem Schluss, dass die Forschung bisher keine Beweise für einen signifikant höheren Nährstoffgehalt ökologisch produzierter Lebensmittel liefern konnte.[10]

Metabolitenprofil[Bearbeiten]

In einer im Jahre 2006 veröffentlichten Vergleichsstudie der Bundesforschungsanstalt für Ernährung und Lebensmittel in Detmold (BfEL) wurden die Metabolitenprofile von konventionell und ökologisch erzeugtem Weizen untersucht. In beiden Proben wurden die relativen Mengen von 52 Metaboliten (darunter Aminosäuren, organische Säuren, Zucker-Alkohole, Zucker-Phosphate und Nukleotide) bestimmt. Das Ergebnis zeigte bei 44 der untersuchten Metaboliten keine signifikanten Unterschiede zwischen Weizen aus konventioneller und aus ökologischer Erzeugung. Die Autoren schlossen daraus, dass die Anbaumethode keinen oder nur einen sehr geringen Einfluss auf das Metabolitenprofil von Weizen hatte.[11]

Bioprodukt-Anteil am Lebensmittelumsatz[Bearbeiten]

Land Anteil (%) am Gesamtumsatz
von Lebensmitteln (2004–2007)[12]
Belgien 2
Dänemark 2,5
Deutschland 3,6 (2006)[13]
 Europäische Union 2
Frankreich 1,3 (2004)[14]
Italien 1,3
Japan < 0,5
Kanada 1,8
 Lateinamerika < 0,5
Niederlande 1,9 (2006)[15]
Österreich 6,0 (2007)[16]
Ozeanien < 0,5
Schweden 1,5
Schweiz 3,5
Tschechische Republik 0,35 (2006)[17]
USA 2,3
Vereinigtes Königreich 1,8

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Kai Kreuzer: Bio- Vermarktung. Vermarktungswege für Lebensmittel aus ökologischer Erzeugung, Pala Verlag, 1996, ISBN 3-89566-120-1
  • Leitzmann/Beck/Hamm/Hermanowski: Praxishandbuch Bio-Lebensmittel 2004, Behr’s Verlag.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Bio-Lebensmittel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Quelle: Europäische Kommission Verbraucherinfo zum EU-Bio-Logo
  2. a b c Ulrich Walter: Zukunft, die schmeckt (PDF; 143 kB)
  3. Quelle: Bewertung von Lebensmitteln verschiedener Produktionsverfahren, Senat der Bundesforschungsanstalten, Statusbericht 2003 (S. 46–50)
  4. Pestizide aus dem Supermarkt – Einkaufsratgeber und Supermarktvergleich für Obst und Gemüse (PDF; 979 kB) Greenpeace, November 2005, abgerufen am 14. August 2012.
  5. a b c Winter, C. & Davis, S. (2006): Organic Foods. Journal of Food Science, Vol. 71, Nr. 9, 2006.
  6. Ames, B., Profet, M., Gold, S. (1990): Dietary pesticides (99.99 % all natural). Proceedings of the National Academy of Sciences. October 1, 1990. Vol. 87, No. 19, S. 7777–7781.
  7. Ames, B. & Gold, S. (1998): Misconceptions About Environmental Pollution, Pesticides and the Causes of Cancer. National Center for Policy Analysis, Dallas, Texas, NCPA Policy Report No. 214, März 1998.
  8. Virginia Worthington: Nutritional Quality of Organic Versus Conventional Fruits, Vegetables, and Grains, veröffentlicht in The Journal of Alternative and Complementary Medicine, Vol. 7, No. 2, 2001 (S. 161–173)
  9. Organic review published. Food Standards Agency, 29. Juli 2009
  10. Crystal Smith-Spangler, Margaret L. Brandeau, Grace E. Hunter, J. Clay Bavinger, Maren Pearson, Paul J. Eschbach, Vandana Sundaram, Hau Liu, Patricia Schirmer, Christopher Stave, Ingram Olkin, Dena M. Bravata: Are Organic Foods Safer or Healthier Than Conventional Alternatives?: A Systematic Review. Annals of Internal Medicine 157(5): 348-366.
  11. Zörb C. et al, Metabolite Profiling of Wheat Grains (Triticum aestivum L.) from Organic and Conventional Agriculture, J. Agric. Food Chem. 2006, 54, 8301-8306 (pdf)
  12. Europäische Kommission: Europäischer Aktionsplan für ökologische Landwirtschaft und ökologisch erzeugte Lebensmittel. Abgerufen am 14. Oktober 2007..
  13. LfL Ernährungswirtschaft: Der Markt für Bio-Produkte in Deutschland und Bayern im Vergleich. Abgerufen am 8. September 2009..
  14. Britta Barlage, FLUGS – Fachinformationsdienst Lebenswissenschaften, Umwelt und Gesundheit: Bio-Lebensmittel – Wachstumsmärkte weltweit. Abgerufen am 8. September 2009..
  15. Niederlande: Steigende Bio-Nachfrage, stagnierender Bio-Anbau proplanta.de, 6. Juli 2007, abgerufen am 14. August 2012.
  16. Bio Austria: Bioumsätze in Österreich 2007. Abgerufen am 6. August 2009..
  17. backnetz:eu: Tschechien: 49 % mehr Bio-Lebensmittel abgesetzt. 2007, abgerufen am 14. Oktober 2007..