Forschungsverbund SED-Staat

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Der Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin wurde 1992 mit maßgeblicher Unterstützung des damaligen FU-Präsidenten Johann W. Gerlach gegründet. Gründer bzw. frühe Mitarbeiter waren Manfred Görtemaker, Siegward Lönnendonker, Bernd Rabehl, Klaus Schroeder, Manfred Wilke und Jochen Staadt. Der Verbund hat die Aufgabe, „die äußeren und inneren Voraussetzungen der vierzigjährigen Existenz einer zweiten deutschen Diktatur“ zu untersuchen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2000 untergliederte sich der Forschungsbereich in zwei Standorte, der eine unter der Leitung von Klaus Schroeder, der andere geleitet von Manfred Wilke. Seit der Pensionierung Wilkes im Oktober 2006 wird die gesamte Einrichtung von Klaus Schroeder geleitet.

Der Verbund hat zahlreiche Projekte initiiert, wie beispielsweise die Erforschung der Einflussnahme der Stasi auf die elektronischen Medien in der DDR und der Bundesrepublik (Operation Fernsehen) oder Untersuchungen zum Bild der DDR bei Lehrern und Schülern.

Bis Ende 2015 ist die finanzielle Grundausstattung durch die FU Berlin gesichert. Die laufenden Forschungsvorhaben werden aus Drittmitteln finanziert. Unter anderen erhielt der Forschungsverbund Gelder von der Volkswagen-Stiftung, der Kulturstiftung der Deutschen Bank, der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der ARD sowie aus Bundes- und Landesmitteln.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Forschungsverbund war mehrfach in heftige Auseinandersetzungen mit anderen Fachwissenschaftlern verwickelt. Viele dieser Konflikte lösten seine Mitarbeiter selbst aus, als sie – vor allem in den 90er Jahren – sozialliberalen Historikern und Politologen wie Jürgen Kocka, Lutz Niethammer, Peter Steinbach, Peter Christian Ludz und Gert-Joachim Glaeßner eine „Nähe zum SED-Regime“ bzw. eine Verharmlosung der DDR unterstellten.[1] Die Kritiker des Forschungsverbunds thematisierten vor allem die von seinen Wortführern zur Leitlinie erhobene Variante der Totalitarismustheorie, mittels der auch die DDR als „totalitärer Staat“ besprochen wird. Dadurch werde absichtsvoll eine subtile, schon in der Eigenbezeichnung („SED-Staat“ in Anlehnung an den etablierten Begriff „NS-Staat“) und der programmatischen Rede von der „zweiten deutschen Diktatur“ vorexerzierte Gleichsetzung mit dem Naziregime und so zuletzt auch dessen Relativierung betrieben. Auf dem Höhepunkt dieser Debatten wurde wiederholt die fachliche Kompetenz der Forschungsverbund-Mitarbeiter angezweifelt.[2] Der Historiker Wolfgang Wippermann bewertete die Hauptakteure als „Hobbyhistoriker“ und „nekrophile Antikommunisten“, die Wissenschaft als „politische Peep-Show“ betreiben würden. Auffällig sei, so Wippermann, dass viele Mitarbeiter „auf eine linke Vergangenheit zurück[blicken], die sie mit einem pathologisch wirkenden Eifer bewältigen möchten.“[3] Sigrid Meuschel bescheinigte Schroeder und Staadt „analytische Provinz“.[4] Jürgen Kocka bezeichnete die Leiter des Forschungsverbunds als „Meister der politischen Demagogie“, sie seien „Autoren von Halbwahrheiten und Verzerrungen und Wissenschaftler ohne Glaubwürdigkeit und Seriosität – um es zurückhaltend zu formulieren“.[5] Wolf-Dieter Narr dagegen bescheinigte Schroeder und Staadt, sie hätten mit ihrer Kritik an der „systemimmanenten“ DDR-Forschung „summa summarum ins Schwarze“ getroffen.[6] Der Zeithistoriker Klaus-Dietmar Henke charakterisierte den Verbund 2003 wie folgt: „Der Verbund verstand es, sein ausgeprägtes Talent zu medialer Inszenierung mit seriöser Forschung zu verbinden und legte u.a. Analysen zu Machtsicherung, Struktur und Politik der SED vor.“[7] Von weiteren Stimmen wurde der Forschungsverbund ebenfalls immer wieder gestützt, so etwa von dem Historiker und Publizisten Götz Aly.[8]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Der exemplarische Auftakt dazu war Schroeder, Klaus, Staadt, Jochen, Der diskrete Charme des Status quo. DDR-Forschung in der Ära der Entspannungspolitik, in: Leviathan 1/1993, Opladen 1993.
  2. Siehe Harmsen, Torsten, Tribunal ohne die Angeklagten. Der Streit um den Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin nimmt groteske Züge an, www.berliner-zeitung.de, 2. Februar 1998, abgerufen am 1. November 2012.
  3. Wolfgang Wippermann: Die Diktatur des Verdachts. Der Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin auf Kommunistenjagd. (Memento des Originals vom 30. August 2012 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/jungle-world.com Jungle World vom 19. Februar 1998, abgerufen am 1. November 2012.
  4. Sigrid Meuschel: Auf der Suche nach der versäumten Tat. Kommentar zu Klaus Schroeders und Jochen Staadts Kritik an der bundesdeutschen DDR-Forschung. In: Leviathan 3/1993, Opladen 1993.
  5. Zitiert nach Wolfgang Wippermann: Die Diktatur des Verdachts. Der Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin auf Kommunistenjagd. (Memento des Originals vom 30. August 2012 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/jungle-world.com Jungle World vom 19. Februar 1998.
  6. Siehe Leviathan 1/1993, S. 64.
  7. Klaus-Dietmar Henke in: R. Eppelmann u. a.(Hrsg.): Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung. Paderborn 2003, S. 373.
  8. Götz Aly: Kampfgelehrte an der Geschichtsfront. Der Streit um die Widerstands-Gedenkstätte, www.berliner-zeitung.de, 9. August 1997, abgerufen am 1. November 2012.