Frieda Belinfante

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Frieda Belinfante und Henriëtte Bosmans in den 1920er Jahren

Frieda Belinfante (10. Mai 1904 in Amsterdam25. April 1995 in Santa Fe, New Mexico)[1] war eine niederländisch-amerikanische Cellistin, Dirigentin und Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus. Als erste Frau in Europa war sie Dirigentin eines eigenen Orchesters.[2]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Belinfantes Vater Ary Belinfante war jüdisch und leitete eine Musikschule, ihre Mutter war nicht jüdisch und war Hausfrau.[1] Ab ihrem zehnten Lebensjahr lernte sie Cello; sie studierte am Conservatorium van Amsterdam und gab mit siebzehn Jahren ihr Debüt im Concertgebouw. Anschließend studierte sie bei Gérard Hekking in Paris.

Mit siebzehn Jahren lernte Belinfante die neun Jahre ältere Komponistin und Pianistin Henriëtte Bosmans kennen und war von 1922 bis 1927 mit ihr liiert. Bosmans widmete ihr zweites Cellokonzert Belinfante, die Uraufführung desselben fand am 10. Oktober 1923 mit Belinfante als Cellistin statt.[1]

Ab 1924 war sie zwei Jahre lang als Cello-Solistin bei der Haarlemsche Orkester Vereeniging tätig, kündigte aufgrund schlechten Verdienstes und arbeitete stattdessen in Kino-Orchestern und gab Cellounterricht. In den 1930er Jahren wandte sie sich dem Dirigieren zu: Zunächst dirigierte sie ein Kinderorchester, dann den Frauenchor und das Sweelinck-Orchester der Universität von Amsterdam.[1]

Schließlich gründete sie gemeinsam mit Frauen der Künstlervereinigung Kunst voor Allen, als erste weibliche Dirigentin in Europa, ihr eigenes Orchester. Dieses Kammerorchester trug den Namen Kleine Orkest und trat zum ersten Mal 1938 im Concertgebouw auf.[1] Bei einem von Hermann Scherchen Dirigierwettbewerb in der Schweiz 1939 belegte sie, als einzige Frau im Wettbewerb, den ersten Platz.[3]

Mit Beginn der deutschen Besatzung der Niederlande durch die Wehrmacht 1940 begingen Belinfantes Bruder und dessen Frau Selbstmord. Sie löste ihr Orchester auf, da einige Mitglieder des Orchesters, wie sie, jüdisch waren. Sie weigerte sich, als „Halbjüdin“ eine Ausnahmeregelung zu beantragen, um weiterhin ihren Beruf ausüben zu können.[1]

Sie ging schließlich in den Widerstand. Sie war im Herbst 1942 an der Planung des Anschlages auf das Einwohnermeldeamt Amsterdam beteiligt, um durch die Zerstörung von Personalausweisen Zwangsarbeit und Verfolgung von Juden und Roma zu sabotieren. Am Anschlag selbst 1943 konnte sie nicht teilnehmen, weil die Gruppe keine Frauen dabei haben wollte.[2][1]

Sie lebte nach dem Attentat mehrere Monate als Mann, um sich zu verstecken. Ende 1943 gelang es ihr, in die Schweiz zu fliehen und war dort in einem Flüchtlingslager untergebracht. Ab 1944 arbeitete sie mit Hermann Scherchen in Winterthur zusammen. Nach Kriegsende kehrte sie im Sommer 1945 in die Niederlande zurück, fühlte sich jedoch nicht mehr wohl und emigrierte 1947 in die USA.[1]

In den USA unterrichtete sie zunächst Dirigieren und Cello an der University of California und arbeitete an Filmmusik für Hollywood-Filme. Ab Juli 1954 war sie Dirigentin beim Orange County Philharmonic Orchestra, das gerade neu gegründet worden war. Die Philharmonic Society of Orange County entschied sich 1961 allerdings, sich stattdessen auf Konzerte der Los Angeles Philharmonic zu spezialisieren und das hauseigene Orchester wurde vernachlässigt. Das Orchester wurde 1962 schließlich wieder aufgelöst; Belinfante vermutete, dass ihre sexuelle Orientierung als lesbische Frau hier mit Ausschlag gegeben haben dürfte. Sie zog nach Santa Fe in New Mexico und gab Privatunterricht.[1][3]

Das Pacific Symphony Orchestra, 1978 begründet, benannte ein Programm, bei dem das Orchester mit Grundschulen in Orange County zusammenarbeitet, nach ihr.[1]

1994, rund ein Jahr vor ihrem Tod, interviewte Klaus Müller sie für die Oral History Collection des United States Holocaust Memorial Museum zu ihrem Leben.[4] Der Dokumentarfilm ...But I Was a Girl: The Story of Frieda Belinfante, 1999 unter der Regie von Toni Boumans veröffentlicht, dokumentiert ihr Leben.[5]

Sie starb 1995 an Krebs.[1][3]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g h i j k Frieda Belinfante. In: Fembio.org. Abgerufen am 29. August 2016.
  2. a b Claudia Schoppmann: Vermeidungs- und Überlebensstrategien lesbischer Frauen im "Dritten Reich". In: Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (Hrsg.): Forschung im Queerformat: Aktuelle Beiträge der LSBTI*-, Queer- und Geschlechterforschung. transcript Verlag, 2014.
  3. a b c Chris Pasles: O.C. Musical Pioneer Frieda Belinfante Dies at 90 : Obituary: She conducted the Orange County Philharmonic during 1950s. In World War II, she was in the Dutch underground. In: Los Angeles Times. 7. März 1995, abgerufen am 29. August 2016.
  4. Oral history interview with Frieda Belinfante. In: United States Holocaust Memorial Museum. Abgerufen am 30. August 2016.
  5. ...But I Was a Girl: The Story of Frieda Belinfante in der Internet Movie Database (englisch)