Günter Scholdt

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Günter Scholdt (* 1946 in Neu Kaliß, Mecklenburg) ist ein deutscher Literaturwissenschaftler.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Abitur in Neustadt an der Weinstraße studierte Scholdt an der Universität des Saarlandes Germanistik, Geschichte, Theaterwissenschaft, später Jura. 1973 legte er das Erste Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien ab. Zwischen 1975 und 1985 unterrichtete er an verschiedenen saarländischen Schulen. 1976 promovierte er über den Schriftsteller Norbert Jacques. 1992 habilitierte er sich mit Autoren über Hitler, einer Studie zum Hitler-Bild deutschsprachiger Schriftsteller zwischen 1919 und 1945.

Frank Schirrmacher lobte das Buch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als „eine beispiellose Quelle, die Auskunft gibt über das Verhältnis von Intellektuellen und Nationalsozialismus, ein neues, überaus anregendes und weitreichendes Standardwerk, das viele Legenden zerstört und darüber hinaus außerordentlich aktuell ist.“[1]. Der Historiker Burkhard Jellonek attestierte der Studie Akribie, und dass die Exilliteratur-Forschung manche ihrer früheren Ergebnisse neubewerten müsse. Gleichzeitig kritisierte er, dass Scholdt die Ergebnisse der seriösen Geschichtswissenschaft nicht sorgfältig zur Kenntnis genommen habe, was „zu etlichen holzschnittartig vergröbernden Ergebnissen“ führe.[2] Der Germanist Hans Eichner nannte das Buch einen „Markstein in der Geschichte der Exilforschung“. Die Lektüre aber sei „unerfreulich“. Eichner kritisierte, dass Scholdt etwa gegenüber Thomas und Heinrich Mann nicht ohne ein Argument ad hominem auskomme und bezeichnete einen Vergleich, den Scholdt zwischen Winston Churchill und Hitler anstellte, als „peinlich“.[3]

Von 1990 bis 1996 arbeitete Scholdt am Landesinstitut für Pädagogik und Medien in Saarbrücken-Dudweiler. Am selben Ort leitete er 1996 bis 2011 das Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass. 1998 wurde er zum Professor ernannt. Inzwischen befindet er sich im Ruhestand. Zwischen 2007 und 2011 redigierte er die Zeitschrift „Die neueste Melusine“ [4] Der Freundeskreis der Evangelischen Akademie Baden sprach Scholdt für seinen Vortrag Deutsche Literatur und „Drittes Reich“ - Eine Problemskizze[5] den er 1995 anlässlich einer Werner-Bergengruen-Tagung gehalten hatte, den interdisziplinären Bad Herrenalber Akademiepreis zu.

Seine Forschungs- und Publikationsschwerpunkte betreffen Regional- und Grenzliteratur im Raum Saarland, Lothringen, Luxemburg, Elsass; Literatur im Dritten Reich: Innere Emigration und Exil; Fragen der literarischen Wertung (Kanonbildung); aktuelle gesellschaftliche Deformationen und Befindlichkeiten. Neben verschiedenen Hörfunk-, literatur- und geschichtsdidaktischen Arbeiten sowie (Mit-) Herausgeberschaften – u.a. Gustav-Regler-Werkausgabe (15 Bde.; 1994ff), Dr. Mabuse: Medium des Bösen (3 Bde., 1994); Sammlung Bücherturm (bislang 12 Bde., 2002 ff) – veröffentlichte Scholdt eine Hundertschaft an wissenschaftlichen Publikationen zur deutschsprachigen Literatur seit Ende des 19. Jahrhunderts. [6]

Politisch engagiert sich Scholdt im Kreis der Neuen Rechten. Er publizierte in der Edition Antaios des Verlegers Götz Kubitschek und schreibt für dessen Zeitschrift Sezession sowie die Preußische Allgemeine Zeitung und die Junge Freiheit. Beim Institut für Staatspolitik und dem Zwischentag, einer kleinen Messe extrem rechter Verlage und Organisationen, hielt er Vorträge. Ende 2013 referierte er auf Einladung der Thüringer Alternative für Deutschland (AfD) programmatisch über Der historische Auftrag der AfD aus der Sicht eines Konservativen. Dabei beklagte er einen „grassierenden Antigermanismus“, empfahl „klassische konservative Tugenden zu pflegen“, kritisierte Einwanderungspolitik und Sozialstaatlichkeit und forderte, „Historiografie wieder einmal jenseits von aktuellen geschichtspolitischen Opportunitäten zu gestatten“.[7]

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Fall Norbert Jacques. Über Rang und Niedergang eines Erzählers (1880-1954). Heinz, Stuttgart 1976, ISBN 3-88099-021-2.
  • Günter Scholdt, Dirk Walter (Hrsg.): Stundenblätter „Hauptmann von Köpenick“. 7. Auflage. Klett, Stuttgart 1995, ISBN 3-12-927131-7.
  • Autoren über Hitler. Deutschsprachige Schriftsteller 1919-1945 und ihr Bild vom „Führer“. Bouvier, Bonn 1993, ISBN 3-416-02451-6.
  • Grenze und Region. Literatur und Literaturgeschichte im Grenzraum Saarland Lothringen-Luxemburg-Elsaß seit 1871. Gollenstein, Blieskastel 1996, ISBN 3-930008-29-7.
  • Günter Scholdt, Hermann Gätje (Hrsg.): Gustav Regler: Werke, Bd. 6: Sohn aus Niemandsland. Tagebücher 1940-1943 In: Gerhard Schmidt-Henkel, Ralph Schock, Günter Scholdt, Hermann Gätje, (Hrsg.): Gustav Regler, Werke. Stroemfeld, Basel/Frankfurt/M. 1994, ISBN 3-87877-434-6.
  • Gustav Regler. Odysseus im Labyrinth der Ideologien. Eine Biographie in Dokumenten. Röhrig Universitätsverlag, St. Ingbert 1998, ISBN 3-86110-182-3.
  • Zwischen Welt und Winkel. Alfred Guldens Werk- und Lesebuch. Röhrig Universitätsverlag, St. Ingbert 2004, ISBN 3-86110-352-4.
  • Adrienne Thomas. Aufzeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg. Ein Tagebuch. In: v. Alf Lüdtke, Hans Medick, Jan Peters, Claudia Ulbrich und Winfried Schulze (Hrsg.) Selbstzeugnisse der Neuzeit, Bd. 14. Böhlau, Köln 2004, ISBN 3-412-07704-6.
  • Zehn Jahre Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass. Röhrig Universitätsverlag, St. Ingbert 2006, ISBN 3-86110-418-0.
  • Das konservative Prinzip. Edition Antaios, Schnellroda 2011, ISBN 978-3-935063-95-1.
  • Vergeßt Broder! - Sind wir immer noch Antisemiten? Verlag Antaios, Schnellroda 2013, ISBN 978-3-944422-36-7
  • Günter Scholdt, Erich Baunach (Hrsg.): Stimmen aus dem Saarstaat: Zehn Autoren spiegeln das erste Nachkriegsjahrzehnt. Röhrig Universitätsverlag, St. Ingbert 2015, ISBN 978-3-86110-579-4.
  • Günter Scholdt, Hervé Atamaniuk (Hrsg.): Von Bitche nach Thionville: Lothringische Mundartdichtung der Gegenwart. Röhrig Universitätsverlag, St. Ingbert 2016, ISBN 978-3-86110-593-0.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Frank Schirrmacher: Schreibm tuat er si Hitler. Günter Scholdts monumentale Studie über Autoren und den NS-Staat. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. August 1993.
  2. Burkhard Jellonnek: Günter Scholdt, Autoren über Hitler, Bonn 1993 [Rezension]. In: Archiv für Sozialgeschichte 34 (1994), S. 703–707, zit. S. 706. (PDF).
  3. Hans Eichner: Günter Scholdt, Autoren über Hitler. Deutschsprachige Schriftsteller 1919–1945 und ihr Bild vom „Führer“. In: Arbitrium. Band 13, Heft 2 (1995), S. 254–258, ISSN (Online) 1865-8849, ISSN (Print) 0723-2977, DOI: 10.1515/arbi.1995.13.2.254, August 2009, zit. S. 258.
  4. Ausgaben der „Neuesten Melusine“ seit 2007. Abgerufen am 11. Februar 2013
  5. Günter Scholdt: Deutsche Literatur und 'Drittes Reich' – Eine Problemskizze. In: Frank-Lothar Kroll (Hrsg.): Die totalitäre Erfahrung: deutsche Literatur und Drittes Reich (= Literarische Landschaften. Bd. 5; hrsg. von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen). Dunncker & Humblot, Berlin 2003, ISBN 3-428-11277-6, S. 13–36.
  6. Übersicht der Veröffentlichungen von Günter Scholdt. Abgerufen am 11. Februar 2013
  7. Alexander Häusler und Rainer Roeser: Die »Alternative für Deutschland« – Eine Antwort auf die rechtspopulistische Lücke? In: Stephan Braun, Alexander Geisler, Martin Gerster (Hg.): Strategien der extremen Rechten. Hintergründe – Analysen – Antworten. 2. Aufl., Springer, Wiesbaden 2016, S. 122.