Gehen, ging, gegangen

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Gehen, ging, gegangen ist ein Roman von Jenny Erpenbeck, der 2015 auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis stand. Auf den letzten beiden Seiten befinden sich Danksagungen an Gesprächspartner und Unterstützer sowie ein Spendenaufruf mit dem Verwendungszweck „Flüchtlingsunterbringung (Roman)“.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Richard lebt allein, ist nicht mehr erwerbstätig und seit fünf Jahren Witwer. Er konnte das von ihm und seiner Frau bewohnte Haus nahe der Mauer in Ostberlin nach der Wende kaufen, hat als jüngst emeritierter Altsprachen-Professor viele noch unausgepackte Kartons aus dem Institut, und seine jüngere Geliebte hat ihn vor Kurzem verlassen. Aber er hat genügend Geld. In dem See, an den das Grundstück grenzt, ist im Sommer jemand ertrunken, der noch nicht gefunden wurde.

Auf dem Alex treten zehn männliche Geflüchtete aus afrikanischen Ländern in einen Hungerstreik und nennen ihre Namen nicht. Diese Nachricht erreicht Richard und fortan ist sein Leben mit dem Leben von afrikanischen Asylsuchenden verbunden, die auf dem Oranienplatz ausgeharrt hatten, die eine Vereinbarung des Berliner Senats unterzeichneten und die anschließend in drei verschiedenen Unterkünften (im Roman „Heim“ genannt) untergebracht und kurz danach behördlicherseits erneut zu einem Umzug gezwungen wurden. Richard nimmt mit einigen von ihnen Kontakt auf und führt mit ihnen Gespräche, bei denen er sich anfangs Notizen macht. In seinen Aufzeichnungen gibt er einigen Kosenamen (Apoll, Tristan), andere nennt er bei ihren bürgerlichen Vornamen (Ali, Karon, Osarobo, Rashid, Rufu). Bald darauf gibt Richard Zweien von ihnen im Rahmen eines Deutschkurses etwas Unterricht für Fortgeschrittene, einen anderen begleitet er zum Amt, einem erfüllt er bei sich zuhause dessen Traum und zeigt ihm, wie Klavierspielen geht, einem weiteren verschafft er über die Weihnachtstage einen Pflegejob in der Familie einer Bekannten.

Richard hat von sich den Eindruck, der einzige Deutsche zu sein, der dies für einen bestimmten Kreis von Geflüchteten tut. Er informiert sich durch Lektüre über geografische und politische Hintergründe, meldet, als sich auf der Straße sonst niemand mit einem deutschen Pass findet, erstmals in seinem Leben eine Demonstration an und erlebt hautnah die Schikanen durch Behörden und die Berliner Polizei mit. Als er zugunsten der Mutter und der jüngeren Geschwister eines Emigranten, die ab der nächsten Ernte ein Auskommen haben würden, einen Grundstückskauf in Ghana für 3000 Euro tätigen will, verschafft ihm dies einen Kurzbesuch in der ghanaischen Gemeinde in Berlin.

Einem Einbruch in sein Haus geht er nicht weiter nach und sendet nur ein paar lapidare SMS an denjenigen, den er verdächtigt, und erhält lapidare Antworten. Als die meisten der Oranienplatz-Aktivisten, mit denen er in Kontakt ist, abgeschoben werden sollen, nehmen Richard und einige Leute in seinem bürgerlichen Umfeld diesen oder jenen Geflüchteten bei sich zuhause auf oder bieten im Hinterzimmer ihres Ladenlokals einen Schlafplatz an. Am Ende, bei seiner Geburtstagsfeier in Richards Garten, findet sein Mitbewohner Khalil eine gewisse Gemeinsamkeit, als Richard auf die Frage von Ali, wovor Richard Angst gehabt habe, sagt, er habe nach der von ihm verlangten Abtreibung am Bein seiner Frau Blut herunterlaufen sehen und sie dafür gehasst, dass sie sterben würde. Als Khalil fragt, ob es wie auf dem Meer sei, bestätigt ihm Richard, dass sie sich im Prinzip einig sind: Was man aushält, sei nur die Oberfläche von dem, was man nicht aushalte.

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rezensionen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literaturwissenschaftliche Beiträge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Maria Behre: „GIVE US A PLACE“ – Politischwerden auf dem Oranienplatz. Jenny Erpenbecks Roman „Gehen, ging, gegangen“ (2015), gelesen mit Hannah Arendts politischer Philosophie. In: Zeitschrift für Didaktik der Philosophie und Ethik. Jahrgang 39, Heft 1: Hannah Arendt. Siebert-Verlag, 2017, ISSN 0945-6295, S. 58–65.

Zur Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Dass Erpenbecks Buch trotz Favoritenrolle nicht den Deutschen Buchpreis zugesprochen bekam, ist auch der Scheu der Jury zuzuschreiben, ein solch kontrovers diskutiertes Thema für eine Saison in den Mittelpunkt des literarischen Lebens zu stellen“, so die Einschätzung von Andreas Platthaus in der Frankfurter Allgemeinen.[1]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Andreas Platthaus: Seid politisch! Und sie kann es doch: Wie Literatur die Welt verbessert, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. Oktober 2015, S. 9