Genozid in Kambodscha

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Stupa mit Schädeln der Opfer in Choeung Ek

Der Genozid in Kambodscha ereignete sich in den Jahren 1975–79 unter der Herrschaft der Roten Khmer. Bei dem Genozid kamen je nach Schätzung bei einer Gesamtbevölkerung von ungefähr 8 Millionen zwischen 750.000 und mehr als 2 Millionen Kambodschaner durch Hinrichtung in den Killing Fields, Zwangsarbeit, Hunger und mangelhafte medizinische Versorgung ums Leben. Um diese Massenmorde des steinzeitkommunistischen Pol-Pot-Regimes von anderen Völkermorden zu unterscheiden, werden sie mitunter als Autogenozid bezeichnet. Das Rote-Khmer-Tribunal führt als Internationales Gericht seit dem Jahr 2007 Untersuchungsverfahren gegen einige hochrangige Führer des Demokratischen Kampuchea wegen der begangenen Verbrechen durch.

Das Pol-Pot-Regime[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Genozid in Kambodscha begann am 17. April 1975 mit dem Einmarsch der Roten Khmer in Phnom Penh, der ihren Sieg im Kambodschanischen Bürgerkrieg markierte. Bis zum Ende des Pol-Pot-Regimes am 6. Januar 1979 fanden dabei laut gängigsten Schätzungen 2 Millionen Menschen den Tod, wobei möglicherweise 40 % von ihnen an Hunger und Krankheiten starben. Dies war eine Folge der Landwirtschaftspolitik im Demokratischen Kampuchea, die die traditionellen Anbaumethoden und sozialen Strukturen zugunsten einer Zwangskollektivierung zerschlug. Die historisch gewachsene Anordnung der Reisfelder wurde einem System aus Gitternetzlinien geopfert, Märkte verboten, Kanäle und Dämme ohne technische Hilfsmittel gebaut sowie ans Fantastische grenzende Planziele für die Ernte vorgegeben. Ein großer Teil der Reisproduktion wurde zudem nicht an die lokale Bevölkerung verteilt, sondern hauptsächlich nach China exportiert. Bestimmte ethnische, religiöse und soziale Gruppen hatten unter der Herrschaft der Roten Khmer besonders zu leiden. Die Gesamtbevölkerung wurde in „new people“ und „old people“ eingeteilt, von denen die letzteren zwar im Vergleich privilegiert waren aber trotzdem in großer Zahl Opfer des Genozids wurden. Die Bewohner der Städte wurden als „new people“ auf das Land deportiert, wo sie Zwangsarbeit verrichteten. Familienstrukturen wurden zerschlagen und nahezu jeder Aspekt des Lebens durch die allgegenwärtige Angka, eine Frontorganisation der Kommunistischen Partei Kambodschas, kontrolliert. Außerdem wurde das Gesundheits- und Bildungssystem praktisch abgeschafft. Die Einteilung der Bevölkerung in unterschiedliche Gruppen wurde zum Teil durch Symbole kenntlich gemacht. So musste die aus den östlichen Provinzen verschleppte Bevölkerung blaue Halstücher tragen, um sie als potenzielle „Khmer mit vietnamesischen Geist“ kenntlich zu machen. Politische Säuberungen, die für die Betroffenen in Foltergefängnissen wie Tuol Sleng und den Killing Fields endeten, wurden damit begründet „innere Feinde“ und „Mikroben“ zu vernichten um die Gesellschaft zu „reinigen“.[1]

Insbesondere in der Rechtswissenschaft ist bis heute umstritten, ob die Massenmorde als Genozid gewertet werden können. Da die Mehrheit der Opfer Khmer waren, die die mit Abstand größte Ethnie in Kambodscha bilden, greift in diesem Falle nicht die enge Definition der Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes. Daher wird dieses Ereignis zum Teil als Autogenozid bezeichnet, um es von anderen Völkermorden abzugrenzen.[2] Im Allgemeinen wird sowohl journalistisch als auch wissenschaftlich vom Genozid in Kambodscha gesprochen. Ein weiteres Problem bei der Eingrenzung des Begriffs ist die Zeitachse: Massenverbrechen in Kambodscha erfolgten zum einen vor dem Pol-Pot-Regime, also während des Kambodschanischen Bürgerkriegs und durch amerikanische Flächenbombardements wie die Operation MENU, bei denen insgesamt ein Drittel der Bevölkerung vertrieben wurde und mehrere Hunderttausende getötet wurden, zum anderen danach während des langen Bürgerkriegs von 1979–98.[3]

Einschätzungen zur Opferzahl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schätzungen über die Gesamtzahl der Opfer divergieren stark, Ben Kiernan vom Genocide Studies Program der Yale University gibt sie mit mehr als 1,6 Millionen von knapp 8 Millionen Gesamtbevölkerung an.[4] Eine konservative Schätzung durch Michael Vickery anhand von Bevölkerungsstatistiken von Angus Maddison geht von 750.000 aus.[5] David P. Chandler führt als untere Grenze 800.000 bis 1 Million Opfern aus, wobei die Toten des Krieges gegen Vietnam nicht mitgezählt werden. Als wahrscheinlich gibt er an, dass beim Genozid in Kambodscha mehr als 1 Millionen an den Folgen der Massenvertreibung, also an Hunger, Überarbeitung und mangelhafter medizinischer Versorgung starben. Mehr als 100.000 weitere Kambodschaner wurden als Staatsfeinde hingerichtet. Von diesen Exekutionen waren insbesondere auf dem Land etliche impulsiven Überreaktionen junger Parteikader geschuldet, während die Morde in Tuol Sleng und anderen Foltergefängnissen planvoller erfolgten. Im Krieg mit Vietnam starben zusätzlich Zehntausende Kambodschaner.[6] Der Demograph Marek Sliwinski sowie statistische Analysen von Vincent Heuveline und Bruce Sharp kommen auf eine Opferzahl von über 2 Millionen. Der frühere Premierminister Lon Nol sprach später von 2,5 Millionen Toten und Pen Sovan, der erste Generalsekretär der Kampucheanischen Revolutionären Volkspartei, nannte 3,1 Millionen Opfer, was die offizielle Position Hanois widerspiegelte.[7] Der amerikanische Polititkwissenschaftler Rudolph Joseph Rummel definiert die Gewalterrschaft der Roten Khmer als einen Demozid und gibt für den Zeitraum von 1975 bis 1987 eine Opferzahl von 2,85 Millionen an.[8]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Diverse Autoren: Cambodian Genocide. In Paul R. Bartrop & Steven Leonard Jacobs (Hrsg.): Modern Genocide: The Definitive Resource and Document Collection. (Volume 1). ABC-Clio, Santa Barbara 2015, ISBN 978-1-61069-363-9, S. 439–631.
  • Susan E. Cook (Hrsg.): Genocide in Cambodia And Rwanda: New Perspectives. (4. Auflage). Transaction Publishers, New Brunswick 2009, ISBN 978-0-7658-0308-5.
  • Ben Kiernan: The Pol Pot Regime: Race, Power, and Genocide in Cambodia Under the Khmer Rouge, 1975-79. (3. Auflage). Yale University Press, New Haven 2008, ISBN 978-0-300-14434-5.
  • Philip Short: Pol Pot: The History of a Nightmare. Hodder & Stoughton, London 2004, ISBN 978-0-7195-6569-4.
  • James A. Tyner: The Killing of Cambodia: Geography, Genocide and the Unmaking of Space. Routledge, Abingdon 2016, ISBN 978-0-7546-7096-4.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Helen Jarvis: Cambodian Genocide Overview. In Paul R. Bartrop & Steven Leonard Jacobs (Hrsg.): Modern Genocide: The Definitive Resource and Document Collection. (Volume 1). ABC-Clio, Santa Barbara 2015, ISBN 978-1-61069-363-9, S. 441, 442.
  2. David P. Chandler: Brother Number One: A Political Biography of Pol Pot (Revised Edition). Westview, 1999 Boulder (CO). Silkworm Books, Chiang Mai (Thailand) 2000, ISBN 974-7551-18-7, S. 3, 4.
  3. Helen Jarvis: Cambodian Genocide Overview. In Paul R. Bartrop & Steven Leonard Jacobs (Hrsg.): Modern Genocide: The Definitive Resource and Document Collection. (Volume 1). ABC-Clio, Santa Barbara 2015, ISBN 978-1-61069-363-9, S. 442–444.
  4. Ben Kiernan: The Pol Pot Regime. Race, Power and Genocide in Cambodia under the Khmer Rouge, 1975–79 (2nd Edition). S. 458.
  5. Steven Rosefielde: Red Holocaust. Routledge, New York 2010, ISBN 0-203-86437-9, S. 119.
  6. David P. Chandler: Brother Number One: A Political Biography of Pol Pot (Revised Edition). S. 4, 160.
  7. Steven Rosefielde: Red Holocaust. Routledge, New York 2010, ISBN 0-203-86437-9, S. 119, 120.
  8. Rudolph J. Rummel: "Demozid" - der befohlene Tod: Massenmorde im 20. Jahrhundert. LIT Verlag, Münster 2003, ISBN 3-8258-3469-7, S. 239.