Georg Geismann

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Georg Geismann (* 11. Februar 1935 in Gelsenkirchen) ist ein deutscher Politikwissenschaftler und Philosoph.

Ausbildung und Beruf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An ein Studium der Betriebswirtschaftslehre in den Jahren 1954 bis 1959 an den Universitäten Köln und Amsterdam mit dem Abschluss Diplom-Kaufmann schloss Geismann ein weiteres Studium in Politikwissenschaft, Philosophie und Volkswirtschaftslehre in Den Haag und Köln an. Nach der Promotion 1964 an der Universität zu Köln mit einer Arbeit zum politischen System der Niederlande folgte ein zweijähriger Studienaufenthalt in Paris. Im Anschluss war Geismann von 1966 bis 1970 Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Mannheim. Währenddessen konnte er einen längeren Studienaufenthalt in Israel wahrnehmen. Seine Habilitation erfolgte im Jahr 1971 mit der Schrift Ethik und Herrschaftsordnung an der Universität Mannheim; in seinem Habilitationsvortrag beschäftigte er sich mit der Innen- und Außenpolitik Israels.[1] Danach war Geismann zunächst Privatdozent in Mannheim mit einer Lehrstuhlvertretung (Dolf Sternberger) 1973 in Heidelberg.

Im Jahr 1973 wurde Geismann Professor für Politische Philosophie und Wissenschaftstheorie an der Universität der Bundeswehr München. Forschungen zur politischen Philosophie in der Tradition von Immanuel Kant, Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau stehen im Fokus seiner Interessen. Hierzu legte er auch eine Reihe von kritischen Aufsätzen zur angemessenen Interpretation Kants vor.[2]

Im Jahr 1995 verließ Geismann die Universität der Bundeswehr München und lebte für einige Jahre in Florenz und Venedig; seit 2005 wohnt er in Berlin und arbeitete ehrenamtlich zunächst als Vollzugshelfer und Schulmediator, seit 2015 als Deutschlehrer für Flüchtlinge.

In seiner Abschiedsvorlesung vertrat er zur Rechtfertigung von Desertionen im Zweiten Weltkrieg in Übereinstimmung mit der Radbruch’sche Formel die These: „Ein Verstoß gegen Rechte des Bürgers - ich nenne ihn „Ungerechtigkeit“ - erfolgt als solcher innerhalb der rechtlichen Grenzen, die staatlicher Herrschaftsausübung gezogen sind. Daher hebt die Ungerechtigkeit staatlicher Befehle die Gehorsamspflicht der Bürger nicht auf. Ein Verstoß gegen das Recht der Menschheit hingegen - ich nenne ihn „Unrecht“ - erfolgt als solcher außerhalb jener Grenzen. Das Unrecht staatlicher Befehle hebt deshalb die Gehorsamspflicht der Bürger auf.“[3]

Auseinandersetzung mit Michael Wolffsohn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem Geismann im Januar 1992 Dekan der Fakultät für Sozialwissenschaften geworden war, entwickelte sich ein Streit mit seinem Fakultätskollegen Michael Wolffsohn um Lesungen aus Hitlers berüchtigtem Buch Mein Kampf, die Geismann in den zurückliegenden Jahren insgesamt dreimal an der Universität bzw. an der benachbarten Volkshochschule in Neubiberg vor einem historisch interessierten Publikum gehalten hatte. Der Streit eskalierte in den folgenden Monaten, erhielt etliches Presseecho und führte zu einer Frontenbildung in der Professorenschaft. Der zunächst unbeteiligte Präsident der Universität, Jürgen von Kruedener, wurde in den Strudel der Ereignisse hineingezogen und musste zurücktreten.[4][5][6][7] Henryk M. Broder nannte diese Auseinandersetzung eine „Geisterstunde bei der Bundeswehr“.[8]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

weitere im Netz verfügbare Texte Geismanns

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Georg Geismann: Auswirkungen der Idee eines jüdischen Staates in der Innen- und Außenpolitik Israels, unveröffentlichter Habilitationsvortrag, Mannheim 1971. Manuskript im Web, PDF-Dokument
  2. Die Formeln des kategorischen Imperativs nach H. J. Paton, N.N., Klaus Reich und Julius Ebbinghaus1 (PDF; 58 kB), Der Berliner Antisemitismusstreit und die Abdankung der rechtlichpraktischen Vernunft (Memento des Originals vom 31. Januar 2012 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/sammelpunkt.philo.at (PDF; 37 kB), Politische Philosophie – hinter Kant zurück? Zur Kritik der „klassischen“ Politischen Philosophie@1@2Vorlage:Toter Link/sammelpunkt.philo.at (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. (PDF; 47 kB), Nachlese zum Jahr des „ewigen Friedens“. Ein Versuch, Kant vor seinen Freunden zu schützen (Memento des Originals vom 7. März 2016 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/sammelpunkt.philo.at (PDF; 62 kB), Naturrecht nach Kant. Zweite und letzte Replik zu einem in jeder Hinsicht untauglichen Versuch, die „klassische“ Naturrechtslehre - besonders in ihrer (spät-)christlichmittelalterlichen Version - wiederzubeleben (Memento des Originals vom 23. November 2015 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/sammelpunkt.philo.at (PDF; 94 kB), Philosophie vom Flohmarkt und für den Sperrmüll: Ulrich Steinvorth und Herbert Keuth@1@2Vorlage:Toter Link/sammelpunkt.philo.at (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. (PDF; 29 kB), Kants Weg zum Frieden. Spätlese von Seels „Neulesung“ des Definitivartikels zum Völkerrecht (Memento des Originals vom 14. März 2016 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/sammelpunkt.philo.at (PDF; 52 kB), Guido Löhrer: Menschliche Würde. Wissenschaftliche Geltung und metaphorische Grenze der praktischen Philosophie Kants. (Memento des Originals vom 16. März 2016 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/sammelpunkt.philo.at (PDF; 19 kB), Warum Kants Friedenslehre für die Praxis taugt und warum die Friedenslehren von Fichte, Hegel und Marx schon in der Theorie nicht richtig sind. (PDF; 55 kB), John Deweys „Deutsche Philosophie und deutsche Politik“ (Memento des Originals vom 12. März 2016 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/sammelpunkt.philo.at (PDF; 17 kB), Zur sogenannten „Politischen Philosophie“ von Marx und Engels (Memento des Originals vom 30. April 2016 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/sammelpunkt.philo.at (PDF; 35 kB), Vicente Durán Casas: Die Pflichten gegen sich selbst in Kants „Metaphysik der Sitten“ (Memento des Originals vom 14. März 2016 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/sammelpunkt.philo.at (PDF; 14 kB)
  3. Georg Geismann: ”Befehl ist Befehl”. Vom Umgang mit der NS-Vergangenheit (Memento des Originals vom 24. Dezember 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/sammelpunkt.philo.at (PDF; 53 kB), in: Zeitschrift für Politikwissenschaft, 6 (1996) 601-622
  4. Gernot Kramper: Jeder blamiert sich, so gut er kann. In: Die Zeit Nr. 14, 2. April 1993 Artikel im Web
  5. Georg Geismann liest Texte zur Deutschen Katastrophe
  6. Georg Geismann: Die Affäre Wolffsohn oder Die Nachwehen der deutschen Vergangenheit, unveröffentlichtes Manuskript, 1994, Text als PDF-Dokument im Webund in: Georg Geismann, Einmischung ist Bürgerpflicht. Eingriffe und Angriffe 1963-2013, Würzburg 2014, S. 185–219
  7. Michael Wolffsohn: Verwirrtes Deutschland? Provokative Zwischenrufe eines deutschjüdischen Patrioten, Ullstein, Berlin 1995, ISBN 978-3-548-33202-4
  8. Henryk M. Broder: Geisterstunde bei der Bundeswehr, Die Zeit, 4. September 1992