Gerling

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Gerling (Begriffsklärung) aufgeführt.
Gerling Beteiligungs-GmbH
Gerling-Logo
                     HDI-Gerling
Rechtsform GmbH
Gründung 4. Mai 1904
Auflösung April 2006
Auflösungsgrund Fusion
Sitz Köln, Deutschland
Branche Banken und Versicherungen
ehemaliger Gerling-Unternehmenssitz in Köln - Gebäudekomplex „Im Klapperhof

Die Gerling-Versicherungsgruppe war ein international operierender Kölner Versicherungskonzern, der im April 2006 vom Talanx-Konzern, Deutschlands drittgrößter Versicherungsgruppe, übernommen wurde. Die ehemalige Gerling-Versicherungsgruppe ist inzwischen gesellschaftsrechtlich in den Talanx-Konzern integriert. Unter den Marken „HDI Global SE“ und „HDI“ sind die zusammengeführten Bereiche von HDI und Gerling auf dem Markt aktiv.

Unter dem Dach der HDI-Gerling Beteiligungs-GmbH vereinte die Gerling-Gruppe den Sachversicherer Gerling-Konzern Allgemeine Versicherungs-AG und den Lebensversicherer Gerling-Konzern Lebensversicherungs-AG, denen weitere Vertriebs- und Dienstleistungsgesellschaften zugeordnet waren.

Die Gerling Versicherungsgruppe beschäftigte weltweit in über zwanzig Ländern ca. 6400 Mitarbeiter (Stand: April 2005). Die Prämieneinnahmen beliefen sich 2005 auf ca. 4,56 Mrd. Euro, der Gewinn betrug 158 Mio. Euro.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Robert Gerling gründete zunächst in Köln zusammen mit dem Wäschefabrikanten Wilhelm Marum am 11. März 1904 die Centrale für Versicherungswesen Robert Gerling & Co. Ges. m. b. H.,[1] am 4. Mai 1904 entstand mit Marum das Bureau für Versicherungswesen Robert Gerling & Co. GmbH[2] mit einem Startkapital von 1.000 Mark.[3] Als im November 1904 der Bilanzverlust dieses Unternehmens bereits feststand, beschlossen Gerling und Marum, einen eingetragenen Verein ins Leben zu rufen, der am 5. Dezember 1904 unter dem Namen Rheinischer Versicherten-Verband eingetragen wurde[4] und die Versicherungsnehmer beriet.

Gerling konzentrierte sich bereits zu jenem Zeitpunkt auf die Industrieversicherung, insbesondere Feuerversicherung. Am 23. Oktober 1909 rief er mit der Rheinischen Feuerversicherungs-AG sein erstes eigenes Versicherungsunternehmen ins Leben, das mit der Kronprinz Versicherungs-AG kooperierte und diese im Dezember 1936 verschmolz. Anfang 1914 schied Marum aus dem Bureau für Versicherungswesen aus. Gerling konnte es sich inzwischen finanziell leisten, das Stammkapital in Höhe von 11.200 Mark zu übernehmen, sein Bruder Richard steuerte die übrigen 8.800 Mark bei. Im Januar 1917 schuf Robert Gerling mit der Rheinischen Versicherungsbank AG - ohne Bankfunktionen - eine eigene Rückversicherung für die hauseigene Rückdeckung. Sie entstand unter Mithilfe zahlreicher Industrieller und erhielt ein Gründungskapital von 750.000 Mark.[5]

Im August 1914 zog der auf fünf Häuser verteilte Konzern in das gerade fertiggestellte siebengeschossige Deichmannhaus in der Trankgasse 7-9 auf die vierte Etage.[6] Nachdem die englische Besatzungsmacht im Winter 1918 das Deichmannhaus mit den gemieteten Geschäftsräumen beschlagnahmt hatte, stand der Gerling-Konzern vor der Notwendigkeit, mit seinen Gesellschaften umzuziehen und erwarb 1920 das 1882-1886 von dem Architekten Hermann Otto Pflaume für Johann Gottlieb von Langen erbaute Palais von Langen in der Von-Werth-Straße 14 als neuen Firmensitz.[7] Nach der Gründung weiterer Versicherungen entstand am 24. Februar 1918 mit einem Grundkapital von 7 Millionen Mark die Allgemeine Versicherungs-AG, die im März 1923 den Namen Gerling-Konzern Allgemeine Versicherungs-AG annahm und als Holding der verschiedenen Versicherungsgesellschaften und der inzwischen 18 erworbenen regionalen Sachversicherungen fungierte. Im Oktober 1922 ging die Friedrich Wilhelm, Preussische Lebens- und Garantie-Versicherungs-Actien-Gesellschaft im Gerling-Konzern auf.

Inzwischen Millionär, erwarb Robert Gerling privat am 22. November 1922 für 41 Millionen Mark die in der Villenkolonie Köln-Marienburg gelegene Villa Marienburg, die die Familie wegen einer noch andauernden britischen Beschlagnahme erst 1926 beziehen konnte. In einer Abmachung vom 12. Juli 1934 übertrug er seinem ältesten Sohn Hans die Aktien am Gerling-Konzern, behielt sich jedoch die Stimmrechte bis zu seinem Tod vor. Nachdem Robert Gerling kurz danach im Januar 1935 an den Folgen einer akuten Lungenentzündung verstarb, hinterließ er seinen drei Söhnen kein rechtsgültiges Testament. Seine Nachkommen stritten in den folgenden Jahren in zahlreichen Testamentsprozessen, bevor sie sich im April 1958 auf einen Vergleich einigten.[8] Sein Sohn Hans Gerling übernahm erst 1945 die Konzernleitung. Bei einem Luftangriff kamen zuvor am 27. September 1944 insgesamt 27 Versicherungsmitarbeiter ums Leben.

Seit den 1930er-Jahren dehnte die Versicherung ihre Räumlichkeiten von der Von-Werth-Straße 14 kontinuierlich weiter aus. In den 1950er-Jahren wurden unter Beteiligung der Architekten Hentrich und Heuser die Bürogebäude in Richtung Gereonshof komplexartig ausgeweitet. Die Fertigstellung des Gerling-Hochhauses im Kölner Gereonsviertel am 25. Januar 1953 setzte einen städtebaulichen Akzent. Auf Betreiben von Hans Gerling wirkte der Bildhauer Arno Breker an der Gestaltung mit.[9] Bis in die 1980er-Jahre wurde der bald so genannte Gerling-Komplex nach und nach in Richtung Friesenstraße zu einem eigenen Stadtviertel ausgedehnt. Nach dem Tod von Robert Gerling übernahm Walter Forstreuter[10] die Leitung des Unternehmens. Weder Mitglieder der Familie Gerling noch Forstreuter waren Mitglieder der NSDAP. Dennoch profitierte Gerling, wie auch die Wettbewerber von Aufträgen des Staates und der NSDAP. Nach Kriegsende erhielt 1945 Hans Gerling, Sohn des Unternehmensgründers, von der amerikanischen Militärregierung die Zulassung als erstes deutsches Versicherungsunternehmen.

Zwischen 1929 und 1954 war Hermes die einzige Versicherungsgesellschaft in Deutschland, die sämtliche Kreditversicherungssparten anbot. Hans Gerling gründete als Konkurrenz am 20. April 1954 die Gerling Speziale Kreditversicherungs-AG, die zunächst Warenkredit-, Kautions- und Vertrauensschadenversicherung betrieb. Nachdem Hans Gerlings Jugendfreund Iwan David Herstatt am 2. Juni 1955 das unbedeutende Kölner Bankhaus Hocker & Co. erworben hatte, beteiligte sich Gerling mit einer Einlage von 5 Millionen DM als Kommandit-Aktionär (81,4 %; der Rest lag bei Tochtergesellschaften des Gerling-Konzerns) am Bankhaus, das seit dem 10. Dezember 1955 als „Bankhaus I. D. Herstatt KGaA“ firmierte. Durch die Beteiligungsmehrheit war die Herstatt-Bank eine Tochtergesellschaft des Gerling-Konzerns. Durch Fehlspekulationen der Herstatt-Bank geriet diese ab Juni 1973 in eine Bankenkrise, von der sie sich nicht mehr erholte. Am 26. Juni 1974 nahm das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen die der Herstatt-Bank erteilte Banklizenz zurück.

Im Juli 1973 schleuste sich der Publizist Günter Wallraff für 2 Monate als Pförtner und Hausbote in den Konzern ein und berichtete über „anachronistische Arbeitsbedingungen, Kündigungswillkür, und Launen der vornehmen Vorgesetzten, denen die 'kleinen Angestellten' in dem patriarchalisch geführten Versicherungsunternehmen ausgeliefert waren“.[11]

Im Dezember 1974 musste Gerling unter öffentlichem Druck 49 % der Aktien seines Konzerns an die Deutsche Bank als Kreditsicherheit verpfänden, eine aus 59 Industriefirmen bestehende Versicherungs-Holding der Deutschen Industrie (VHDI) - deren Mehrheitsaktionär Friedrich Karl Flick war - erwarb 25,9 %, die restlichen 25,1 % der Aktien übernahm die Zürich Versicherungs-Gesellschaft. Der Verkauf brachte 210 Millionen DM in die Vergleichsmasse des Bankhauses Herstatt, die Gerling freiwillig zur Ermöglichung eines Zwangsvergleichs zahlte.[12] Die Zürich verkaufte im Februar 1978 ihre Anteile an die VDHI. Nachdem Gerling im Januar 1986 insgesamt 88,8 % Anteile von VHDI zurück erwerben und die Verpfändung wieder aufgelöst werden konnte, besaß er wieder die Kontrolle über den Gerling-Konzern. Nach Hans Gerlings Tod im August 1991 übernahm dessen Sohn Rolf Gerling als Alleinerbe den Konzern, aus dem nach hohen Verlusten durch die Folgen der Anschläge vom 11. September 2001 in New York sowie Schäden aus der amerikanischen Rückversicherungstochter 2003 die Gerling Rückversicherung und die Beteiligung an dem Kreditversicherer Gerling NCM verkauft wurden. Rolf Gerling hielt nunmehr 94 % der Gerling-Gruppe, Aufsichtsratsvorsitzender Joachim Theye 6 %.

Im Oktober 2001 wurde am damaligen Stammsitz das Gerling Ring-Karree in der Nähe des Friesenplatzes nach einem Entwurf des Architekten Sir Norman Foster fertiggestellt und bezogen.

Am 8. November 2005 wurde offiziell bekanntgegeben, dass der Talanx-Versicherungskonzern die operativen Gesellschaften der Gerling-Gruppe zum Kaufpreis von rund 1,4 Mrd. € übernehmen werde.[13] Am 25. April 2006 gaben Talanx und Gerling bekannt, dass alle Zustimmungen zur Übernahme durch die Talanx vorlägen und das sogenannte Closing zum Ende des Monats April 2006 erfolgen könne, womit die Übernahme abgeschlossen sei. Damit endete die Familiengeschichte des Gerling-Konzerns.

Björn Jansli legte zum 1. Mai 2006 seine Ämter nieder. Neuer Sprecher der Geschäftsführung ist Herbert K. Haas. Seit November 2006 bis Anfang 2011 trat die bislang auf Gerling Investment GmbH lautende Anlagegesellschaft unter AmpegaGerling auf. Mittlerweile firmiert AmpegaGerling unter Ampega Investment GmbH. Ebenfalls wurde die Gerling Lebensversicherungs AG (GKL) in HDI-GERLING Lebensversicherung umbenannt. Inzwischen firmiert sie unter HDI Lebensversicherung AG.

Der Bereich Lebensversicherung und der Bereich Sach- und Rechtsschutzversicherung wurde nach Hannover konsolidiert und verlagert. Im Rahmen der bundesweiten Neustrukturierung wurde im Juli 2006 offiziell von einem Stellenabbau von bis zu 1800 Mitarbeitern gesprochen.[14]

Die Gerling-Gebäude im Kölner Gereonsviertel verkaufte der neue Eigentümer Talanx an die Frankonia Eurobau AG.[15] Sie wurden ab 2010 unter dem Namen „Gerling Quartier“ in eine exklusive Wohnanlage umgestaltet.[16] Neue Räumlichkeiten für den Bereich Lebensversicherungen wurden in den renovierten Rheinhallen auf dem Messegelände Köln-Deutz im September 2009 bezogen. Das Gerling Quartier wurde im September 2012 von der Frankonia Eurobau AG an den bisherigen 50 %igen Eigentümer Immofinanz verkauft.[17]

Durch die Umfirmierung der HDI-Gerling Industrie Versicherung AG in die HDI Global SE verschwand im Januar 2016 der Name Gerling endgültig aus der Versicherungswirtschaft.[18]

Geschäftsfelder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gerling Versicherungsgruppe gehörte nach Unternehmensangaben zu den Marktführern der Industrieversicherer in Europa und zu den führenden Anbietern von betrieblicher Altersvorsorge in Deutschland. Zu den Geschäftsfeldern zählten Versicherungen und Finanzdienstleistungen für große Wirtschaftsunternehmen, kleine- und mittelständische Unternehmen als auch Freiberufler und Privatpersonen. Weitere Dienstleistungen waren Risikoanalyse- und Beratung sowie Asset Management.

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Gerling-Konzern verfügte über eine Kunstsammlung, die im Jahre 2008 rund 4.500 Bilder umfasste. Bei den Werken, die für das Gerling Ring-Karree angekauft worden sind, handelt es sich überwiegend um Originale sowie hochwertige Fotografien und teilweise Grafiken. 20 Prozent der Kunst im Ring-Karree stammen von etablierten Künstlern, 80 Prozent der Kunst wurde in den letzten zwei Jahren von jungen Künstlern erworben.[19]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Gerling-Konzern – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wolf von Niebelschütz, Robert Gerling, ein dramatisches Kapitel deutscher Versicherungsgeschichte, 1954, S. 67
  2. Klara van Eyll/Renate Schwärzel, Deutsche Wirtschaftsarchive, Band 1, 1994, S. 96
  3. Peter Koch, Geschichte der Versicherungswirtschaft in Deutschland, 2012, S. 141
  4. Wolf von Niebelschütz, Robert Gerling, ein dramatisches Kapitel deutscher Versicherungsgeschichte, 1954, S. 87
  5. F. Steiner Verlag, Zeitschrift für Unternehmensgeschichte, Bände 50-51 , 2005, S. 49
  6. Wolf von Niebelschütz, Robert Gerling: Ein dramatisches Kapital deutscher Wirtschaftsgeschichte, 1954, S. 189
  7. 100 Jahre Gerling – Eine Chronik
  8. DER SPIEGEL 17/1958 vom 23. April 1958, Der Bruderkrieg, S. 6 ff.
  9. koelnarchitektur.de: Die Gerling-Bauten im Friesenviertel
  10. O. V., Von Friedrich Wilhelm zu Gerling - Ein Jahrhundert Lebensversicherung 1866-1966, 1966, S. 82
  11. Johannes Ludwig, Investigativer Journalismus. Recherchestrategien. Quellen. Informanten. UVK, Konstanz 2002, ISBN 3-89669-348-4. S.176
  12. Peter Koch, Geschichte der Versicherungswirtschaft in Deutschland, 2012, S. 414
  13. Felix Harbart, HDI-Versicherung baut neue Konzernzentrale, Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 7. Juli 2007
  14. Welt.de vom 20. Juli 2006, Talanx streicht nach Gerling-Übernahme 1800 Stellen, abgerufen am 25. Juni 2014
  15. Frankonia Eurobau
  16. Gerling-Quartier über das Bauvorhaben
  17. Immofinanz übernimmt Kölner Gerling-Quartier
  18. LR-Online, Versicherungsbranche verliert einen großen Namen, Lausitzer Rundschau, 8. Januar 2016, abgerufen am 10. Januar 2016
  19. Bauwatch, Ring-Karee: Das Kunstkonzept