Grete Bloch

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Margarete Bloch (geboren 21. März 1892 in Berlin; gestorben 1944 im KZ Auschwitz) war eine Freundin Felice Bauers und Briefpartnerin Franz Kafkas.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grete Bloch war eine Tochter des Handelsvertreters Louis Bloch und seiner Frau Jenny, geb. Meyerowitz († 1922). Sie besuchte eine höhere Töchterschule, danach die Lette-Schule und dann die Handelsakademie Salomon in Berlin. Sie ergriff einen Beruf in der aufkommenden Büromaschinen-Branche und trug ihren Teil zum Familieneinkommen bei, aus dem auch ihr Medizin studierender Bruder Hans (1891–1944) unterhalten werden musste. Hans Bloch war zionistischer Kartell-Student,[1] seine ersten literarischen Versuche wurden später Kafka vorgelegt. Von 1908 bis 1915 war sie in Berlin und Wien für Handelsfirmen tätig, die Produkte der amerikanischen Büromaschinenfabrik Elliot-Fisher führten und schulte Bürokräfte für die „Elliot-Fisher Beschreib- und Fakturiermaschine mit selbsttätiger Addition“.[2][3] 1913 war sie für Union Zeiss[4] tätig und traf möglicherweise auf der Büromaschinenmesse in Frankfurt am Main auf die ebenfalls aus Berlin stammende, vier Jahre ältere Felice Bauer, die für die Berliner Carl Lindström AG tätig war. Die beiden schlossen eine langanhaltende Freundschaft. Bauer war seit August 1912 mit Kafka befreundet, der in einem Briefwechsel um sie warb.

Bloch war auf einer beruflich bedingten Reise von Berlin nach Wien, um dort eine Stelle bei der Firma „Joe Lesti Nachf.“ anzutreten, als sie erstmals am 30. Oktober 1913 im Hotel Schwarzes Roß in Prag Franz Kafka traf, um in der kriselnden Beziehung zwischen Bauer und Kafka ihn zu einer Fahrt nach Berlin zu bewegen.[5][6] Kafka begann nun auch mit ihr eine intensive Korrespondenz, die über den Anlass der Begegnung hinausführte und in der Kafka sie als „Klagemauer“[7] benutzte und in der auch private Probleme Grete Blochs zur Sprache kamen.[1] Am 7. April 1914 schickte er ihr in einem Paket als verkapptes Zeichen seiner Ehezweifel Franz Grillparzers Eigenbrötlererzählung Der arme Spielmann.[8] Am 24. Juni versuchte Kafka, Bloch für eine Schulungstätigkeit in Prag zu motivieren.

Nach der Verlobung Kafkas mit Felice Bauer an Pfingsten 1914 deckte Bloch ihr gegenüber die kompromittierende Korrespondenz Kafkas auf – die allzu intimen Passagen schnitt sie aus den Briefbögen heraus[8] –, woraufhin Bauer mit ihrer Schwester Erna und Grete Bloch den heiratsscheuen Kafka in seinem Berliner Hotel im Askanischen Hof einem Kreuzverhör unterzog, als dessen Ergebnis Bauer das Verlöbnis auflöste.[9][10][11] Kafka notierte im Tagebuch: 23. VII 14. Der Gerichtshof im Hotel... Scheinbare Schuld des Frl. Bloch.[12] Kafka hat sich 1914 nochmal an Bloch gewandt und sie zu einem Urteil über den Roman einer Dreiecksbeziehung Franziska von Ernst Weiß gebeten.[13] Dann endete der regelmäßige Briefwechsel zwischen Grete Bloch und Kafka, von dem fast nur Briefe Kafkas erhalten sind. Im Oktober 1914 schrieb „FranzK“ an „Fräulein Grete“: Nicht sie habe im Askanischen Hof als Richterin über ihn, sondern er sei dort als Richter über sich selbst gesessen, womit Kafka ihr den Bescheid gab, fürderhin kein äußeres Gericht mehr anzuerkennen, also auch sie nicht (mehr).[14][15] Kafka hatte sich nun in dem privaten Mythos eines inneren Richteramtes eingerichtet.[16]

Anfang 1915 sorgte Bloch für ein nochmaliges Treffen zwischen Bauer und Kafka: an den Pfingsttagen 1915 trafen sich Bauer, Bloch, deren Freundin Erna Steinitz und Kafka in der Böhmischen Schweiz.[17] Möglicherweise haben Bloch und Kafka sich nochmals 1922 in Prag getroffen.[1]

Im Jahr 1914 brachte Bloch einen Jungen zur Welt, den sie in eine Pflegefamilie gab. Das Kind starb bereits 1921 in München, der Vater blieb unbekannt.[1] Nach Ansicht des Musikers Wolfgang Alexander Schocken, der Bloch seit seiner Kindheit in Berlin kannte, war Kafka der Vater.[18] Bloch deutete verklausuliert in ihrem letzten Brief vom 21. April 1940 an Schocken in Haifa etwas darüber an, dass der Kindsvater 1924 gestorben sei und in Prag begraben liege.[19] Auch Max Brod, der diesen Brief 1948 von Schocken erhalten hatte, zweifelte nicht an der Vaterschaft Kafkas.[20] Diese Vermutung wird in der neueren biografischen Literatur aber abgelehnt.[21][22] Nicholas Murray fragte 2004 gar, ob es überhaupt ein Kind gegeben habe.[23]

Blochs Pension Jennings Riccioli in Florenz: Ein Zimmer mit Aussicht. (Aufnahme aus dem Jahr 2013)

Ab Dezember 1915 arbeitete Bloch für die Berliner Maschinenbaufirma Adrema-Maschinenbaugesellschaft GmbH, die Adressiermaschinen herstellte. Sie war zunächst Sekretärin des Geschäftsführers Julius Goldschmidt und erhielt später die Prokura und war nach der Erinnerung von Wolfgang Alexander Schocken, in dessen Elternhaus Bloch verkehrte, eine der höchstbezahlten weiblichen Angestellten in der Weimarer Republik.[24] Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 wurde die Firma im September 1935 arisiert und Goldschmidt ins Schweizer Exil gezwungen, wo Bloch ihm beim Aufbau einer neuen Firma half, bis dieser bereits Anfang 1936 verstarb und auch die Schweizer Firma aufgelöst wurde. Bloch hielt sich eine Zeit bei Felice Bauer-Marasse in Genf auf[25] und reiste zu ihrem Bruder Hans nach Palästina, der bereits 1933 mit seiner Familie emigriert war.[26] Sie konnte dort nicht Fuß fassen und kehrte bereits im Juni nach Europa zurück und hielt sich im faschistischen Italien auf und lebte von Schreibarbeiten in Florenz. Als sie im Begriff war, sich beruflich wieder zu fangen, wurde sie aufgrund einer Verordnung zu den Italienischen Rassengesetzen vom 7. September 1938 als ausländische Jüdin aufgefordert, bis zum 12. März 1939 das Land zu verlassen. Diese unmittelbare Drohung konnte sie zwar abwenden und versuchte nun mit einem Affidavit der Witwe Goldschmidts, nach England zu emigrieren. Als sie 1939 ihren Einreiseantrag an das „Central office for refugees“ in London schickte, hatte sie zuversichtlich ihre Wohnung in Florenz schon aufgelöst[27] und gab als Adresse die Pensione Jennings Riccioli in Florenz an. Die Ausreise nach Großbritannien kam wegen des Kriegsausbruchs nicht mehr zustande.

Nach der deutschen Besetzung Italiens 1943 flüchtete sie in das Bergdorf San Donato Val di Comino. Im Mai 1944 wurde sie von deutschen Besatzern verhaftet, in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert und dort ermordet.[28] Die 28 Briefe Kafkas hatte sie vor ihrer Deportation an ihre Italienischlehrerin gegeben, aus deren Nachlass gelangten sie als Leihgabe ins Deutsche Literaturarchiv Marbach, daneben sind auch die Briefe und Schnipsel erhalten, die Bloch 1914 als „Belastungsmaterial für den Prozeß“ an Bauer weitergereicht hatte.[29]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans-Gerd Koch: Geteilte Post: 28 Briefe an Grete Bloch. Zur Ausstellung "Geteilte Post, Franz Kafka an Grete Bloch" (fluxus 20), Literaturmuseum der Moderne, Marbach am Neckar, 5. Oktober 2011 bis 29. Januar 2012. Dt. Schillerges., Marbach am Neckar 2011.
  • Nicholas Murray: Kafka und die Frauen. Felice Bauer, Milena Jesenská, Dora Diamant, Biografie. Aus dem Englischen von Angelika Beck. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2007, ISBN 978-3-538-07242-8.
  • Hans-Gerd Koch: „Teuflisch in aller Unschuld“. Franz Kafka und die Berlinerinnen Felice Bauer und Grete Bloch. In: Sprache im technischen Zeitalter. 2002, S. 379–391.
  • Peter-André Alt: Franz Kafka: der ewige Sohn: eine Biographie, Beck, München 2005, ISBN 3-406-57535-8.
  • Reiner Stach: Kafka: die Jahre der Entscheidungen. Fischer, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-10-075114-0.
  • Wolfgang Alexander Schocken: Wer war Grete Bloch? In: Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch. Band 4: Das jüdische Exil und andere Themen. Text und Kritik, München 1986, ISBN 3-88377-244-5, S. 83–97.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Peter-André Alt: Franz Kafka: der ewige Sohn, 2005, S. 299–303.
  2. Carl Flemming, Verlag, Buch- und Kunstdruckerei A.-G, Berlin, siehe Schmidt: Deutsche Buchhändler. Deutsche Buchdrucker. 1902, bei Zeno.org
  3. Hans-Gerd Koch: „Teuflisch in aller Unschuld“. 2002, S. 385.
  4. Heinrich Zeiss – Union Zeiss, Berlin und Frankfurt
  5. Hans-Gerd Koch: „Teuflisch in aller Unschuld“, 2002, S. 386.
  6. Reiner Stach: Kafka: die Jahre der Entscheidungen, 2002, S. 430 ff.
  7. Hans-Gerd Koch: „Teuflisch in aller Unschuld“. 2002, S. 386.
  8. a b Peter-André Alt: Franz Kafka: der ewige Sohn. 2005, S. 375–384.
  9. Marianna Lieder: Die andere Juli-Krise. In: Die literarische Welt, 12. Juli 2014, S. 1.
  10. Reiner Stach: Kafka: die Jahre der Entscheidungen. 2002, S. 500–504.
  11. Die Kafka-Biografen sind sich nicht einig, ob auch Ernst Weiß, der als Verteidiger Kafkas fungierte, bei dem Gerichtshof im Hotel (Kafka, Tagebuch) zugegen war.
  12. Franz Kafka: Tagebücher. Textband. Fischer, Frankfurt am Main 1990, S. 658 f.
  13. Margarita Pazi: Ernst Weiß. Schicksal und Werk eines jüdischen mitteleuropäischen Autors in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Frankfurt am Main 1993, S. 12.
  14. Hans-Gerd Koch: Geteilte Post, 2011, S. 53 f.
  15. Reiner Stach: Kafka: die Jahre der Entscheidungen, 2002, S. 577–578.
  16. Reiner Stach: Kafka: die Jahre der Entscheidungen. 2002, S. 579.
  17. Peter-André Alt: Franz Kafka: der ewige Sohn. 2005, S. 421f.
  18. Wolfgang Alexander Schocken: Wer war Grete Bloch? 1986, S. 92 ff.
  19. Wolfgang Alexander Schocken: Wer war Grete Bloch? 1986, S. 95f.
  20. Max Brod: Franz Kafka. Eine Biografie, S. Fischer, Frankfurt am Main 1954, S. 294 ff.
  21. Reiner Stach: Kafka: die Jahre der Entscheidungen, 2002, S. 495–498.
  22. Hans-Gerd Koch: „Teuflisch in aller Unschuld“. 2002, S. 390.
  23. Nicholas Murray: Kafka und die Frauen. 2007, S. 162.
  24. Wolfgang Alexander Schocken: Wer war Grete Bloch? 1986, S. 86.
  25. Hans-Gerd Koch: „Teuflisch in aller Unschuld“. 2002, S. 390.
  26. Telegramm von Hans Bloch an seine Frau Erna, bei Jüdisches Museum Berlin
  27. Wolfgang Alexander Schocken: Wer war Grete Bloch? 1986, S. 92 f.
  28. Hans-Gerd Koch: „Teuflisch in aller Unschuld“. 2002, S. 391.
  29. Reiner Stach: Kafka: die Jahre der Entscheidungen. 2002, S. 501–506.