Heinrich von Gleichen-Rußwurm

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Raimund August Heinrich Freiherr von Gleichen-Rußwurm (* 14. Juli 1882 in Dessau; † 29. Juli 1959 in Göttingen) war ein jungkonservativer Publizist, Gründer und Organisator zahlreicher Verbände, Organisationen und Klubs. Er war Besitzer zweier Rittergüter Tannroda und Birkigt, beide in Thüringen. Nach dem Abitur und dem Einjährigen, studierte er in Lausanne, Leipzig, Kiel und Berlin Jura und Staatswissenschaften. Trotz eines glänzenden juristischen Examens schlug Heinrich von Gleichen-Rußwurm eine Stelle als Beamter aus und verwaltete seine Güter. 1912 verpachtete er diese und zog nach Berlin, um sich ausschließlich seinen politischen Interessen zu widmen. Heinrich von Gleichen-Rußwurm war ein Vetter des letzten Urenkels von Friedrich von Schiller, des Schriftstellers Alexander von Gleichen-Rußwurm, den er bis ins hohe Alter mit einer Leibrente versorgte.

Um Gleichen-Rußwurm bildete sich ein Kreis konservativer Denker, dem zeitweise auch Ernst Troeltsch angehörte. Er initiierte im Oktober 1918 die Gründung der Vereinigung für nationale und soziale Solidarität (Solidarier), der später Eduard Stadtler vorstand. Aus dieser Vereinigung entstand auch der Juniklub (März 1919). Gleichen-Rußwurms Privatwohnung fungierte zu Beginn auch als Versammlungsort für den Juniklub. Der Juniklub publizierte auch die Wochenzeitschrift Das Gewissen, in der Heinrich von Gleichen-Rußwurm zahlreiche Artikel schrieb. Als sich der Juniklub 1924 auflöste, gründete von Gleichen-Rußwurm im Dezember den Herrenklub, zusammen mit Hans Bodo Graf von Alvensleben-Neugattersleben und Walther Schotte. 1925 übernahm er von Eduard Stadler die Herausgeberschaft für die Zeitschrift Das Gewissen (ab 1918) und änderte 1928 den Namen in Der Ring.

Laut Armin Mohler war Arthur Moeller van den Bruck das Herz, Eduard Stadtler der Trommler und Heinrich von Gleichen-Rußwurm der Organisator der sogenannten Ring-Bewegung, benannt nach der politischen Zeitschrift Der Ring. Der Zeitschrift war ein gleichnamiger Buchverlag angeschlossen, in dem auch die neueren Werke Moeller van den Brucks erschienen.

Heinrich von Gleichen war ein Verfechter des Elite-Gedankens. Nach seiner Vorstellung benötigte Deutschland zur Bewältigung der bestehenden Krise zum Ende des Ersten Weltkrieges eine neue, andere Führungsschicht, bestehend aus den Besten, die sich gemeinsam und unabhängig von partei-politischen Interessen, nur für das Wohl von Deutschland engagieren. Diese Elite verstand er nicht als eine, von Geburt aus privilegierte Schicht, sondern als eine moralisch hochstehende, wert-orientierte Leistungselite. Dieser Ruf nach einer neuen Führungsschicht aus unabhängigen Persönlichkeiten, die sich nur dem Wohl der Gesellschaft verpflichtet sahen, bestimmten sein berufliches Leben. Aufgrund einer längeren Studienreise nach England, noch vor dem Krieg, lernte er die Institution des englischen Klubs kennen, wo sich die englische Oberschicht zu gesellschaftlichen und politischen Themen frei austauschte. Das Model des englischen Klubs diente ihm als eine Art außerparlamentarische Alternative zu den bestehenden Partei-Strukturen, die in seinen Augen immer nur die Interessen ihrer jeweiligen Parteianhänger bedienen mussten. Seine tiefe Abneigung gegen jede Art von Partei-Politik, begleitete ihn sein ganzes Leben.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten gehörte Gleichen-Rußwurm zu den 88 deutschen Schriftstellern, die im Oktober 1933 das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für den Reichskanzler Adolf Hitler unterschrieben hatten.[1]

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Heinrich von Gleichen-Rußwurm von der sowjetischen Besatzungsmacht verhaftet und für mehrere Monate interniert. Trotz eines guten Leumund in Tannroda und Thüringen, wovon zahlreiche Unterstützerschreiben unbescholtener Persönlichkeiten für ihn zeugten, kämpfte er 1945 vergeblich darum, seine komplette Enteignung als „Junker“ in der SBZ abzuwenden. Nach seiner Entlassung floh er aus der SBZ nach Göttingen, wo er 1959 verstarb.

Heinrich von Gleichen-Rußwurm war in erster Ehe mit der Malerin Helene Kutsche verheiratet und hatte zwei Kinder: Kurt von Gleichen Rußwurm und Inge von Gleichen-Rußwurm. Seine zweite Ehe mit Maria Mannhardt blieb kinderlos.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945, S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, S. 185.