Hinterradantrieb

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Hinterradantrieb beim Frontmotor (Standardantrieb)
Hinterradantrieb beim Mittelmotor
Hinterradantrieb beim Heckmotor (Heckantrieb)

Als Hinterradantrieb wird der Antrieb eines Kraftfahrzeugs über die (bzw. über eine) Hinterachse bezeichnet, unabhängig von der Motoranordnung. Der Hinterradantrieb ist daher nicht zu verwechseln mit dem Heckantrieb, da dieser nur die komplette Antriebseinheit aus Heckmotor, Getriebe und Antriebsachse bezeichnet.

Weitere Arten von Radantrieben bei Fahrzeugen sind Vorderrad- bzw. Allradantrieb.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Hinterradantrieb ist die älteste Art der angetriebenen Achsen im Fahrzeugbau. Damit ließen sich die verschiedenen Funktionen auf die Achsen verteilen (Lenkung über Vorderachse, Antrieb und Bremse über Hinterachse) und so konstruktiv leichter umsetzen. Auch nach der erfolgreichen Etablierung des Frontantriebs ab den 1930er-Jahren blieb der Hinterradantrieb bei Pkws lange Zeit der dominierende, weil robustere und kostengünstiger zu produzierende Antrieb. Eine Umfrage im Jahre 1958 ergab, dass gewöhnliche PKW-Fahrer die Vorzüge des Hinterradantriebs schätzten, während Fachleute überwiegend für den Frontantrieb plädierten.[1] Erst ab den 1970er-Jahren wurde der Hinterradantrieb zunehmend verdrängt. Bei leistungsstarken oder komfortablen PKW einerseits und LKW andererseits blieb er jedoch bis heute der übliche Antrieb. Die am häufigsten vorkommende Antriebseinheit bei hinterradangetriebenen Fahrzeugen ist der sogenannte Standardantrieb mit Frontmotor.

Ausführungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Hinterradantrieb wird in verschiedenen Antriebskonzepten verwendet:

Bei älteren Konstruktionen und im Nutzfahrzeugsegment ist der Hinterradantrieb vorwiegend als Starrachse ausgeführt. Da Starrachsen eine hohe ungefederte Masse besitzen, was sich negativ auf den Fahrkomfort auswirkt, wurden sie im Lauf der Zeit durch Pendelachsen, Schräglenkerachsen oder Raumlenkerachsen ersetzt. Damit ging jedoch der Konstruktions- und Kostenvorteil des Hinterradantriebs verloren.

Vergleich Standardantrieb-Frontantrieb[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorteile

Ein Vorteil ist der im Allgemeinen geringere mögliche Wendekreis - da bei der gelenkten Vorderachse keine Rücksicht auf den Antrieb genommen werden muss, ist ein größerer maximaler Einschlagswinkel möglich. Im Gegensatz zum Frontantrieb wird beim Beschleunigen die angetriebene Achse belastet, was eine gute Kraftübertragung bei griffiger Fahrbahn ermöglicht, vor allem bei rasanten Beschleunigungsvorgängen; zügigem Anfahren an Steigungen und bei Anhängerlast. Da bei den meisten hinterradgetriebenen Fahrzeugen die Zuladung auf der Hinterachse lastet, sorgt Beladung für noch bessere Verhältnisse. Deshalb verfügen LKW meist über Hinterradantrieb. Auch bei einigen Sportwagen und anderen leistungsstarken PKW findet der Hinterradantrieb bis heute Verwendung, denn die günstige Verteilung der Achslast wirkt sich umso deutlicher aus, je geringer das Leistungsgewicht eines Fahrzeugs ist.[1] Durch die Trennung von Lenkung und Antrieb entstehen keine direkten Antriebseinflüsse auf die Lenkung, was von vielen Fahrzeugführern als angenehm empfunden wird, jedoch technisch gesehen nicht zwangsläufig ein Vorteil ist. Fahrzeuge mit Hinterradantrieb erfordern eine andere Fahrweise im Grenzbereich, da sie nicht zum untersteuern, sondern zum übersteuern neigen. Auch dies ist ein eher ästhetischer Vorteil des Hinterradantriebs, da der übersteuernde Drift allgemein als elegant wahrgenommen wird, technische Vorteile in der Kurventechnik leiten sich daraus jedoch nicht ab.

Die Platzverhältnisse im Motorraum lassen die Verwendung großer oder langbauender Motoren mit acht oder zwölf Zylindern zu, dies ist in Kombination mit Frontantrieb nur sehr umständehalber möglich. Die Hinterachse kann mehr Bremsmoment absetzen, so dass die Vorderachsbremsen entlastet werden. Beim Bremsen verbleibt ein höherer Achslastanteil an der Hinterachse.

Nachteile

Bei Verwendung eines Frontmotors, ist für die Kraftübertragung zusätzlich eine Kardanwelle erforderlich, was höhere Kosten sowie mehr Gewicht bedeutet. Kardantunnel und Getriebeausbuchtung beschränken die Platzverhältnisse in der Fahrgastzelle, was vor allem bei kleineren PKW ein erheblicher Nachteil ist. Vor allem bei älteren PKW mit Hinterradantrieb ist die Achslast auf der Antriebsachse in unbeladenem Zustand gering, was zu Traktionsnachteilen auf feuchten oder losen Untergründen sowie bei Fahrbahnglätte führt. Sportwagenhersteller kombinieren den Hinterradantrieb aufgrund dieses Nachteils eher mit Mittel- oder Heckmotor. Bei modernen Pkw mit Frontmotor und Hinterradantrieb ist man bemüht, das Problem durch ein Nachvornverschieben der Achsen und ein Nachhintenverlegen schwerer Bauteile gering zu halten. Vor allem in den 1950er Jahren ging eine Entwicklungstendenz im Automobilbau hin zum Hinterradantrieb mit Heckmotor, da diese Variante fahrtechnisch im Prinzip die besten Bedingungen bietet. Das Konzept wurde jedoch wieder verworfen, weil es nicht den Anforderungen an Raumaufteilung und Platzverhältnisse herkömmlicher PKW gerecht werden konnte.

Einsatzgebiete[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei PKWs gibt es folgende Einsatzgebiete für den Hinterradantrieb:

  • Frontmotor: Stark motorisierte PKWs der Mittel- und Oberklasse, insbesondere auch mit gehobenem („Premium“) Anspruch an Komfort oder Sportlichkeit
  • Mittelmotor: Sehr sportliche Fahrzeuge, meist mit deutlichen Einschränkungen der Platzverhältnisse.
  • Heckmotor: Sportwagen, Kleinstwagen

Nutzfahrzeuge haben zumeist Hinterradantrieb.

  • Frontmotor: Lastwagen und Transporter mit mehr als 3,5 Tonnen
  • Mittel- und Heckmotor: Busse

Andere Antriebsvarianten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unterscheidung nach Motorposition:

Unterscheidung nach Antriebsachsen:

Unterscheidung nach Antriebseinheit:

  • Frontantrieb (Frontmotor und Vorderradantrieb)
  • Standardantrieb (Frontmotor und Hinterradantrieb)
  • Heckantrieb (Heckmotor und Hinterradantrieb)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Max Bohner, Richard Fischer, Rolf Gscheidle: Fachkunde Kraftfahrzeugtechnik. 27. Auflage, Verlag Europa-Lehrmittel, Haan-Gruiten 2001, ISBN 3-8085-2067-1.
  • Jan Trommelmans: Das Auto und seine Technik. 1. Auflage, Motorbuchverlag, Stuttgart 1992, ISBN 3-613-01288-X.
  • Hans-Hermann Braess, Ulrich Seiffert: Vieweg Handbuch Kraftfahrzeugtechnik. 2. Auflage, Friedrich Vieweg & Sohn Verlagsgesellschaft mbH, Braunschweig/Wiesbaden 2001, ISBN 3-528-13114-4.
  • Peter Gerigk, Detlev Bruhn, Dietmar Danner: Kraftfahrzeugtechnik. 3. Auflage, Westermann Schulbuchverlag GmbH, Braunschweig 2000, ISBN 3-14-221500-X.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Front- oder Hecktriebsatz? In: Kraftfahrzeugtechnik 2/1959, S. 73–76 und 4/1959, S. 162–163.