Histiozytose X

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Klassifikation nach ICD-10
C96.0 Multifokale und multisystemische (disseminierte) Langerhans-Zell-Histiozytose [Abt-Letterer-Siwe-Krankheit]
inklusive: Histiozytose X, multisystemisch
C96.5 Multifokale und unisystemische Langerhans-Zell-Histiozytose
inklusive: Hand-Schüller-Christian-Krankheit; Histiozytose X, multifokal
C96.6 Unifokale Langerhans-Zell-Histiozytose
inklusive: Eosinophiles Granulom; Histiozytose X, unifokal; Histiozytose X o.n.A.; Langerhans-Zell-Histiozytose o.n.A.
ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Die Langerhans-Zell-Histiozytose (Abkürzung: LCH; früher: Histiozytose X; englisch: histiocytosis X, langerhans-cell histiocytosis) ist eine Erkrankung aus der Gruppe der Histiozytosen.[1] Man unterscheidet drei Verlaufsformen, wobei eine exakte Zuordnung meist schwierig ist. Die Inzidenz liegt zwischen 1/200.000 und 1/2.000.000. Ein Überwiegen beim männlichen Geschlecht wird angenommen. Die Einteilung in Risikogruppen und die daraus resultierende Therapie-Indikation erfolgt heute nach dem sogenannten Lipton-Score.

Pathologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Histiozytose X leiten sich die Tumorzellen von den Langerhans-Zellen ab. Diese stammen aus dem Knochenmark und gehören zu den dendritischen Zellen. Im Elektronenmikroskop lassen sich häufig Birbeck-Granula (tennisschlägerartige, am Stiel pentalaminäre Granula) nachweisen. Immunhistochemisch sind die Tumorzellen S-100, Vimentin und CD1a (auf der Zelloberfläche) positiv. Unter dem Elektronenmikroskop lassen sich die Birbeck-Granula als X-Körperchen erkennen, daher stammt auch das „X“ in der Namensgebung. Die Morphologie der Läsionen kann je nach Alter der Läsion variieren. Frühe Läsionen zeigen dabei meist viele typische und proliferierende Langerhans-Zellen. Mit dem Alter der Läsion werden die Langerhans-Zellen weniger. Selten findet man in den Läsionen gar keine Langerhans-Zellen oder Nekrosen.

Diagnostik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Erkrankung tritt durch Schmerzen im Kindes- und jungem Erwachsenenalter in Erscheinung. Nicht selten findet sich an oberflächlich lokalisierten Knochen (Rippe, Schädel) eine teigige Schwellung.

Im Röntgenbild steht eine Osteolyse im Vordergrund, ein Befall der Lunge lässt sich vor allem in der Computertomographie durch das so genannte „Cheerio-Zeichen“ erkennen.[2][3] An den Extremitäten ist die Diaphyse bevorzugt betroffen, sonst kurze platte Knochen wie relativ häufig der Schädelknochen. Diagnostisch wegweisend ist der Nachweis eines Plattwirbels, Vertebra plana.

Im Ultraschall lässt sich die Weichteilkomponente sowie die knöcherne Destruktion gut nachweisen, charakteristisch ist an der Kalotte die gestufte unterschiedliche Destruktion innerhalb des Knochens (Tabula externa).

Die Diagnose wird in der Regel durch eine Biopsie aus einem Tumor gesichert (vgl. Pathologie). Insbesondere muss die Erkrankung von Nicht-Langerhans-Histiozytosen (Klasse-II-Histiozytosen) abgegrenzt werden.

Formen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es werden drei Krankheitsentitäten unterschieden, die sich in Verlauf, Prognose und klinischer Präsentation unterscheiden, jedoch häufig nicht exakt getrennt werden können.

Differenzierung in

  1. eosinophiles Granulom: 5.–20. Lebensjahr;
  2. Hand-Schüller-Christian Granulomatose: 3.–5. Lebensjahr, chronischer und manchmal tödlicher Verlauf;
  3. Abt-Letterer-Siwe Granulomatose: 1.–3. Lebensjahr, rascher und tödlicher Verlauf[4]
Ultraschallschnitt eines eosinophilen Granulomes am Schädel bei einem 1 jährigen Kind mit großem Weichteiltumor und deutlich kleinerer, unterminierender Destruktion der äußeren Teile der Schädelkalotte

Eosinophiles Granulom[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das unifokale bzw. multifokale eosinophile Granulom ist die lokalisierte Verlaufsform der Histiozytose X. Es ist die häufigste Verlaufsform der Histiozytosis X und macht ca. 70 % der Fälle aus.

Patienten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Meist handelt es sich bei den Patienten um Kinder oder junge Erwachsene unter 30 Jahren.

Symptome und Befallsmuster[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eosinophiles Granulom des Kiefers, feingewebliches Bild

Hier finden sich meist in der Markhöhle der Knochen (häufig Oberschenkel, Schädelknochen und Rippen) multifokale bzw. unifokale Tumoren aus erosiv expandierenden und zum Teil mehrkernigen Langerhans-Zellen. Es findet sich ein teils belastungsabhängiger, teils auch nächtlicher lokalisierter Knochenschmerz. In der Regel findet sich ein buntes Begleit-Infiltrat aus Eosinophilen, Neutrophilen, Lymphozyten und Plasmazellen. Außerdem können sich Tumoren in der Lunge, der Haut und dem Magen manifestieren.

  • Unifokale Tumoren betreffen meist die Knochen. Sie können schmerzhaft sein und pathologische Frakturen verursachen. Die Tumoren verschwinden zum Teil von selbst oder aber nach einer lokalen Exzision beziehungsweise Bestrahlung oder Chemotherapie.
  • Multifokale Tumoren betreffen meist Kinder.

Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unifokale Herde können sich spontan zurückbilden oder können exzidiert bzw. bestrahlt werden. Multifokale Herde sind im Verlauf variabel und je nach betroffenem Organ unterschiedlich (vgl. Lipton-Score).

Abt-Letterer-Siwe-Syndrom[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Abt-Letterer-Siwe-Syndrom ist die akute und disseminierte Verlaufsform der Histiozytose X. Sie ist die schwerste Form und macht etwa 10 % der Langerhans-Zell-Histiozytosen aus.

Patienten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Patienten sind in der Regel jünger als zwei Jahre. Selten sind Erwachsene betroffen.

Symptome und Befallsmuster[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unbehandelt verläuft die Erkrankung rasch tödlich (bei 90 %). Unter intensiver Chemotherapie, evtl. mit Stammzelltransplantation, ist die Überlebensrate jedoch deutlich besser.

Hand-Schüller-Christian-Syndrom[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Patienten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Hand-Schüller-Christian-Syndrom befällt meist 2–5-jährige Kinder, Jugendliche und Erwachsene mittleren Alters. Diese Form macht etwa 15–40 % der Langerhans-Zell-Histiozytosen aus.

Symptome und Befallsmuster[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die überwiegend aus Langerhans-Zellen bestehenden Infiltrate liegen meist im Bereich der Schädelknochen und der Schädelweichteile.

Bei etwa 30 % der betroffenen Menschen kommt es zum systemischen Befall mit Einbeziehung von Leber, Milz, Lungen, Haut und Lymphknoten. Die klassische Hand-Schüller-Christian-Trias mit Knochenläsionen, Exophthalmus und Diabetes insipidus tritt eher selten auf.

Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei systemischem Befall multipler Organe besteht eine schlechte Prognose und die Notwendigkeit einer aggressiven Chemotherapie und evtl. einer Stammzelltransplantation. Ansonsten kann sich die Erkrankung von selbst zurückbilden, falls nötig unter einer Chemotherapie.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Histiozytose X – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Joachim Fichter u. a.: Langerhans-Zellhistiozytose des Erwachsenen – eine interdisziplinäre Herausforderung. In: Deutsches Ärzteblatt. Nr. 104, 2007, S. 2347 (aerzteblatt.de).
  2. D. Aktuerk, M. Lutz, D. Rosewarne, H. Luckraz: Cheerios in the lung: a rare but characteristic radiographic sign. In: QJM: An International Journal of Medicine. Band 108, September 2015, S. 743–744, doi:10.1093/qjmed/hcv044, PMID 25660601.
  3. S. H. Chou, G. Kicska, J. P. Kanne, S. Pipavath: Cheerio sign. In: Journal of Thoracic Imaging. Band 28, Januar 2013, S. W4, doi:10.1097/RTI.0b013e31827944d2, PMID 23254591.
  4. B. Hansen, P. Schwarz: Histiocytosis X. Review of the literature and a case report. In: Ugeskr Laeger. 151(1), 2 Jan 1989, S. 5–7
Gesundheitshinweis Dieser Artikel behandelt ein Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt keine Arztdiagnose. Bitte hierzu diese Hinweise zu Gesundheitsthemen beachten!