Hochgebet

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Konzelebrierende Priester in Orantenhaltung beim Hochgebet (Manila, 2013)

Hochgebet, Kanon der Messe (lateinisch Canon Missae) oder Anaphora bezeichnet die Gattung der großen Lob- und Dankgebete in der christlichen Liturgie. Sie entwickelte sich aus den jüdischen Lob- und Segensgebeten (den Berachot) und in dieser Tradition sind die Gebete meist an Gott Vater gerichtet. Die Bezeichnung Hochgebet ist im Deutschen seit C. Anton Baumstark üblich.

Im Hochgebet gelangt die eucharistische Liturgie zu ihrem Höhepunkt als Lobpreis, Erinnerung und Bitte. Eucharistische Hochgebete gibt es in den römisch-katholischen, vorchalkedonischen, orthodoxen, altkatholischen, anglikanischen und lutherischen Kirchen. Dort wird ihnen auch konsekratorische Kraft zugeschrieben, dass durch die Bitte um den Heiligen Geist (in den morgenländischen Kirchen) beziehungsweise durch Christi Worte beim Abendmahl (in den abendländischen Kirchen) die Gaben von Brot und Wein real in Leib und Blut Christi gewandelt werden.

Zur Gattung der Hochgebete gehören auch die Segensgebete aller Sakramentenfeiern: der Lobpreis und die Anrufung Gottes über dem Wasser der Taufe, das Gebet über die Firmlinge, das Lossprechungsgebet bei der Buße, das Segensgebet über die Brautleute bei der Trauung, das Weihegebet bei Konsekrationshandlungen sowie der Osterlobpreis über der Osterkerze und bis 1955 auch die Palmweihe.

Struktur[Bearbeiten]

Alle Hochgebete enthalten folgende Teile:

  • Aufforderung des Vorstehers zu gemeinsamen Dank und Bereitschaftserklärung der Mitfeiernden („Eröffnungsdialog“ oder „Einladung“)
  • Anamnese: Gedächtnis der Heilstaten Gottes in Christus – beim Eucharistischen Hochgebet beginnend mit der dankend-rühmenden Präfation, gefolgt von der von Priester und Volk in der Regel gemeinsam gesungenen Akklamation, dem Sanctus, und gipfelnd im Stiftungslobpreis bzw. dem Einsetzungsbericht, den Wandlungsworten, mündend im Ausblick auf die Wiederkunft Christi (siehe auch Geheimnis des Glaubens)
  • Epiklese: Herabrufen des Heiligen Geistes über die eucharistischen Gaben und über die versammelte Gemeinde, die sich mit Christus und untereinander durch die Kommunion vereint.
  • Memento: die an die Epiklese anschließenden Bitten, die so genannten Interzessionen, führen die Einheitsbitte der Epiklese aus, indem die Gemeinde um Einheit mit der Kirche der Vergangenheit (Tote), der Gegenwart (Papst und Bischöfe) und der Zukunft (Heilige) bittet.
  • Der abschließenden Schluss-Doxologie.
  • Amen als Zustimmung („Unterschrift“) der Mitfeiernden.

Diese Elemente können mehrfach und in unterschiedlicher Reihenfolge erscheinen, keines darf aber völlig fehlen.

Römisch-katholische Kirche[Bearbeiten]

Das älteste schriftlich überlieferte Hochgebet, teilweise im Hochgebet II des jetzigen Römischen Messbuchs enthalten, stammt aus der – in der überlieferten Form wohl zu Unrecht – Hippolyt von Rom zugeschriebenen „Traditio Apostolica“ (wahrscheinlich 4. Jahrhundert, ursprünglich griechisch). Die ältesten lateinischen Hochgebetstexte finden sich im 4. Jahrhundert, z. B. bei Ambrosius von Mailand, die heutige Form (Hochgebet I des jetzigen Messbuchs) im 6. Jahrhundert wohl nicht bei Papst Gregor I., sondern in den Sakramentaren des 8. Jahrhunderts. Vom beginnenden Mittelalter bis zur Liturgiereform des 2. Vatikanums wurde das römische Hochgebet, der Canon Romanus, vom Priester, abgesehen von Ausnahmen (z. B. Altslawischer Ritus), auf Latein und nach dem Sanctus bis zur Doxologie ausschließlich leise gebetet, weil die Verunehrung der heiligsten Worte Jesu fürchtet, seither, weil Hauptgebet der Gemeindemesse, wieder wie ursprünglich zur Gänze laut und seit 1967 meistens in der Landessprache.

Das von Papst Paul VI. herausgegebene Römische Messbuch bot ursprünglich vier Hochgebete zur Auswahl. Darüber hinaus gibt es weitere approbierte Hochgebete, die in spätere Ausgaben des Missale Romanum aufgenommen wurden, nämlich die beiden Hochgebete mit dem Thema „Versöhnung“ (von denen nur eines ins Deutsche übersetzt wurde), ein Hochgebet für Gehörlose und drei Hochgebete für Messfeiern mit Kindern, die mit weiteren Akklamationen ausgestattet wurden. Der nach der Liturgiereform aufgekommene Vorschlag, den Bischofskonferenzen verschiedener Länder die Erstellung weiterer Hochgebete zu überlassen, wurde von Papst Paul VI. abgelehnt; allerdings wurde den Bischofskonferenzen das Recht auf Einreichung neuer Präfationen zugestanden. Indes wurden vom Heiligen Stuhl durchaus einzelne Sonderformulare für regional beschränkte Verwendung genehmigt, so für Trauungsmessen in Kanada[1] oder ursprünglich für die Schweizer Synode das „Hochgebet für besondere Anliegen“ mit vier Präfationen und jeweils dazugehörigen austauschbaren Interzessionen. Die vereinzelt empfohlene teilweise oder vollständige Rückkehr zur „Kanonstille“, d. h. leisen Beten, widerspricht geltendem liturgischen Recht (Grundordnung des Röm. Messbuches Nr. 30. 32) und wird von den meisten Liturgiewissenschaftler als unsachgemäß abgelehnt.

Die Abfolge der einzelnen Teile des römisch-katholischen Hochgebets sind:[2]

Das Hochgebet wird vom Zelebranten in Orantenhaltung gesungen oder gesprochen. Die Präfation und das Sanctus sollen nach Möglichkeit immer gesungen werden. In katholischen Messen werden bei der Konzelebration Wandlungs- und Kommunionepiklese sowie der Einsetzungsbericht vom Haupt- und den Konzelebranten gemeinsam (jener laut, diese leise) vorgetragen, die Konzelebranten können einzelne Strophen der Interzessionen übernehmen.

Orthodoxe und orientalisch-orthodoxe Kirchen[Bearbeiten]

In der orthodoxen und den orientalisch-orthodoxen Kirchen sind eucharistische Liturgien mit verschiedenen Hochgebeten, z. B. der Basilius-Anaphora, ab dem 4. und 5. Jahrhundert bekannt. Das Hochgebet in der ostkirchlichen Liturgie hat auch die obige Grundstruktur, mit dem Unterschied, dass es keine gespaltene Epiklese, sondern nur eine Epiklese (die die Wandlungs- und Kommunionepiklese zusammenfasst) nach der Anamnese kennt und oftmals ausführlicher und variantenreicher ist als die des katholischen Westens. Die ostsyrische Anaphora der Apostel Addai und Mari ist ohne Einsetzungsbericht überliefert. Ein bestimmter Augenblick oder eine einzelne Formel für die Wandlung der Gaben ist nicht definiert, das Hochgebet wird als unteilbares Ganzes betrachtet, das das Geheimnis der Verwandlung von Brot und Wein bewirkt. Jedoch gilt die Epiklese, die Bitte um die Mitwirkung des Heiligen Geistes, als unverzichtbar.

Altkatholische Kirche[Bearbeiten]

In der altkatholischen Kirche wird das Hochgebet durchgängig Eucharistiegebet (lateinisch: prex eucharistica) genannt und seine innere Einheit betont. Daher wird ihm als Ganzes konsekratorische Kraft – durch das Wirken des Heiligen Geistes – zugesprochen, was z. B. darin zum Ausdruck kommt, dass der Altardienst erst nach dem Amen seitens der Gemeinde eine Kniebeuge macht. In der Alt-Katholischen Kirche in Deutschland sind 23 Eucharistiegebete in Gebrauch, die von ihrer Struktur her sowohl dem römisch-alexandrinischen Typ als auch dem antiochenischen Typ entsprechen. Das Hippolyt von Rom zugeschriebene Eucharistiegebet aus der „Traditio Apostolica“ findet sich als Eucharistiegebet I in einer recht wortgetreuen Übertragung, während das römische Eucharistiegebet (Canon Romanus) in einer freieren Übersetzung übernommen wurde. Die meisten übrigen Texte sind modernen Ursprungs und entstammen sowohl der eigenen (Eucharistiegebet der Utrechter Union) als auch anderen Traditionen (z. B. Lima-Liturgie).[3] In den fünf eucharistischen Gebeten der Christkatholischen Kirche der Schweiz folgt die ungetrennte Epiklese auf Brot und Wein und auf die Gemeinschaft immer der Anamnese.[4]

Anglikanische Kirche[Bearbeiten]

In der anglikanischen Kirche sind unterschiedliche Hochgebete in Gebrauch. In Common Worship (s. Book of Common Prayer) finden sich Hochgebete, die sowohl eine gespaltene als auch eine einheitliche Epiklese aufweisen. Auffällig ist, dass an keiner Stelle Gott direkt gebeten wird, seinen Geist auf die Gaben zu senden oder dass um deren Heiligung und die Heiligung der Gemeinde gebeten wird. Stattdessen findet sich in fast allen eucharistischen Gebeten die Formulierung, dass Brot und Wein „für uns“ Leib und Blut Christi seien („may be to us“).[5] Dies entspricht dem Eucharistie-Verständnis des protestantisch-evangelikalen Flügels (Low Church) der anglikanischen Kirche, die dem Gedanken einer realen Wandlung ablehnend gegenübersteht. Im anglo-katholischen Flügel (High Church) ist auch der Canon Romanus in Gebrauch, entweder in Form des Römischen Ritus oder des Sarum-Ritus, dem vortridentinischen Mess-Ordo der Kirche von Salisbury.

Lutherische Kirche[Bearbeiten]

In der lutherischen Kirche war das Hochgebet beim Abendmahl in der Nachfolge Martin Luthers auf Eröffnungsdialog, Präfation, Sanctus und Einsetzungsworte Jesu reduziert worden. Theologischer Grund dafür war, dass Luther den von ihm als beherrschend empfundenen Opfergedanken im altrömischen Messkanon ablehnte. Schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es jedoch Bestrebungen, das Hochgebet in seiner entfalteten Form für die lutherische Abendmahlsliturgie wiederzugewinnen. Seit dem Agendenwerk 1956 ist eine mögliche Reihenfolge im Gemeindegottesdienst:

In lutherischen Gemeinden der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) ist diese sogenannte Abendmahlsform B in Gebrauch.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Eucharistisches Hochgebet für die Feier der Trauung (für die Bistümer des französischen Sprachraums in Kanada). In: Weizenkorn S 5 (Stuttgart 1986) 111-113.
  2.  Adolf Adam: Grundriss Liturgie. Herder-Verlag, Freiburg 2005, ISBN 3-451-28413-8.
  3. Die Feier der Eucharistie im Katholischen Bistum der Alt-Katholiken. Für den gottesdienstlichen Gebrauch erarbeitet durch die Liturgische Kommission und herausgegeben durch Bischof und Synodalvertretung, Bonn: Alt-Katholischer Bistumsverlag 2006; ISBN 3-934610-30-7
  4. Gebet- und Gesangbuch der Christkatholischen Kirche der Schweiz, Basel: Christkatholischer Medienverlag 2004; ISBN 3-9522331-2-9
  5. Ton van Eijk, Die Epiklese in den neuen Eucharistiegebeten der christlichen Traditionen. Von der Gemeinschaft in der Lehre zur Gemeinschaft im Beten?, in: Internationale Kirchliche Zeitschrift 96, 2006, Seite 89-110