Hoheneck (Gefängnis)

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ehemaliges Frauengefängnis Hoheneck

Das Frauengefängnis Hoheneck bzw. Frauenzuchthaus Hoheneck - zu DDR-Zeiten: Strafvollzugseinrichtung (StVE) Stollberg (Hoheneck); bei seiner Gründung 1862 Königlich sächsische Weiberzuchtanstalt - war von 1862 bis 2001 ein Gefängnis in Stollberg/Erzgeb. in Sachsen.

Der Name „Hoheneckerinnen“ wurde zum Synonym für die aus politischen Gründen inhaftierten Frauen in der DDR. Nach Schätzungen waren mehrere Tausend Frauen in Hoheneck inhaftiert. Es gab Zellen für Isolationshaft und Dunkelhaft. Etwa 40 % aller Häftlinge in der DDR waren politische Häftlinge.[1]

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gebäude steht auf den Grundmauern eines Jagdschlosses aus dem 16. Jahrhundert, das wiederum auf den Ruinen einer mittelalterlichen Grenzfeste errichtet wurde, der „Staleburg“, die dem Ort Stollberg den Namen gab. Im 17. Jahrhundert wurde das Schloss als Untersuchungsgefängnis genutzt, zu dessen Zweck ein neuer Bergfried (der heutige Uhrenturm) im Hohen Eck errichtet wurde, wovon sich der neue Name des Schlosses und der späteren Siedlung Hoheneck ableitete.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

bis 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1862 wurde die Haftanstalt erstmals als Sächsisches Weiberzuchthaus erwähnt, später wurde sie vorübergehend eine Haftanstalt für Männer und während des Ersten Weltkrieges ein Reservelazarett.

Die Nationalsozialisten nutzten das Gefängnis 1933 kurzzeitig für Männer in politischer Schutzhaft. Danach wurde es weiterhin als Zuchthaus für regulär verurteilte „Verbrecher“, darunter auch antifaschistische Widerstandskämpfer, genutzt.

1945–1989[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden im Gefängnis Angehörige des Volkssturms und der Werwölfe inhaftiert, aber auch durch die Sowjetische Militäradministration Aufgegriffene, die wegen kleinerer Delikte oft ohne ordentliches Verfahren nach Hoheneck kamen, saßen hier ein. Die Versorgung der Gefangenen war damals katastrophal, Seuchen und Hunger dezimierten die Zahl der Insassen (besonders im Winter 1945/46) oder führten zu vorzeitigen Entlassungen wegen Haftunfähigkeit.

1950 wurden durch sowjetische Militärtribunale 1119 Frauen aus den Speziallagern Nr. 4 Bautzen und Nr. 7 Sachsenhausen nach Hoheneck verlegt.[2] Das für maximal 600 Häftlinge ausgelegte Zuchthaus wurde zum ersten Mal überbelegt. Hoheneck wurde zu einem Gefängnis für aus politischen Gründen inhaftierte Frauen. Es befanden sich auch jeweils um die 30 Säuglinge, die in den Lagern geboren wurden, im Gefängnisbereich. Sie wurden wenige Wochen nach der Geburt von den Müttern getrennt und als „Kinder der Landesregierung“ auf Kinderheime der DDR verteilt. In Hoheneck kamen bis 1952 noch mindestens 27 Kinder zur Welt, von denen jedoch nicht alle die Haft überlebten. Auch diese Kinder kamen nach wenigen Wochen in Kinderheime der DDR.[2]

1953 wollten inhaftierte Frauen mit einem Hungerstreik bessere Bedingungen und eine Überprüfung ihrer Verurteilungen erreichen. Dies gelang auch teilweise und von 1954 bis 1956 wurden einige Frauen entlassen. Allerdings verpflichtete man sie unter Androhungen von Strafen zum Schweigen über die Zeit der Inhaftierung. Die Frauen im Gefängnis mussten im Dreischichtsystem arbeiten, so in der Strumpfproduktion für den Westexport.

In den 70er Jahren saßen zeitweise bis zu 1600 Häftlinge in Hoheneck ein. Viele mussten auf dem Boden schlafen. Strafverschärfend war das Zusammenlegen von politischen Häftlingen (mehrfache Ausreiseanträge, versuchter „ungesetzlicher Grenzübertritt“) mit Gewaltverbrecherinnen, auch Mörderinnen. Im Zuge der Bestrebungen, eine internationale Anerkennung der DDR zu erlangen, wurden 1983 nach Besichtigungen durch UN-Kommissionen in den DDR-Haftanstalten die Haftbedingungen grundlegend verändert. Noch bis etwa Mitte 1989 saßen 400 Gefangene ein, davon etwa 30 Prozent politische Gefangene. Bis dahin wurden alle für den Freikauf vorgesehenen Frauen über Hoheneck geleitet, was eine gefängniseigene Außenstelle des Ministeriums für Staatssicherheit nötig machte.

Im November 1989, nach dem Fall der Mauer, erfolgte eine Amnestie für die letzten politischen Häftlinge der DDR. Nach einem Gefangenenaufstand im Dezember 1989 wurde auch ein Teil der kriminellen Straftäterinnen amnestiert. Die genaue Zahl der inhaftierten Frauen während der DDR-Zeit ist nicht bekannt.

ab 1990[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1990 wurde Hoheneck als einziges Frauengefängnis Sachsens fortgeführt. Mitte der 90er Jahre waren im Westflügel der JVA auch männliche Strafgefangene (Kurzstrafen) untergebracht. Vollzogen wurde Strafhaft für weibliche und männliche sowie Untersuchungshaft und Jugendarrest für weibliche Verurteilte. Ende April 2001 wurden das Gefängnis geschlossen und die letzten Gefangenen in andere Gefängnisse verlegt.

Gedenkstein vor ehem. Frauengefängnis der DDR in Hoheneck

2002 verkaufte der Freistaat Sachsen das ehemalige Frauengefängnis an den saarländischen Geschäftsmann Bernhard Freiberger. Die angedachte Umnutzung des Areals zu einem Freizeit- und Erholungskomplex scheiterte an wirtschaftlichen Schwierigkeiten und dem Widerstand der Opferverbände, die den Charakter des Gedächtnisortes gefährdet sahen.

2014 kaufte die Stadt Stollberg den Komplex zurück und richtete dort 2015 eine Gedenkstätte ein.

Bekannte Inhaftierte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der DDR-Zeit:

sowie:

  • Paul Lange, Gewerkschafter, Publizist und Politiker, von 1905 bis 1906
  • Franz Boldt, Gewerkschafter, kommunistischer Lokalpolitiker und Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime, im Jahr 1933 durch das NS-Regime

und

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hörfunk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Thomas Gaevert/Dirk Bierbass: Ich brenne und ich werde immer brennen. Elisabeth Graul und die DDR-Vergangenheit, Hörfunkfeature, Produktion Südwestrundfunk 1999, Erstsendung 9. November 1999 SWR2
  • DDR Frauengefängnis Hoheneck: Wir wurden wie Abschaum behandelt. Gespräch mit der Autorin und Fotografin Rengha Rodewill. WDR 3 Resonanzen, 30. Juni 2014. [1]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Frauengefängnis Hoheneck – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. bundesstiftung-aufarbeitung.de: Das Frauengefängnis Hoheneck
  2. a b Alex Latotzky: Kindheit hinter Stacheldraht. Forum Verlag, Leipzig 2001, ISBN 3-931801-26-8, S. 34.

Koordinaten: 50° 42′ 17″ N, 12° 47′ 3″ O