Tatjana Sterneberg

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Tatjana Sterneberg (* 14. März 1952 in Berlin-Lichtenberg[1][2]) ist eine ehemalige deutsche Zwangsarbeiterin in der DDR.[3][4][5][6] Sie ist Gründerin und Vorsitzende des „Fördervereins Begegnungs- und Gedenkstätte Hoheneck e. V.“. Wegen „staatsfeindlicher Verbindungsaufnahme und Vorbereitung zum ungesetzlichen Grenzübertritt“ wurde sie im Mai 1974 zu drei Jahren und acht Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Sterneberg arbeitet in der Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sterneberg absolvierte 1968–1970 in Ost-Berlin eine Ausbildung zur Restaurantfachfrau; danach arbeitete sie im Hotel „Stadt Berlin“, dem heutigen „Park Inn“.[2][7] Aufgrund einer Liebesbeziehung mit dem in West-Berlin ansässigen Italiener Antonio Borzachiello stellte sie einen Ausreiseantrag; dieser wurde abgelehnt.[1][7] Sterneberg entschloss sich daraufhin zur illegalen Ausreise. Ihre Fluchtpläne wurden durch einen Kollegen in ihrem Arbeitsumfeld, der als Informant für das Ministerium für Staatssicherheit tätig war, verraten; dieser Informant war als Lockvogel tätig und wollte Sterneberg angeblich Kontakte zu Fluchthelfern vermitteln.[1][2] Am 7. November 1973 wurde Sterneberg durch die DDR-Staatssicherheit in ihrer Wohnung in Berlin-Lichtenberg, ihr Freund Antonio am Checkpoint Charlie verhaftet. Fast ein Jahr verbrachte sie in Stasiuntersuchungshaft im Stasi-Gefängnis in der Kissingenstraße in Berlin-Pankow.[8] Am 13. Mai 1974 wurde sie wegen „staatsfeindlicher Verbindungsaufnahme und Vorbereitung zum ungesetzlichen Grenzübertritt“ zu drei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt, ihr Freund zu fünf Jahren; bis 1976 war sie im Frauengefängnis Hoheneck in Stollberg/Erzgeb. inhaftiert.[1] Während ihrer Haftzeit musste sie Zwangsarbeit in der DDR verrichten. Sie war dort als Häftling Nummer 6317 im „Arbeitskommando“ im Einsatz.[9] Für Sterneberg wurde „Arbeitseinsatz bis an die Belastungsgrenze“ angeordnet.[8] Sie arbeitete für den VEB Planet; für diesen Betrieb nähte sie unter anderem Bettwäsche und Kopfkissenbezüge (eingenähte Kennziffer 18), die in Katalogen der Versandhäuser Quelle und Neckermann angeboten wurden.[1] Im Oktober 1976 wurde Sterneberg für 40.000 DM freigekauft und in die Bundesrepublik Deutschland abgeschoben.[9][8] 1977 heiratete Sterneberg in Neapel ihren italienischen Freund Antonio;[7] dieser starb 2006 an den Spätfolgen seiner Inhaftierung. Aus der Ehe ging ein Sohn hervor.[7]

Sternebergs Lebensgefährte ist der Politikaktivist und ehemalige DDR-Widerständler Carl-Wolfgang Holzapfel.[9] Tatjana Sterneberg lebt in Berlin-Charlottenburg.

Aufarbeitung der DDR-Diktatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sterneberg arbeitet und engagiert sich seit den 2000er Jahren intensiv in der Aufarbeitung der DDR-Diktatur. 2004 eröffnete sie in Berlin eine Beratungsstelle für SED/DDR-Opfer beim Sozialverband Deutschland (SoVD), LV Berlin.[8] 2009 trat sie aus dem SoVD aus, nach Protest gegen die Beschäftigung eines ehemaligen Stasi-Offiziers in der Beratungsstelle. Von 2006 bis 2008 war Sterneberg stellvertretende Vorsitzende des Frauenkreises der ehemaligen Hoheneckerinnen.[10] Sie war für die Initiierung und Organisation des Besuchs des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff 2011 in Hoheneck verantwortlich; dadurch wurde das Schicksal der Zwangsarbeiterinnen im Frauengefängnis Hoheneck erstmals wieder stärker in die Wahrnehmung der Öffentlichkeit gebracht.[10] Sterneberg hatte Wulff im Oktober 2010 im Reichstag in Berlin angesprochen und auf das Frauengefängnis Hoheneck aufmerksam gemacht.

Im September 2011 gründete Sterneberg den „Förderverein Begegnungs- und Gedenkstätte Hoheneck e.V.“[10]

Sie ist Mitglied in der Vereinigung 17. Juni 1953 e.V.; seit 2010 ist sie Mitglied im Vorstand (Schatzmeisterin, kommissarische Geschäftsführerin).

Sterneberg absolvierte zahlreiche Auftritte, Interviews (Presse, Radio, Fernsehen) und Vorträge in Schulen[7] und Gedenkstätten (beispielsweise Lindenstraße Potsdam). 2008 plante, organisierte und führte sie mit Holzapfel eine dreiwöchige Veranstaltung in Barnim unter dem Motto „Der Bernauer - Zeithistorische Konflikte vor der Haustür“. Sie war an der Aufdeckung der IM-Tätigkeit (Stasi) des medizinischen Leiters im DDR-Gefängnis Hoheneck, Peter Janata, beteiligt.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aspekte der Lebensgeschichte von Sterneberg wurden in dem ARD-Fernsehfilm Es ist nie vorbei, Drehbuch: Kristin Derfler, verfilmt. Der Film erzählt die Geschichte einer ehemaligen Insassin des Frauengefängnisses Hoheneck, die in der DDR wegen eines Fluchtversuches in Hoheneck eingesperrt wurde.[11]

Die weibliche Hauptrolle spielte Anja Kling; ihre Partner waren Tobias Oertel (als ihr Ehemann) und Ulrich Noethen (als Gefängnisarzt, der für die Stasi tätig ist). Insbesondere wurden die Verabreichung von gesundheitsschädigenden Psychopharmaka und Beruhigungsmitteln wie Prothazin, Faustan, Rudotel und Radepur, medizinische Testversuche und die Zusammenarbeit von Ärzten mit dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR thematisiert.[12]

Sterneberg gilt als Vorbild für die Filmfigur Carola Weber.[13] Die Gauck-Behörde präsentierte auf ihrem Internet-Auftritt anlässlich des Films exemplarisch das Schicksal von Tatjana Sterneberg im Themenkreis Ärzte und Stasi. Sterneberg erlitt im wahren Leben das Schicksal der Filmfigur Carola Weber.[13] Sie wurde im Frauengefängnis Hoheneck misshandelt. Sterneberg erklärte in einem Interview mit der Bild-Zeitung: „Vieles, was der Frau im Film widerfährt, habe ich erlitten. Mir wurden gegen meinen Willen und ohne mein Wissen Psychopharmaka verabreicht. Ich leide bis heute an den Folgen der Haft. Und der Arzt, der mir das im Auftrag der Stasi angetan hat, betreibt heute als angesehener Mann eine Praxis als Allgemeinmediziner.“[13] In einem Interview mit dem Berliner Kurier äußerte sich Sterneberg so: „Er [der Film] spiegelt das [sic!] wieder [sic!], was wir Frauen in Hoheneck durchmachten“.[2]

Sterneberg war als Zeitzeugin Beraterin und Statistin an dem Fernsehfilm beteiligt; sie führte Gespräche über ihr Schicksal u.a. mit der Schauspielerin Anja Kling.[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dirk von Nayhaus, Maggi Riepl: Der Dunkle Ort, Bebra-Verlag Berlin, ISBN 3-937233-99-7[14]
  • Tobias Wunschik: Knastware für den Klassenfeind - Häftlingsarbeit in der DDR, der Ost-West-Handel und die Staatssicherheit (1970-1989), Vandenhoeck & Ruprecht, ISBN 978-3-525-35080-5[15]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e Zwangsarbeiterin für Quelle und Neckermann in: Handelsblatt vom 4. Mai 2012.
  2. a b c d Meine Horrorjahre im Frauenknast der Stasi in: Berliner Kurier vom 7. November 2011.
  3. DDR-Zwangsarbeit angeblich für weitere West-Betriebe (Memento vom 20. April 2016 im Internet Archive)
  4. http://www.n-tv.de/politik/Nicht-nur-Ikea-profitierte-article6186446.html
  5. http://www.bstu.bund.de/DE/InDerRegion/Schwerin/Notizen/20130415_frauen_von_hoheneck.html
  6. https://web.archive.org/web/20131018014808/http://www.mdr.de/exakt/zwangsarbeiter102-download.pdf
  7. a b c d e Tatjana Sterneberg wollte einen Italiener heiraten und landete dafür drei Jahre im Gefängnis in: Märkische Allgemeine Zeitung vom 17. September 2011.
  8. a b c d Es ist wie ein Geburtstag: Heute vor 28 Jahren wurde Tatjana Sterneberg aus Hoheneck frei gekauft in: B.Z. vom 24. Oktober 2004.
  9. a b c Schuften für den Westen in: Der Tagesspiegel vom 6. Mai 2012.
  10. a b c Deutschlandradio: Förderkreis Hoheneck soll es richten Bericht; Deutschlandradio Kultur vom 23. April 2012 (abgerufen auf der Offiziellen Webseite der Vereinigung 17. Juni 1953 e.V.)
  11. „Es ist nicht vorbei“ Offizielle Webseite des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, abgerufen am 10. Mai 2012. (Link ungültig)
  12. Warum darf er immer noch praktizieren? in Berliner Kurier vom 10. November 2011.
  13. a b c d Die wahre Geschichte hinter dem TV-Drama: Anja Kling, was wussten Sie vom Frauen-Knast der Stasi? Interview in: Bild vom 10. November 2011.
  14. http://www.zeitzeugenbuero.de/index.php?id=615&tx_ttnews%5Btt_news%5D=48&cHash=41311a8aebcdccefc17861e93a38672d
  15. http://www.v-r.de/de/title-1-1/knastware_fuer_den_klassenfeind-1011509/