Hypertrichose

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Klassifikation nach ICD-10
L68 Hypertrichose

Inkl.: Verstärkter Haarwuchs Exkl.: Angeborene Hypertrichose Exkl.: Persistierende Lanugobehaarung

L68.1 Hypertrichosis lanuginosa acquisita
L68.2 Lokalisierte Hypertrichose
L68.8 Sonstige Hypertrichose
L68.9 Hypertrichose, nicht näher bezeichnet
ICD-10 online (WHO-Version 2019)

Als Hypertrichose oder Hypertrichosis (altgriechisch ὑπέρ: über, θρίξ: Haar) bezeichnet man das Symptom einer über das übliche Maß hinausgehenden Haardichte bzw. Behaarung, die weder dem Altern, noch dem Geschlecht oder der ethnischen Herkunft entsprechen.[1] Es wird zwischen angeborenen und erworbenen Formen unterschieden, sowie zwischen generalisierter, lokalisierter und symptomatischer Hypertrichose.[2]

Einteilung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Hypertrichose kann lokal begrenzt an einzelnen Stellen auftreten (beispielsweise als behaarter Naevus pilosus, Tierfellnävus) oder den generalisiert gesamten Körper mit Ausnahme der Fußsohlen und Handflächen betreffen. Es gibt angeborene Formen, generalisierte siehe unter Kongenitale generalisierte Hypertrichose.

Eine angeborene Form der lokal begrenzten Hypertrichose ist eine verstärkte, teilweise der Kopfbehaarung ähnliche Behaarung über dem Kreuzbein. Dies ist bei Erkrankungen der Fall, bei denen das Neuralrohr in der Embryonalentwicklung nicht vollständig geschlossen wurde (sogenannte Dysraphien), wie beispielsweise der Spina bifida.

Lavinia Fontana: Porträt der Tognina Gonsalvus, ca. 1580
Jahrmarktsattraktion (1909)

Die Lanugobehaarung kann auch nach der Geburt als erworbene Form neu auftreten (Hypertrichosis lanuginosa acquisita); dies ist sehr selten im Rahmen von Krebserkrankungen als sogenanntes paraneoplastisches Syndrom besonders bei Eingeweidetumoren der Fall (Herzberg-Potjan-Gebauer-Syndrom).

Einige Medikamente können eine generalisierte Hypertrichose auslösen. Ein Beispiel ist das Blutdruckmedikament Minoxidil, das bei äußerlicher Anwendung auch zur Therapie eines umschriebenen Haarausfalls verwendet wird.[3]

Von der Hypertrichose sind alle Formen der hormonell bedingten Änderungen des geschlechtsspezifischen Behaarungstypes abzugrenzen, die bei der Frau als Hirsutismus bezeichnet werden.

Bei einzelnen Syndromen kann eine Hypertrichose wesentliches Merkmal sein, so beim Amaurose-Hypertrichose-Syndrom, Barber-Say-Syndrom, Gorlin-Chaudhry-Moss-Syndrom, Wiedemann-Steiner-Syndrom. Das Online-Informationsportal für seltene Erkrankungen, Orphanet, unterscheidet insgesamt 15 verschiedene Störungen, die mit Hypertrichose einher gehen. Nur eine Form, die generalisierte kongenitale, X-chromosomale Hypertrichose, ist dabei an das X-Chromosom gebunden.[4]

Alice Elizabeth Doherty (1887–1933) als Teenagerin

Geschichte der „Haarmenschen“ und bekannte Fälle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In früheren Jahrhunderten waren sogenannte Haarmenschen in vielen Fällen der Schaulust ihrer Umgebung ausgesetzt; sie nutzten ihre körperliche Besonderheit teils aber auch, mehr oder weniger freiwillig, als Quelle ihres Lebensunterhaltes.[5] In der Renaissance lebten Haarmenschen an den königlichen Höfen Frankreichs, Italiens und der Niederlande, wo sie unterrichtet wurden und als menschliche Kuriositäten Teil des Hofstaates waren. Bekannt in der Überlieferung wurden zum Beispiel der Affenmensch Petrus Gonsalvus (1537–1618), der am Hof des französischen Königs Heinrich II. lebte, bevor er dem Statthalter Alessandro Farnese zum Geschenk gemacht wurde. Aus der Ehe von Petrus Gonsalvus und seiner Frau Catherine Raffelin gingen sieben Kinder hervor. Vier der Kinder, darunter auch seine Tochter Tognina Gonsalvus, erbten die Hypertrichose. Es gibt zwar Gemälde von Petrus und einigen seiner Kinder, diese werden jedoch stets mit unbehaarten Händen dargestellt, was nicht der Realität entsprach.[6]

Einige berühmte Haarmenschen arbeiteten als Freaks sowie „bärtige Frauen“ auf den Jahrmärkten oder begleiteten Side Shows des 19. Jahrhunderts,[7] wie etwa Julia Pastrana (1834–1860) und Lionel der Löwenmensch (1890–1932).

Seit 2010 gilt die Thailänderin Supattra Sasupan (* 5. August 2000) im Guinness-Buch der Rekorde als das haarigste Mädchen der Welt.[8] [9]

Der Mythos des Werwolfs hängt möglicherweise auch mit dieser Erkrankung zusammen, angeblich auch die Geschichte von der Schönen und dem Biest.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Hypertrichose – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Diagnostik und Therapie Dermatologie. Hypertrichose Thieme, aufgerufen am 31. Oktober 2021
  2. Erkrankungen der Haare. Hypertrichosen Springer Medizin, aufgerufen am 31. Oktober 2021
  3. A. W. Lucky u. a.: A randomized, placebo-controlled trial of 5% and 2% topical minoxidil solutions in the treatment of female pattern hair loss. In: J Am Acad Dermatol. 2004 Apr; 50(4), S. 541–553 PMID 15034503
  4. Hypertrichose Orphanet, abgerufen am 22. Mai 2021.
  5. Roberto Zapperi: Der wilde Mann von Teneriffa. Die wundersame Geschichte des Pedro Gonzalez und seiner Kinder. C.H. Beck, München 2004.
  6. Haarmensch, Petrus Gonsalvus (geboren 1556), Pedro Gonsales Europeana, aufgerufen am 31. Oktober 2021
  7. Leslie Fiedler: Freaks. Myths and Images of the Secret Self. New York 1978.
  8. Wolfskind Supattra Sasupan: Diese Elfjährige ist das haarigste Mädchen der Welt. In: Berliner Kurier, 12. Juli 2011.
  9. Supatra Sasuphan: Meet the world's hairiest girl (engl.) Briefly, aufgerufen am 31. Oktober 2021