I.G.-Farben-Prozess

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Die Angeklagten. Aufnahme vom 27. August 1947

Im I.G.-Farben-Prozess, dem Verfahren „Vereinigte Staaten vs. Carl Krauch et al.“, mussten sich 23 Leitende Angestellte der I.G. Farbenindustrie AG im Jahr 1947 vor einem US-amerikanischen Militärgericht verantworten. Am 30. Juli 1948 wurden 13 der Angeklagten zu Gefängnisstrafen verurteilt, während die restlichen 10 auf Grund der Beweislage freigesprochen wurden.

Es war der sechste von insgesamt zwölf Nachfolgeprozessen gegen Verantwortliche im Rahmen der Nürnberger Prozesse des Deutschen Reichs zur Zeit des Nationalsozialismus. Mit den Urteilen wurden „Plünderungen“ ausländischer Betriebe in den ehemaligen deutschen Feindländern Polen, Norwegen, Frankreich und der Sowjetunion geahndet. Ein weiterer Straftatbestand war „Versklavung“, der planmäßige Einsatz von Zwangsarbeitern aus dem eigens für den Bau der Buna-Werke errichteten KZ Auschwitz III Monowitz. Auch die Herstellung von Giftgas (Zyklon B) und dessen Lieferung an die SS zu Ausrottungszwecken in Konzentrationslagern wurde im Prozess behandelt.

Die Anklagepunkte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufgrund der Anklageschrift vom 3. Mai 1947 wurde eine Anklage in den folgenden Punkten erhoben:

  1. Verbrechen gegen den Frieden durch Planung, Vorbereitung, Einleitung und Führung von Angriffskriegen und Invasionen anderer Länder
  2. Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch Plünderung und Raub öffentlichen und privaten Eigentums in kriegerisch besetzten Ländern
  3. Versklavung der Zivilbevölkerung in von Deutschland besetzten oder kontrollierten Gebieten, Einziehung dieser Zivilisten zur Zwangsarbeit, Teilnahme an der Versklavung von Konzentrationslagerinsassen innerhalb Deutschlands, an der völkerrechtswidrigen Verwendung von Kriegsgefangenen bei Kriegshandlungen, Misshandlung, Einschüchterung, Folterung und Ermordung versklavter Menschen
  4. Mitgliedschaft von drei Vorstandsmitgliedern (Christian Schneider, Heinrich Bütefisch, Erich von der Heyde) in der SS, die vom Internationalen Militärtribunal im vorangegangenen Hauptprozess als verbrecherische Organisation eingestuft worden war
  5. Verschwörung zur Begehung von Verbrechen gegen den Frieden

Die Richter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Jury bestand aus den folgenden Persönlichkeiten:

Die Angeklagten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gegen 23 Personen wurde Anklage erhoben. Ihre Position bis 1945, der Anklagepunkt (sofern verurteilt), das gesprochene Urteil, de vorzeitige Entlassung[1] und die nachfolgenden Tätigkeiten - sofern bekannt - werden in der folgenden Tabelle dargestellt:

Angeklagter Anklagegrund Urteil Entlassung Nachfolgende Tätigkeiten
Carl Krauch (Aufsichtsratsvorsitzender der I.G. Farben) „Versklavung“ 10 Jahre 1950 1955 Aufsichtsratsmitglied der Hüls GmbH
Otto Ambros (Vorstandsmitglied, Planung IG Auschwitz) 8 Jahre 1952 ab 1954 diverse Vorstandsfunktionen in der Pharmaindustrie und anderen Bereichen, z. B. Grünenthal GmbH, oder als Berater für F. K. Flick
Ernst Bürgin „Plünderung und Raub“[2] 2 Jahre  ?  ?
Heinrich Bütefisch (Vorstandsmitglied, Benzin-Synthese IG Auschwitz) „Versklavung“ 6 Jahre 1951 1952 Aufsichtsratsmitglied u. a. von Ruhrchemie AG und Deutsche Gasolin AG
Walter Dürrfeld 8 Jahre  ? mehrere Aufsichtsratsmandate
Fritz Gajewski (Vorstandsmitglied, Kontakt zu Dynamit Nobel AG) Freispruch - 1949 GF bei Dynamit Nobel AG
Heinrich Gattineau Freispruch - u.a. im Vorstand der WASAG-Chemie AG
Paul Häfliger „Plünderung und Raub“ 2 Jahre  ? -
Erich von der Heyde Freispruch - -
Heinrich Hörlein Freispruch - 1952 Aufsichtsratsvorsitzender der Bayer AG
Max Ilgner 3 Jahre 1948 - -
Friedrich Jähne (Vorstandsmitglied, Chefingenieur) „Plünderung“ 1 Jahr 6 Monate 1948 1955 Aufsichtsratsmitglied der „neuen“ Farbwerke Hoechst
August von Knieriem Freispruch - Vorsitzender des Aufsichtsrates der „I.G.-Farben-Industrie AG i. L.“[3]
Hans Kugler „Plünderung und Raub“ 1 Jahr 6 Monate  ? u.a. im Vorstand der Cassella Farbwerke Mainkur AG
Hans Kühne Freispruch - Beschäftigung bei Bayer in Elberfeld
Carl Lautenschläger Freispruch - -
Wilhelm Rudolf Mann Freispruch - 1949 Leiter des Verkaufs von Pharmazeutika bei Bayer AG
Fritz ter Meer (Vorstandsmitglied, Verwalter IG Auschwitz) „Plünderung“ und „Versklavung“ 7 Jahre 1950 1955 Aufsichtsratsmitglied der Bayer AG
Heinrich Oster „Plünderung und Raub“ 2 Jahre  ? Mitglied des Aufsichtsrats der Gelsenberg AG
Hermann Schmitz (Aufsichtsratsvorsitzender, Finanzchef) „Plünderung“ 4 Jahre  ? 1952 Aufsichtsratsmitglied der deutschen Bank Berlin West, 1956 Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats der Rheinischen Stahlwerke (von Rudolf Dix verteidigt)
Christian Schneider Freispruch - Aufsichtsratsmitglied der Süddeutschen Kalistickstoff-Werke AG in Trostberg[4]
Georg von Schnitzler 5 Jahre 1949 Präsident der Deutsch-Ibero-Amerikanischen Gesellschaft
Carl Wurster (Vorstandsmitglied) Freispruch - 1952 Vorstandsvorsitzender der „neuen“ BASF u.v.m.[5]

Urteile[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Anklagepunkten 1, 4 und 5 wurden alle Beschuldigten freigesprochen. Beim Freispruch in Punkt 1 – Mithilfe zur Aufrüstung und Unterstützung von Angriffskriegen – begründete das Gericht, dass die Teilnahme an der Wiederaufrüstung nicht strafbar sei. Den Angeklagten sei nicht nachgewiesen worden, dass sie von der Planung der Angriffskriege Kenntnis gehabt hätten. Damit entfiel auch die Anklage in Punkt 5, der Verschwörung zum Angriffskrieg.

In Punkt 4 – Mitgliedschaft in der SS – wurden die drei Beschuldigten freigesprochen, weil sie nur „Ehrenchargen“ innegehabt hatten. Auch der Vorwurf der Anklage, die I.G. habe Hitlers Machtergreifung durch eine Spende gefördert, wurde vom Gericht nicht akzeptiert. Bei Hitlers Rede vor dem Industrie-Club Düsseldorf war keiner der führenden Männer der I.G.-Farben anwesend, an einer Spendensammlung für die NSDAP habe sie sich zu einem Zeitpunkt beteiligt, als Hitler bereits Reichskanzler war.

Das Gericht befand den Nachweis der Anklage überzeugend, dass die I.G.-Farben über die Firma Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung an der Lieferung großer Mengen von Zyklon B an die SS beteiligt war, und dass das Gas bei der massenhaften Ausrottung der Insassen von Konzentrationslagern Verwendung fand. Es betrachtete aber die Annahme der Anklage als ausgeschlossen, dass einer der Angeklagten Kenntnis von dieser bestimmungswidrigen Verwendung des Schädlingsbekämpfungsmittels gehabt hätte.

Die Verurteilten wurden, soweit ihre Strafzeit nicht bereits durch die Untersuchungshaft abgebüßt war, in das Landsberger Gefängnis gebracht. Sämtliche zu Haftstrafen verurteilten Angeklagten wurden vorzeitig aus der Haft entlassen. Wann die letzten Inhaftierten entlassen wurden, ist nicht eindeutig geklärt. In der geläufigen Literatur ist jedoch meist von 1952 oder 1951 die Rede.

Die meisten Angeklagten hatten innerhalb kürzester Zeit wieder Aufsichtsratsposten inne, einigen wurde sogar das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Angaben laut Dokumentationszentrum im ehemaligen Reichsparteitagsgebäude in Nürnberg
  2. Dirk Hackenholz: Die elektrochemischen Werke in Bitterfeld 1914–1945, 2004, 338
  3. Nationalrat der Nationalen Front des Demokratischen Deutschland, Dokumentationszentrum der Staatlichen Archivverwaltung der DDR (Hrsg.): Braunbuch. Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik und in Westberlin. Staat, Wirtschaft, Verwaltung, Armee, Justiz, Wissenschaft. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. Staatsverlag der DDR, Berlin 1968, (online).
  4. Braunbuch - Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik und in Westberlin (1968; PDF; 2,2 MB), S. 62
  5. http://www.bufata-chemie.de/reader/ig_farben/0503.html

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Heigl: Nürnberger Prozesse. = Nuremberg Trials. Carl, Nürnberg 2001, ISBN 3-418-00388-5.
  • Jens Ulrich Heine: Verstand & Schicksal. Die Männer der I.G. Farbenindustrie A.G. (1925–1945) in 161 Kurzbiographien. Verlag Chemie, Weinheim u. a. 1990, ISBN 3-527-28144-4.
  • Florian Jeßberger: Von den Ursprüngen eines „Wirtschaftsvölkerstrafrechts“: Die I.G. Farben vor Gericht. In: Juristenzeitung. 2009, S. 924–932.
  • Office of Military Government for Germany, United States (O.M.G.U.S). Ermittlungen gegen die I.G. Farbenindustrie AG. September 1945. Übersetzt und bearbeitet von der Dokumentationsstelle zur NS-Sozialpolitik Hamburg. Greno, Nördlingen 1986, ISBN 3-89190-019-8.
  • Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): Der Nationalsozialismus vor Gericht. Die alliierten Prozesse gegen Kriegsverbrecher und Soldaten 1943–1952 (= Fischer-Taschenbücher. Die Zeit des Nationalsozialismus 13589). Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-596-13589-3.
  • Annette Weinke: Die Nürnberger Prozesse (= Beck’sche Reihe 2404 C. H. Beck Wissen). Beck, München 2006, ISBN 3-406-53604-2.
  • Udo Walendy (Hrsg.): Auschwitz im IG-Farben-Prozess. Holocaust-Dokumente? Verlag für Volkstum u. Zeitgeschichtsforschung, Vlotho/Weser 1981, ISBN 3-922252-15-X.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: I.G.-Farben-Prozess – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien