Krupp-Prozess

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Der Krupp-Prozess war der zehnte der zwölf Nachfolgeprozesse gegen Verantwortliche des Deutschen Reichs zur Zeit des Nationalsozialismus. Alfried Krupp von Bohlen und Halbach und alle noch lebenden Mitglieder des Direktoriums der Firma Krupp wurden angeklagt und verurteilt. Der Prozess war einer von drei Prozessen, die einen wirtschaftsstrafrechtlichen Hintergrund hatten (Flick-Prozess, I.G.-Farben-Prozess).

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während des Zweiten Weltkriegs hatten die Alliierten USA und UdSSR als einen der Kriegsgründe gemeinsam den wirtschaftlichen Imperialismus Nazideutschlands angesehen. Für die Planung und Durchführung dieses verbrecherischen Krieges wurde den Großindustriellen eine Schlüsselrolle zugerechnet. Die amerikanische Sicht war dabei vom IG-Farben-Bericht der Kilgore-Kommission und der Deutschlandbeschreibung Behemoth des Politikwissenschaftler Franz Neumann beeinflusst und man wollte die Großindustriellen dafür strafrechtlich zur Verantwortung ziehen und deren Kartelle zerschlagen.[1]

Nach dem Potsdamer Abkommen vom August 1945 sollte Deutschland demokratisiert, denazifiziert, demilitarisiert und dekartelliert werden, um den moralischen und ökonomischen Neuaufbau durch einen Elitenwechsel zu fundieren. Im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher waren wichtige juristische Richtlinienentscheidungen zum Zwangsarbeitereinsatz (als verbrecherischem „Sklavenarbeits“-Programm) und zur SS als verbrecherischer Organisation gefällt worden. Es war aber kein Industrieller verurteilt worden, da der einzige angeklagte Privatindustrielle durch einen Fehler der verhandlungsunfähige schwerkranke Gustav Krupp war. Ein zweiter internationaler Hauptkriegsverbrecherprozess konzentriert auf die Wirtschaft wurde aus finanziellen Gründen und weil man den Sowjets keine Möglichkeit für ein Tribunal gegen das kapitalistische System bieten wollte, verworfen. Durch die Hinwendung zur Reintegration Deutschlands als Bollwerk gegen den Kommunismus im Rahmen des Marshallplans, wurden die Mittel für die Industriellen-Prozesse gekürzt und es wurden nur noch die Prozesse gegen Mitglieder von Flick, IG Farben und Krupp vor einem Nationalen Militär Tribunal (NMT) der Amerikaner sowie im Fall des Röchling-Konzerns vor einem französischen Tribunal durchgeführt.[2]

Chefankläger Telford Taylor eröffnete den Krupp-Prozess

Die Anklagepunkte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Nürnberger Chefankläger Robert H. Jackson betrachtete Krupp als einen zentralen Fall von Verbrechen von Industriellen im Verbund mit dem Nationalsozialismus:

“Four generations of the Krupp family have owned and operated the great armament and munitions plants which have been the chief source of Germany’s war supplies. For over 130 years this family has been the focus, the symbol, and the beneficiary of the most sinister forces engaged in menacing the peace of Europe.”[3]

Die weit zurückgreifende Perspektive stützte sich unter anderem auf die kritische Darstellung der Unternehmensgeschichte durch Bernhard Menne,[4] die kurz nach ihrem Erscheinen in der Schweiz auch international Beachtung fand.[5] Bis 1947 bereitete man den Fall Krupp als dritten Industriellen-Prozess vor.

Die Anklageschrift vom 1. Juli 1947 gegen die Unternehmensverantwortlichen aus den Ebenen Eigentümer, Spitzenmanager, Werks- und Abteilungsleiter und leitenden Angestellten umfasste die vier Anklagepunkte Vorbereitung und Führung eines Angriffskrieges (I), Plünderung (II), Zwangsarbeit (III) und Verschwörung (IV).[6] Die ersten drei Anklagepunkte entsprechen in etwa den heute im Völkerstrafrecht etablierten Verbrechen der Aggression durch einen Angriffskrieg, der Kriegsverbrechen durch Plünderung und Raub in den besetzten Gebieten und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch Verschleppung, Ausbeutung und Missbrauch zur Sklavenarbeit (Zwangsarbeit) und rechtswidrigen Einsatz von Kriegsgefangenen zur Rüstungsproduktion. Der vierte Anklagepunkt der Verschwörung zur Begehung der drei anderen Verbrechen ist heute nicht im Völkerstrafrecht kodifiziert. Gleichwohl lag das Hauptinteresse der Anklage im Krupp-Prozess auf dem „Doppelthema Angriffskrieg-Verschwörung“,[7] so dass die Ausführungen der Anklage bis weit ins 19. Jahrhundert zurückgriffen.

Die Richter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Prozess[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Eröffnungsrede hielt Anklagevertreter Telford Taylor am 8. Dezember 1947. Bereits nach kurzer Prozessdauer verkündete das Gericht im April 1948 den Freispruch von der Anklage des Angriffskrieges und der Verschwörung (Anklagepunkte I und IV), deren Begründung durch die Ankläger unhaltbar schien. Vorangegangen war Kritik amerikanischer Rüstungsunternehmen und der Protest amerikanischer Kongressabgeordneter, die von „kommunistisch-inspirierten Schauprozessen“ sprachen, was schließlich zu einer Empfehlung des Kriegsministeriums führte, auf diese Anklagepunkte zu verzichten.[8]

Die Verurteilungen wegen „Plünderung“ und „Sklavenarbeit“ wurden am 31. Juli 1948 verkündet.[9] In der Urteilsbegründung wurde der Einwand der Verteidigung, die Vorschriften des Haager Abkommens könnten auf den „totalen Krieg“ nicht mehr angewandt werden, vom Gericht „auf das entschiedenste zurückgewiesen“. Angeführt wurde auch die Beschlagnahme des Elmag-Werkes in Mühlhausen und die völkerrechtswidrige Beschäftigung und Misshandlung von Zwangsarbeitern. Der Krupp-Konzern habe innerhalb ganz Deutschlands 69.989 ausländische Zivilarbeiter und 4978 KZ-Häftlinge beschäftigt; in den Krupp-Werken waren 23.076 Kriegsgefangene eingesetzt.[10]

Urteile[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf der Anklagebank: Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, Ewald Löser, Eduard Houdremont, Erich Müller, Friedrich Janssen, Karl Pfirsch, Karl Eberhardt und Heinrich Korschan (von links)

Die zwölf Angeklagten im Prozess „Vereinigte Staaten vs. Alfried Krupp von Bohlen und Halbach et al.“ waren, und ihre Urteile vom 31. Juli 1948 lauteten im Einzelnen:

Sechs der Angeklagten wurden für schuldig befunden, sich am Raub und der Plünderung fremder Vermögenswerte (Anklagepunkt II) beteiligt zu haben. Alle bis auf den Angeklagten Karl Pfirsch wurden wegen der Beteiligung am Zwangsarbeiterprogramm mit zehntausenden von Ostarbeitern (Anklagepunkt III) verurteilt. Auch der enge Zusammenhang zwischen Vernichtungspolitik und KZ-Häftlingseinsatz in einem nahe Auschwitz gelegenen Werk wurde von den Richtern benannt: „Millionen von Gefangenen wurden in KZs zusammengetrieben und dann in Fabriken und Gruben oder auch auf raschere Weise in Gaskammern in den Tod getrieben“.[11]

Alfried Krupp von Bohlen und Halbach wurde wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verstößen gegen das Kriegsrecht zu einer Gefängnisstrafe von zwölf Jahren und Einziehung seines gesamten Vermögens verurteilt. In der Urteilsbegründung wurde auf die Verbrechen gegen die Zwangsarbeiter, auf die Vorbereitung des Krieges sowie auf seine aktive Rolle bei der Ausplünderung und Deindustrialisierung der von Deutschland besetzten Länder Bezug genommen.

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fast alle Verurteilte wurden in den Jahren 1951–52 durch den Hohen Kommissar der USA John Jay McCloy vorzeitig entlassen.

Die Beschlagnahmung des Vermögens von Alfried Krupp von Bohlen und Halbach wurde in den westlichen Besatzungszonen nicht umgesetzt. In der sowjetischen Besatzungszone wurde damit jedoch die Enteignung einiger Krupp-Betriebe, die faktisch längst schon stattgefunden hatte, nachträglich juristisch legitimiert. Alfried Krupp von Bohlen und Halbach verbüßte einen kleinen Teil seiner Strafe im Militärgefängnis in Landsberg am Lech, bis er am 31. Januar 1951 amnestiert und vorzeitig aus der Haft entlassen wurde. Auch der Teil des Urteils, der die Beschlagnahme des Krupp-Vermögens verfügt hatte, wurde aufgehoben.[12]

Dies war nicht zuletzt Folge einer PR-Offensive, mit der Handelskammern, Unternehmerverbände, konservative Medien und sogar die Verteidiger des Krupp-Prozesses versuchten, Krupp und die deutsche Industrie insgesamt von allen Vorwürfen zu entlasten sowie die firmeneigene Version der Unternehmensgeschichte wiederherzustellen und die Rolle der deutschen Industrie im Nationalsozialismus insgesamt zu beschönigen. Die Schrift „Warum wurde Krupp verurteilt?“ ging schon 1950 kaum über die Inhalte der Verteidigungsreden hinaus, übte sich jedoch zudem in anti-alliierter Rhetorik, indem sie Bombenangriffe, Nürnberger Prozesse und die wirtschaftliche Entflechtungspolitik der Besatzungsmächte zum „Vernichtungskrieg“ gegen die deutsche Wirtschaft erklärten.[13] Zu diesen apologetischen Schriften werden heute unter anderem gezählt:[14]

  • Tilo von Wilmowsky: Warum wurde Krupp verurteilt? Legende und Justizirrtum. Vorwerk, Stuttgart 1950.
  • Hermann M. Maschke: Das Krupp-Urteil und das Problem der „Plünderung“. Herbert Kraus (Hrsg.), Göttinger Beiträge zu Gegenwartsfragen. Nr. 7, Musterschmidt, Göttingen 1951.
  • Gert von Klass: Die drei Ringe. Lebensgeschichte eines Industrieunternehmens. Wunderlich, Tübingen 1953, zum Krupp-Prozess besonders S. 441–464.
  • Gert von Klass: Schutt und Asche. Krupp nach fünf Menschenaltern. Tübingen 1961.
  • Tilo von Wilmowsky: Rückblickend möchte ich sagen … An der Schwelle des 150jährigen Krupp-Jubiläums. Oldenburg/Hamburg 1961.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Grietje Baars: Capitalism´s Victor´s Justice? The Hidden Stories Behind the Prosecution of Industrialists Post-WWII. In: The Hidden Histories of War Crime Trials. Hrsg.: Kevin Jon Heller und Gerry Simpson, Oxford University Press 2013, ISBN 978-0-19-967114-4, S. 163–192
  • Werner Abelshauser: Rüstungsschmiede der Nation? Der Kruppkonzern im Dritten Reich und in der Nachkriegszeit 1933 bis 1951. In: Lothar Gall (Hrsg.): Krupp im 20. Jahrhundert. Die Geschichte des Unternehmens vom Ersten Weltkrieg bis zur Gründung der Stiftung. Siedler, Berlin 2002, ISBN 3-88680-742-8, S. 464–472.
  • Kevin Jon Heller: The Nuremberg Military Tribunals and the Origins of International Criminal Law. Oxford University Press, 2011, ISBN 978-0-19-955431-7.
  • Uwe Kessler: Zur Geschichte des Managements bei Krupp. Von den Unternehmensanfängen bis zur Auflösung der Fried. Krupp AG (1811–1943). Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1995, ISBN 3-515-06486-9 (Beihefte der Zeitschrift für Unternehmensgeschichte; Bd. 87).
  • Kim Christian Priemel: Der Sonderweg vor Gericht. Angewandte Geschichte im Nürnberger Krupp-Prozess. In: Historische Zeitschrift 294, 2012, Nr. 2, S. 391–426.
  • Annette Weinke: Die Nürnberger Prozesse. Beck, München 2006, ISBN 3-406-53604-2 (Beck’sche Reihe Wissen 2404).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Krupp-Prozess – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Grietje Baars: Capitalism´s Victor´s Justice? The Hidden Stories Behind the Prosecution of Industrialists Post-WWII. In: The Hidden Histories of War Crime Trials. Hrsg.: Heller und Simpson, Oxford University Press 2013, ISBN 978-0-19-967114-4, S. 163, 169 f.
  2. Kim Christian Priemel: Flick – Eine Konzerngeschichte vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik. Wallstein 2007. ISBN 978-3-8353-0219-8, S. 616 ff.
  3. Answer for the United States to the Motion Filed in Behalf of Krupp von Bohlen, 12.11.1945. In: Nazi Conspiracy and Aggression. Bd. 1. Washington 1946, S. 86–91; zitiert nach Kim Christian Priemel: Der Sonderweg vor Gericht. Angewandte Geschichte im Nürnberger Krupp-Prozess. In: Historische Zeitschrift 294, 2012, Nr. 2, S. 391–426, hier S. 403.
  4. Bernhard Menne: Krupp. Deutschlands Kanonenkönige. Zürich 1937.
  5. US-amerikanische Ausgabe: Bernhard Menne: Blood and Steel. The Rise of the House of Krupp. New York 1938.
  6. Kim Christian Priemel: Der Sonderweg vor Gericht. Angewandte Geschichte im Nürnberger Krupp-Prozess. In: Historische Zeitschrift 294, 2012, Nr. 2, S. 408.
  7. Kim Christian Priemel: Der Sonderweg vor Gericht. Angewandte Geschichte im Nürnberger Krupp-Prozess. In: Historische Zeitschrift 294, 2012, Nr. 2, S. 414.
  8. Weinke, 2006, S. 89.
  9. Abelshauser, 2002, S. 468.
  10. 12 Jahre Gefängnis für Alfried Krupp - Schuldig der Plünderungen in besetzten Gebieten, WELT am SONNTAG, Ausgabe West vom 1. August 1948, S. 1
  11. Weinke, 2006, S. 91.
  12. Thomas A. Schwartz: Die Begnadigung deutscher Kriegsverbrecher. John J. McCloy und die Häftlinge von Landsberg. In: VfZ 38 (1990), S. 375–414.
  13. Kim Christian Priemel: Der Sonderweg vor Gericht. Angewandte Geschichte im Nürnberger Krupp-Prozess. In: Historische Zeitschrift 294, 2012, Nr. 2, S. 422.
  14. Vgl. Kim Christian Priemel: Der Sonderweg vor Gericht. Angewandte Geschichte im Nürnberger Krupp-Prozess. In: Historische Zeitschrift 294, 2012, Nr. 2, S. 422f.