Iatromathematik und Iatroastrologie

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Die Iatromathematik (von griech.: ίατρος íatros = Heiler, Arzt; und zu μάθημα máthema = Wissenschaft, Mathematik) oder Iatroastrologie, auch als Astromedizin bezeichnet, war ein medizinisches Konzept, beruhend auf Astrologie und dazugehörigen mathematischen (bzw. komputistischen) Berechnungen, das die Stellung des Menschen im Kosmos beschreibt.

Aus den Zahlenwerten des Namens des Patienten wird dessen Überlebens-Chance errechnet (arabisch Sirr al-Asrar سر الأسرار, lateinisch Secretum secretorum)

Grundgedanken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Iatromathematik ging von einem äußeren Einfluss der Gestirne auf Schicksal und Charakter des Menschen sowie auf den menschlichen Körper und dessen Gesundheitszustand aus, dem die innere Prägung des Menschen durch seine ebenfalls durch die Gestirne beeinflusste Säftemischung, wie sie in der antik-mittelalterlichen Humoralpathologie (Säftelehre) beschrieben wird, entgegensteht. Die astrologischen Konstellationen wurden als wesentlich für die Entstehung von Krankheiten, aber auch die Therapie, wie beispielsweise den Aderlass, beeinflussend angesehen. In der auf dem Zusammenhang von Planeten bzw. Sternzeichen und dem menschlichen Organismus (als Entsprechung von Mikro- und Makrokosmos) basierenden Iatromathematik oder Iatroastrologie verbinden sich somit Astronomie, Astrologie und die humoralpathologische Vier-Säfte-Lehre (beruhend auf der antiken Vier-Elemente-Lehre) zur Astromedizin.[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Iatromathematik hatte von der Antike über die Medizin des Mittelalters bis ins 17. Jahrhundert große Bedeutung; ihre Blütezeit war im 16. Jahrhundert.

Bei der spätmittelalterlichen, erstmals als astromedizinisches Kompendium (Handbuch) um 1400 aus verschiedensten heilkundlichen und prognostischen Schriften zusammengestellten, Literaturgattung „Iatromathematisches Hausbuch“[2][3] (1469 als prächtig bebilderter Kodex im Auftrag des Nürnberger Patriziers Erasmus Schürstab herausgegeben)[4] handelt es sich um Zusammenstellungen von Texten, die den Menschen in Verbindung zum Universum stellen und medizinische Diagnosen und Therapien in Beziehung zu astronomischen Ereignissen setzen.[5] So wurden beispielsweise die für Aderlässe und andere gesundheitsfördernde Maßnahmen günstigsten Zeitpunkte anhand astrologischer Berechnungen bestimmt.[6] Inhalte solcher Textsammlungen erscheinen später auch in der sogenannten Hausväterliteratur (Als Vorläufer der weit verbreiteten medizinisch-iatromathematischer Hausbücher gilt die Tradition der Regimen sanitatis-Literatur[7][8]).

Ein wichtiger Vertreter iatromathematischer beziehungsweise astromedizinischer Lehren war Agrippa von Nettesheim. Einer der ersten Iatromathematiker des 16. Jahrhunderts war der aus Randersacker stammende Arzt und Geistliche Jakob Schönheitz, der sich um 1500 auch in Frankfurt am Main aufhielt und 1502 in Nürnberg seine gegen Giovanni Pico della Mirandola gerichtete Apologia astrologiae veröffentlichen ließ.[9] Eine weitere frühneuzeitliche Darstellung der Iatromathematik war die 1531 gedruckte Vorlesung von Georg Tannstetter mit dem Titel Artificium de applicatione Astrologiae ad Medicinam[10] (deutsch: Kunstvolles Werk über die Anwendung der Astrologie auf die Medizin)[11].

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Karl Sudhoff: Iatromathematiker vornehmlich im 15. und 16. Jahrhundert (= Abhandlungen zur Geschichte der Medicin; 2). Breslau 1902.
  • Wolf-Dieter Müller-Jahncke: Der Höhepunkt der Iatromathematik. In: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte. 4, 1981, S. 41–50.
  • Gundolf Keil (Hrsg.): Vom Einfluß der Gestirne auf die Gesundheit und den Charakter des Menschen. Das 'Iatromathematische Hausbuch' dargestellt am Nürnberger Kodex Schürstab, Faksimile und Kommentar zur Faksimile-Ausgabe des Manuskriptes C 54 der Zentralbibliothek Zürich. Hrsg. von Gundolf Keil unter Mitarbeit von Friedrich Lenhardt, Christoph Weißer und Huldrych M. Koelbing, 2 Bände, Faksimile-Verlag, Luzern 1981–1983, ISBN 3-85672-013-8.
  • Gundolf Keil: Der Hausvater als Arzt. In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit (Vorträge eines interdisziplinären Symposions vom 6.–9. Juni 1990 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn). Mit einem Register von Ralf Nelles, Jan Thorbecke, Sigmaringen 1991, ISBN 379954156X, S. 219–243; hier: S. 227 f.
  • André Parent: Das 'Iatromathematische Hausbuch' in Heinrich Stegmüllers Buchauer Redaktion von 1443. Anmerkungen zu Textwiedergabe, Kommentar und Wörterverzeichnis. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 7, 1989, S. 167–177.
  • Alfred Schmid, Erich Hintzsche: Conrad Türsts iatromathematisches Gesundheitsbüchlein für den Berner Schultheißen Rudolf von Erlach. Bern 1947 (= Berner Beiträge zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. Band 7).
  • Christoph Weißer: Iatromathematik. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. Hrsg. von Werner E. Gerabek und anderen, Walter de Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3110157144, S. 652–655.
  • Lorenz Welker: Das ‚Iatromathematische Corpus‘. Untersuchungen zu einem alemannischen astrologisch-medizinischen Kompendium des Spätmittelalters mit Textausgabe und einem Anhang: Michael Puffs von Schrick Traktat „Von den ausgebrannten Wässern“ in der handschriftlichen Fassung des Codex Zürich, Zentralbibliothek, C 102 b. (Medizinische Dissertation) Zürich 1988 (= Zürcher medizingeschichtliche Abhandlungen, Neue Folge. Band 196).

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Christoph Weißer: Iatromathematik. 2005, S. 652.
  2. Friedrich Lenhardt, Gundolf Keil: Iatromathematisches Hausbuch. In: Verfasserlexikon., 2. Aufl., Band 4, Sp. 347–351.
  3. Bernhard Schnell: Ein Würzburger Fragment des ›Iatromathematischen Hausbuchs‹. Ein Beitrag zu dessen Überlieferungsgeschichte. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 5, 1987, S. 123–141.
  4. Christoph Weißer: ‚Kodex Schürstab‘. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/ New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 769 f.
  5. Christoph Weißer: Iatromathematisches Hausbuch. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 655 f.
  6. André Parent (1989), S. 171 f.
  7. Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. (Mathematisch-naturwissenschaftliche Dissertation Würzburg 1994) Königshausen & Neumann, Würzburg 1998 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 65). ISBN 3-8260-1667-X, S. 211.
  8. Vgl. auch Volker Zimmermann: Rezeption und Rolle der Heilkunde in landessprachigen handschriftlichen Kompendien des Spätmittelalters. Der medizinische Beitrag zur Entstehung und Tradition des mittelalterlichen Hausbuchs am Übergang zur Renaissance und zum Humanismus. Medizinische Habilitationsschrift Würzburg 1982.
  9. Francis B. Brévart: Schönheintz, Jakob (auch Randersack[er], Ranisacker). In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 8, Sp. 825 f.
  10. Gemäß Sudhoff: Iatromathematiker, 1902, S. 45–47, scheint dieses „Artificium“ in Deutschland das erste speziell die Iatromathematik oder -astrologie ausführlich darstellende gedruckte Buch gewesen zu sein.
  11. Hrsg., übersetzt und kommentiert von Rosemarie Eichinger. LIT Verlag, Münster 2006.