Inge Feltrinelli

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Inge Feltrinelli bei der Überreichung der Karlsmedaille für europäische Medien, 2011

Inge Feltrinelli (geborene Schönthal; * 24. November 1930 in Essen; † 20. September 2018 in Mailand[1]) war eine deutsch-italienische Fotografin und Verlegerin.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Inge Schönthal war die Tochter von Siegfried und Trudel Schönthal. Ihr Vater war Jude, emigrierte 1938 in die Niederlande und stimmte dort der Scheidung von seiner Ehefrau zu. Diese heiratete 1939 den Berufsoffizier Otto Heberling, der von da an Inges Stiefvater war. Als „jüdischer Mischling“ sollte sie kurz vor Kriegschluss im März 1945 das Hainberg-Gymnasium Göttingen verlassen.[2] Als Neunzehnjährige radelte sie 284 Kilometer nach Hamburg, um Fotoreporterin zu werden. Sie ging bei der Fotografin Rosemarie Pierer in die Lehre und übernahm Aufträge für die Frauenzeitschrift Constanze. 1952 schickte sie der Herausgeber der Constanze nach New York, wo sie unter anderem Greta Garbo fotografierte, die – in sich gekehrt – auf der Madison Avenue an einer Ampel wartete. Den Schnappschuss der Garbo konnte sie an Life verkaufen, die für Fotografen wichtigste Zeitschrift der Welt. [3]

Sie lernte Heinrich Maria Ledig-Rowohlt kennen, der sie 1953 nach Kuba schickte, um Ernest Hemingway (einer der Hausautoren des Rowohlt Verlags) zu treffen und zu fotografieren. Mit der Fotoreportage gelang Inge Schönthal der internationale Durchbruch. Während des zweiwöchigen Aufenthalts auf dessen Finca entstanden kuriose, ganz ungewöhnliche Porträts.[4] Nun standen ihr die Türen auch für andere große Persönlichkeiten und Stars im In- und Ausland offen.[5] So fotografierte sie in der Anfangsphase des Fotojournalismus unter anderem Pablo Picasso, John F. Kennedy, Marc Chagall, Allen Ginsberg, Simone de Beauvoir, Peter Handke, Fidel Castro und Gary Cooper.

1958 lernte sie in Hamburg auf einer von Ledig-Rowohlt organisierten Feier des Rowohlt Verlags den italienischen Verleger Giangiacomo Feltrinelli kennen und heiratete ihn 1960. Sie folgte ihm nach Mailand, wo 1962 der Sohn Carlo geboren wurde. Die Ehe zerbrach aufgrund der kommunistischen Aktivitäten Feltrinellis Ende der 1960er Jahre, und sie ließen sich scheiden.[6] Ab 1969 war sie Vizepräsidentin des Verlags Feltrinelli und führte nach dem Tod Giangiacomo Feltrinellis, der 1972 unter ungeklärten Umständen ums Leben kam, die Geschäfte allein weiter. Nach eigener Aussage war es auch im Italien der 1960er Jahre schwer, Chefin zu sein, da Frauen vor allem für „Kinder, Küche und Kirche“ zuständig waren. Sie habe sich außerdem gegen Ressentiments den Deutschen gegenüber durchsetzen müssen. Nach dem Tod ihres Mannes habe sie, um auf die Markttendenz zu reagieren, das Programm geändert und weniger politische Titel verlegt.[7]

Sie brachte neben politisch engagierter Literatur nun auch Bücher zur Mode und Lifestyle, sowie Tonträger, Kochbücher und E-Books heraus und sicherte so das wirtschaftliche Überleben des Verlags im Wandel der Zeitläufte. Sie baute in Italien eine Buchhandelskette auf, deren Filialen sich durch kleine Cafés und Leseecken auszeichneten und bald in etwa 100 Städten vertreten war.[8]

1998 übernahm ihr Sohn Carlo Feltrinelli die Geschäftsführung des Verlags. Inge Feltrinelli blieb dessen Präsidentin. Sie kümmerte sich zuletzt vor allem um die Öffentlichkeitsarbeit, eröffnete Buchhandlungen, pflegte Kontakte mit internationalen Autoren und trat auf Messen und Tagungen auf.[9]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Inge Feltrinelli erhielt viele nationale und internationale Auszeichnungen: 1986 wurde sie Cavaliere des Verdienstordens der Italienischen Republik, 1999 erhielt sie das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland. Sie wurde 2002 Commandeur des Ordre des Arts et des Lettres, 2006 erhielt sie den internationalen Verlegerpreis Reconocimiento al Mérito Editorial und 2008 ernannte sie das spanische Königshaus zum Mitglied der Europäischen Akademie von Yuste. Hinzu kommen zahlreiche Ehrendoktorwürden. Feltrinelli war Ehrenbürgerin der Stadt Mailand.[10] Seit 2004 war sie Mitglied im Aufsichtsrat der Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung des Suhrkamp Verlags.[11] Am 26. Mai 2011 wurde ihr die Karlsmedaille für europäische Medien verliehen.[12]

Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2010 wurde im Alten Rathaus von Göttingen eine Ausstellung von etwa 80 ihrer Fotografien aus den 1950er Jahren gezeigt. Neben dem Foto das um die Welt ging: Inge Feltrinelli posierte mit Ernest Hemingway und einem Speerfisch (Marlin); sie nahm es 1953 in Kuba mit dem Selbstauslöser ihrer Kamera auf. Während des zweiwöchigen Aufenthalts auf dessen Finca entstand ein weiteres Foto Hemingways, auf dem er in einem geringelten T-Shirt auf dem Boden liegt und schläft.[13]

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Inge Schönthal-Feltrinelli – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Verlegerin und Fotografin Inge Feltrinelli mit 87 Jahren gestorben, tagesspiegel.de, abgerufen am 20. September 2018
  2. Inge Schönthal:hainberg-gymnasium.de, abgerufen am 20. Januar 2011
  3. Seize the Right Moment: Inge Feltrinelli. In: 032c.com. (Bebildertes Interview mit Inge Feltrinelli).
  4. Michael Sontheimer: Fotografin Inge Feltrinelli: Die Fachfrau fürs Freche und Frivole. In. Der Spiegel vom 26. Februar 2014
  5. Jobst C. Knigge: Hemingway und die Deutschen. Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2009.
  6. „Was zählt, ist, dass du den entscheidenen Moment erwischst“, sueddeutsche.de, 23. April 2012, abgerufen am 21. September 2018
  7. „Frauen sind nicht so eitel wie Männer“, spiegel.de, 10. Oktober 2001, abgerufen am 20. Januar 2011
  8. Andreas Rossmann: Mit Hemingway fing alles an. Nachruf in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 21. September 2018, S. 14
  9. Zitiert nach Weblink boersenblatt.net
  10. Bettina Flitner: Frauen mit Visionen – 48 Europäerinnen. Mit Texten von Alice Schwarzer. Knesebeck, München 2004, ISBN 3-89660-211-X, S. 82.
  11. Fotografie von Inge Feltrinelli im Alten Rathaus (Memento vom 15. Dezember 2015 im Internet Archive), pressemeldung-niedersachsen.de, abgerufen am 20. Januar 2011
  12. Inge Schönthal-Feltrinelli (Memento vom 17. April 2011 im Internet Archive), Pressemeldung, aufgerufen am 16. April 2011
  13. Die schöne Inge und ihre Rolleiflex Der Spiegel, 19/2010, 10. Mai 2010