Ingvar Ambjørnsen

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Ingvar Ambjørnsen (2007)

Ingvar Ambjørnsen (* 20. Mai 1956 in Tønsberg, Norwegen) ist ein in Deutschland lebender Schriftsteller und Jugendbuch-Autor.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seine Kindheit verbrachte Ingvar Ambjørnsen in Larvik im südlichen Norwegen. Während der späten siebziger und frühen achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts war er Teil der Hippie-, Aussteiger- und Hausbesetzer-Subkultur in Norwegen, arbeitete als Schriftsetzer und jobbte unter anderem als Gärtner, Fabrikarbeiter sowie als Pfleger in einer psychiatrischen Klinik. Einen Großteil dieser Zeit lebte Ambjørnsen in Bergen. Auf mehr oder weniger ausgedehnten Reisen in unterschiedliche europäische Länder und Metropolen eignete er sich eine stark multi- und jugendkulturell geprägte Sichtweise an, welche auch in seinen späteren Werken immer wieder zum Vorschein kommt.

Seine Erfahrungen in den Randbereichen der Gesellschaft, laut Ambjørnsen seine „informelle Ausbildung zum Schriftsteller“, verarbeitete er ab den frühen achtziger Jahren in mehr oder weniger autobiografisch geprägten Romanen und Kurzgeschichten. 1985 ließ er sich dauerhaft in Hamburg nieder. Als erster deutschsprachiger Ambjørnsen-Titel erschien 1986 im Buntbuch Verlag der Roman Sarons Haut. Weitere Ambjørnsen-Romane verlegte in den folgenden Jahren der ebenfalls in Hamburg beheimatete linke Verlag Edition Nautilus.

Seit Anfang 1990 gelang es Ambjørnsen Zug um Zug, auch in Deutschland ein breiteres Publikum für sich zu gewinnen. Ein Schritt war die zunächst beim Verlag Sauerländer erschienene Kinderbuchreihe Peter und der Prof, welche es insgesamt auf ein knappes Dutzend Titel brachte. Furore machten jedoch vor allem seine Elling-Romanfolge ab Ende der neunziger Jahre. Sie wurde 2002 auszugsweise unter dem Namen Elling verfilmt und ist mit bislang rund 500.000 Kinobesuchern eine der erfolgreichsten norwegischen Romanverfilmungen seit dem Millenniumswechsel im Jahr 2000.

Auch für das Theaterstück Elling von Axel Hellstenius begann mit der Uraufführung 1999 am Oslo Nye Teater Centralteateret[1] ein beachtlicher Erfolg. Nach der deutschsprachigen Erstaufführung 2003 am Schmidts Tivoli in Hamburg wurde es in ganz Deutschland an über 50 Theatern gespielt; Aufführungen in Österreich und der Schweiz folgten.

Neben seinen Romanen arbeitet Ambjørnsen auch als Autor oder Mitautor von Theaterstücken und Sachbüchern. In seinem Heimatland Norwegen mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet, ist er dem breiten Publikum in Deutschland trotz mittlerweile rund dreißig Genre übergreifenden Veröffentlichungen immer noch wenig bekannt. Verheiratet ist Ingvar Ambjørnsen mit der Übersetzerin Gabriele Haefs, die auch die meisten seiner Romane und Erzählungen ins Deutsche übertragen hat.

Stil und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anders als in Norwegen, wo seine aus einem stark autobiografischen Blickwinkel geschilderten Eindrücke der Freak-Subkultur der siebziger Jahre schon früh Anklang fanden, waren die ins Deutsche übersetzten Romane von Ingvar Ambjørnsen zunächst eher ein Fall für ein kleines, überschaubares Insiderpublikum. Die 1986 erschienene Pulp-Story Sarons Haut schildert in hart montierten, teilweise surrealistisch anmutenden Textsequenzen die Odyssee eines jugendlichen Dropouts auf der Suche nach der Liebe sowie dem Sinn des Lebens. Weiße Nigger, von vielen als eine verkappte Autobiografie angesehen, ist ein aus dem Blickwinkel des Insiders geschriebener Entwicklungsroman über die Drogen- und Aussteigerszene der Siebziger und Achtziger. Ähnliches gilt für den im Kleindealer-Milieu von Bergen angesiedelten Ambjørnsen-Erstling Der letzte Deal. In gesellschaftlich eher randständigen Zonen wie der Drogen- und Kleinkriminellenszene sowie dem Rotlichtmilieu spielen auch die drei Romane Stalins Augen, San Sebastian Blues und Die mechanische Frau.

In seinen Geschichten verbindet Ambjørnsen realistische, teilweise schonungslose und harte Milieuschilderungen mit einer Anteilnahme, die sich von postmodernen, popkulturellen oder zeitgeistbetonten Literaturströmungen deutlich absetzt. In seiner ab den späten Achtzigern erschienenen Jugendbuchserie Peter und der Prof kombiniert der Schriftsteller die Parteinahme für allgemeine Werte wie Gerechtigkeit und Solidarität mit den Schwachen mit der Thematisierung politischer Probleme wie Atomkraft, Menschenhandel, Rassismus und Neonazis. Mit der Figur des Elling, einem ehemaligen Psychiatrie-Insassen, der bei seiner Mutter lebt, hat Ambjørnsen einen Antihelden geschaffen, dessen Erlebnisse – wie der Erfolg des gleichnamigen Films aufzeigt – nicht nur den Benachteiligten der Gesellschaft Identifikationspunkte liefern, sondern auch einem breiteren Publikum.

Aufgrund seiner stilistisch geradlinigen, unverschnörkelten Schreibweise sowie der Wahl seiner Themen lässt sich Ambjørnsen als zeitgenössischer Autor schwer verorten. Von der Hochliteratur werden der Autor und seine mittlerweile über dreißig Roman-, Kurzgeschichten- und Sachbuchtitel nach wie vor allenfalls punktuell zur Kenntnis genommen. Als Autoren mit vergleichbarer Schreibweise und teilweise ähnlichen Thematiken können Franz Dobler, Jakob Arjouni, Wiglaf Droste sowie der Jugendbuchautor Klaus-Peter Wolf aufgeführt werden.

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Romane aus den achtziger und frühen neunziger Jahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Seitenanzahl bei Sarons Haut bezieht sich auf die Erstauflage beim Hamburger Buntbuch-Verlag aus dem Jahr 1986. Weiße Nigger erschien zuerst bei Edition Nautilus in Hamburg. Zwei weitere dort erstaufgelegte Titel sind als Taschenbuch auch beim Goldmann Verlag (Stalins Augen) und beim Scherz Verlag (Die mechanische Frau) erschienen.

Jugendbuchreihe „Peter und der Prof“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Doppelte Erscheinungsdaten: Erste Jahreszahl markiert deutsche Erstveröffentlichung bei Verlag Sauerländer. Einige Titel dieser Reihe wurden auch beim Unionsverlag als Taschenbuch publiziert.

  • Die Riesen fallen. Roman. Carlsen, München 1988/2001, ISBN 3551371180.
  • Endstation Hauptbahnhof. Roman. Carlsen, München 1989/2002, ISBN 3551371423.
  • Giftige Lügen. Roman. Carlsen, München 1990/2002, ISBN 3551371288.
  • Wahrheit zu verkaufen. Roman. Unionsverlag, Zürich 1992/1999, ISBN 3293210414.
  • Die blauen Wölfe. Roman. Verlag Sauerländer, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3794136632.
  • Asphaltdichter. Roman. Carlsen, München 1995/2002, ISBN 3551371245.
  • Flammen im Schnee. Roman. Sauerländer, Frankfurt am Main 1995/2002, ISBN 379413849X.
  • Nach dem Orkan. Roman. Sauerländer, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3794138775.
  • Die Rache vom Himmel. Roman. Carlsen, München 1997/2001, ISBN 3551371113.
  • Verrat auf See. Roman. Carlsen, München 2002, ISBN 3551371350.

Elling-Reihe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Reihenfolge der Titelangabe orientiert sich an der Reihenfolge der Erstveröffentlichungen.

  • Ausblick auf das Paradies. Roman. Piper, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3492225756.
  • Ententanz. Roman. Piper, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3891365985. Neuauflage als: Nicht ohne meine Mutter. Roman. Piper, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3492243932.
  • Blutsbrüder. Roman. Scherz, Frankfurt am Main, ISBN 3502119007.
  • Lieb mich morgen. Roman. Piper, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3492234313.

Kurzgeschichten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die aufgeführten Kurzgeschichten- und Erzählbände entstammen teilweise noch den frühen Neunzigern.

Sachbücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Norwegen. Ein politisches Reisebuch. VSA, Hamburg 1988, ISBN 387975442X.
  • mit Karen Babey, Gabriele Haefs, Hans A. Wirth: Hamburg zwischen Sekt und Selters 92. Der kritische Führer durch Kneipen, Cafés, Bars und Bistros. Ars Vivendi, Cadolzburg 1992, ISBN 3927482226.

Kinderbuchreihe „Samson und Roberto“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Und das soll Musik sein? Roman, 102 Seiten. Carlsen Verlag, Hamburg 2000. ISBN 3551552061.
  • Aber wir müssen doch keine Angst haben, oder? Roman, 103 Seiten. Carlsen Verlag, Hamburg 2000. ISBN 3551551766.
  • Wie finden wir DAS denn? Roman, 112 Seiten. Carlsen Verlag, Hamburg 2001. ISBN 355155207X.

Sonstige Titel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • mit Gabriele Haefs: Die Königin schläft. Fischer, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3596162025.
  • mit Gabriele Haefs: Die Puppe an der Decke. Fischer, Frankfurt am Main 2004, ISBN 359616298X.
  • Innocentia Park. Roman. Scherz, Frankfurt am Main 2006. ISBN 3502100551.
  • mit Norbert Fischer: Das Herzchen, das hier liegt, ist sein Leben los. Historische Friedhöfe in Deutschland. Am Galgenberg, Hamburg 1992. ISBN 3870581123.
  • Axel Hellstenius: Elling. Schauspiel nach dem Roman „Blutsbrüder“. Übersetzt aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Theaterverlag Whale Songs, Hamburg.
  • Christine Bette Bopp, Stephanie Kunz und Helmut Zhuber: Ausblick auf das Paradies. Elling-Monolog nach dem gleichnamigen Roman. Theaterverlag Whale Songs, Hamburg.
  • Axel Hellstenius: Samson und Roberto. Kinderstück nach dem Buch „Samson und Roberto: Aber wir müssen doch keine Angst haben, oder?“. Übersetzt aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Theaterverlag Whale Songs, Hamburg.
  • Den Oridongo hinauf. Roman. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Edition Nautilus, Hamburg 2012. ISBN 978-3-89401-750-7.[2]
  • Die Nacht träumt vom Tag. Roman. Deutsch von Gabriele Haefs. Edition Nautilus, Hamburg 2014, ISBN 978-3-89401-788-0.

CDs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • mit Jens Wawrczeck, Heinz W. Kraehkamp, Jule Böwe: Elling schreibt. Der Audio Verlag, Freiburg 2003, ISBN 3898132609.

Die „Samson und Roberto“-Hör-CDs sind auch als Hörkassette erhältlich:

  • mit Rainer Gussek, Corny Littmann, Peter Kampfe, Ilja Richter: Samson und Roberto: Aber wir müssen doch keine Angst haben, oder? Baumhaus Medien, 2002, ISBN 3831520615.
  • mit Rainer Gussek, Corny Littmann, Peter Kampfe, Ilja Richter: Samson und Roberto: Pater Pietros Geheimnis. Baumhaus Medien, 2004, ISBN 3831521530.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • mehrere norwegische Literaturpreise
  • 1986 Literaturstipendium der Stadt Hamburg
  • 1988 Literaturstipendium der Stadt Lübeck mit Stadtschreiber-Wohnung im Buddenbrookhaus

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Präsentation der Buchausgabe des Theaterstücks beim Hartmann & Stauffacher Verlag, Köln.
  2. Ein dicker, kalter Nebel legt sich über Stock und Stein. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. Oktober 2012.