Jürgen von Hehn

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Jürgen von Hehn (* 24. Maijul./ 6. Juni 1912greg. in Riga; † 13. Februar 1983 in Hamburg) war ein baltendeutscher Historiker aus dem heutigen Lettland, der während des Zweiten Weltkrieges maßgeblich am Kulturraub in den deutsch besetzten Gebieten Osteuropas beteiligt war.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hehn begann 1930 ein Studium der Geschichte an der Universität Dorpat, das er 1932 bis 1935 bei Hans Rothfels an der Albertus-Universität Königsberg in Königsberg fortsetzte. Nach dessen erzwungener Emeritierung promovierte Hehn 1935 bei Friedrich Baethgen über „Die lettisch-literärische Gesellschaft und das Lettentum“ zum Dr. phil.

Zurück in Lettland leistete Hehn seinen Militärdienst beim lettischen Heer und arbeitete seit 1936 als Historiker im „Archiv für deutsche Kulturarbeit“ am Kulturamt der Deutschen Volksgemeinschaft in Lettland. Seit Herbst 1937 arbeitete er auch in der Historischen Forschungsstelle am Herder-Institut Riga.[1]

Während der Umsiedlung der Deutsch-Balten im Gefolge des Hitler-Stalin-Paktes 1939 engagierte sich Hehn im „Volkstumskampf“ und bei der Evakuierung der deutschen Bevölkerung Rigas. Im Mai 1940 wurde er im deutsch besetzten Polen gemeinsam mit Gerhard Masing zum Leiter der auf Anordnung von Gauleiter Arthur Greiser eingerichteten Posener „Buchsammelstelle“ der Volksdeutschen Mittelstelle.[1] Dort sollte in mehreren Kirchen das beschlagnahmte polnische Buch- und Schriftgut erfasst werden. Die wertvollen Exemplare wurden der neu gegründeten Reichsuniversität Posen übergeben, die übrigen, insbesondere polnische Belletristik, vernichtet. Bis 1941 gingen 1,3 Millionen Bücher durch die Buchsammelstelle, von denen 400.000 in der Reichsuniversität in einer eigenen Verschlussbibliothek aufgestellt wurden.[2]

Im Oktober 1940 war Hehn von seiner Funktion in Posen entbunden worden.[3] Er und Masing waren zum November 1940 von Johannes Papritz als wissenschaftliche Angestellte der Publikationsstelle Berlin-Dahlem angeworben worden, um die lettische Presse auszuwerten und ein lettisches Referat aufzubauen.[1] Hehn war bereits Mitglied der Nordostdeutschen Forschungsgemeinschaft und gehörte 1939 zu den Vertretern der Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften, die für das Hauptschulungsamt der NSDAP eine Tagung zum Thema Deutsche Weltgeltung – Deutsche Leistungen in fremdvölkischer Umgebung und deren Nutznießung durch andere Völker vorbereiten solten.[4][5]

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion war Hehn ab Juli 1941 für das Geographische Institut des Auswärtigen Amtes als Sonderführer unter Hellmut Haubold beim Einsatzkommando Hamburg des Sonderkommandos Künsberg eingesetzt mit dem Auftrag, relevantes lettisches und russisches Kartenmaterial insbesondere in Archiven, Bibliotheken und Museen sicherzustellen.[1][6] Unterstützt wurde er dabei von Staatsarchivrat Wolfgang A. Mommsen. Ziel des Einsatzkommandos war das Geographische Institut in Leningrad und die Eremitage. Auf dem Weg plünderte das Einsatzkommando unter Hehn unter anderem die Bestände des Geographischen Instituts in Dorpat und die Bibliotheken verschiedener Zarenschlösser.[7] Hehn ließ die geraubten Bücher und Karten mit der Bahn in das Deutsche Reich verbringen. Mitte Oktober 1941 war er auch als Volkstumspolitischer Berater für das Vorkommando Leningrad der Einsatzgruppe A tätig, das mit der Umsiedlung Volksdeutscher aus der Umgebung Leningrads in das Deutsche Reich befasst war.[6] Da dabei auch Juden und „Zigeuner“ selektiert und erschossen wurden, sieht Michael Fahlbusch den Beleg erbracht, dass Hehn an den Mordaktionen der Einsatzgruppe A unmittelbar beteiligt war.[8] Nach seiner Tätigkeit beim Vorkommando Leningrad leitete Hehn die Dienststelle Sewerskaja.[4]

Obwohl Papritz für seinen Mitarbeiter Hehn die Unabkömmlich-Stellung beantragte, lehnte Hehn dieses Ansinnen mit der Begründung ab, dass er als „kämpfender Wissenschaftler“ der Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften besser an der Ostfront eingesetzt sei. Sein Bruder Victor von Hehn (1907–1945), 1939 stellvertretender Leiter des Landesamtes der Deutschen Volksgemeinschaft in Lettland, hatte sich bereits dem Einsatzkommando 6 der Einsatzgruppe C unter Erhard Kroeger angeschlossen.[9]

„Sie werden sich dessen erinnern, dass ich, seit sich die Dinge im Osten zuzuspitzen begannen, aus der Publikationsstelle fort strebte, und dass ich Ihre Gründe, aus denen heraus Sie mich daran hinderten, mit einem SD-Kommando mitzugehen, keineswegs anerkennen wollte. Es ist dann doch dazu gekommen, dass ich als Vertreter der Forschungsgemeinschaft herauskam bzw. dem Auswärtigen Amt zur Verfügung gestellt wurde. Ich habe im Laufe dieser Zeit eine Menge positiver Arbeit geleistet, die [geleistet] werden muss und für die ich mich wesentlich mehr geeignet fühle als für die Arbeit in der Publikationsstelle. […] Jetzt wo der Osten wieder offen ist, insbesondere das Baltikum, kann ich doch nur noch mit Gewalt in Berlin oder dem Altreich festgehalten werden. Solange der Krieg dauert, möchte ich bei der Truppe, bzw. dem Kommando bleiben, dann aber in den Osten.“

Jürgen von Hehn: Brief an Johannes Papritz, Riga im Juli 1941[10]

Nachdem das „Sonderkommando Künsberg“ vom Auswärtigen Amt Ende 1942 der Waffen-SS überlassen wurde,[11] stieg Hehn in dieser Organisation bis zum SS-Untersturmführer auf.[12]

Im Zuge der im Juli 1943 erfolgten Auflösung des Sonderkommandos Künsberg wechselte Hehn spätestens im Spätsommer 1943 mit den meisten ehemaligen Angehörigen des Sonderkommandos Künsberg zur Gruppe VI G (Wissenschaftliche Aufklärung) des Auslands-SD im Reichssicherheitshauptamt (RSHA).[13] Bei der Gruppe VI G war Hehn Stellvertreter des Leiters Wilfried Krallert. Hehn leitete in dieser Funktion 1943 und 1944 diverse Sonderkommandos, die in Kiew, Minsk, Odessa, Lemberg, Budapest und Krakau im Einsatz waren. Diese Einsatzkommandos bestanden aus bis zu 25 Spezialisten der Waffen-SS, die innerhalb eines Tages zu ihren Einsatzstellen im Ausland gelangten, um Bücher und Karten zu sichern, Gefangene zu vernehmen und politische und militärische Informationen zu erhalten. In Kiew gelang es Hehn im November 1943 noch quasi unter sowjetischem Beschuss, die Bibliothek des Kiewer Polytechnikums und die des Geologischen Instituts der Akademie der Wissenschaften abzutransportieren. Die geplünderten Institute wurde anschließend gesprengt, um die Spuren zu verwischen.[14] Gemeinsam mit Wilfried Krallert, Viktor Paulsen und Alfred Karasek baute er einen Auslandsinformationsdienst sowie einen Auslandsmeldedienst auf.[4]

Nach dem Krieg lebte Hehn zunächst in Melle. Dort schlug er sich mit Forschungsaufträgen durch, die er vom Auswärtigen Amt in Zusammenarbeit mit dem Johann Gottfried Herder-Forschungsrat, durch Vermittlung Kurt von Maydells, während der NS-Zeit Leiter des baltischen Referats der Publikationsstelle Berlin-Dahlem, erhielt. Über Reinhard Wittram als Vorsitzendem der Baltischen Historischen Kommission, zu deren Gründungsmitgliedern Hehn gehörte, hielt Hehn Kontakt mit der wissenschaftlichen Ostforschung. Auf Tagungen der Baltischen Historischen Kommission trat der Experte für lettischsprachliche Veröffentlichungen mehrfach mit Vorträgen auf und widmete sich der wissenschaftlichen Osteuropaforschung. Hehn war Autor vieler Schriften, u. a. zur Umsiedlung der Balten ins Deutsche Reich.[15] Er beschäftigte sich außerdem mit der Dokumentierung und Kommentierung der Sowjetisierung der baltischen Länder, wobei er vor allem Kontakte zu Exil-Letten pflegte. Zeitweise stand er auch auf der Gehaltsliste des Bundesnachrichtendienstes.[16] Hehn schlug schließlich 1958 die Beamtenlaufbahn in Hamburg ein, wo er 1970 zum Regierungsdirektor befördert wurde.[4] Von 1979 bis 1983 war Hehn Mitglied des Johann Gottfried Herder-Forschungsrats.[17]

Immer noch findet sich auch durch Hehn geraubtes Kulturgut in deutschen Bibliotheken, in den 1990er Jahren etwa im Archiv des Herder-Instituts.[6]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Umsiedlung der baltischen Deutschen – das letzte Kapitel baltischdeutscher Geschichte. Johann-Gottfried-Herder-Institut, Marburg 1982, ISBN 3-87969-169-X.
  • Reval und die baltischen Länder : Festschr. für Hellmuth Weiss zum 80. Geburtstag. (Hrsg.): Jürgen von Hehn, Csaba János Kenéz, Marburg 1980.
  • Von den baltischen Provinzen zu den baltischen Staaten: Beitr. z. Entstehungsgeschichte d. Republiken Estland u. Lettland 1917–1918. Marburg 1971 (Hrsg.)
  • Lettland zwischen Demokratie und Diktatur : Zur Geschichte d. lettländischen Staatsstreichs vom 15. Mai 1934. München 1957.
  • Die baltische Frage zur Zeit Alexanders III. in Äusserungen der deutschen Öffentlichkeit. Marburg 1953.
  • Die lettisch-literärische Gesellschaft und das Lettentum. Königsberg 1938. (Dissertation)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heike Anke Berger: Deutsche Historikerinnen 1920–1970. Geschichte zwischen Wissenschaft und Politik. Campus-Verlag, Frankfurt am Main u. a. 2007, ISBN 978-3-593-38443-6, S. 169f. (Geschichte und Geschlechter 56), (Zugleich: Bielefeld, Univ., Diss., 2005)
  • Carl-Schirren-Gesellschaft: Jahrbuch des baltischen Deutschtums. 1983, S. 19.
  • Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde: Osteuropa. Band 52, Ausgaben 7-8, Deutsche Verlags-Anstalt, 1983, S. 324.
  • Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. 2. Auflage. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-596-16048-8.
  • Irene Neander: Jürgen von Hehn. In: Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas. NF 31 (1983), S. 475–476.
  • Gerd Simon u. a.: Buchfieber. Zur Geschichte des Buches im 3. Reich. 3. Auflage. Tübingen 2008. Digitalisat (PDF; 4,5 MB)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Heike Anke Berger: Deutsche Historikerinnen 1920–1970. Geschichte zwischen Wissenschaft und Politik. Frankfurt am Main u. a. 2007, S. 172.
  2. Hans-Christian Harten: De-Kulturation und Germanisierung. Die nationalsozialistische Rassen- und Erziehungspolitik in Polen 1939–1945. Frankfurt/M. 1996, S. 201.
  3. Jan M. Piskorski: Die Reichsuniversität Posen (1941–1945). In: Hartmut Lehmann, Otto Gerhard Oexle (Hrsg.): Nationalsozialismus in den Kulturwissenschaften. Band 1 (Fächer, Milieus, Karrieren), Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2004, ISBN 3-525-35198-4, S. 260.
  4. a b c d Gerd Simon und unzählige Mitarbeiter: Buchfieber. Zur Geschichte des Buches im 3. Reich. Tübingen 2008, S. 227f.
  5. Michael Fahlbusch: Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik? Die Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften von 1931–1945. Baden-Baden 1999, S. 133.
  6. a b c Kai Arne Linnemann: Das Erbe der Ostforschung. Zur Rolle Göttingens in der Geschichtswissenschaft der Nachkriegszeit. Tectum Verlag, Marburg 2002, ISBN 3-8288-8397-4, S. 70.
  7. Fahlbusch: Wissenschaft. 1999, S. 490.
  8. Fahlbusch: Wissenschaft. 1999, S. 491.
  9. Wilhelm Lenz: Deutschbalten in den Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD. In: Michael Garleff (Hrsg.): Deutschbalten, Weimarer Republik und Deutsches Reich. Bd. 2. Köln 2008, S. 307.
  10. Heike Anke Berger: Deutsche Historikerinnen 1920–1970. Geschichte zwischen Wissenschaft und Politik. Frankfurt am Main u. a. 2007, S. 173f.
  11. Gerd Simon und unzählige Mitarbeiter: Buchfieber. Zur Geschichte des Buches im 3. Reich. Tübingen 2008, S. 167.
  12. Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Frankfurt am Main 2007, S. 237.
  13. Heike Anke Berger: Deutsche Historikerinnen 1920–1970. Geschichte zwischen Wissenschaft und Politik. Frankfurt am Main u. a. 2007, S. 174f.
  14. Fahlbusch: Wissenschaft. 1999, S. 493–495.
  15. Heike Anke Berger: Deutsche Historikerinnen 1920–1970. Geschichte zwischen Wissenschaft und Politik. Frankfurt am Main u. a. 2007, S. 301.
  16. Hans Michael Kloth: Wie der BND seine eigenen Nazis jagte. In: Der Spiegel. 18. März 2010
  17. Norbert Machheit, Dietmar Willoweit: Bibliographie der Mitglieder des Johann Gottfried Herder-Forschungsrats von 1985 bis 2000. (PDF; 2,7 MB) Johann Gottfried Herder-Forschungsrat, Marburg/München 2003, S. 13.