André Gide

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André Gide
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Gide 1920

André Paul Guillaume Gide [ɑ̃dˈʁe pɔl ɡiˈjom ʒid] (* 22. November 1869 in Paris; † 19. Februar 1951 ebenda) war ein französischer Schriftsteller. 1947 erhielt er den Literaturnobelpreis.

Leben und Schaffen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herkunft, Jugend und Heirat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gide war das einzige Kind einer wohlhabenden calvinistischen Familie. Der Vater, Paul Gide (1832–1880), war Professor der Rechtswissenschaft und stammte aus der mittleren Bourgeoisie der südfranzösischen Kleinstadt Uzès, die Mutter, Juliette Rondeaux (1835–1895), aus der Großbourgeoisie von Rouen. Die Familie lebte in Paris, verbrachte die Tage um Neujahr regelmäßig in Rouen, die Osterzeit in Uzès und die Sommermonate auf den beiden Landsitzen der Rondeaux' in der Normandie, La Roque-Baignard im Pays d’Auge und Cuverville im Pays de Caux.

Mit knapp elf Jahren verlor Gide seinen Vater. Zwar trat dadurch keine materielle Notlage ein, doch war er nun ganz der puritanischen Erziehung seiner Mutter unterworfen. In seiner Autobiographie wird Gide die eigene Kindheit und Jugend, speziell das Wirken der strengen, freud- und lieblosen Mutter in dunklen Farben malen und für seine Probleme als Heranwachsender verantwortlich machen: „In dem unschuldigen Alter, in dem man in der Seele gerne nichts als Lauterkeit, Zartheit und Reinheit sieht, entdecke ich in mir nur Finsternis, Häßlichkeit und Heimtücke.“[1] Gide hatte seit 1874 Unterricht bei Privatlehrern, besuchte phasenweise auch reguläre Schulen, immer wieder unterbrochen durch Nervenleiden, die ärztliche Behandlung und Kuraufenthalte erforderlich machten. Im Oktober 1887 trat der fast 18-jährige Gide in die Unterprima der reformpädagogischen École Alsacienne ein, wo er sich mit Pierre Louÿs anfreundete. Im Jahr darauf besuchte er die Oberprima des Traditionsgymnasiums Henri IV, an dem er im Oktober 1889 das Baccalauréat ablegte. In dieser Zeit begann seine Freundschaft mit Léon Blum.

Bei einem Besuch in Rouen im Dezember 1882 verliebte sich Gide in seine Kusine Madeleine Rondeaux (1867–1938), die Tochter von Juliette Gides Bruder Émile Rondeaux. Der 13-jährige André erlebte damals, wie sehr seine Kusine unter der ehelichen Untreue ihrer Mutter litt[2] und sah in ihr fortan den Inbegriff von Reinheit und Tugend im Gegensatz zu seiner eigenen, so empfundenen Unreinheit. Diese Jugendliebe überdauerte die folgenden Jahre und 1891 machte Gide Madeleine erstmals einen Heiratsantrag, den diese aber ablehnte. Erst nach dem Tod Juliette Gides im Mai 1895 verlobte sich das Paar und heiratete noch im Oktober 1895, dies zu einen Zeitpunkt, da Gide sich seiner Homosexualität bereits bewusst geworden war. Die Spannung, die sich daraus ergab, wird Gides literarisches Werk – zumindest bis 1914 – maßgeblich prägen und seine Ehe schwer belasten. Das Verhältnis, das er ab 1916 mit Marc Allégret einging, konnte ihm Madeleine dann nicht mehr verzeihen, weshalb sie 1918 sämtliche Briefe verbrannte, die er ihr je geschrieben hatte.[3] Zwar blieb das Paar verheiratet, doch lebten beide nun meist getrennt. Nach Madeleines Tod im Jahr 1938 reflektierte Gide ihre Beziehung – „die verborgene Tragödie“ seines Lebens[4] – in der Schrift Et nunc manet in te. Der befreundete Schriftsteller Jean Schlumberger widmete dieser Ehe das Buch Madeleine und André Gide[5], in dem Madeleine eine gerechtere Darstellung findet, als in Gides autobiographischen Schriften.

Literarische Anfänge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gide entschied sich nach dem Baccalauréat gegen ein Studium und war auch nicht gezwungen, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Sein Ziel war, Schriftsteller zu werden. Erste Versuche hatte er schon während der Schulzeit unternommen, als er mit Freunden, darunter Marcel Drouin und Pierre Louÿs, im Januar 1889 die literarische Zeitschrift Potache-Revue gründete und dort seine ersten Verse veröffentlichte. Im Sommer 1890 begab er sich alleine nach Menthon-Saint-Bernard am Lac d’Annecy, um sein erstes Buch zu schreiben: Les Cahiers d’André Walter („Die Tagebücher des André Walter“), die er auf eigene Kosten drucken ließ (wie alle Werke bis 1909!) und die 1891 erschienen.[6] Gides autobiographisch geprägter Erstling hat die Form eines posthum aufgefundenen Tagebuchs des jungen André Walter, der sich, nachdem er seine Hoffnung auf die geliebte Emmanuèle hat aufgeben müssen, in die Einsamkeit zurückgezogen hat, um den Roman Allain zu schreiben; das Tagebuch dokumentiert seinen Weg in den Wahnsinn.[7] Während der André Walter zum Druck vorbereitet wurde, besuchte Gide im Dezember 1890 seinen Onkel Charles Gide in Montpellier, wo er – vermittelt durch Pierre Louÿs – Paul Valéry kennenlernte, dem er später (1894) seine ersten Schritte in Paris erleichterte und dem er bis zu dessen Tod 1945 freundschaftlich verbunden bleiben sollte.

André Gide 1893.

Zwar brachte der André Walter Gide keinen kommerziellen Erfolg („Ja, der Erfolg war gleich Null.“[8]), doch ermöglichte er ihm den Zugang zu wichtigen Kreisen der Symbolisten in Paris. Wiederum vermittelt durch Pierre Louÿs, wurde er 1891 in die Zirkel von José-Maria de Heredia und von Stéphane Mallarmé aufgenommen. Dort verkehrte er mit berühmten Literaten seiner Zeit, darunter Henri de Régnier, Maurice Barrès, Maurice Maeterlinck, Bernard Lazare und Oscar Wilde, mit dem er 1891/92 regelmäßig in Kontakt stand.[9] Gide selbst lieferte 1891 mit der kleinen Abhandlung Traité du Narcisse. Théorie du symbole („Traktat vom Narziß. Theorie des Symbols“) eine symbolistische Programmschrift, die für das Verständnis seiner Poetik – auch jenseits seiner symbolistischen Anfänge – grundlegende Bedeutung hat. Im Narziss-Mythos entwirft Gide sein eigenes Bild als Schriftsteller, der sich selbst bespiegelt, in permanentem Dialog mit sich selbst steht, für sich selbst schreibt und sich dadurch als Person erst erschafft. Die dieser Haltung angemessene Gattung ist das Tagebuch, das Gide seit 1889 konsequent führt, ergänzt durch weitere autobiographische Texte; aber auch in seinen erzählenden Werken ist das Tagebuch als Darstellungsmittel allgegenwärtig.[10]

Im Jahr 1892 veröffentlichte Gide das Gedichtbändchen Poésies d’André Walter („Die Gedichte des André Walter“), in dem eine Auswahl aus jenen Versen geboten wurde, die der Schüler bereits in Potache-Revue publiziert hatte.[11] Im Februar 1893 lernte er in den literarischen Zirkeln von Paris Eugène Rouart (1872–1936) kennen, der ihm die Bekanntschaft mit Francis Jammes vermittelte. Die Freundschaft zu Rouart, die bis zu dessen Tod bestand, hatte für Gide große Bedeutung, weil er in dem ebenfalls homosexuell veranlagten Freund einen Kommunikationspartner fand, den die gleiche Identitätssuche umtrieb. Der Briefwechsel beider, vor allem in den Jahren 1893 bis 1895, zeigt den vorsichtig tastenden Dialog, der beispielsweise über das 1893 auf französisch erschienene Werk Die conträre Sexualempfindung von Albert Moll geführt wurde.[12] Im Jahr 1893 veröffentlichte Gide die kurze Erzählung La Tentative amoureuse („Der Liebesversuch“), deren Haupthandlung aus einer unverklemmten Liebesgeschichte besteht, deren leicht ironischer Nachspann dagegen eine „Madame“ anspricht, die sichtlich diffiziler ist als die Geliebte der Haupthandlung. Im selben Jahr verfasste er die lyrische lange Erzählung Le Voyage d’Urien („Die Reise Urians“), wo er in Form eines phantastischen Reiseberichts wieder einmal die schwierige Suche eines müßigen, materiell sorgenfreien jungen Intellektuellen nach dem „wahren Leben“ thematisiert.

Afrikareisen 1893/94 und 1895[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 1893 ergab sich für Gide die Möglichkeit, den befreundeten Maler Paul-Albert Laurens (1870–1934) nach Nordafrika zu begleiten. Die Freunde setzten im Oktober von Marseille nach Tunis über, reisten weiter nach Sousse, verbrachten die Wintermonate im algerischen Biskra und kehrten über Italien zurück. Gide war im November 1892 wegen einer leichten Tuberkulose vom Militärdienst befreit worden; während der Reise nach Sousse brach die Krankheit aus. Die Monate in Biskra dienten der Regeneration und waren mit ersten heterosexuellen Kontakten zu jungen Prostituierten verbunden. Für Gide noch bedeutsamer war die erste homosexuelle Erfahrung mit einem Jugendlichen, die sich bereits in Sousse zugetragen hatte. Die langsame Genesung und die erwachte Sinnlichkeit in der nordafrikanischen Landschaft erlebte Gide als Wendepunkt in seinem Leben: „mir schien, als hätte ich zuvor gar nicht gelebt, als träte ich aus dem Tal der Schatten und des Todes ins Licht des wahren Lebens, in ein neues Dasein, in dem alles Erwartung, alles Hingabe wäre.“[13]

Lord Alfred Douglas und Oscar Wilde.

Von der Reise zurückgekehrt empfand Gide ein „Gefühl der Entfremdung“[14] seinen bisherigen Lebensumständen gegenüber, was er in dem Werk Paludes („Sümpfe“) verarbeitete, das während eines Aufenthaltes in La Brévine in der Schweiz entstand (Oktober bis Dezember 1894). In Palude karikiert er nicht ohne Melancholie den Leerlauf in den Literatenzirkeln der Hauptstadt, aber auch seine eigene Rolle darin. Schon im Januar 1895 reiste Gide erneut nach Nordafrika, diesmal alleine. Seine Aufenthaltsorte waren Algier, Blida und Biskra. In Blida traf er zufällig auf Oscar Wilde und dessen Geliebten Alfred Douglas. Wilde, der zu diesem Zeitpunkt kurz vor seiner Rückkehr nach England stand, die ihn gesellschaftlich vernichten sollte, organisierte während eines gemeinsamen Aufenthaltes in Algier eine sexuelle Begegnung Gides mit einem Jugendlichen (Mohammed, ca. 14-jährig), dem Gide in seiner Autobiographie zentrale Bedeutung beimessen wird: „(...) erst jetzt fand ich endlich zu meiner eigenen Norm.“[15]

Gide hat in seinem Leben eine Vielzahl weiterer Afrikareisen unternommen, schon die Hochzeitsreise führte ihn 1896 nach Nordafrika zurück. Klaus Mann verglich die lebensgeschichtliche Bedeutung der ersten beiden Afrikareisen für Gide, „die Wonne echter Neugeburt“[16], mit dem Italienerlebnis Goethes. Gide verarbeitete dieses Erlebnis in zentralen Texten seines literarischen Werkes: in lyrischer Prosa in Les Nourritures terrestres („Uns nährt die Erde“, 1897), als problemorientierte Erzählung in L’Immoraliste („Der Immoralist“, 1902), schließlich autobiographisch in Si le grain ne meurt („Stirb und werde“, 1926). Speziell die Autobiographie sorgte zeitgenössisch wegen ihres offenen Bekenntnisses zur Homosexualität für kontroverse Debatten; später galt sie als Meilenstein in der Entwicklung schwulen Selbstbewusstseins in westlichen Gesellschaften.[17] Unterdessen hat sich die Perspektive verändert: die von Gide in Stirb und werde aufgeworfenen Fragen: „Im Namen welchen Gottes, welchen Ideals verbietet ihr mir, nach meiner Natur zu leben? Und wohin würde diese Natur mich führen, wenn ich ihr einfach folgte?“[18] müssen heute mit dem Hinweis auf Missbrauch und Sextourismus beantwortet werden.

Etablierung als Autor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Cuverville

Nach der Rückkehr aus Afrika verbrachte Gide zwei Wochen in Gesellschaft seiner Mutter in Paris, bevor diese auf das Gut La Roque abreiste, wo sie am 31. Mai 1895 verstarb. Die spannungsreiche Beziehung zwischen Mutter und Sohn hatte sich zuletzt versöhnlicher gestaltet und Juliette Gide hatte ihren Widerstand gegen eine Eheschließung von Madeleine und André aufgegeben. Nach ihrem Tod verlobte sich das Paar am 17. Juni und heiratete am 7. Oktober 1895 in Cuverville.[19] Gide berichtete später, dass er noch vor der Verlobung einen Arzt aufgesucht habe, um über seine homosexuellen Neigungen zu sprechen. Der Mediziner empfahl die Ehe als Heilmittel („Sie kommen mir vor wie ein Ausgehungerter, der bis heute versucht hat, sich von Essiggurken zu nähren.“).[20] Die Ehe wurde wohl nie vollzogen, Gide trennte radikal zwischen Liebe und sexuellem Verlangen. Die Hochzeitsreise führte in die Schweiz, nach Italien und Nordafrika (Tunis, Biskra). Seine Reisenotizen Feuilles de route („Blätter von unterwegs“) sparen die Eheproblematik aus und konzentrieren sich ganz auf die sinnliche Präsenz von Natur und Kultur.[21] Nach ihrer Rückkehr erfuhr Gide im Mai 1896, dass er zum Bürgermeister des Dorfes La Roque-Baignard gewählt worden war. Er übte dieses Amt aus, bis das Gut La Roque im Jahr 1900 verkauft wurde.[22] Die Gides behielten nur Madeleines Erbe Cuverville.

Im Jahr 1897 erschien Les Nourritures terrestres. Seit der ersten Übersetzung ins Deutsche durch Hans Prinzhorn im Jahr 1930 war dieses Werk unter dem Titel Uns nährt die Erde bekannt, die neuere Übertragung durch Hans Hinterhäuser übersetzt Die Früchte der Erde. Gide hatte seit der ersten Afrikareise an dem Text gearbeitet, dessen erste Fragmente 1896 in der Zeitschrift L’Ermitage publiziert wurden. In einer Mischung aus Lyrik und hymnischer Prosa gibt Gide seinem Befreiungserlebnis Ausdruck: in der Ablehnung des Gegensatzes von Gut und Böse, im Eintreten für Sinnlichkeit und Sexualität in jeder Form, in der Feier des rauschhaften Genusses gegen Reflexion und Rationalität.[23] Mit diesem Werk wandte sich Gide vom Symbolismus und von der Salonkultur des Pariser Fin de Siècle ab. Es verschaffte ihm unter jüngeren Literaten Bewunderung und Gefolgschaft, war zunächst aber kein kommerzieller Erfolg; bis zum Ersten Weltkrieg verkauften sich nur einige Hundert Exemplare. Nach 1918 aber entwickelte sich Les Nourritures terrestres „für mehrere Generationen zur Bibel“.[24]

Gide trat in seinen frühen Jahren kaum als politischer Autor hervor. Sein Antinaturalismus erstrebte Kunstwerke, „die außerhalb der Zeit und aller »Kontingenzen« stünden“[25]. In der Dreyfus-Affäre jedoch, die Frankreichs Öffentlichkeit seit 1897/98 spaltete, positionierte er sich klar auf Seiten Emile Zolas und unterzeichnete im Januar 1898 die Petition der Intellektuellen zugunsten eines Revisionsverfahrens für Alfred Dreyfus.[26] Im selben Jahr publizierte er in der Zeitschrift L'Ermitage den Artikel A propos der «Déracinés», in dem er sich anlässlich der Veröffentlichung des Romans Les Déracinés („Die Entwurzelten“) von Maurice Barrès, gegen dessen nationalistische Entwurzelungstheorie wandte.[27] Wieder ganz dem absoluten Kunstideal entsprach dann die 1899 veröffentlichte Erzählung Le Prométhée mal enchaîné („Der schlechtgefesselte Prometheus“), die um das Motiv des acte gratuit kreist, einer völlig freien, willkürlichen Handlung.

Gide zeigte früh Interesse am deutschsprachigen Kulturraum. Schon als Schüler begeisterte er sich für Heinrich Heine, dessen Buch der Lieder er im Original las.[28] Im Jahr 1892 führte ihn eine erste Deutschland-Reise nach München. Bald ergaben sich persönliche Kontakte zu deutschsprachigen Autoren, etwa zu dem Symbolisten und Lyriker Karl Gustav Vollmoeller, den er 1898 kennenlernte und noch im selben Jahr in dessen Sommerresidenz in Sorrent besuchte.[29] Durch Vollmöller kam Gide 1904 in Kontakt mit Felix Paul Greve.[30] In diese Zeit fällt auch seine Bekanntschaft mit Franz Blei. Greve und Blei traten als frühe Übersetzer Gides ins Deutsche hervor.[31] Auf Einladung Harry Graf Kesslers besuchte Gide 1903 Weimar und hielt vor der Fürstin Amalie am Weimarer Hof den Vortrag Über die Wichtigkeit des Publikums.[32] Gide sollte sich zeitlebens, insbesondere nach 1918, für die französisch-deutschen Beziehungen einsetzen. An geistigen Einflüssen sind Goethe und Nietzsche hervorzuheben; mit letzterem setzte sich Gide seit 1898 intensiv auseinander.

André Gide auf einem Gemälde Théo van Rysselberghes

Um die Jahrhundertwende wandte sich Gide verstärkt dramatischen Arbeiten zu. Seine szenischen Werke knüpfen an Stoffe der antiken Überlieferung oder biblische Geschichten an. Im Mittelpunkt seiner Ideendramen stehen Figuren, auf die Gide seine eigenen Erfahrungen und Ideen projiziert. In dem für seine dramaturgischen Überlegungen wichtigen Vortrag De l'évolution du théâtre („Über die Entwicklung des Theaters“), gehalten 1904 in Brüssel, zitiert Gide Goethe zustimmend: „Für den Dichter ist keine Person historisch, es beliebt ihm, eine sittliche Welt darzustellen und er erweist zu diesem Zweck gewissen Personen aus der Geschichte die Ehre, ihren Namen seinen Geschöpfen zu leihen.“[33] Der 1898 in der Zeitschrift La Revue blanche publizierte Text Philoctète ou Le Traité des trois morales („Philoktet oder der Traktat von den drei Arten der Tugend“) lehnte sich an Sophokles an und hatte den Charakter eines Traktats in dramaturgischer Form; eine Aufführung war weder geplant, noch wurde sie tatsächlich realisiert. Das erste Drama Gides, das die Bühne erreichte, war 1901 Le roi Candaule („König Kandaules“), dessen Stoff Herodots Historien und Platons Politeia entnommen war. Das Werk wurde am 9. Mai 1901 in der Regie Aurélien Lugné-Poes in Paris uraufgeführt. In der Übersetzung Franz Bleis kam es schon 1906 zu einer Aufführung im Deutschen Volkstheater in Wien.[34] Im Jahr 1903 publizierte Gide das Drama Saül („Saul“), dessen Grundlage das Buch Samuel ist. Das Stück war schon 1898 vollendet, von Gide aber erst veröffentlicht worden, nachdem alle Versuche es zur Aufführung zu bringen, gescheitert waren. Tatsächlich wurde Saul erst 1922 von Jacques Copeau im Théâtre du Vieux-Colombier in Paris uraufgeführt. Wenngleich Gide nach dieser intensiven Theaterarbeit um 1900 erst 1930 mit Œdipe („Oedipus“) wieder ein großes Drama vorlegte, blieb er dem Theater doch immer verbunden. Dies zeigen etwa seine Übersetzungen von William Shakespeares Hamlet und Antonius und Cleopatra oder von Rabindranath Tagores Das Postamt; auch das von Gide verfasste Opernlibretto für Perséphone, das Igor Strawinsky vertonte, steht für sein theatralisches Interesse. Im Jahr 1913 gehörte Gide selbst zu den Gründern des Théâtre du Vieux-Colombier.[35]

Gide arbeitete meist an mehreren Werken gleichzeitig, die über Jahre reiften und in einem dialektischen Verhältnis zueinander standen. Dies gilt insbesondere für zwei seiner wichtigsten Erzählungen vor 1914: L’Immoraliste („Der Immoralist“, 1902) und La Porte étroite („Die enge Pforte“, 1909), die Gide selbst als „Zwilling(e)“ bezeichnete, die „im Wettstreit miteinander in meinem Geist wuchsen“.[36] Die ersten Überlegungen zu beiden Texten, die das Problem der Tugend aus unterschiedlichen Perspektiven behandeln sollten, gehen auf die Zeit nach der Rückkehr von der ersten Afrikareise zurück. Beide Erzählungen sind in den Örtlichkeiten wie in den personellen Konstellationen stark autobiographisch geprägt, weshalb es nahe lag, in Marceline und Michel (im Immoralist) und in Alissa und Jérôme (in Die enge Pforte) Madeleine und André Gide zu erkennen. Gide hat diese Gleichsetzung immer zurückgewiesen und das Bild verschiedener Knospen gebraucht, die er als Anlagen in sich trage: Aus einer dieser Knospen konnte die Figur des Michel erwachsen, der sich ganz der absoluten, selbstbezogenen Vitalität hingibt und dafür seine Frau opfert; aus einer anderen Knospe ging die Figur der Alissa hervor, die ihre Liebe der absoluten und blinden Nachfolge Christi opfert. Beide Figuren scheitern in ihrer entgegengesetzten Radikalität, beide verkörpern Anlagen und Versuchungen Gides, die er gerade nicht ins Extrem treibt, sondern – auch hier dem Vorbild Goethes folgend – in sich zu vereinen und auszugleichen sucht.[37]

Villa Montmorency in Auteuil

Im Jahr 1906 erwarb Gide die Villa Montmorency in Auteuil, wo er bis 1925 lebte, soweit er sich nicht in Cuverville aufhielt oder auf Reisen war. In dieser Zeit arbeitete Gide hauptsächlich an Die enge Pforte. Diese Arbeit unterbrach er im Februar und März 1907 und stellte in kurzer Zeit die Erzählung Le Retour de l’enfant prodigue („Die Rückkehr des verlorenen Sohnes“) fertig, die noch im Frühjahr 1907 erschien. Die Erzählung greift das biblische Motiv von der Heimkehr des verlorenen Sohns auf, der bei Gide jedoch dem jüngeren Bruder rät, das elterliche Haus ebenfalls zu verlassen und nicht zurückzukommen, d. h. sich definitiv zu emanzipieren. Die Erzählung erschien bereits 1914 in der Übersetzung Rainer Maria Rilkes auf Deutsch und entwickelte sich – gerade in Deutschland – „zu einem Bekenntnisbuch der Jugendbewegung“. Nach Raimund Theis ist Die Rückkehr des verlorenen Sohnes „eine der formal geschlossensten, vollendetsten Dichtungen André Gides“.[38] Bald nach der Fertigstellung des Verlorenen Sohnes, im Juli 1907, besuchte Gide seinen Freund Eugène Rouart auf dessen Gut in Südfrankreich. Dort kam es zu einer Liebesnacht zwischen Gide und dem 17-jährigen Landarbeitersohn Ferdinand Pouzac (1890–1910), die Gide in der kleinen Erzählung Le Ramier („Die Ringeltaube“) verarbeitete, die erst 2002 aus seinem Nachlass veröffentlicht wurde.[39]

Erste Nummer der NRF, Februar 1909

Um Gide bildete sich seit Les Nourritures terrestres ein Kreis jüngerer Literaten, bestehend aus Marcel Drouin, André Ruyters, Henri Ghéon, Jean Schlumberger und Jacques Copeau. Die Gruppe plante, eine literarische Zeitschrift nach ihren Vorstellungen zu gründen, nachdem L’Ermitage, in der auch Gide seit 1896 publiziert hatte, 1906 eingegangen war. Gemeinsam mit Eugène Montfort bereitete die Gruppe um Gide für November 1908 das erste Heft des neuen Periodikums vor, das den Titel La Nouvelle Revue française (NRF) tragen sollte. Nach Differenzen mit Montfort trennte man sich und die sechs Freunde begründeten die Zeitschrift unter gleichem Namen mit einer neuen ersten Nummer, die im Februar 1909 erschien. Die Zeitschrift konnte schnell namhafte Autoren der Zeit gewinnen, darunter Charles-Louis Philippe, Jean Giraudoux, Paul Claudel, Francis Jammes, Paul Valéry und Jacques Rivière. Der NRF wurde 1911 ein eigenes Verlagshaus angegliedert (Éditions de la NRF), dessen Leitung der bald einflussreiche Verleger Gaston Gallimard übernahm. Gides Erzählung Isabelle erschien 1911 als drittes Buch des neuen Verlages.[40] Über die Zeitschrift und den NRF-Verlag wurde Gide nach 1918 einer der tonangebenden französischen Literaten seiner Epoche, der mit fast allen zeitgenössischen europäischen Autoren von Rang Kontakte pflegte. In die Literaturgeschichte ging die im Jahr 1912 erfolgte Ablehnung des ersten Bandes von Marcel Prousts Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit durch den Verlag ein: Gide trug als Lektor die Hauptverantwortung und begründete sein Votum damit, dass Proust „ein Snob und literarischer Amateur“ sei.[41] Seinen Fehler räumte Gide später Proust gegenüber ein: „Die Ablehnung des Buchs wird der größte Fehler der NRF bleiben und (denn ich schäme mich, weitgehend dafür verantwortlich zu sein) einer der stechendsten Schmerzen und Gewissensbisse meines Lebens.“[42]

Gide teilte seine erzählenden Werke in zwei Gattungen ein: die Soties und die Récits. Zu den Soties zählte er Die Reise Urians, Paludes und Der schlecht gefesselte Prometheus, zu den Récits Der Immoralist, Die enge Pforte, Isabelle und die 1919 erschienene Pastoralsymphonie. Während die Sotie mit satirischen und parodistischen Stilmitteln arbeitet, ist der Récit als Erzählung zu charakterisieren, in der eine Figur idealtypisch, aus der Fülle des Lebens herausgelöst, als Fall dargestellt wird.[43] Beide Gattungen grenzte Gide klar von der Totalität des Romans ab, was bedeutete, dass er selbst noch keinen Roman vorgelegt hatte. Auch das 1914 publizierte Werk Les Caves du Vatican („Die Verliese des Vatikans“) ließ er trotz der komplexen Handlungsführung nicht als Roman gelten, sondern rechnete es zu seinen Soties. Vor dem Hintergrund realer Gerüchte in den 1890er Jahren, Freimaurer hätten Leo XIII. eingesperrt und durch einen falschen Papst ersetzt, entwirft Gide ein Gesellschaftsbild voller Falschheit und Heuchelei, in dem Religion, Wissenschaftsgläubigkeit und bürgerliche Werte durch seine Figuren, allesamt Narren, ad absurdum geführt werden. Nur die schillernde Figur des schönen jungen Kosmopoliten Lafcadio Wluiki, ganz frei und bindungslos, scheint positiv besetzt: – und er begeht einen Mord als „acte gratuit“. Die Verliese des Vatikans stießen bei Erscheinen teils auf positive Resonanz, wofür Prousts Begeisterung stehen mag, teils auf heftige Kritik, wofür die Ablehnung Paul Claudels charakteristisch ist. Der mit Gide befreundete Claudel hatte ihn in den Jahren vor 1914 zum Katholizismus bekehren wollen und Gide schien der Konversion phasenweise nahe. Das neue Werk konnte Claudel nun nur als Absage verstehen, zumal sich im Buch auch eine satirisch dargestellte Konversion findet. Claudels noch 1914 in einem Brief an Gide geäußerte Kritik setzte aber bei einer homoerotischen Passage an: „Um Himmels willen Gide, wie konnten Sie den Absatz schreiben (...). Muss man also in der Tat annehmen – ich habe mich immer geweigert es zu tun –, dass Sie selbst diese entsetzlichen Sitten praktizieren? Antworten Sie mir. Sie müssen antworten.“ Und Gide antwortete in einer Weise, die zeigt, dass er des Doppellebens, das er führte, überdrüssig war (auch wenn das öffentliche Bekenntnis erst nach 1918 folgte): „Niemals habe ich bei einer Frau ein Verlangen gespürt; und die traurigste Erfahrung, die ich in meinem Leben gemacht habe, ist, dass die beständigste, längste, lebendigste Liebe nicht von dem begleitet war, was ihr im Allgemeinen vorausgeht. Im Gegenteil: Liebe schien mir das Verlangen zu verhindern. (...) Ich habe nicht gewählt, so zu sein.“[44]

Der Erste Weltkrieg und die Zwischenkriegszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1915/16 war er äußerst aktiv in einer Organisation zur Betreuung von Flüchtlingen aus den vom Krieg verwüsteten nordostfranzösischen Gebieten. Eine tiefe moralische und religiöse Krise endete erst, als er 1916 Marc Allégret kennenlernte, der sein Geliebter wurde und für lange Jahre blieb. Gide und seine Frau Madeleine lebten hiernach, ohne sich scheiden zu lassen, überwiegend getrennt. 1918 zog sie innerlich den Schlussstrich, indem sie, während er mit Allegret auf einer Reise war, alle seine Briefe an sie (sehr zu seinem Ärger) verbrannte.

1919 kam La Symphonie pastorale („Die Pastoral-Symphonie“) heraus, die Geschichte eines Pastors, der ein blindes Waisenmädchen in seine Familie aufnimmt, sie erzieht, sich in sie verliebt, sie aber an seinen Sohn verliert. Die Symphonie war der größte Bucherfolg Gides zu seinen Lebzeiten, mit mehr als einer Million Exemplaren und rund 50 Übersetzungen.

1920 und 1926 publizierte Gide eine zweibändige Autobiografie bis zum Zeitpunkt seiner Heirat: Si le grain ne meurt („Stirb und werde“).

Nach dem Kriegsende hatte auch er, wie so viele Autoren der Zeit, Sympathien für den von Russland nach Europa ausstrahlenden Kommunismus entwickelt. Zugleich interessierte er sich für die russische Literatur: 1923 erschien sein Buch über Dostojewski, 1928 eine Übertragung der Novellen Puschkins.

1923 wurde er Vater seiner außerehelich gezeugten Tochter Catherine, mit der und deren Mutter er ab 1927 in einem Pariser Mietshaus wohnte und die er 1938, nach dem Tod seiner kinderlos gebliebenen Frau Madeleine, adoptierte.

Im Jahr 1924 erschien das Werk Corydon, bestehend aus vier „sokratischen“ Dialogen, die die Klischeevorstellung von der Perversität der Homosexualität zu korrigieren versuchen. Das Buch war bereits 1911 verfasst, aber zunächst nur anonym und privat gedruckt worden.

1925 erschien sein „erster Roman“ (so Gide in seiner Widmung des Werkes an den jüngeren Freund und Kollegen Roger Martin du Gard): Les Faux-Monnayeurs („Die Falschmünzer“), ein sehr kunstvoll angelegter Roman um die Entstehung eines Romans. Die Handlung, die damit beginnt, dass einer der Protagonisten seine außereheliche Zeugung entdeckt, wirkt etwas verwirrend, steht aber auf der Höhe der zeitgenössischen theoretischen und erzähltechnischen Errungenschaften der Gattung Roman, die sich selbst inzwischen zum Problem geworden war. Die Faux-Monnayeurs gelten heute als ein richtungweisendes Werk der modernen europäischen Literatur.

Im selben Jahr (1925) verkaufte Gide seine Villa in Auteuil und ging mit Allégret auf eine fast einjährige Reise durch die damaligen französischen Kolonien Congo (Brazzaville) und Tschad. Die seines Erachtens unhaltbaren ausbeuterischen Zustände dort schilderte er anschließend in Vorträgen und Artikeln sowie in den Büchern Voyage au Congo („Kongoreise“) (1927) und Retour du Tchad („Rückkehr aus dem Tschad“) (1928), womit er heftige Diskussionen entfachte und viele Angriffe nationalistischer Franzosen auf sich zog. 1929 erschien L’École des femmes („Die Schule der Frauen“), die tagebuchartige Geschichte einer Frau, die ihren Mann als starren und seelenlosen Vertreter der bürgerlichen Normen demaskiert und ihn verlässt, um im Krieg Verwundete zu pflegen.

1931 beteiligte sich Gide an der von Jean Cocteau ausgelösten Welle antikisierender Dramen mit dem Stück: Œdipe („Ödipus“).

Ab 1932, im Rahmen der wachsenden politischen Polarisierung zwischen links und rechts in Frankreich und ganz Europa, engagierte Gide sich zunehmend auf Seiten der französischen kommunistischen Partei (PCF) und antifaschistischer Organisationen. So reiste er z. B. 1934 nach Berlin, um dort die Freilassung kommunistischer Regimegegner zu verlangen. 1935 gehörte er zur Leitung eines Kongresses antifaschistischer Schriftsteller in Paris, der teilweise verdeckt mit Geldern aus Moskau finanziert wurde.[45] Er verteidigte dabei das Sowjetregime gegen Angriffe von trotzkistischen Delegierten, die die sofortige Freilassung des in der Sowjetunion internierten Schriftstellers Victor Serge verlangten.[46] Auch mäßigte er – zumindest theoretisch – seinen bis dahin vertretenen kompromisslosen Individualismus zugunsten einer Position, die die Rechte des Ganzen und der Anderen vor die des Einzelnen setzt.

Im Juni 1936 reiste er auf Einladung des sowjetischen Schriftstellerverbandes mehrere Wochen durch die UdSSR. Ihn betreute der Vorsitzende der Auslandskommission des Verbandes, der Journalist Michail Kolzow. Am Tag nach der Ankunft Gides starb der Vorsitzende des Schriftstellerverbandes Maxim Gorki. Gide hielt auf dem Lenin-Mausoleum, auf dem auch das Politbüro mit Stalin an der Spitze Aufstellung genommen hatte, eine der Trauerreden.[47] Doch zu der von ihm erhofften Audienz bei Stalin im Kreml kam es nicht. Den Forschungen von Literaturhistorikern zufolge war Stalin über Gides Absichten gut unterrichtet. Dieser hatte vor seiner Abreise dem in Paris als Korrespondent sowjetischer Zeitungen arbeitenden Schriftsteller Ilja Ehrenburg anvertraut: „Ich habe mich entschlossen, die Frage nach seiner Haltung zu meinen Gesinnungsgenossen aufzuwerfen.“ Er wolle Stalin nach der „rechtlichen Lage der Päderasten fragen“, hielt Ehrenburg fest.[48]

Gides Enttäuschung beim Blick hinter die Kulissen der kommunistischen Diktatur war jedoch groß. Seine Eindrücke von dieser Reise, die ihn auch nach Georgien führte, schilderte er in dem kritischen Bericht Retour de l’U.R.S.S.(„Zurück aus der Sowjetunion“), in dem er sich indes bemühte, Emotionen und Polemik zu vermeiden. Er beschrieb das Sowjetregime als „Diktatur eines Mannes“, die die Ursprungsideen von der „Befreiung des Proletariats“ pervertiert habe. Die sowjetische Presse reagierte mit heftigen Attacken auf ihn, seine Bücher wurden aus allen Bibliotheken des Landes entfernt, eine bereits begonnene mehrbändige Werkausgabe wurde nicht fortgesetzt.[49] Als viele westliche Kommunisten ihn attackierten und ihm vorwarfen, er unterstütze mit seiner Kritik indirekt Hitler, ging Gide vollends auf Distanz zur Partei.

Der Zweite Weltkrieg und die Nachkriegszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 zog er sich zu Freunden nach Südfrankreich zurück und ging 1942 nach Nordafrika, nachdem er sich von einem passiven Sympathisanten des Regierungschefs des Kollaborationsregimes von Marschall Philippe Pétain zu einem aktiven Helfer der Londoner Exilregierung unter Charles de Gaulle entwickelt hatte. Diese versuchte er z. B. 1944 mit einer Propagandareise durch die westafrikanischen Kolonien zu unterstützen, deren Gouverneure lange zwischen Pétain und de Gaulle schwankten.

1946 publizierte Gide sein letztes größeres Werk, Thésée („Theseus“), eine fiktive Autobiografie des antiken Sagenhelden Theseus, in den er sich hineinprojiziert.

In seinen letzten Jahren konnte er noch seinen Ruhm genießen mit Einladungen zu Vorträgen, Ehrendoktorwürden, der Verleihung des Nobelpreises 1947, Interviews, Filmen zu seiner Person u. ä. m. Die Begründung für den Nobelpreis lautet: „für seine weit umfassende und künstlerisch bedeutungsvolle Verfasserschaft, in der Fragen und Verhältnisse der Menschheit mit unerschrockener Wahrheitsliebe und psychologischem Scharfsinn dargestellt werden“.

1939, 1946 und 1950 erschienen seine Tagebücher unter dem Titel Journal.

1949 erhielt Gide die Goetheplakette der Stadt Frankfurt am Main.

Eine indirekte Anerkennung seiner Bedeutung war, dass 1952 seine Bücher auf den Index Romanus der katholischen Kirche gesetzt wurden.

Von seiner Tochter im Nachlass entdeckt und herausgegeben, erschien 2002 postum die 1907 entstandene homoerotische Novelle Le Ramier.[50]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werkchronologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1890: Les Cahiers d’André Walter (‚Die Hefte des André Walter‘)
  • 1891: Le Traité du Narcisse (‚Traktat vom Narziß‘)
  • 1892: Les Poésies d’André Walter (‚Die Gedichte des André Walter‘)
  • 1893: Le Voyage d’Urien (‚Die Reise Urians‘)
  • 1893: La Tentative amoureuse ou Le Traité du vain désir (‚Der Liebesversuch oder Eine Abhandlung über die Sinnlosigkeit des Verlangens‘)
  • 1895: Paludes (‚Paludes‘)
  • 1897: Les Nourritures terrestres (‚Die Früchte der Erde‘)
  • 1899: Le Prométhée mal enchaîné (‚Der schlechtgefesselte Prometheus‘)
  • 1901: Le Roi Candaule (‚König Kandaules‘), Theaterstück
  • 1902: L’Immoraliste (‚Der Immoralist‘)
  • 1903: Saül (‚Saul‘), Theaterstück
  • 1907: Le Ramier (‚Die Ringeltaube‘) (Erstveröffentlichung 2002, dt. 2006)
  • 1907: Le Retour de l’enfant prodigue (‚Die Rückkehr des verlorenen Sohnes‘)
  • 1909: La Porte étroite (‚Die enge Pforte‘)
  • 1911: Corydon. Quatre dialogues socratiques (‚Corydon. Vier sokratische Dialoge‘)
  • 1911: Isabelle
  • 1914: Les Caves du Vatican (‚Die Verliese des Vatikans‘)
  • 1914: Souvenirs de la Cour d'Assises (‚Erinnerungen aus dem Schwurgericht‘)
  • 1919: La Symphonie pastorale (‚Die Pastoralsymphonie‘)
  • 1925: Les Faux-Monnayeurs (‚Die Falschmünzer‘)
  • 1926: Si le grain ne meurt (‚Stirb und werde‘)
  • 1929: L’École des femmes (‚Die Schule der Frauen‘)
  • 1929: Robert
  • 1927: Voyage au Congo (‚Kongoreise‘)
  • 1928: Le Retour du Tchad (‚Rückkehr aus dem Tschad‘)
  • 1930: L'Affaire Redureau (‚Die Affäre Redureau‘)
  • 1930: La Séquestrée de Poitiers (‚Die Eingeschlossene von Poitiers‘)
  • 1931: Œdipe (‚Ödipus‘), Theaterstück
  • 1934: Perséphone. Melodram (Oratorium). Musik (1933/34): ‚Igor Strawinsky‘. UA 1934
  • 1936: Geneviève (‚Genoveva oder Ein unvollendetes Bekenntnis‘)
  • 1936: Retour de l'U.R.S.S. (‚Zurück aus Sowjet-Russland‘)
  • 1937: Retouches à mon Retour de l’U.R.S.S. (‚Retuschen zu meinem Russlandbuch‘)
  • 1939: Et nunc manet in te (erschienen 1947)
  • 1946: Thésée (‚Theseus‘)
  • 1949: Feuillets d’automne (‚Herbstblätter‘)
  • 1939, 1946, 1950: Journal (Tagebücher)
  • 1993: Le Grincheux (posthum, wohl 1925/26 entstanden); (‚Der Griesgram‘)

Deutsche Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans Hinterhäuser/Peter Schnyder/Raimund Theis (Hrsg.): André Gide: Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1989–2000:
    • Band I (Autobiographisches 1): Stirb und Werde; Tagebuch 1889–1902
    • Band II (Autobiographisches 2): Tagebuch 1903–1922
    • Band III (Autobiographisches 3): Tagebuch 1923–1939
    • Band IV (Autobiographisches 4): Tagebuch 1939–1949; Et nunc manet in te; Kurze autobiographische Texte
    • Band V (Reisen und Politik 1): Kongoreise; Rückkehr aus dem Tschad
    • Band VI (Reisen und Politik 2): Zurück aus Sowjetrußland; Retuschen zu meinem Rußlandbuch; Soziale Plädoyers
    • Band VII (Erzählende Werke 1): Die Hefte des André Walter; Traktat vom Narziß; Die Reise Urians; Der Liebesversuch; Paludes; Der schlechtgefesselte Prometheus; Der Immoralist; Die Rückkehr des verlorenen Sohnes
    • Band VIII (Erzählende Werke 2): Die enge Pforte; Isabelle; Die Verliese des Vatikans
    • Band IX (Erzählende Werke 3): Die Falschmünzer; Tagebuch der Falschmünzer
    • Band X (Erzählende Werke 4): Pastoralsymphonie; Die Schule der Frauen; Robert; Geneviève; Theseus
    • Band XI (Lyrische und szenische Dichtungen): Die Gedichte des André Walter; Die Früchte der Erde; Neue Früchte der Erde; Philoktet; Saul; König Kandaules; Oedipus
    • Band XII (Essays und Aufzeichnungen): Dostojewski; Corydon; Anmerkungen über Chopin; Aufzeichnungen zu Literatur und Politik
  • Die enge Pforte. Manesse-Verlag, Zürich 1995, ISBN 3-7175-1868-2
  • Schwurgericht. Drei Bücher vom Verbrechen. Eichborn-Verlag, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-8218-4150-8
  • Die Falschmünzer. Tagebuch der Falschmünzer. Manesse-Verlag, Zürich 2000, ISBN 3-7175-8265-8
  • Die Ringeltaube. Erzählung. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2006, ISBN 3-421-05896-2
  • Der Griesgram. Matthes & Seitz, Berlin 2015, ISBN 978-3-95757-002-4

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Justin O’Brien: Portrait of André Gide, a critical biography. Octagon Books, New York 1977. ISBN 0-374-96139-5
  • Ilja Ehrenburg: Menschen – Jahre – Leben (Memoiren), München 1962/65, Band II 1923–1941, Seite 363–368 Portrait, ISBN 3-463-00512-3
  • Jutta Ernst u. Klaus Martens (Hrsg): André Gide und Felix Paul Greve. Korrespondenz und Dokumentation. Ernst Röhrig Universitätsverlag, St. Ingbert 1999
  • Ruth Landshoff-Yorck: Klatsch, Ruhm und kleine Feuer. Biographische Impressionen. Kiepenheuer&Witsch, Köln-Berlin 1963
  • Frank Lestringant: André Gide l’inquiéteur, Flammarion, Paris 2011, ISBN 978-2-08-068735-7
  • Klaus Mann: André Gide und die Krise des modernen Denkens. Steinberg Verlag, Zürich 1948
  • Jean-Pierre Prevost: André Gide. Un album de famille, Gallimard, Paris 2010, ISBN 978-2-07-013065-8
  • Alan Sheridan: André Gide, a life in the present. Harvard University Press, Cambridge 1999. ISBN 0-674-03527-5
  • Raimund Theis: André Gide. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1974. ISBN 3-534-06178-0

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: André Gide – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  Wikiquote: André Gide – Zitate

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. André Gide: Stirb und werde. In: Gesammelte Werke, Band I. Stuttgart 1989, S. 71–386, hier: S. 74.
  2. André Gide: Stirb und werde. In: Gesammelte Werke, Band I. Stuttgart 1989, S. 71–386, hier: S. 170–174.
  3. André Gide: Et nunc manet in te. In: Gesammelte Werke, Band IV. Stuttgart 1990, S. 431–477, hier: S. 458 ff.
  4. So Raimund Theis: Vorwort zu diesem Band. In: André Gide: Gesammelte Werke, Band I. Stuttgart 1989, S. 35–69, hier: S. 46.
  5. Jean Schlumberger: Madeleine und Andre Gide. Hamburg 1957.
  6. Zeittafel. In: André Gide: Gesammelte Werke, Band I. Stuttgart 1989, S. 19–33, hier: S. 21.
  7. Hans Joachim Kesting: Zu Die Hefte des André Walter. In: André Gide: Gesammelte Werke, Band VII. Stuttgart 1991, S. 509–520, hier insbesondere: S. 513.
  8. André Gide: Stirb und werde. In: Gesammelte Werke, Band I. Stuttgart 1989, S. 71–386, hier: S. 280.
  9. André Gide: Oscar Wilde in memoriam. In: Gesammelte Werke, Band XII. Stuttgart 2000, S. 351–371, hier: S. 352–359.
  10. Raimund Theis: Vorwort zu diesem Band. In: André Gide: Gesammelte Werke, Band I. Stuttgart 1989, S. 35–69, hier: S. 37 f.
  11. Raimund Theis: Vorwort. In: André Gide: Gesammelte Werke, Band XI. Stuttgart 1999, S. 9–21, hier: S. 9
  12. Analysiert von David H. Walker: Nachwort. In: André Gide: Die Ringeltaube. München 2006, S. 31–67, hier: 47–67.
  13. André Gide: Stirb und werde. In: Gesammelte Werke, Band I. Stuttgart 1989, S. 71–386, hier: S. 309–340 (erste Afrikareise), S. 333 f. (Zitat).
  14. André Gide: Stirb und werde. In: Gesammelte Werke, Band I. Stuttgart 1989, S. 71–386, hier: S. 340.
  15. André Gide: Stirb und werde. In: Gesammelte Werke, Band I. Stuttgart 1989, S. 71–386, hier: S. 344–378 (zweite Afrikareise), S. 361 (Zitat).
  16. Klaus Mann: André Gide und die Krise des modernen Denkens. Hamburg 1984, S. 80.
  17. Tilman Krause: Der lange Weg zum schwulen Selbstbekenntnis
  18. André Gide: Stirb und werde. In: Gesammelte Werke, Band I. Stuttgart 1989, S. 71–386, hier: S. 310.
  19. André Gide: Stirb und werde. In: Gesammelte Werke, Band I. Stuttgart 1989, S. 71–386, hier: S. 378–384.
  20. André Gide: Et nunc manet in te. In: Gesammelte Werke, Band IV. Stuttgart 1990, S. 431–477, hier: S. 441.
  21. André Gide: Blätter von unterwegs. In: Gesammelte Werke, Band I. Stuttgart 1989, S. 443–477.
  22. Erinnerungen an die Zeit als Bürgermeister: André Gide: Jugend. In: Gesammelte Werke, Band IV. Stuttgart 1990, S. 585–599.
  23. Edward Reichel: Nationalismus – Hedonismus – Faschismus. Der Mythos Jugend in der französischen Politik und Literatur von 1890 bis 1945. In: Thomas Koebner u. a. (Hrsg.): »Mit uns zieht die neue Zeit«. Der Mythos Jugend. Frankfurt am Main 1985, S. 150–173, hier: S. 156.
  24. So Michel Winock: Das Jahrhundert der Intellektuellen. Konstanz 2007, S. 141.
  25. So Gide in einer Selbstcharakterisierung im Brief an Jean Schlumberger vom 1. März 1935, gedruckt in: Michel Winock: Das Jahrhundert der Intellektuellen. Konstanz 2007, S. 805–807, Zitat S. 805.
  26. Michel Winock: Das Jahrhundert der Intellektuellen. Konstanz 2007, S. 62 mit Anm. 71.
  27. André Gide: A propos der «Déracinés». In: Gesammelte Werke, Band XII. Stuttgart 2000, S. 388–392.
  28. André Gide: Stirb und werde. In: Gesammelte Werke, Band I. Stuttgart 1989, S. 71–386, hier: S. 253.
  29. André Gide: Tagebuch 1889-1902. In: Gesammelte Werke, Band I. Stuttgart 1989, S. 387–532, hier: S. 492 mit Anm. 110 auf S. 567.
  30. André Gide: Tagebuch 1903-1922. In: Gesammelte Werke, Band II. Stuttgart 1990, S. 746 Anm. 53.
  31. Raimund Theis: Vorwort. In: Gesammelte Werke, Band XI. Stuttgart 1999, S. 9–21, hier: 17 ff.
  32. André Gide: Tagebuch 1903-1922. In: Gesammelte Werke, Band II. Stuttgart 1990, S. 29 f. mit Anm. 4 auf S. 741.
  33. André Gide: Über die Entwicklung des Theaters. In: Gesammelte Werke, Band XI. Stuttgart 1999, S. 262–274, Zitat Goethes S. 266.
  34. [O. V.]: André Gide. (Ein Gespräch mit dem Dichter des „König Kandaules“.) Neues Wiener Tagblatt, 40 (1906) #25, 6. (26. Januar 1906) und Hermann Bahr: Der König Candaules. (Drama in drei Akten von André Gide. Deutsche Umdichtung von Franz Blei. Zum ersten Mal aufgeführt im Deutschen Volkstheater am 27. Jänner 1906). Neues Wiener Tagblatt, 40 (1906) #27, 12. (28. Januar 1906) Buchausgabe: Hermann Bahr: Glossen, 228-235.
  35. Jean Claude: Zu den szenischen Dichtungen. In: Gesammelte Werke, Band XI. Stuttgart 1999, S. 469–491.
  36. André Gide: Tagebuch 1903-1922. In: Gesammelte Werke, Band II. Stuttgart 1990, S. 292.
  37. Raimund Theis: Zu Der Immoralist. In: André Gide: Gesammelte Werke, Band VII. Stuttgart 1991, S. 561–574, hier: S. 565 f.
  38. Raimund Theis: Zu Die Rückkehr des verlorenen Sohnes. In: André Gide: Gesammelte Werke, Band VII. Stuttgart 1991, S. 575–580, Zitate: S. 579 und 580.
  39. André Gide: Die Ringeltaube. München 2006 (Angaben nach dem Nachwort von David H. Walker).
  40. Michel Winock: Das Jahrhundert der Intellektuellen. Konstanz 2007, S. 143–146, 151.
  41. Marcel Proust – Ein Schriftstellerleben. Dokumentarfilm von Sarah Mondale, 1992, 60 Min. - Produziert von William C. Carter, George Wolfe und Stone Lantern Films.
  42. Zitiert nach Michel Winock: Das Jahrhundert der Intellektuellen. Konstanz 2007, S. 151.
  43. Raimund Theis: Vorwort. In: Gesammelte Werke, Band IX. Stuttgart 1993, S. 9–22, hier: 10 f.
  44. Beide Briefe zitiert nach Michel Winock: Das Jahrhundert der Intellektuellen. Konstanz 2007, S. 202.
  45. Boris Frezinskij: Pisateli i sovetskie voždi. Moskau 2008, S. 358
  46. vgl. Fresinskij 2008, S. 424.
  47. vgl. Fresinskij 2008, S. 423.
  48. vgl. Fresinskij 2008, S. 421.
  49. vgl. Fresinskij 2008, S. 429 f.
  50. Verlagsseite (dt.) zur Ringeltaube mit Vorwort von Catherine Gide