Jean Martinon
Jean Franisque-Étienne Martinon (* 10. Januar 1910 in Lyon; † 1. März 1976 in Paris) war ein französischer Dirigent und Komponist. Er gilt international als der bedeutendste französische Dirigent der Generation zwischen Pierre Monteux und Pierre Boulez und war selbst Komponist von zahlreichen Werken der Instrumental- und Orchester- sowie (in geringerem Umfang) der Vokalmusik.
Leben und Wirken
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Martinon, der aus einer künstlerischen Familie stammte, studierte zunächst am Konservatorium in Lyon (Conservatoire à rayonnement régional de Lyon,1923–25), dann in Paris (Conservatoire de musique et de déclamation, 1926–1929) bei Jules Boucherit und gewann 1928 den Ersten Preis im Fach Violine. Anschließend nahm er Kompositionsunterricht bei Albert Roussel und Vincent d’Indy sowie Dirigierunterricht bei Roger Désormière und Charles Münch und arbeitete zunächst als Violinist und Konzertmeister bei einem Radio-Sinfonieorchester. Zum Beginn des Zweiten Weltkriegs zur Armee eingezogen, war er ab 1940 zwei Jahre in einem deutschen Stammlager für Kriegsgefangene (Stalag IX A) interniert und begann seine ersten wichtigen Werke zu komponieren; dazu gehörten Stalag IX (Musique d’exil), das für Männerchor und Orchester geschriebene Absolve Domine (zum Gedenken an französische Musiker, die im Krieg gefallen sind; Premiere November 1940 im Kriegsgefangenenlager), und Psaume 136, le Chant des Captifs (für Sprecher, Solisten, Chor und Orchester, mit einem Bezug auf Psalm 136), das 1946 in Paris mit einem Kompositionspreis ausgezeichnet wurde. Noch 1940 war in Paris seine 1. Sinfonie zur Vorstellung gebracht worden, nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft ließ er als Dirigent des Orchestre Pasdeloup (1943) seine 2. Sinfonie „Hymne à la vie“ folgen. Martinon ging als Kapellmeister zum Orchestre Philharmonique de Bordeaux (1943–45; heute: Orchestre national Bordeaux-Aquitaine) und war gleichzeitig Assistent des Dirigenten Charles Münch beim Orchestre de la Société des Concerts du Conservatoire in Paris (1944–46), danach assoziierter Dirigent (Stellvertreter von Eduard van Beinum) beim London Philharmonic Orchestra (1946–48). 1947 kam in Paris sein Opernballett Ambohimanga ou La Cité bleue auf die Bühne. Als Chefdirigent wirkte er 1947–50 beim Sinfonieorchester von Raidió Éireann in Dublin (Raidió Éireann Symphony Orchestra, heute: National Symphony Orchestra of Ireland), mit dem 1949 seine 3. Sinfonie „Irlandaise“ gesendet wurde. 1951–58 war er Chefdirigent beim Orchestre des Concerts Lamoureux in Paris; in diese Zeit fällt seine Oper Hécube (Libretto von Serge Moreux, nach Motiven von Euripides). In Tel Aviv, wo 1952 sein Oratorium Le Lis de Saron ou le Cantique des Cantiques aufgeführt worden war, wurde er 1958–60 beim Israel Philharmonic Orchestra Chefdirigent. Er wechselte als Generalmusikdirektor zu den Düsseldorfer Symphonikern (1960–66) und war außerdem 1963–68 als Nachfolger von Fritz Reiner künstlerischer Direktor des Chicago Symphony Orchestra. Sein Konzertspektrum in Chicago reichte von der Festivalleitung für Musik des Barock in der Orchestra Hall (Symphony Center) bis hin zur Präsentation der Moderne in der University of Chicago. Zwischenzeitlich waren sein Henryk Szeryng gewidmetes Concerto Nr. 2 pour violin et orchestre op. 5 und das Concerto pour cello et orchestre op. 52 für Pierre Fournier zur Premiere gekommen. Martinons nächste Stationen waren, wiederum in der Funktion als künstlerischer Direktor, 1968–74 das Orchestre national de l'ORTF (heute: Orchestre national de France) in Paris und schließlich 1974–76 das Residentie Orkest in Den Haag. Ab 1975 unterrichtete er am Pariser Konservatorium.
Neben den Dirigiererfolgen mit französischer, aber auch russischer Musik (zumeist des frühen 20. Jahrhunderts) wurde er durch sein Engagement für zeitgenössische Musik bekannt. Letzteres stieß allerdings in Chicago auf erheblichen Widerstand – er hatte innerhalb von fünf Jahren etwa 60 Werke von amerikanischen und europäischen Komponisten der modernen Schule aufgeführt; 1968 trat Martinon daher von seinem Posten in Chicago zurück. Zu den Uraufführungen eigener Musik, die stilistisch an den französischen Neoklassizismus angelehnt war, kamen solche von Marius Constant (Faciebatanno, 1973), Hans-Werner Henze (Tancred und Cathylene, 1953; Drei symphonische Etüden, 1956), Jaques Ibert (Tropismes pour des amours imaginaires, 1975) und Serge Nigg (Musique funèbre, 1959). Er gehörte zu den Pionieren derer, die Gustav Mahlers vervollständigte 10. Sinfonie in der (seitens Leonard Bernstein abgelehnten) Orchestrierung von Deryck Cooke (Version „Cooke 1“) auf den Spielplan setzten; eine Konzertaufnahme vom Mai 1966 mit dem Chicago Symphony Orchestra wurde auf dem CSO-Label veröffentlicht.[1]
Das Repertoire Martinons auf Schallplatten (und später veröffentlichten CDs) umfasste Werke von Haydn, Mozart, Beethoven und Brahms ebenso wie etwa von Nielsen, Bartok, Varese und Honegger. Eine Sammlung der zusammen mit dem Chicago Symphony Orchestra entstandenen Aufzeichnungen von RCA Red Seal, einschließlich seiner 4. Sinfonie „Altitudes“ (ein Auftragswerk zum 75-jährigen Bestehen des Orchesters), wurde 2015 von Sony Masterworks neu herausgebracht.[2] Eine bei AllMusic erstellte Diskografie erfasst auch weitere CD-Label. Der Penguin Guide to Recorded Classical Music (Penguin Guide to the 1000 Finest Classical Recordings) listet als „must-have“ eine Reihe von bemerkenswerten CD-Ausgaben der Aufnahmen Martinons, die hauptsächlich für Decca Records, die Deutsche Grammophon-Gesellschaft und die EMI entstanden waren, darunter Werke von Borodin, Ibert, Lalo, Massanet, Meyerbeer, Offenbach und Saint-Saëns, auch als Begleitdirigent von z. B. Aldo Ciccolini, Pierre Fournier und Itzhak Perlman. International am bekanntesten wurden seine ebenso präzisen wie dynamischen Interpretationen der gesamten Orchesterwerke von Claude Debussy und Maurice Ravel für die EMI, einige davon als Ersteinspielungen.
Jean Martinon war auch ein leidenschaftlicher Bergsteiger. An Knochenkrebs erkrankt, starb er mit 66 Jahren in Paris.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Alain Pâris: Lexikon der Interpreten klassischer Musik im 20. Jahrhundert. Übersetzt und bearbeitet von Rudolf Kimmig. Mit einer Einleitung von Peter Gülke. Deutscher Taschenbuch Verlag, München / Bärenreiter-Verlag, Kassel 1992 (dtv 3291).
- Nicolas Slonimsky, Laura Kuhn (Hrsg.): Baker’s Biographical Dictionary of Musicians. Centennial Edition, Vol. 4. Schirmer Books, New York [u. a.] 2001.
- Ivan March, Edward Greenfield, Robert Layton, Paul Czajkowski: The Penguin Guide to the 1000 Finest Classical Recordings. The Must-Have CDs and DVDs. Revised Edition. Edited by Ivan March and Paul Czajkowski. Assistant Editor Alan Livesey. Penguin Books, London [u. a.] 2012.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Jean Martinon (Conductor, Composer). Bach Cantatas Website (englisch).
- Jean Martinon. Brockhaus.de
- Jean Martinon. Chicago Symphony Orchestra.
- Jean Martinon: podcasts et actualités. Radio France.
- Collection: Jean Martinon papers – Archival and Manuscript Collections. Nachlass in der Northwestern University Music Library, Evanston, Illinois.
- Jean Martinon. AllMusic[3]
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Symphony No. 10. In: Mahler Foundation. Abgerufen am 25. September 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ Jean Martinon + CSO = 10. In: from the archives. 13. Mai 2015, abgerufen am 26. September 2025 (englisch).
- ↑ Artikeltext von James Reel, Druckfassung in Chris Woodstra, Gerald Brennan, Allen Schrott (Hrsg.): All Music Guide to Classical Music. The Definitive Guide to Classical Music. All Media Guide / Backbeat Books, San Francisco 2005.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Martinon, Jean |
| ALTERNATIVNAMEN | Martinon, Jean Franisque Étienne |
| KURZBESCHREIBUNG | französischer Dirigent und Komponist |
| GEBURTSDATUM | 10. Januar 1910 |
| GEBURTSORT | Lyon |
| STERBEDATUM | 1. März 1976 |
| STERBEORT | Paris |