Jerzy Kulej

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Jerzy Kulej (2011)

Jerzy Zdzisław Kulej (* 19. Oktober 1940 in Tschenstochau, Generalgouvernement; † 13. Juli 2012 in Warschau[1]) war ein polnischer Boxer und Politiker. Er war Olympiasieger 1964 und 1968 sowie Europameister der Amateure 1963 und 1965 im Halbweltergewicht. Von 2001 bis 2005 saß er für den Bund der Demokratischen Linken im Sejm.

Werdegang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jerzy Kulej (rechts) 1963

Jerzy Kulej begann 1955 in Częstochowa mit dem Boxen. Sein erster Trainer war Wiktor Szyiński. Bereits 1957 gewann er auf nationaler Ebene einige regionale Meisterschaften und Turniere. 1957 fiel er dabei erstmals dem polnischen Nationaltrainer Feliks Stamm positiv auf. Dieser sorgte dafür, dass er mit 18 Jahren in die Polizei eintrat und zu Gwardia Warschau delegiert wurde. Der dort für ihn zuständige Vereinstrainer war Wiktor Nowak.

Mit knapp 18 Jahren wurde er von Feliks Stamm erstmals in der polnischen Nationalmannschaft eingesetzt. Er besiegte dabei am 23. Juni 1958 in einem Länderkampf Polen gegen Jugoslawien in Bydgoszcz den jugoslawischen Meister Slobodan Vitić im Leichtgewicht klar nach Punkten. 1959 startete er bei der Europameisterschaft der Senioren im Halbweltergewicht in Luzern. Nach einem Sieg über den Rumänen Constantin Dumitrescu traf er im Viertelfinale auf den Italiener Piero Brandi, einem späteren Europameister der Berufsboxer, dem er nach Punkten unterlag. Bei einem Boxturnier in Wien traf Jerzy Kulej 1959 im Endkampf auf den sowjetischen Olympiasieger von 1956 Wladimir Jengibarjan, dem er nur knapp nach Punkten unterlag. In diesem Kampf zeigte er, dass er ein ungewöhnliches Talent ist, der noch zu vielen positiven Überraschungen fähig sein wird.

In den Jahren 1960 und 1961 zeigte sich aber, dass auch ein großes Talent reifen muss. 1960 kam er bei der polnischen Meisterschaft in das Finale des Halbweltergewichtes, unterlag dort aber gegen den Außenseiter Józef Piński nach Punkten. 1961 wurde er erstmals polnischer Meister. Er besiegte dabei Henryk Wojciechowski klar nach Punkten. Bei beiden Meisterschaften hatte er auch Marian Kasprzyk besiegt. Und doch wurde ihm sowohl bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom als auch bei der Europameisterschaft 1961 Marian Kasprzyk vorgezogen. Ausschlaggebend dafür dürften wohl einige Niederlagen gewesen sein, die Jerzy Kulej in Länderkämpfen in den Jahren 1959 bis 1961 bezog. Neben einigen Siegen unterlag er in jenen Jahren gegen Peter Benedek aus Jugoslawien, Gerhard Dieter aus der Bundesrepublik Deutschland sowie Werner Busse und Alfred Harbig aus der DDR. Gegen Gerhard Dieter boxte er in seiner Karriere in Länderkämpfen insgesamt dreimal und verlor kurioserweise dreimal nach Punkten, obwohl er, wie sich noch zeigen wird, bei den internationalen Meisterschaften weitaus erfolgreicher als Gerhard Dieter war.

1962 gewann Jerzy Kulej bei der 3. Polizeimeisterschaft der Ostblockländer in Łódź im Halbweltergewicht den Titel durch einen Sieg über den Bulgaren Alexander Mizew. Im Jahre 1963 startete er dann wieder bei der Europameisterschaft der Amateure in Moskau. Er siegte dort im Halbweltergewicht über Wilfried Rühl aus der DDR durch KO in der 3. Runde und schlug Ladislav Hecej aus der ČSSR, Bruno Arcari aus Italien und im Finale Aloizs Tumiņš aus der UdSSR nach Punkten und war damit erstmals Europameister.

Im Frühjahr des Jahres 1964 unterlag Jerzy Kulej in Moskau in einem Länderkampf UdSSR gegen Polen dem sowjetischen Meister Jewgeni Frolow nach Punkten. Auf ebendiesen Jewgeni Frolow traf er dann im Finale des olympischen Turnieres bei den Spielen in Tokio. Von Feliks Stamm hervorragend eingestellt konnte er diesen wichtigen Kampf nach Punkten für sich entscheiden und wurde damit Olympiasieger. In den Kämpfen vorher hatte er Roberto Amaya aus Argentinien, Richard McTaggart aus Großbritannien, Iosif Mihalic aus Rumänien und Eddie Blay aus Ghana geschlagen.

1965 wurde Jerzy Kulej in Ost-Berlin zum zweiten Mal Europameister im Halbweltergewicht. Auf dem Weg zu diesem Titel besiegte er John Hawkins aus England in der 1. Runde durch KO, sowie István Kovács aus Ungarn, Jewgeni Frolow und Preben Rasmussen aus Dänemark nach Punkten. Gegen Ermanno Fasoli aus Italien gewann er im Halbfinale kampflos, da dieser wegen einer Verletzung nicht antreten konnte.

Er stand 1967 bei der Europameisterschaft in Rom nach Siegen über Henry Joyce aus Schottland, Vladimír Kučera aus der Tschechoslowakei und János Kajdi aus Ungarn im Finale Waleri Frolow, UdSSR, gegenüber, der dabei knapp mit 3:2 Punktrichterstimmen die Oberhand behielt und Jerzy Kulej auf den 2. Platz verweisen konnte.

Beim hervorragend besetzten Dutch-Tulip-Tournament im Frühjahr des Jahres 1968 in Den Haag unterlag Jerzy Kulej gegen den Ausnahmekönner János Kajdi knapp nach Punkten. Es war wohl Zufall, dass diese beiden Boxer bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko-Stadt gleich in der 1. Runde aufeinander trafen. Jerzy Kulej hatte dabei das bessere Ende für sich, denn die Punktrichter entschieden sich mit 3:2 Stimmen für ihn. Es war Pech für János Kajdi, der vielleicht der zweitbeste Boxer dieses Turnieres in der Halbweltergewichtsklasse war, dass er deshalb vollkommen leer ausging. Jerzy Kulej kämpfte sich mit weiteren Siegen über Gianbattista Capretti aus Italien, Peter Tiepold aus der DDR und Arto Nilsson aus Finnland bis in das Finale durch, in dem er den Kubaner Enrique Regüeiferos knapp mit 3:2 Punktrichterstimmen schlug und zum zweiten Mal Olympiasieger im Halbweltergewicht wurde.

Polnischer Meister wurde Jerzy Kulej nach 1961 auch noch 1962, 1963, 1964, 1965, 1967, 1969 und 1970. In seiner langen Karriere bestritt er auch über 30 Länderkämpfe für Polen.

Die internationale Boxerbühne verließ Jerzy Kulej nach seinem zweiten Olympiasieg 1968. Endgültig Abschied vom Ring nahm er 1972. Er hatte insgesamt 348 Kämpfe bestritten, mit 317 Siegen, 6 Unentschieden und 25 Niederlagen.

Jerzy Kulej besuchte die Sporthochschule (AWF) in Warschau und schloss diese als Diplomtrainer 1972 ab. Später wandte er sich der Politik zu. Nach der politischen Wende in Polen trat er in den Bund der Demokratischen Linken ein und vertrat für diese einen Warschauer Wahlkreis in der Wahlperiode 2001 bis 2005 im polnischen Parlament, dem Sejm. 2004 wurde er Mitglied der neugegründeten Socjaldemokracja Polska. Er war auch als Kommentator für Boxen bei einem polnischen Fernsehsender tätig.

Internationale Erfolge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

(OS = Olympische Spiele, EM = Europameisterschaft, Le = Leichtgewicht, Hw = Halbweltergewicht, We = Weltergewicht, damals bis 60 kg, 63,5 kg u. 67 kg Körpergewicht)

Polnische Meisterschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

(Finalergebnisse von Jerzy Kulej)

  • 1960: Hw, Punktniederlage gegen Józef Piński,
  • 1961: Hw, Punktsieger über Henryk Wojciechowski,
  • 1962: Hw, techn. KO-Sieger 3. Runde über Józef Piński,
  • 1963: Hw, Punktsieger über Ryszard Rybski,
  • 1964: Hw, Punktsieger über Jan Modrzakowski,
  • 1965: Hw, Abbr.-Sieger 2. Runde über Rajmund Bielecki,
  • 1967: Hw, Punktsieger über Leszek Żeleźniak,
  • 1969: Hw, Punktsieger über Ryszard Petek,
  • 1970: Hw, Punktsieger über Ryszard Petek

Länderkämpfe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1958: in Bydgoszcz, Polen gegen Jugoslawien, Le, Punktsieger über Slobodan Vitić,
  • 1959: in Zagreb, Jugoslawien gegen Polen, Le, Punktsieger über Peter Benedek,
  • 1959: in Ljubljana, Jugoslawien gegen Polen, Le, Punktniederlage gegen Peter Benedek,
  • 1960: in Łódź, Polen gegen BRD, Hw, Punktniederlage gegen Gerhard Dieter,
  • 1961: in Berlin (Ost), DDR gegen Polen, Hw, Punktniederlage gegen Werner Busse,
  • 1961: in Senftenberg, DDR gegen Polen, Hw, Punktniederlage gegen Alfred Harbig,
  • 1961: in Łódź, Polen gegen England, Hw, techn. KO-Sieger 3. Runde über Alexander Forbes,
  • 1961: in Budapest, Ungarn gegen Polen, Hw, Punktsieger über Antal Holló,
  • 1962: in München, BRD gegen Polen, Hw, Punktniederlage gegen Gerhard Dieter,
  • 1962: in Würzburg, BRD gegen Polen, Hw, Punktniederlage gegen Wolfgang Schmidt,
  • 1962: in Wrocław, Polen gegen DDR, Hw, KO-Sieger 3. Runde über Werner Busse,
  • 1962: in Łódź, Polen gegen Ungarn, Hw, Punktsieger über János Hajdu,
  • 1963: in Bukarest, Rumänien gegen Polen, We, Punktsieger über Vasile Mirza,
  • 1963: in Poznań, Polen gegen DDR, Hw, KO-Sieger 2. Runde über Werner Busse,
  • 1963: in Schwerin, DDR gegen Polen, Hw, Punktsieger über Wilfried Rühl,
  • 1963: in Wrocław, Polen gegen BRD, Hw, Punktniederlage gegen Gerhard Dieter,
  • 1963: in Łódź, Polen gegen UdSSR, Hw, Punktsieger über Juri Poljakow,
  • 1964: in Moskau, UdSSR gegen Polen, Hw, Punktniederlage gegen Jewgeni Frolow,
  • 1964: in Westward Ho!, England gegen Polen, Hw, tech.-KO-Sieger 3. Runde über P. Young,
  • 1965: in Glasgow, Schottland gegen Polen, We, Punktsieger über Andy Peace,
  • 1965: in Dublin, Irland gegen Polen, We, KO-Sieger 2. Runde über Billy Turkington,
  • 1965: in Łódź, Polen gegen England, Hw, Punktsieger über Kenneth Hawkins,
  • 1965: in Łódź, Polen gegen BRD, Hw, Punktsieger über Reinhold Flohr,
  • 1965: in Poznań, Polen gegen BRD, Hw, Punktsieger über Reinhold Flohr,
  • 1966: in Wrocław, Polen gegen ČSSR, Hw, Abbr.-Sieger 2. Runde über Stefan Bradzil,
  • 1966: in Warschau, Polen gegen Bulgarien, Hw, Punktsieger über Petar Stoitschew,
  • 1967: in Glasgow, Schottland gegen Polen, We, Punktsieger über Millar,
  • 1967: in Warschau, Polen gegen DDR, Hw, tech.-KO-Sieger 3. Runde über Peter Rieger,
  • 1967: in Vitry-sur-Seine, Frankreich gegen Polen, Hw, techn.-KO-Sieger 2. Runde über Jean-Pierre Demarthe,
  • 1970: in Warschau, Polen gegen DDR, Hw, tech.-KO-Sieger 3. Runde über Peter Tiepold,
  • 1970: in Köln, BRD gegen Polen, Hw, Punktsieger über Gerd Puzicha

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Fachzeitschrift Box Sport aus den Jahren 1958 bis 1970,
  • Box Almanach 1920–1980, Herausgeber Deutscher Amateur-Box-Verband e.v., 1980,
  • Website „www.sport-komplett.de“,
  • Website „www.amateur-boxing.strefa.pl“,
  • Website „www.olimpijski.pl“

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Jerzy Kulej – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nachruf