Johann Rudolf Meyer (Schriftsteller)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Johann Rudolf Meyer (1791–1833). Lithografie von R. Lehmann und R. Rey, 1852.

Johann Rudolf Meyer (* 6. März 1791 in Aarau; † 6. November 1833 ebenda) war ein Schweizer Naturwissenschaftler, Schriftsteller und Alpinist. Nachfahr von Anhängern der Aufklärung und der Helvetischen Revolution, wechselte er ins Lager der Romantik und der politischen Reaktion.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Geist Pestalozzis erzogen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Meyer war das älteste Kind des Seidenbandfabrikanten, Naturforschers und Alpinisten Johann Rudolf Meyer Sohn (1768–1825) und von Margarete Saxer (1769–1805). Der bekannteste Träger seines Namens war sein Grossvater, der Seidenbandfabrikant, Philanthrop, Mäzen und Revolutionär Johann Rudolf Meyer Vater (1739–1813). Meyer wurde mit seinen Geschwistern Justine (1792–1806) und Johann Gottlieb (1793–1829) von einem Hauslehrer unterrichtet. Diese Stelle bekleidete 1801 der bayerische Pestalozzi-Schüler Andreas Moser (1766–1806). Weil Moser aber bei der Gründung der Kantonsschule in Aarau mitwirken und an den dortigen Stadtschulen die Unterrichtsmethode von Pestalozzi einführen sollte, schickte der Vater die beiden Söhne in Pestalozzis Institut in Burgdorf. Als sie von dort aus die Eltern besuchten, geriet ihr Wagen am 30. Dezember 1801 in die hochgehende Emme. Beherzte Männer retteten sie aus den eiskalten Fluten, wofür ihnen die Helvetische Republik ein Denkmal errichtete.

Verlust der Mutter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit vierzehn verlor Meyer die Mutter. Unmittelbar darauf heiratete der Vater Marie Gruner. Wann diese uneheliche Tochter seines Freundes Johann Samuel Gruner (1766–1824) geboren wurde, ist nicht bekannt, doch war sie wohl nur wenig älter als ihr Stiefsohn. Die Frischvermählten übersiedelten nach Polling (Landkreis Weilheim-Schongau). Von dort aus verwaltete der Vater die bayerischen Güter der Familie Meyer und gab gleichzeitig eine dem König von Bayern gewidmete Enzyklopädie der Chemie[1] heraus. Meyer besuchte unterdessen in Aarau die Stadtschule und 1806–1809 die Kantonsschule, wo ihn sowohl der Dichter und Naturwissenschaftler Franz Xaver Bronner als auch der deutschnationale Rektor Ernst August Evers beeinflusst zu haben scheinen.[2] 1807 wurde der Vater vom Grossvater als Verwalter abgesetzt und kehrte nach Aarau zurück. Dies ohne seine junge Frau, die möglicherweise bei der ersten Geburt gestorben war. 1809 heiratete der Vater in dritter Ehe die Stieftochter seines Bruders Hieronymus (1769–1844), Luise Vinnassa (1793–1859). Damit bekam Meyer eine Stiefmutter, die zwei Jahre jünger war als er selbst.

Wettstreit mit dem Vater[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Finsteraarhorn, höchster Gipfel der Berner Alpen (4274 m).

Meyer studierte 1809–1813 in Tübingen Medizin. Laut seinem Biografen Abraham Emanuel Fröhlich hatte er vom Vater die Körperkraft geerbt und war er ein Meister im Turnen und Voltigieren. 1811 bestiegen der Vater und Hieronymus die 4158 m hohe Jungfrau und damit als erste Menschen in der Schweiz einen Viertausender. Der 21-jährige Meyer versuchte darauf, sie zu übertreffen und den höchsten Gipfel der Berner Alpen, das 4274 m hohe Finsteraarhorn, zu bezwingen. Am 16. August 1812 musste er jedoch kurz unterhalb des Gipfels zurückbleiben und seinen Führern Arnold Abbühl, Joseph Bortis und Alois Volken die (nicht bestätigte) Erstbesteigung überlassen.[3]

Reaktionäre Positionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1813 promovierte Meyer mit einer mineralogischen Dissertation über im Jura bei Aarau vorkommende Strontianite[4] zum Dr. med. Anschliessend reiste er durch die böhmischen Gebirge und nach Freiberg (Sachsen), wo er wie seinerzeit der Vater den Mineralogen Abraham Gottlob Werner hörte. In Dresden und Leipzig besuchte er die Schlachtfelder des Sechsten Koalitionskriegs. Weitere Reisestationen waren Berlin, die dänischen Inseln und Göttingen. Im selben Jahr 1813 veröffentlichte Meyer ein Buch, in dem er in Anlehnung an Friedrich Gentz der Weltanschauung des Vaters entgegengesetzte reaktionäre Positionen vertrat.[5] Als die zuvor mit Frankreich verbündete Schweiz 1815 der Koalition gegen Napoleon beitrat, nahm Meyer als Aargauer Offizier an der Belagerung der französischen Festung Hüningen teil.

Heirat mit einer Tante[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

War es Sehnsucht nach der verlorenen Mutter, die Meyer zu deren Halbschwester Emilie Saxer (1790–1856) zog? Da die Eheschliessung zwischen Neffe und Tante im Aargau nicht möglich war, verzichtete Meyer 1816 auf sein Bürgerrecht. 1817 heiratete das Paar an einem unbekannten Ort und liess sich anschliessend in Konstanz nieder. Es hatte vier Töchter: Johanna Emilie (1818–1835), Bertha Karoline verheiratete von Känel (1819–1894), Sophie Adelheid (* 1820) und Justine Adrienne (1830–1919). In Konstanz veröffentlichte Meyer 1820 Die Geister der Natur. Von Humboldts Ansichten der Natur inspiriert, ästhetisierte er darin naturwissenschaftliche Gegenstände.[6] Im selben Jahr wurde sein Vater in Karlsruhe der Falschmünzerei überführt und verhaftet.[7]

Die letzte Sternstunde des Meyerhauses[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1821 konnte Meyer als Professor der Naturwissenschaften an der Kantonsschule nach Aarau zurückkehren. Auch erhielt er das Bürgerrecht wieder. Mit seinen politischen Ansichten aber war er im Lehrerkollegium in der Minderheit. 1822 wurde sein Vater von der badischen Justiz zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. 1822–1831 gehörte Meyer nebenbei dem aargauischen Sanitätsrat an. 1823/24 stand er als Rektor der Kantonsschule vor. In dieser Eigenschaft empfing er im Meyerhaus 1823 die Teilnehmer der Jahresversammlung der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft. Es war dies die letzte Sternstunde der Villa, die Meyer ebenso wie die väterliche Fabrik seinem Bruder Johann Gottlieb abgetreten hatte. 1824 reiste er nach London und Paris.

Verkauf der väterlichen Bibliothek[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Meyers Vater starb im Jahr, in dem er freigekommen wäre.[8] Als 1829 auch Johann Gottlieb starb, gingen Fabrik und Meyerhaus in den Besitz von dessen Associé Friedrich Heinrich Feer über. Meyer veröffentlichte 1829 eine erweiterte Neufassung der Geister der Natur.[9] 1831 musste er die naturwissenschaftliche Bibliothek des Vaters, welche mit gegen 40 000 Bänden die drittgrösste im deutschen Sprachraum gewesen sein soll, in Schaffhausen versteigern lassen.[10]

Gegner der Radikalen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1831 kritisierte Meyer die an die Macht gelangten Radikalen. Er tat dies in der kurzlebigen Zeitschrift Freie Stimmen[11] und unter dem Bild eines Bergwerks in Offenbarungen aus uralten Zeiten[12]. In Fröhlichs Alpenrosen veröffentlichte er 1831–1833 Erzählungen und Gedichte[13]. Seine letzte, 1833 erschienene, Publikation[14] enthält Tierfabeln mit politischen Seitenhieben. Laut Fröhlich starb Meyer an Gicht.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Systematische Darstellung aller Erfahrungen in der Naturlehre, entworfen von Johann Rudolph Meyer dem Jüngern, bearbeitet von mehreren Gelehrten. 4 Bände (mehr nicht erschienen), Aarau 1806–1808.
  2. Der von Schumann (siehe Literatur) erwähnte Ludwig Thilo unterrichtete erst 1810–1821 in Aarau, nachdem Bronner als Gegner von Evers nach Kasan (Russland) emigriert war.
  3. Heinrich Zschokke: Reise auf die Eisgebirge des Kantons Bern und Ersteigung ihrer höchsten Gipfel im Sommer 1812. Mit einer Karte der bereiseten Gletscher. Aarau 1813. Der zugrundeliegende Bericht Meyers ist bei Fröhlich (siehe Literatur) auf S. X–XXXVII im Original wiedergegeben.
  4. Joannes Rodolphus Meyer: Dissertatio inauguralis sistens examen mineralogico-chemicum strontianitarum in monte Jura, juxta Aroviam, obviarum. Tubingae 1813. Vergleiche den Brief von Meyers Lehrer Bronner über dieses Thema im Taschenbuch für die gesammte Mineralogie, herausgegeben von Carl Caesar Leonhard, 4. Jahrgang, Frankfurt am Main 1810, S. 378–382.
  5. Geschichtliche Darstellung der Zerstörung des Olymps bis zur Gründung der Religion Jesu, nach Virgils Aeneide bearbeitet (anonym veröffentlicht). (Aarau) 1813.
  6. Rudolph Meyer: Die Geister der Natur. Constanz 1820. (Rezension: Beilage zur Aarauer Zeitung, 28. Oktober 1820, S. 161 f.)
  7. Karlsruher Zeitung, 8. November 1820, S. 1468, wiederholt am 10. November 1820, S. 1487. Königlich-Württembergisches Staats- und Regierungs-Blatt, 6. Dezember 1820, S. 620 f.
  8. Franz Xaver Bronner: Der Canton Aargau. 2. Band, St. Gallen/Bern 1844, S. 41.
  9. Rudolph Meyer: Die Geister der Natur. Ein neues Werk, nicht eine zweite Ausgabe. Aarau 1829.
  10. Katalog über die von Johann Rudolph Meyer sel. hinterlassene naturwissenschaftliche Bibliothek. Aarau 1827 (überklebt: Schaffhausen 1831).
  11. Freie Stimmen über das Aargauische Verfassungswesen. (Aarau) Februar–Mai 1831.
  12. Offenbarungen aus uralten Zeiten (anonym erschienen). Aarau 1831.
  13. Trinklieder und Der Geist des Gebirges (1831), Der Heimathlose, Die Erscheinungen in der Balmfeste und Fridolin, ein Märchen (1832), Die Ahnherrn im Roththal (1833).
  14. Rudolph Meyer: Charakteristische Thierzeichnungen zur unterhaltenden Belehrung für Jung und Alt. Zürich 1833.