Kloster Polling

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Kloster Polling auf einem Stich von Michael Wening.
Die ehemalige Klosterkirche Heilig Kreuz.
Pfarrkirche Polling, Innenraum.

Das Kloster Polling ist ein ehemaliges Kloster der Benediktiner, dann der Augustiner-Chorherren in Oberbayern.

Geschichte[Bearbeiten]

Mittelalter, frühe Neuzeit[Bearbeiten]

Wohl nur der Legende nach gründete Herzog Tassilo III. von Bayern um 750 in Polling ein Benediktinerkloster. Die wirklichen Gründer waren vermutlich Mitglieder der Huosi, einer einheimischen Adelsfamilie.[1] Das Kloster musste unter Arnulf von Bayern Enteignungen hinnehmen und wurde in den Ungarnkriegen beschädigt. Ab 1010 lebten wieder Regularkanoniker in Polling, die seit Beginn des 12. Jahrhunderts nach den Regeln des Augustinus lebten. Eine neue Kirche wurde gebaut und 1160 durch den Bischof von Brixen geweiht, dem Kloster und Propstei Polling ("monasterium et prepositura in villa Pollingen in pago Hǒsen") 1065 von Kaiser Heinrich IV. übereignet worden waren.[2] In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts werden auch erstmals Kanonissen erwähnt, die um 1300 die benediktinische Regel annahmen und nach Benediktbeuern wechselten. Im 13. Jahrhundert wurde Polling Ziel der Wallfahrten "Zum Kreuz". Die Kirche brannte zu Beginn des 15. Jahrhunderts ab und wurde 1416–1420 in gotischem Stil neu errichtet. Propst Johannes Zinngießer ließ in seiner Wirkungszeit von 1499 bis 1523 die Präfektur, das Refektorium und die Bibliothek errichten, die Kirche wurde in spätgotischem Stil umgestaltet. Etwa 1526 entstand die von Hans Leinberger geschnitzte Madonna. Johannes Eck soll sich um diese Zeit mehrfach in Polling aufgehalten haben.

Barock, Aufklärung[Bearbeiten]

1714 begann der Neubau des Klosters. Ab 1721 wurde die Klosterschule erweitert. Fortan wurde dort nach dem Lehrplan der Jesuiten gearbeitet. Das Kloster Polling wirkte maßgeblich an der Finanzierung der vom Kloster Steingaden in den Jahren 1745–1754 erbauten Wieskirche mit. Zu den Lehrern an der Klosterschule gehörte Eusebius Amort (1692–1775). Er gab die Zeitschrift Parnassus Boicus mit Artikeln zu Physik, Chemie, Astronomie, Meteorologie, Geschichte und Grammatik heraus und gehörte später zu den Gründern der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Einer seiner Schüler war Franz Töpsl, der in seiner Zeit als Propst (1744–1796) die Bibliothek ausbauen und die Kirche umgestalten ließ. Er sorgte für naturwissenschaftliche Kabinette und ließ eine Sternwarte errichten. Zum Ansporn für seine Mitbrüder, wissenschaftlich tätig zu sein, ließ Töpsl Porträts gelehrter Augustiner-Chorherren anfertigen und in den Gängen des Stifts aufhängen. Die Reste dieser einstmals mehr als 200 Porträts umfassenden Chorherrengalerie (Pollinger Pinakothek) befinden sich heute im Besitz des Archivs der Ludwig-Maximilians-Universität München. 1803 wurde das Kloster säkularisiert. Die Klosterbibliothek umfasste damals 88 000 Bände, von denen etwa 20 000 in die Hofbibliothek nach München und 7000 in die Universitätsbibliothek Ingolstadt gelangten. Der Rest wurde zu Makulatur.

Im Besitz von Schweizer Agrarpionieren[Bearbeiten]

Wappen Hieronymus von Meyers.
Johann Wagner-Deines: von Rennerische Kühe in Polling (Lithografie, 1834).

1804 erwarb der Schweizer Seidenbandfabrikant, Mäzen, Philanthrop und Revolutionär Johann Rudolf Meyer (1739–1813) aus Aarau das Klostergut Polling. 1805–1807 verwaltete es sein Sohn Johann Rudolf (1768–1825), der König Max Joseph eine Enzyklopädie der Chemie[3] widmete. 1812 erhielt es dessen Bruder Hieronymus genannt Jérôme (1769–1844). Johann Rudolf und ihm war im Jahr zuvor die Erstbesteigung eines Viertausenders in der Schweiz – der Jungfrau – gelungen. 1814 wurde Hieronymus Meyer für Verdienste um die bayerische Landwirtschaft in den erblichen Adelsstand erhoben. 1817 verkaufte er das Gut einem Landsmann, dem Neffen seiner Stiefmutter Major Samuel Abraham von Renner (1776–1850). Obwohl als Musterlandwirt ausgezeichnet, musste es dieser 1843 einem Gläubiger abtreten. Ob in den vier Jahrzehnten, in denen sich das Gut in Schweizer Besitz befand, Klostergebäude abgebrochen wurden, ist umstritten.[4]

Heutige Nutzung[Bearbeiten]

Die bedeutende spätgotische Klosterkirche Heilig Kreuz mit frühbarocken Stuckaturen des Wessobrunners Georg Schmuzer wurde 1803 Pfarrkirche. Ein Teil der Klostergebäude gelangte 1892 in den Besitz von Dominikanerinnen aus St. Ursula in Donauwörth, die darin – mit Unterbrechung in der Nazizeit – bis 1972 eine Schule unterhielten. Im erhaltenen Teil des Klostergebäudes ist heute unter anderem ein Hospiz untergebracht.[5] Apothekertrakt und Wirtschaftsgebäude gehören Privaten. Der einzigartige Pollinger Bibliotheksaal wurde 1970–1975 restauriert und ist über den Verein der Freunde des Pollinger Bibliotheksaals e.V. zu besichtigen.

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Drei voneinander abweichende Versionen der Klostergründung sind aufgeführt in Max Biller: Pollinger Heimat-Lexikon. Polling 1992, Halbband 2, S. 657 ff.
  2. Martin Bitschnau/Hannes Obermair (Bearbeiter): Tiroler Urkundenbuch. II. Abteilung, Band 1, Innsbruck 2009, S. 212, Nr. 238.
  3. Systematische Darstellung aller Erfahrungen in der Naturlehre, entworfen von Johann Rudolph Meyer dem Jüngern, bearbeitet von mehreren Gelehrten. 4 Bände (mehr nicht erschienen), Aarau 1806–1808.
  4. Peter Genner: Von Aarau nach Bayern. Auswanderung und Niedergang der Unternehmerfamilie Meyer. In: Aarauer Neujahrsblätter, 2011, S. 36–69, 2012, S. 97–143. Derselbe: Nach dem Ende der Klosterherrschaft – Schweizer Revolutionäre im Pfaffenwinkel. In: Der Welf, Jahrbuch des Historischen Vereins Schongau, 2013, S. 69–192. Derselbe: Johann Rudolf Meyer Sohn (1768–1825) und die Familie Meyer. [1]
  5. Hospizverein im Pfaffenwinkel e.V.

Literatur[Bearbeiten]

  • Franciscus Petrus/Michael Kuen: Germania canonico-Augustiniana. Teil I, Ginzburg und Danzig 1766, S. 153–167.
  • Joseph Federle: Kurzgefaßte Geschichte des ehemaligen löblichen Klosters Polling. 2. Auflage, Weilheim 1864.
  • Joachim Sighart: Ein Wachstafelbuch aus dem Kloster Polling. In: Abhandlungen der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, II. Classe, Band 9, II. Abtheilung, München 1864. S. 343–356.
  • Hartwig Peetz: Der Haushalt des Klosters Polling im achtzehnten Jahrhundert. In: Jahrbuch für Münchener Geschichte, 4. Band, Bamberg 1890, S. 315–404.
  • Andreas Schmidtner: Überblick über die Geschichte des ehem. Klosters der Regulirten Chorherren des hl. Augustinus, nunmehr Frauen-Klosters vom hl. Dominicus in Polling. Weilheim 1893.
  • Georg Rückert: Die Säkularisation des Klosters Polling. In: Aus dem Pfaffenwinkel, Weilheim 1926, S. 9–38.
  • Georg Rückert: Die Säkularisation des Augustiner-Chorherrenstifts Polling. In: Archiv für die Geschichte des Hochstifts Augsburg, 6. Band, 5. Lieferung, Dillingen an der Donau 1929, S. 433–469.
  • Max Biller: Pollinger Heimat-Lexikon, Halbband 2, Polling 1992, S. 706–806.
  • Derselbe: 100 Jahre Domenikanerinnen-Kloster Polling. In: Lech-Isar-Land, Weilheim 1992, S. 124–132.
  • Ludwig Hammermayer: Das Augustiner-Chorherrenstift Polling und sein Anteil an Entstehung und Entfaltung von Aufklärung und Akademie- und Sozietätsbewegung im süddeutsch-katholischen Raum (ca. 1717–1787). Paring 1997. ISBN 3-9805469-1-8.
  • Roland Milisterfer: Das Kloster Polling im 18. Jahrhundert. Polling 2004.
  • Matthias Memmel/Claudius Stein (Hrsg.): "Ganz unbrauchbar ..." Die Pollinger Pinakothek der Ludwig-Maximilians-Universität München. München 2011. ISBN 978-3-926163-72-1.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kloster Polling – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

47.811711.1317Koordinaten: 47° 48′ 42″ N, 11° 7′ 54″ O