Judith Albert

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Judith Albert (* 2. Mai 1969 in Sarnen) ist eine Schweizer Künstlerin. Videoarbeiten bilden den Schwerpunkt ihres Werks. Auch Installation und Zeichnung, häufig mit dem Medium des Videos kombiniert, spielen eine zentrale Rolle. Die Künstlerin hat zahlreiche Interventionen im öffentlichen Raum realisiert.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Judith Albert wuchs im bäuerlichen Umfeld von Alpnach Dorf im Kanton Obwalden auf und absolvierte eine Berufslehre als Papeteristin. 1990 reiste sie für zwei Jahre nach Paris. Zurück in der Schweiz, schrieb Albert sich an der Schule für Gestaltung in Luzern ein. 1993 wechselte sie an die Höhere Schule für Gestaltung Zürich, wo sie das Studium der bildenden Kunst nach vier Jahren abschloss. Seither lebt und arbeitet Albert in Zürich. Regelmässig verlegt sie ihren Arbeitsplatz temporär ins auswärtige In- und Ausland. Verschiedene Stipendien erlaubten ihr längere Atelieraufenthalte, etwa von 2002 bis 2003 in Genua, 2007 in Paris und von 2011 bis 2012 in London. Albert beteiligt sich international an Kunstausstellungen sowie Videofestivals. Seit 2006 arbeitet sie unter anderem in der Konzeption öffentlicher Interventionen mit ihrem Lebenspartner Gery Hofer zusammen.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit den 1990er-Jahren formieren sich Judith Alberts Werkgruppen im Medium Video. Von Beginn an arbeitet sie mit Zufällen und dem, was vorhanden ist, lässt sich von Wortbildern, alltäglichen Situationen oder den starken Atmosphären bei Félix Vallotton und Jan Vermeer inspirieren. Meistens tritt sie selbst vor die Kamera, ist zugleich Filmerin und Hauptdarstellerin. Um ihre Person geht es aber nicht, wie die Künstlerin sagt: „Ich bin eher eine Variable, eine Platzhalterin. Meist erkennt man mich gar nicht auf den Bildern.“[1] Ihr Körper trägt aber zur sinnlichen Präsenz der Videobilder bei. Ein Beispiel ist das Video Livingroom, mit dem Albert 1998 an der Ausstellung Freie Sicht aufs Mittelmeer im Kunsthaus Zürich teilnahm. Das Video ist unter Wasser gefilmt. Es zeigt, wie die Künstlerin Kissen und Decken auf den Grund eines Beckens trägt und sich dort zum Schlafen niederlegt. Judith Albert arbeitet stets mit einfachen Situationen oder Handlungen. Diese werden langsam und konzentriert ausgeübt. Sie folgen dem Rhythmus von Atem und Wasser, die das Verfliessen der Zeit wahrnehmbar machen. Auch die Videoserie Haiku (1999), benannt nach dem japanischen Kurzgedicht, verdichtet Momentaufnahmen zu Sinnbildern, ohne auf laute Töne oder starke Kontraste zu setzen: „Ich mag das Entweder-oder nicht. Beides kann sich ja gegenseitig befruchten. Das Poetische muss nicht unpolitisch sein – es ist auch ein Bekenntnis zum Leisen und Subtilen und zu differenzierten Zwischentönen.“[2]

Auch in der Gattung verharren die Videos nicht in Gegensätzen, sondern mischen Dokumentation und Fiktion, Zufall und Inszenierung. Von kunsthistorischen Vorbildern inspirierte Arbeiten bilden sorgfältig arrangierte Tableaux vivants wie Nu à l’écharpe orange (2009) nach Vallotton oder Zwischen der Zeit (2004) nach Vermeer. Die Einmaligkeit eines historischen Moments prägt dagegen eine Arbeit wie Orte an denen ich glücklich war. In der seit 2004 fortlaufenden Serie hält Albert ihren Unterarm in kurzen Aufnahmen vor Hintergründen fest, die je nach Tageszeit, Wetter und Aufenthaltsort variieren. In neueren Arbeiten experimentiert die Künstlerin zudem mit mehreren Projektionsschichten. Dunkle Wolke (2013) oder Mare mosso (2015) sind sozusagen doppelt gefilmt: Eine erste Aufnahme wird auf Papier projiziert, das manipuliert und währenddessen erneut abgefilmt wird; die zweite Aufnahme bildet das Werk. Eine Werkgruppe der jüngsten Zeit bilden die Lichtzeichnungen.

Einen weiteren Themenkreis erschliessen Alberts Arbeiten in sakralen Räumen. Ohne sich selber als religiös zu bezeichnen, hat die in der katholischen Innerschweiz unweit der Wirkstätte Niklaus von Flües aufgewachsene Künstlerin mehrere Werke in Kirchen installiert oder gezeigt. In der St. Ursenkathedrale in Solothurn, die durch einen Brandanschlag 2011 verwüstet wurde, hat Judith Albert gemeinsam mit Gery Hofer und «Brauen Wälchli Architects», Lausanne, den Chorraum neu gestaltet. Der für Altar, Taufbecken und Ambo verwendete Carrara-Marmor, wie jeder Marmor aus Kalkstein entstanden, knüpft an das Baumaterial der alten Kathedrale an.[3] Die Form des Altars bezieht sich – wie der Projekttitel L’ultima cena – auf Leonardo da Vincis berühmtes Abendmahl-Fresko und die Tradition, die Eucharistie auf einem weiss gedeckten Altar zu feiern.[3] 4 neue Schutzheilige (2007) wiederum, eine für den öffentlichen Raum konzipierte Serie, nimmt das Format der populären Heiligenbildchen auf. Aus im Internet gefundenen Fotografien hat Albert neue Schutzpatronen für den modernen Zeitgenossen, darunter den Heiligen Horatio, Schutzpatron der Zeit, entworfen.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2000: Preis der Jury, Innerschweizer Jahresausstellung Luzern
  • 2001: Atelierstipendium der Stadt Zürich in Genua
  • 2003: Unterwaldner Preis für bildende Kunst
  • 2006: Eidgenössischer Preis für Kunst
  • 2011: Werkjahr der Landis & Gyr Stiftung, London
  • 2016: Innerschweizer Kulturpreis

Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2002: Das Eine. Das Selbe. Das Gleiche, Kunstpanorama Luzern, zusammen mit Urban Mäder
  • 2003: Judith Albert, Musée des beaux-arts, La Chaux-de-Fonds (Kat.)
  • 2004: Bilan d’un été, Espace d’Art Contemporain (les halles), Porrentruy
  • 2005: Kein Wasser. Kein Mond, Nidwaldner Museum, Stans (Kat.)
  • 2009: Tamed Light. Neue Videoarbeiten, Kunstmuseum Luzern (Kat.)
  • 2011: Zwielicht, Kunstraum Engländerbau, Vaduz FL
  • 2012: Moving Pictures, Jerwood Room, LMH, Oxford UK (Kat.)
  • 2014: Zwischen der Zeit, Kunstverein Friedrichshafen DE (Kat.)
  • 2015: Prolog, Grossmünster Zürich (Kat.)
  • 2016: Seh Meer, Benzeholz Raum für zeitgenössische Kunst Meggen, zusammen mit Angela Wüst

Gruppenausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1996: Körper, Identität, Irritation, Kunsthaus Glarus
  • 1998: Freie Sicht aufs Mittelmeer, Kunsthaus Zürich / Schirn Kunsthalle Frankfurt (Kat.)
  • 1998: Dogdays are Over, Centre Culturel Suisse, Paris FR
  • 1999: Another Swiss Panorama, Centre pour l’Image Contemporaine, Genève
  • 2000: BAC Barcelona Arte Contemporáneo, Barcelona ES
  • 2000: Pulsions, Centre Culturel Suisse, Paris FR (Kat.)
  • 2003: Pantalla Suiza, Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia, Madrid ES
  • 2007: SURRéALITés, Centre Pasquart, Biel (Kat.)
  • 2007: Top of Central Switzerland, Kunstmuseum Luzern (Kat.)
  • 2009: Gefrorene Momente, Bündner Kunstmuseum, Chur (Kat.)
  • 2011: Viel Lärm um alles, Haus für Kunst, Uri (Kat.)
  • 2012: Das Atelier – Orte der Produktion, Kunstmuseum Luzern
  • 2013: Making Space. 40 Years of Video Art, Musée cantonal des beaux-arts de Lausanne
  • 2014: La Dada Die Dada She Dada, Forum Schlosspark, Aarau; Kunstmuseum Appenzell; La Manoir, Appenzell (Kat.)
  • 2015: Invent the Future with Elements of the Past, Cabaret Voltaire, Zürich (Kat.)

Videofestivals[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1998: Sélection Suisse. 19. Video Art Festival, Locarno
  • 2002 und 2003: V.I.D. Festival für Videokunst, Bern
  • 2003: International Video Art Festival, Priština KO
  • 2007: SHIFT Festival der elektronischen Künste, Basel (Kat.)
  • 2008: Bild-Rausch-Videofestival, Saarbrücken DE
  • 2014: International Festival of Films on Art, Montreal CA

Permanente Arbeiten im öffentlichen Raum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2006: Sarnen, Berufs- und Weiterbildungszentrum Obwalden: Signale, akustische Installation, mit Gery Hofer und Stephen Lumenta
  • 2007: Giswil, Kulturhotel Krone: Mundart, Gestaltung eines Hotelzimmers, mit Gery Hofer (Kat.)
  • 2010: Montreux, Sacré-Coeur: Ciel, Kirchenfenster, mit Gery Hofer (Kat.)
  • 2011: Biel, Mettlen Schulhaus: La Promeno, akustische Installation, mit Gery Hofer und Martin Bezzola
  • 2012: Solothurn, St. Ursenkathedrale: l’ultima cena, Chorraumgestaltung mit Gery Hofer und Brauen Wälchli Architects
  • 2012: Lausanne, CSS: Vasistas, Videoinstallation, mit Gery Hofer
  • 2016/2019: Luzern, Höhere Fachhochschule Gesundheit Zentralschweiz: Streiflichter, Lichtzeichnungen, mit Gery Hofer

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ulrich Loock (Text): Judith Albert Videoarbeiten. In: Obwaldner Künstlerhefte, 2/2001, Martin Wallimann, Alpnach Dorf 2001.
  • Judith Albert. Musée des Beaux-Arts La Chaux-de-Fonds, Société Suisse des Beaux-Arts, Zürich 2003. Texte von Beate Engel und Jean-Paul Felley.
  • Nidwaldner Museum (Hrsg.): Judith Albert. Kein Wasser. Kein Mond. (= Nidwaldner Hefte zur Kunst, 6.) Nidwaldner Museum, Stans 2005, Texte von Ingrid Textor und Regine Helbling.
  • Losreissen. 52 Lose Zeichnungen. Judith Albert, Barbara Gschwind. Martin Wallimann, Alpnach Dorf [2005]. (52 Zeichnungen und ein Beilageblatt in Schachtel.)
  • Michael Donhauser: Nahe der Neige. Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein 2009. S. 39–43.
  • Judith Albert (Interview). In: Niklaus Oberholzer: Stille Post. 27 Begegnungen und Momentaufnahmen. Edizioni Periferia, Luzern 2013, S. 90–99.
  • Kirchgemeinde Grossmünster Zürich (Hrsg.): Judith Albert. PROLOG [der; griechisch; das «Vor-Wort»]. Dient als Anfang eines Mythos und bringt diesen mitunter schon in Bewegung. (= Kunst in der Krypta, no 3.) everyedition, [Zürich] 2015. Texte von Christoph Vögele, Michael Donhauser, Martin Ruesch.
  • Judith Albert: Durch das Auge der Hand. In: Adrian Notz (et al.): Invent the future with elements of the past. Scheidegger & Spiess, Zürich 2015, S. 158–171. Text von Adrian Notz und Sandra Bradvic sowie Text von Isabel Zürcher.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Niklaus Oberholzer: Stille Post. 27 Begegnungen und Momentaufnahmen. Edizioni Periferia, Luzern 2013, S. 91.
  2. Niklaus Oberholzer: Stille Post. 27 Begegnungen und Momentaufnahmen. Edizioni Periferia, Luzern 2013, S. 99.
  3. a b Judith Albert, Ueli Brauen, Gery Hofer, Doris Wälchli: L’ultima cena. In: Amt für Denkmalpflege und Archäologie (Hrsg.): Die Innenrestaurierung der Kathedrale St. Urs und Viktor in Solothurn 2011/12. Beiträge zur Archäologie und Denkmalpflege im Kanton Solothurn, Nr. 2. Solothurn 2013, S. 119.