Justizvollzugsanstalt Stuttgart

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Justizvollzugsanstalt Stuttgart
Justizvollzugsanstalts-Information
Name Justizvollzugsanstalt Stuttgart
Bezugsjahr 1964
Haftplätze 514[1]
Mitarbeiter 298 (Januar 2011)[2]
Anstaltsleitung Matthias Nagel,
Bianca Schäffner[3]
Justizvollzugsanstalt Stuttgart

Die Justizvollzugsanstalt Stuttgart befindet sich im Stuttgarter Stadtteil Stammheim, dem nördlichsten Stadtbezirk der Landeshauptstadt Baden-Württembergs. Sie ist die zweitgrößte[4] von insgesamt 17 Justizvollzugsanstalten mit 19 Außenstellen in Baden-Württemberg.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Justizvollzugsanstalt Stuttgart wurde 1960 bis 1963 nach den damals modernsten Erkenntnissen der Sicherheit mit zwei Hafthäusern erbaut und 1964 in Betrieb genommen; sie ersetzte das Gefängnis Urbanstraße in der Stuttgarter Innenstadt aus dem Jahre 1872. 2005 wurde ein weiteres Hafthaus in Fertigbauweise angegliedert, das Platz für 128 Inhaftierte bietet. Seit Anfang 2006 wurde der komplette Eingangsbereich umgebaut, 2009 erfolgte die Eröffnung der neuen Torwache als zentraler Zugang der JVA.[5] Im Februar 2012 begannen Bauarbeiten für fünf neue Hafthäuser, welche mit dem zuletzt gebauten Haus 3 verbunden werden und das alte und sanierungsbedürftige Hochhaus (Bau 1) ersetzen sollen. Die Eröffnung der Neubauten war schon für 2015 geplant, wurde aber zeitlich verzögert, durch einen Wasserschaden und zweier Insolvenzen von beauftragten Baufirmen. Eine Eröffnung soll nun Ende 2017 stattfinden. Nach Abschluss der Umbauarbeiten kommt die Anstalt auf 772 Haftplätze und wird so zu der größten Justizvollzugsanstalt in Baden-Württemberg. Durch die hohe Überbelegung in den Justizvollzugsanstalten der letzten Jahre kommt eine sofortige Schließung des Bau 1 wohl erst einmal nicht in Betracht. Dadurch wären bis zu 1185 Haftplätze möglich, was in Baden-Württemberg eine neue Größenordnung darstellen würde.[6] Zukünftig ist die Verlegung des nahe gelegenen Justizvollzugskrankenhauses Hohenasperg hierher geplant. Im Dezember 2006 wurde mit Regina Grimm erstmals in Baden-Württemberg eine Frau als Leiterin einer Männer-Haftanstalt eingesetzt.[7]

Zuständigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Justizvollzugsanstalt Stuttgart ist sachlich und örtlich zuständig für Männer im geschlossenen Vollzug mit Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr und drei Monaten, Freiheitsstrafen von mehr als einem Jahr und drei Monaten, Untersuchungshaft und Strafarrest.

Zahlen und Fakten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Anstalt besteht aus drei Hafthäusern, dem sogenannten Bau 1 (dem größten Hafthaus), dem Bau 2 und dem neuen Bau 3. Das eingezäunte und mit einer Mauer versehene Gelände der Anstalt umfasst 49.600 m². 867 Gefangene waren im Durchschnitt im Jahr 2006 in Stuttgart inhaftiert. Bei einer Normalbelegung kann die Anstalt 877 Gefangene aufnehmen. Die ca. 600 Hafträume teilen sich in Einzelzellen oder Gemeinschaftszellen auf, wobei die Gemeinschaftszellen mit zwei bis vier Gefangenen belegt werden. Das Vollzugliche Arbeitswesen beschäftigt ca. 250 Inhaftierte in mehreren Betrieben und hat eine Produktionsfläche von 950 m².

Ausbildung und Freizeitangebote[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der JVA sind zwei Pädagogen beschäftigt, die für Inhaftierte schulische Kurse anbieten. Schulabschlüsse sind nicht möglich, da in der JVA hauptsächlich Untersuchungsgefangene untergebracht sind. Es werden viele Freizeitgruppen angeboten, für die sich die Inhaftierten mit einem Antrag anmelden müssen, außerdem Gesprächsgruppen, Bibelstunden, Schach- und Skatgruppen, auch Kraftsport und Fußball. Auch gibt es in unregelmäßigen Abständen Konzerte oder Theatervorführungen. Den Inhaftierten steht zudem eine Gefängnisbücherei zur Verfügung. Die Inhaftierten haben mehrmals pro Woche die Möglichkeit zum Umschluss, wobei Inhaftierte ihre Mithäftlinge auf deren Zelle besuchen können.

Seit Anfang 2008 versucht die Initiative Rock im Knast eine Brückenfunktion zwischen „drinnen und draußen“ zu schaffen, indem sie Bands und Musikern die Möglichkeit gibt, in Justizvollzugsanstalten aufzutreten.[8]

RAF-Prozesse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der breiten Öffentlichkeit ist die JVA vor allem durch die Inhaftierung führender Mitglieder der Terrororganisation Rote Armee Fraktion bekannt geworden. Eigens für die Prozesse gegen RAF-Mitglieder wurde 1975 neben dem Gelände der Justizvollzugsanstalt ein Mehrzweckgebäude erbaut. Als Vorkehrung gegen etwaige Befreiungsversuche mit Hubschraubern wurde diese Halle – ebenso wie der Hofgang – großflächig mit Stahlnetzen überspannt. Die Baukosten für die Erweiterung betrugen 12 Millionen DM.

Nach Fertigstellung der Erweiterungen waren zeitweilig bis zu neun RAF-Mitglieder im siebten Stock der JVA zusammengelegt. Die Häftlinge hatten täglich die Möglichkeit zum Umschluss, der Gefangene hat dabei die Möglichkeit, zu einem anderen Gefangenen auf dessen Haftraum eingeschlossen („umgeschlossen“) zu werden. Entgegen sonst üblicher Vorschriften waren Frauen und Männer zusammengelegt. Die Häftlinge durften Plattenspieler, zeitweise auch Fernsehgeräte betreiben und erhielten hunderte Zeitschriften und Bücher.

Während der Terroranschläge des Deutschen Herbsts 1977 bestand während einiger Wochen ein offizielles Kontaktverbot, das durch das eigens nachträglich beschlossene Kontaktsperregesetz möglich geworden war. In dieser Phase wurden die Häftlinge isoliert. Daraufhin wurde von Gefangenen und Anwälten behauptet, in der JVA werde „Isolationsfolter“ betrieben. Später wurde bekannt, dass Jan-Carl Raspe über das Netz des ehemaligen Anstaltsfunks der JVA eine Wechselsprechanlage gebastelt hatte, über die sich die Gefangenen auch während der Kontaktsperre unbemerkt unterhalten konnten.

Nach dem Suizid von Ulrike Meinhof am 9. Mai 1976 durch Erhängen starben in der „Todesnacht von Stammheim“ am 18. Oktober 1977 die RAF-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe durch Suizid. Das vierte inhaftierte Mitglied der Gruppe, Irmgard Möller, überlebte mit mehreren Stichverletzungen im Brustbereich.

Mehrzweckgebäude des Oberlandesgerichts Stuttgart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Mehrzweckgebäude (MZG) des Oberlandesgerichts Stuttgart am Gelände der JVA Stuttgart wird bis zum heutigen Tage für große Prozesse und gefährliche Straftäter genutzt. So standen hier bereits nach den RAF-Prozessen, Islamisten, PKK-Aktivisten und Black Jackets[9] vor Gericht. Daher kann das Gebäude bis heute nicht wie ursprünglich geplant als Sporthalle oder Werkstatt der JVA Stuttgart genutzt werden. Neben dem MZG wird ein neues Gerichtsgebäude des Oberlandesgericht Stuttgart gebaut, welches für Staatsschutzverfahren und sicherheitsrelevante Verfahren genutzt werden soll. Das Richtfest fand am 22. Juni 2016 statt; die Fertigstellung ist für Ende 2017 geplant.[10][11][12] Nach der Fertigstellung dieses Neubaus ist der Abriss des alten Gerichtssaales geplant.[13]

Film/Fernsehen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Justizvollzugsanstalt Stuttgart – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.jva-stuttgart.de/servlet/PB/menu/1158021/index.html
  2. http://www.jva-stuttgart.de/servlet/PB/menu/1158023/index.html?ROOT=1157996
  3. Justizvollzugsanstalt Stuttgart: Leitung. Abgerufen am 10. September 2015.
  4. nach der Justizvollzugsanstalt Mannheim
  5. Einweihung neuer Torwache der JVA Stuttgart-Stammheim - Goll: "Das sanierungsbedürftige Hochhaus mit dem 7. Stock, in dem auch die RAF-Häftlinge saßen, wird abgerissen". (baden-wuerttemberg.de [abgerufen am 15. Oktober 2017]).
  6. Stuttgarter Nachrichten, Stuttgart, Germany: Zweiter Frühling des RAF-Baus: Stammheim soll größtes Gefängnis im Land werden. In: stuttgarter-nachrichten.de. (stuttgarter-nachrichten.de [abgerufen am 15. Oktober 2017]).
  7. Ministerium der Justiz und für Europa, Baden-Württemberg: Erstmals Frau an der Spitze einer Männer-Haftanstalt in Baden-Württemberg – Regina Grimm neue Leiterin der JVA Stuttgart – Langjähriger Anstaltsleiter Maximilian Schumacher von Justizminister Goll in Ruhestand verabschiedet. Pressemitteilungen 2006, abgerufen am 18. Juli 2016.
  8. Website der Initiative Rock im Knast.
  9. www.landgericht-stuttgart
  10. Oberlandesgericht Stuttgart: Richtfest für Neubau des Prozessgebäudes des Oberlandesgerichts Stuttgart. Abgerufen am 15. Oktober 2017 (deutsch).
  11. www.swr.de/blog/terrorismus/2011
  12. welt.de/Skandal-in-Stammheim
  13. Gerichtssaal in Stammheim wird abgerissen. SWR aktuell, 17. Oktober 2017, abgerufen am 19. Oktober 2017.

Koordinaten: 48° 51′ 18″ N, 9° 9′ 20″ O