Kamza

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Zur talmudischen Erzählung, siehe Kamza und Bar-Kamza
Kamëz
Kamza
Kamza (Albanien)
Paris plan pointer b jms.svg

Koordinaten: 41° 23′ N, 19° 46′ O

Basisdaten
Qark: Tirana
Gemeinde: Kamza
Höhe: 90 m ü. A.
Fläche: 21,73 km²
Einwohner: 104.190 (2011[1])
Bevölkerungsdichte: 4795 Einw./km²
Telefonvorwahl: (+355) 047
Postleitzahl: 1030
Struktur und Verwaltung (Stand: 2015)
Bürgermeister: Xhelal Mziu (PD)
Webpräsenz:
Sonstiges
Stadtgründung: 1350

Luftbild von Kamza (im Vordergrund), im Hintergrund die Großstadt Tirana (2008)

Kamza (albanisch auch Kamëz) ist ein Vorort von Tirana und die sechstgrößte Stadt Albaniens. Es ist die zweitgrößte Stadt im Qark Tirana mit vielen Elendsvierteln. Im Jahr 2011 hatte die Stadt gemäß Volkszählung 66.841 Einwohner.[1] Laut eigenen Angaben hat der Ort 86.472 Einwohner (2008);[2]

Seit 2015 gehört auch die Gemeinde (komuna) Paskuqan zu Kamza. Im Jahr 2011 hatte die Gemeinde Paskuqan 37.349 Einwohner. Die neue Gemeinde hat somit 104.190 Einwohner (Stand 2011).[1]

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kamza liegt in der Ebene von Tirana zwischen dem Tirana-Fluss und der Tërkuza, zwei Oberläufen des Ishëm, rund fünf Kilometer nordwestlich von Tirana, wobei die Siedlungsgebiete heute ineinander übergehen. Getrennt werden sie lediglich vom Fluss Tirana, der die nördliche Grenze der Hauptstadt und über Strecken die südliche Grenze Kamzas bildet.

Der Ort Kamza kann grob in drei Teile gegliedert werden: Das Zentrum liegt am weitesten im Norden in der Ebene zwischen den beiden Flüssen Tërkuza und Tirana. Um einen städtischen Platz gruppieren sich einige Plattenbauten. Kodër-Kamza liegt zwei Kilometer südlich auf einem kleinen Hügel (albanisch: Kodër), der sich am Ufer des Tirana-Flusses erhebt. Dazwischen erstreckt sich – teils in den Hügeln gegen Osten, teils in der Ebene – das Neubaugebiet Bathore.

Paskuqan liegt südöstlich von Kamza und grenzt nördlich an Tirana, nur durch den Fluss Tirana getrennt. Auf dem Hügel zwischen Paskuqan und Kamza liegt der künstliche See von Paskuqan mit rund 170 Hektar.[3]

Offiziell wird die Gemeinde (bashkia) folgendermaßen gegliedert: Stadt Kamza, die Einheit Bathore, Paskuqan und die Dörfer Laknas, Valias, Valias i Ri, Frutikultura, Zall-Mner und Bulçesh.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siedlungsfläche in der Region Tirana 1990 und 2005

Seit ungefähr 1350 ist Kamza durchgehend bewohnt. 1431 wurde der Name Kamza erstmals erwähnt.[2] 1942 wurde die erste Schule eröffnet.[4]

Während des kommunistischen Systems war Kamza ein kleiner Ort. Trotz seiner Nähe zu Tirana war er von Landwirtschaft geprägt: Eine große Genossenschaft und das höhere Institut für Landwirtschaft in Kodër-Kamza – heute die Landwirtschaftliche Universität Tirana – waren ansässig. 1975 lag die Einwohnerzahl bei rund 6.000. Mit der Eröffnung der Kohlemine in Valias wuchs der Ort deutlich. Arbeiter aus dem ganzen Land, aber insbesondere aus Skrapar und aus Burrel zogen hinzu.[2] Zudem lebten hier – zum Teil ohne behördliche Erlaubnis – Personen, die in Tirana Arbeit gefunden hatten, aber keine Aufenthaltserlaubnis für die Hauptstadt erhalten hatten.[5] 1991, als in Albanien das kommunistische System gestürzt wurde, hatte Kamza 12.500 Einwohner.[2]

Danach wandelte sich der Ort dramatisch. Zahlreiche Migranten aus ländlichen Gebieten Albaniens ließen sich auf den unbebauten Flächen nieder und bauten Häuser. Alle hofften, in Tirana Arbeit zu finden und der Armut der ländlichen Gebiete Albaniens entfliehen zu können. Eine ähnliche Entwicklung erlebte Paskuqan.[3] Innerhalb eines Jahrzehnts explodierte die Bevölkerungszahl: bereits 1992 hatte sie sich auf rund 20.000 Einwohnern fast verdoppelt, 1996 werden erneut doppelt so viele Personen geschätzt: 45.000. Im Jahr 2002 waren es bereits über 53.000 Einwohner. Mit aktuell 66.841 Einwohnern hat sich die Bevölkerung in 36 Jahren verelffacht und seit dem Ende des Kommunismus mehr als verfünffacht.[2] Bathore, zuvor nur ein weites, 400 ha großes Feld, wurde zum größten Elendsviertel des Landes. Den Landbesetzern fehlte es oft am nötigsten, so dass viele nur in einfachsten Hütten wohnten. Grundlegende Infrastruktur, wie Wasserver- und -entsorgung, Stromversorgung, Schulen, Abfallentsorgung und oft sogar Straßen, fehlte weitgehend. Die lokalen Behörden waren von der Situation überfordert.[6] Mit internationaler Hilfe wurden ab dem Jahr 1997 mehrere Projekte zur Stadtentwicklung in Kamza gestartet, die insbesondere darauf abzielten, die Infrastruktur zu verbessern.

„Innerhalb Albaniens kam es zu einer großen Landflucht, viel Familien aus Nordalbanien besetzten Flächen der landwirtschaftlichen Universität und von ehemaligen Großbetrieben vor den Toren der Hauptstadt. In wenigen Jahren entstanden um die ehemaligen Dörfer Kamza und Bathore urbane Gebiete, die bald mehrere Tausend Einwohner zählten. In Bathore bauten sich die Familien ihre Häuser, ohne dass Wasser, Strom, Kanalisation oder Straßen vorhanden waren. Lange Zeit hatten die Behörden keine Kontrolle über die neuen urbanen Zentren. Die Bevölkerung war gezwungen, sich selbst zu organisieren und Traditionen des nordalbanischen Gewohnheitsrechts gewannen auch in den neu entstandenen Stadtgebieten an Bedeutung.“

Stéphane Voell: Das nordalbanische Gewohnheitsrecht und seine mündliche Dimension

Mit dem thüringischen Jena besteht seit dem Jahr 2009 eine auf einem Vertrag basierende Kooperation, wobei aus Deutschland zum Beispiel der Aufbau einer Berufsschule und die Gemeindeverwaltung unterstützt werden.[7]

Soziale Probleme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bathore 2006 Bathore 1994
Zum Vergleich: der Stadtteil Bathore im Jahr 2006 …
… und im Jahr 1994

Viele Bewohner verdingen sich als Tagelöhner oder arbeiten in der Bauindustrie. Aber nicht alle Neuzuzügler haben Erfolg in Tirana. Die Armut und die schlechten Lebensumstände machen Kamza deshalb zu einem sozialen Brennpunkt.[8] Die neuen Bewohner, die sich fast ausnahmslos illegal niedergelassen hatten, stammen mehrheitlich aus den gebirgigen Gegenden Nordalbaniens und brachten auch ihre alten Sitten wie den Kanun mit. In politisch unruhigen Zeiten wie 1991 und 1997 wurde die Landwirtschaftliche Hochschule wiederholt geplündert und angezündet.

Mehr als ein Drittel der Bewohner sind nicht im erwerbsfähigen Alter – mehrheitlich Kinder. Die Geburtenrate ist fünf Mal höher als die Sterberate. 8.500 Bewohner von Kamza – ein Zehntel der Bevölkerung – haben den Ort nur als Zwischenstation benutzt und sind zwischenzeitlich ins Ausland ausgewandert.[2]

Zu den chaotischen Verhältnissen in Kamza kam hinzu, dass auch eine der wichtigsten Straßen des Landes, die Hauptstraße von Tirana nach Nordalbanien, durch den Ort führt. Die Landstraße war viel zu schmal, um als Hauptverkehrsachse eines solch großen Ortes dienen zu können. Erst in den Jahren 2005-07 wurde sie erweitert. Ein Großteil des überregionalen Verkehrs umfährt den Ort jetzt weitläufig weiter westlich. In Zukunft soll die zum Flughafen führende geplante Stadtbahn den Öffentlichen Nahverkehr zwischen Kamza und Tirana verbessern, der aktuell mit öffentlichen Bussen und privaten Sammeltaxen bewältigt wird.

Die Infrastruktur hat sich in der Zwischenzeit schon deutlich gebessert. Es wurden Straßen und ein Kataster angelegt. Inzwischen gibt es auch in Bathore ein Gesundheitszentrum.[2] Die ganze Gemeinde hat sieben Kindergärten, die von 1.700 Kindern besucht werden, acht Grundschulen (Neunjahresschulen), zwei weiterführende Mittelschulen und eine Berufsbildungsschule. Weitere Schulen sollen demnächst gebaut werden.[4]

Sport[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der lokale Fußballverein KS Kamza konnte 2011 zum ersten Mal in die höchste Liga aufsteigen, spielt seit 2012 aber wieder in der zweiten Liga Kategoria e parë. Er absolviert seine Heimatspiele auf dem Fusha Sportive Kamëz.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Besnik Aliaj, Keida Lulo und Genc Myftiu: Tirana - The Challenge of Urban Development. Tirana 2003, ISBN 99927-880-0-3.
  • Dietmar Richter: Flächennutzungswandel in Tirana. Untersuchungen anhand von Landsat TM, Terra ASTER und GIS. (= Praxis Kultur- und Sozialgeographie; 42). Universitäts-Verlag, Potsdam 2007, ISBN 978-3-939469-64-3 (Volltext)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kamza – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Ines Nurja: Censusi i popullsisë dhe banesave / Population and Housing Census – Tiranë 2011. Rezultatet Kryesore/Main Results. Hrsg.: INSTAT. Pjesa/Part 1. Adel Print, Tirana 2013 (Dokument als PDF [abgerufen am 25. Mai 2015]).
  2. a b c d e f g Bashkia Kamza (Unterseite "Historiku i Bashkisë Kamëz"). Abgerufen am 4. Januar 2009.
  3. a b E ardhmja e liqenit të Paskuqanit. In: ABC News. 19. Mai 2012, abgerufen am 8. September 2015 (albanisch).
  4. a b Bashkia Kamza (Unterseite "Arsimi"). Abgerufen am 4. Januar 2009.
  5. Claudia Hanisch: Migration in Albanien heute. Einflüsse demographischer Entwicklungen und kommunistischer Politik", Neukirchen 2004, S. 55f. Abgerufen am 25. April 2013 (PDF; 450 kB).
  6. Institute for Habitat Development: Jahresbericht 2002 (Auszug) (Memento vom 27. September 2007 im Internet Archive)
  7. Bürgermeister spricht über die Kooperation zwischen Jena und dem albanischen Kamza. 10. Mai 2010, abgerufen am 13. April 2011.; Ein Gebrauchtwagen aus Jena für Kamza. In: Deutschland Today. 13. April 2011, abgerufen am 13. April 2011.
  8. Urban management at community level (Success Story: Municipality of Kamza, Tirana District, Albania) (Memento vom 13. Februar 2012 im Internet Archive)