Kafarnaum

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Synagoge in Kafarnaum aus dem 3. oder 4. Jahrhundert
Synagoge in Kafarnaum aus dem 3. oder 4. Jahrhundert

Kafarnaum, auch Kapernaum und Kapharnaum (hebräisch כְפַר נָחוּם Kfar Naḥūm „Nachums Dorf“, neutestamentlich-biblisch: Καπερναούμ, Kapernaum) war ein Fischerdorf in Galiläa im Norden Israels, am Nordufer des Sees Genezareth, etwa 2,5 Kilometer östlich von Tabgha und 15 Kilometer nordöstlich von Tiberias an der Via Maris gelegen. Das biblische Dorf wurde im 19. Jahrhundert mit der Ruinenstätte mit dem arabischen Namen Talhum, auch Tel Hum, Tell Hum und Tel Chum, identifiziert.[1][2]

Neutestamentarische Berichte, Ort Jesus Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kafarnaum war ein Grenzort und möglicherweise war zu den Zeiten des Herodes Antipas dort eine Söldnertruppe stationiert. In Kafarnaum, am Nordwestufer Sees Gennesaret gelegen und von der Jordanmündung 3 bis 4 Kilometer entfernt, herrschte um die Zeitwende ein reger Handelsverkehr.[3] Es lag an der Küstenstrasse von Syrien (Damaskus) an das Mittelmeer und darüber hinaus nach Ägypten. Kafarnaum lag an einer Nebenstrasse der Via Maris, die nördlich von Gennesar (Tell el-Oreme) abzweigte um dann ufernah an Kafarnaum vorbei in Richtung zu Bethsaida und von dort nach Damaskus im Nordosten verlaufend ihren Weg zu nehmen.[4]

Nach dem Tode des Königs Herodes im Jahre 4. v. Chr. wächst die Bedeutung der Stadt als Grenzort zwischen dem durch Herodes Antipas regiertem Galiläa und dem von Herodes Philippos verwalteten Gebieten im östlichen Jordantal.

Die Aufteilung von Herodes Königreich, nach seinem Tod 4 v. Chr.:
  • Herodianische Tetrarchie unter Herodes Archelaos
  • Territorium unter Herodes Antipas
  • Territorium unter Herodes Philippos
  • Salome I. (Städte Jawne, Azotas, Phaesalis)
  • römische Provinz Syria
  • Autonome Städte (Decapolis)
  • Mutmaßliche Orte des Wirkens Jesus von Nazareth
    Ausgrabungsstätte Haus des Petrus, in den 1980er Jahren
    Haus des Petrus, 2008 mit Überbauung durch die Petruskirche

    Jesus von Nazareth, Jeschua bzw. Jehoschua (hebräisch יהושוע)[5] war in einem jüdischen, (ruralem) kulturellen Umfeld vor allem in Galiläa eingebunden, einem Umfeld, dass der sozialen Unterschicht entsprach[6]; er war Jude lebte und starb als solcher unter der römischen Besatzungsmacht, wahrscheinlich nach Strobel (1960)[7] am 15. Nisan (7. April) 30 n. Chr.[8][9] Jesus und seine Anhänger repräsentierten eine Richtung der „innerjüdischen Erneuerungsbewegungen“ (Theißen (1977)).[10] die besonders in Galiläa (aramäisch gālīlā) wirkte. Jeschua und seine Jünger und Jüngerinnen entstammten aus einer traditionell illiteralen Kultur, in welcher Worte und Taten einzelner Menschen sowie auch wichtige Ereignisse mündlich weitergegeben wurden.[11] Die galiläische Landbevölkerung zur Zeit Jesu von Nazareth lebte in sehr einfachen Verhältnissen. Für „Rabbi“ Jehoschua, den Wanderprediger und seinen Anhängern standen weniger die insgesamt 613 Gebote und Verbote[12] der Tora, Mizwot, also kultische Reinheit oder der Tempelkult im Mittelpunkt[13] sondern für ihn stand die unmittelbar bevorstehende Gottesherrschaft, oder das Hineinwirken der Gottesherrschaft in die Gegenwart im Vordergrund. Nicht im Sinne einer „politischen Herrschaft“, sondern als Einflussbereich göttlichen Wirkens in den Beziehungen der Menschen untereinander und letztlich zu Gott. Das Reich Gottes bedeutet eine Umgestaltung und Verwandlung der (sozialen) Welt, sodass Gerechtigkeit, Friede, Freiheit und Liebe herrschten. Das war das Zentrum seines Wirkens, die Verkündigung der Heilsbotschaft von der Königsherrschaft Gottes.[14]

    Kafarnaum spielt in den Evangelien als Wohn- und Wirkungsort Jesu eine wichtige Rolle:[15]

    „Als Jesus hörte, dass man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, zog er sich nach Galiläa zurück. Er verließ Nazaret, um in Kafarnaum zu wohnen, das am See liegt, im Gebiet von Sebulon und Naftali.“

    Matthäus 4, 12–13)

    Erwähnt wird in Mt 8,5–13 EU ein in Kafarnaum stationierter Centurio, der von Jesus die Heilung seines Knechts erbat. Auch die Heilung der Schwiegermutter des Simon Petrus soll dort zu verorten sein. Erwähnung findet die Geschichte in Mk 1,29–31 EU, Lk 4,38–39 EU und Mt 8,14–15 EU.

    Dem Fischerdorf Kafarnaum sollen mehrere der Jünger Jesu entstammt sein: die Brüderpaare Simon Petrus und Andreas sowie Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, außerdem der Zöllner Levi, genannt Matthäus.

    Laut Mk 1,11–28 EU lehrte Jesus zu Beginn seines Wirkens in der Synagoge von Kafarnaum, wo er – so lassen die folgenden Verse schließen – zeitweise im Haus des Petrus gewohnt haben soll. Nach der Brotvermehrung, die man später im Gebiet von Tabgha vermutete, lehrte Jesus nach Joh 6,22–59 EU in der Synagoge von Kafarnaum die Menschen über das „Himmelsbrot“.

    Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    Katholische Kirche über dem Haus des Simon Petrus
    Inneres der Kirche

    Nach archäologischen Erkenntnissen war der Ort Kafarnaum wahrscheinlich seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. besiedelt.

    Flavius Josephus berichtet in seiner Vita, dass er, nachdem er im Kampf gegen Syllas, den Feldherrn des Königs Agrippa II. bei Bethsaida-Julias, an der Hand verwundet wurde, in ein Dorf Namens „Κεφαρνωκόν“ gebracht worden sei.

    In einer Geschichte des Midrasch Kohelet Rabba wird Kfar Nahum als ein Ort genannt, an dem Minim („Sektenanhänger“) leben, was sich auf eine Gruppe von Judenchristen beziehen könnte.

    Für das vierte Jahrhundert macht Bischof Epiphanius von Salamis in seinem Buch Panarion eine interessante Feststellung. Demnach sei es in den Städten Tiberias, Sepphoris, Nazareth und Kafarnaum unmöglich gewesen Kirchen zu errichten, da die Juden streng darauf achteten, „dass sich unter ihnen niemand niederließe, der einer anderen Volksgruppe zugehörte.“

    Kafarnaum wurde 746 durch ein Erdbeben zerstört und nahe beim ursprünglichen Standort wiederaufgebaut. Etwa im 11. Jahrhundert muss das Dorf aufgegeben worden sein; der Grund dafür ist unbekannt.

    Während seiner ersten Palästinareise im Jahr 1838 entdeckte der amerikanische Forscher Edward Robinson die Überreste der antiken Synagoge Kafarnaums, brachte diesen Fund aber nicht mit Kafarnaum in Zusammenhang. Erst im Jahre 1866 identifizierte der britische Ingenieur Charles Wilson Tal-Hum mit dem antiken Kafarnaum. 1894 erwarb die Kustodie des Heiligen Landes der Franziskaner (OFM) einen Teil des Geländes; hier wurden im 20. Jahrhundert mehrmals Ausgrabungen vorgenommen. Ein anderer Teil gehört der griechisch-orthodoxen Apostelkirche, auch hier wurden Ausgrabungen durchgeführt.

    Archäologische Funde und heutige Bauten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    Haus des Simon Petrus unter der katholischen Kirche

    Im Bereich, der von den Franziskanern betreut wird, wurde ein byzantinischer Kirchenbau aus dem 5. Jahrhundert ausgegraben. Der zentrale achteckige Raum, der von einem ebenfalls achteckigen Wandelgang umgeben war, war über den Resten einfacher Wohngebäude aus dem 1. Jahrhundert erbaut worden. Eines der Wohnhäuser gilt als Haus des Simon Petrus, das als Hauskirche benutzt wurde. Der einzige klare Hinweis darauf sind allerdings Kalkinschriften, die Jesus mit Hoheitstiteln sowie Petrus nennen und Spuren kultischer Zusammenkünfte zeigen.[16] Sie stammen frühestens aus dem 3. Jahrhundert.[17] Außerdem beschreibt die Pilgerin Egeria diese Kirche sowie die Petrusverehrung Ende des 4. Jahrhunderts. Den achteckigen Bau erwähnt der Pilger von Piacenza im 6. Jahrhundert. Das Gebäude wurde Anfang des 7. Jahrhunderts, wahrscheinlich beim Einfall der Perser, zerstört. Über den Ausgrabungen wurde ab 1980 die auf Stelzen stehende moderne Petruskirche errichtet, die die Funde schützen soll.

    Ebenfalls auf dem Gelände der Franziskaner wurde von Gaudenzio Orfali die Synagoge von Kafarnaum ausgegraben; es kann sich allerdings nicht um die in den Evangelien erwähnte Synagoge handeln, da der Bau ins 3. oder 4. Jahrhundert zu datieren ist. Die Synagoge steht aber vermutlich an der Stelle eines älteren Vorgängerbaus. Auch die Synagoge wird von Egeria in ihrem Reisebericht beschrieben. Wie die Kirche wurde auch die Synagoge Anfang des 7. Jahrhunderts zerstört.

    Apostelkirche

    Auf dem angrenzenden Gelände, das im Besitz der griechisch-orthodoxen Kirche ist, wurden bei Ausgrabungen Wohnhäuser und eine Art Kaimauer gefunden.

    1931 wurde eine kleine griechisch-orthodoxe Apostelkirche erbaut, die den sieben Aposteln geweiht ist, denen nach Johannes 21 der auferstandene Jesus am See Gennesaret erschienen ist.

    Zum Jahr 2000 wurde östlich der historischen Stätten eine neue Anlage für Pilger und Touristen errichtet, von wo aus auch Bootsfahrten über den See angeboten werden.

    Es gibt sowohl in Dänemark als auch in Deutschland Kirchenbauten, die nach diesem Ort benannt sind.

    Antike Berichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    • Georg Beer: Kapernaum. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band X,2, Stuttgart 1919, Sp. 1889–1891.
    • Heinrich Kohl, Carl Watzinger: Antike Synagogen in Galiläa. Verlag Zeller, Osnabrück 1975, ISBN 3-535-00592-2 (unveränderter Nachdr. d. Ausg. Leipzig 1916).
    • Edward Robinson: Biblical Researches in Palestine, Mount Sinai and Arabia Petraea. Arno Press, New York 1977, ISBN 0-405-10281-X (3 Bde., unveränderter Nachdr. d. Ausg. Boston 1841).
    • Bargil Pixner: Rätsel um die Synagogen von Kafarnaum (Abschnitt II.6). In: Bargil Pixner (Autor), Rainer Riesner (Hrsg.): Wege des Messias und Stätten der Urkirche. Jesus und das JudenChristentum im Lichte neuer archäologischer Erkenntnisse (Studien zur biblischer Archäologie und Zeitgeschichte; Bd. 2). 3. Aufl. Brunnen Verlag, Giessen 1996, ISBN 3-7655-9802-X.
    • John C. H. Laughlin: Capernaum. From Jesus’ Time and After. In: Biblical Archaeology Review, Bd. 19 (1993), Heft 5 (September/Oktober), ISSN 0098-9444
    • Virgilio Corbo: Cafarnao, Bd 1: Gli edifici della città (Pubblicazioni della Studium Biblicum Franciscanum; Bd. 19,1). Franciscan Press, Jerusalem 1974.
    • Stanislao Loffreda: Cafarnao, Bd 5: Documentazione fotografica degli scavi (Pubblicanzioni della Studium Biblicum Franciscanum; Bd. 44). Franciscan Press, Jerusalem 2005, ISBN 965-516-069-6

    Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

     Commons: Kafarnaum – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

    Koordinaten: 32° 52′ 52″ N, 35° 34′ 30″ O

    Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    1. Eric M. Meyers, American Schools of Oriental Research: The Oxford Encyclopedia of Archaeology in the Near East. Oxford University Press, 1996, S. 417
    2. Fritz Rienecker, Gerhard Maier, Alexander Schick, Ulrich Wendel (Hrsg.): Lexikon zur Bibel. SCM R.Brockhaus, 2013, S. 664.
    3. Walter Bühlmann: Wie Jesus lebte. Vor 2000 Jahren in Palästina. Wohnen, Essen, Arbeiten, Reisen. Rex, Luzern / Stuttgart 1989, ISBN 3-7252-0491-8, S. 52 f
    4. Valentin Schwöbel: Die Verkehrswege und Ansiedlungen Galiläas in ihrer Abhängigkeit von den natürlichen Bedingungen. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1903, S. 67 f
    5. Ebenfalls wird יֵשׁוּ הַנּוֹצְרִי Jeschu haNotzri (Jeschu der Nazarener) in weltlichen und rabbinischen Texten verwendet, siehe auch Jan A. B. Jongeneel: Jesus Christ in world history: his presence and representation 2009, S. 84: „Both Talmuds include polemical statements, usually brief and oblique, about Yeshu ha-Nozri, whose life and teachings are …“ יֵשׁוּעַ מִנָּצְרַת Jeschua miNatzrath (Jeschua von Nazaret) aber nur in Texten von Christen. ברית חדשה Modern Hebrew version, United Bible Societies. Später versah man seinen Namen dann mit dem ZusatzMessias“ (hebräisch Maschiach oder Moschiach משיח) Meschiah, in griechischer Transkription Μεσσίας, ins Griechische übersetzt (altgriechisch Χριστός Christós)
    6. Anton Mayer: Der zensierte Jesus. Soziologie des Neuen Testaments. Walter Verlag, Olten und Freiburg im Breisgau 1983, ISBN 3-530-55610-6, S. 21–46
    7. August Strobel: Der Termin des Todes Jesu. Überschau und Lösungsvorschlag unter Einschluß des Qumrankalenders. ZNW 51 (1960), 69 101
    8. Robert Jewett: Paulus Chronologie. Ein Versuch. Chr. Kaiser Verlag, München 1982, ISBN 3-459-01404-0, S. 50–51
    9. Das Geburtsjahr bleibt spekulativ; so wird das Jahr 7 v. Chr. angenommen, mit einer Schwankungsbreite von 6 bis 4 v. Chr. Angelika Strohmann: Der historische Jesus: eine Einführung. UTB, Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-8252-3553-6, S. 57
    10. Gerd Theißen: Studien zur Soziologie des Urchristentums. Bd. 19, Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament, J.C.B. Mohr, Tübingen 1989, ISBN 3-16-145448-0, S. 36
    11. Angelika Strotmann: Der historische Jesus: eine Einführung. 2. Aufl., UTB 3553, Ferdinand Schöningh, Paderborn 2015, ISBN 978-3-8252-4160-5, S. 35
    12. 248 Gebote und 365 Verbote
    13. Jürgen Roloff: Jesus. C.H.Beck, München 2000, ISBN 978-3-406-44742-6, S. 47; 72 f.
    14. Angelika Strotmann: Der historische Jesus: eine Einführung. UTB 3553, Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-8252-3553-6, S. 99 f.
    15. http://www.bibelwissen.bibelthemen.eu/wiki/Kapernaum bibelthemen.eu - Kapernaum
    16. Gerd Theißen, Annette Merz: Der historische Jesus, 4. Auflage, Göttingen 2011, S. 160 f.; Stanislao Loffreda, Virgilio Corbo: La maison de Pierre révélée par les fouilles, 1982; James F. Strange, Hershel Shanks: Das Haus des Petrus. In: Carsten Peter Thiede (Hrsg.): Das Petrusbild der neueren Forschung, Wuppertal 1987
    17. Anders Runesson: Architecture, Conflict, and Identity Formation. In: Jürgen K. Zangenberg, Harold W. Attridge, Dale B. Martin (Hrsg.): Religion, Ethnicity and Identity in Ancient Galilee (= Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament Bd. 210). Tübingen 2007, S. 240–242 (Digitalisat).