Logienquelle Q

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Den beiden jüngeren Evangelien, dem Matthäus- (80er) und dem Lukasevangelium (70er-Jahre), soll das Markusevangelium (60er-Jahre) und die Logienquelle vorgelegen haben.

Als Logienquelle Q (auch Rede- oder Spruchquelle oder kurz Q für „Quelle“) wird ein Text bezeichnet, der gemäß der Zweiquellentheorie den Autoren des Matthäus- und des Lukasevangeliums neben dem Text des Markusevangeliums als zweite Quelle vorgelegen haben soll. Dieser handschriftliche Text in griechischer Sprache hat, so die Annahme, vor allem sogenannte Logien, Aussprüche von Jesus aus dem Umfeld judenchristlicher Wanderprediger oder „Dorfschreiber“ in und um Galiläa enthalten. Es sind keine eigenständigen Abschriften oder Teil-Abschriften von Q bekannt.

Umfang und Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Statistische Angaben: A. M. Honoré, 1968[1]

Die Logienquelle wurde erstmals vom Theologen und Kirchenhistoriker Adolf von Harnack 1907 vollständig rekonstruiert veröffentlicht;[2] weitere Rekonstruktionsversuche folgten, bis schließlich ab 1989 bzw. 1993 ein noch wachsendes, internationales Wissenschaftler-Team um James M. Robinson, Paul Hoffmann und John S. Kloppenborg das so genannte Internationale Q - Projekt (IQP) begründete.[3][4] Dabei stützte man sich hauptsächlich auf die gemeinsamen Textpassagen von Matthäus und Lukas, die nicht in Markus vorkommen. In der kritischen Ausgabe des rekonstruierten Textes aus dem Jahr 2000 (siehe unten: Rekonstruktionen), die von dem Wissenschafts-Team um James M. Robinson erstellt worden war, wurden „auch Doppelüberlieferungen und Dubletten sowie Parallelen“ (Markus Tiwald) aus dem Markus-Evangelium sowie dem Thomas-Evangelium, gelegentlich auch Parallelen aus der Septuaginta für Q herangezogen.[5]

In der gegenwärtigen Erforschung des rekonstruierten Logienquellen-Textes selbst werden besonders mit der so genannten Literarkritik, wie auch anderen Methodenschritten der so genannten historisch-kritischen Methode wie der Formkritik, z. B. verschiedene Wachstumsringe (Markus Tiwald) der Logienquelle erörtert, da anscheinend Kernsprüche (Tiwald), spätere Kommentar-Ergänzungen dazu und noch spätere Arrangements zu inhaltlichen Einheiten erkennbar sind. Daraus hat z. B. John S. Kloppenborg die These entwickelt, es gäbe drei eigenständige schriftliche Entwicklungsstufen von Q.[6] Während Kloppenborg entlang formgeschichtlicher Kriterien (Formkritik) zu dieser Einschätzung der Entwicklungsgeschichte der Logienquelle kommt, betrachtet die so genannte Oral Performance, ein weiteres Modell, die Logienquelle als Resultat eines kontinuierlichen mündlichen Prozesses, bei dem die fortlaufende mündliche Überlieferung auch einen schon (teilweise) schriftlich fixierten Logientext weiterhin verändert. Ein drittes Modell zur Entstehungsgeschichte bietet die so genannte Kompositionsgeschichte, ein konstruktives Modell entlang der Vorstellung eines organischen Wachstumsprozesses, bei dem vier Stufen unterschieden werden.[7]

Als Entstehungszeit der Logienquelle werden beispielsweise die 40er Jahre bis hin etwa zum Jahr 70 des ersten Jahrhunderts n. Chr. postuliert.[8] Meist wird als Entstehungsraum der Logien vor allem das ländliche Galiläa und zudem unmittelbar umliegende Gebiete angenommen.[9] Als Personenkreis, der die mündlichen Überlieferungen von Jesus-Aussprüchen der so genannten „Jesus-Bewegung“ als einer der drei bedeutenden Bewegungen des sich bildenden Christentums, neben Jerusalem und Antiochia, schriftlich fixierte, werden vielfach Wanderprediger bzw. „Wanderradikale“ und „Dorfschreiber“ vermutet.[10][11]

In der Logienquelle findet sich gemäß Rekonstruktion kein Passions- oder Auferstehungsbericht (wie auch im Thomasevangelium). Es handelt sich mit wenigen Ausnahmen (z. B. Q 7,1–10) um Worte und Aussprüche Jesu, der in der Logienquelle vor allem als Menschensohn tituliert wird.

Bedeutsam wurde die Logienquelle bzw. die dahinter stehende „Jesus-Bewegung“ in und um Galiläa dadurch, dass die Logienquelle eine entscheidende Überlieferung darstellt, die bei der Entstehung der kanonischen vier Evangelien vor allem im Lukas-Evangelium und Matthäus-Evangelium stark rezipiert wurde.[12] Und dies wiederum wohl besonders wegen der in der Logienquelle formulierten „Lebens- und Verkündigungsgeschichte“ (Udo Schnelle) Jesu, da die Entstehung der schriftlich niedergelegten Evangelien selbst anscheinend besonders durch den Umstand, dass zwischen 60 und 70 n. Chr. die Augen- und Erscheinungszeugen Jesu wie auch die missionierenden Apostel verstarben, notwendig und gefördert wurde.[13][14]

Überlieferungsgeschichtliche Überlegungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Logienquelle ist aus der Antike nicht als eigenständige Schrift überliefert. Vertreter der Logienquelle erklären sich dies beispielsweise damit, dass sie ihre Bedeutung als eigenständige Schrift schon früh verloren habe, nachdem sie in das Matthäus- und Lukasevangelium eingegangen sei. So sei „eine weitere eigenständige Tradierung der Logienquelle“ (Markus Tiwald) nicht mehr notwendig gewesen, weil die Träger-Gemeinden in und um Galiläa in Folge des Jüdischen Krieges (66 - 70 n. Chr.) vielfach ihre Heimat verloren hätten. Teilweise seien diese Träger-Gemeinden nachfolgend in den theologisch verwandten und räumlich nördlich an Galiläa anschließenden Trägergemeinden des Matthäus-Evangelium aufgegangen. Der Autor des Matthäus-Evangeliums hat nach dieser Einschätzung entsprechend die überkommene Logienquelle theologisch weiterentwickelt und aktualisiert.[15]

Q-Kritiker sehen den Grund schlicht darin, dass es keine solche Quelle gab [16]. Allerdings ist die Mehrheit der antiken Schriften sowieso verloren gegangen.[17] Sie konnten dafür vielfach aus anderen überlieferten Schriften philologisch rekonstruiert werden, wie dies auch bei der Logienquelle geschehen ist.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Klaus-Stefan Krieger: Was sagte Jesus wirklich?. Vier Türme, Münsterschwarzach 2003, ISBN 3-87868-641-2.
  • John S. Kloppenborg: Q, the Earliest Gospel: An Introduction to the Original Stories and Sayings of Jesus. Westminster John Knox Press, Louisville 2008, ISBN 978-0-664-23222-1.
  • Markus Tiwald: Die Logienquelle. Text, Kontext, Theologie. Kohlhammer, Stuttgart 2016.
  • John S. Kloppenborg: Synoptic problems : collected essays. Mohr Siebeck, Tübingen 2014.
  • Michael Labahn: Der Gekommene als Wiederkommender : die Logienquelle als erzählte Geschichte. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2010.
  • Frans Neirynck (Hrsg.): Q-synopsis. The Double Tradition Passages in Greek (= Studiorum Novi Testamenti Auxilia. Band 13). University Press, Leuven 1988 (2. erweiterte Auflage 1995, 2001), ISBN 90-5867-165-8.
  • James M. Robinson, Paul Hoffmann, John S. Kloppenborg (Hrsg.): The Critical Edition of Q. Synopsis Including the Gospels of Matthew and Luke, Mark and Thomas with English, German, and French Translations of Q and Thomas. Peeters Press, Leuven 2000, ISBN 978-90-429-0926-7/ Fortress Press, Minneapolis 2000, ISBN 978-0-8006-3149-9.
  • Paul Hoffmann, Christoph Heil (Hrsg.): Die Spruchquelle Q. Studienausgabe Griechisch und Deutsch. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2002 (2. Auflage 2007/ 3. Auflage 2009/ 4. Auflage 2013), ISBN 978-3-534-26266-3.
  • Marco Frenschkowski: Welche biographischen Kenntnisse von Jesus setzt die Logienquelle voraus? Beobachtungen zur Gattung von Q im Kontext antiker Spruchsammlungen. In: Jon Ma. Asgeirsson u. a. (Hg.): From Quest to Q. Festschrift James M. Robinson (= Bibliotheca Ephemeridum Theologicarum Lovaniensium. (BETL) Band 156). Peeters, Leuven 2000, S. 3–42.
  • Marco Frenschkowski: Galiläa oder Jerusalem? Die topographischen und politischen Hintergründe der Logienquelle. In: Andreas Lindemann (Hg.): The Sayings Source Q and the Historical Jesus (= BETL 158). Peeters, Leuven u. Leuven-Paris-Sterling 2001, S. 535–559.
  • Die Logienquelle. Ein frühes Dokument über Jesus. Übersetzung und Beiträge aus Die Logienquelle. In: Bibel und Kirche. Ausgabe 2/1999, Katholisches Bibelwerk e. V. Stuttgart (PDF-Datei).
Kritik
  • Allan J. McNicol, David L. Dungan, David B. Peabody: Beyond the Q Impasse. Luke's Use of Matthew. A Demonstration by the Research Team of the International Institute for the Renewal of Gospel Studies. Trinity, Philadelphia 1996, ISBN 1-56338-184-2.
  • Eta Linnemann: Q – das verlorene Evangelium – Fantasie oder Faktum? In: Eta Linnemann: Bibelkritik auf dem Prüfstand. Wie wissenschaftlich ist die „wissenschaftliche Theologie“? Verlag für Theologie und Religionswissenschaft, Nürnberg 1998, ISBN 3-933372-19-4, S. 13–32.
  • Michael D. Goulder: Self-Contradiction in the IQP. (International Q Project) In: Journal of Biblical Literature. Nr. 118, 1999, ISSN 0021-9231, S. 477–496.
  • Mark Goodacre: The Case Against Q. Studies in Markan Priority and the Synoptic Problem. Trinity Press, Harrisburg 2002, ISBN 1-56338-334-9.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. A. M. Honoré: A statistical study of the synoptic problem. Nov. Test. 10 (1968), S. 95–147. Probleme dieser Statistik werden diskutiert von John J. O’Rourke: Some Observations on the Synoptic Problem and the Use of Statistical procedures. In: David E. Orton (Hrsg.): The Synoptic Problem and Q: Selected Studies from Novum Testamentum. Brill, Leiden 1999, ISBN 90-04-11342-8, S. 134.
  2. Adolf von Harnack: Sprüche und Reden Jesu: die Zweite Quelle des Matthäus und Lukas. Hinrichs, Leipzig 1907.
  3. Markus Tiwald: Die Logienquelle. Text, Kontext, Theologie. Kohlhammer, Stuttgart 2016, S. 35.
  4. Forschungszentrum deutschsprachiger Raum bei der Universität Graz angesiedelt (Homepage Internationales Q - Projekt der Uni Graz, abgerufen am 14. Januar 2018)
  5. Markus Tiwald: Die Logienquelle. Text, Kontext, Theologie. Kohlhammer, Stuttgart 2016, S. 36.
  6. Markus Tiwald: Die Logienquelle. Text, Kontext, Theologie. Kohlhammer, Stuttgart 2016, S. 31f.
  7. Martin Ebner, Die Spruchquelle Q. In: Martin Ebner, Stefan Schreiber (Hrsg.): Einleitung in das Neue Testament. VKohlhammer, Stuttgart 2008. S. 92f.
  8. Markus Tiwald: Die Logienquelle. Text, Kontext, Theologie. Kohlhammer, Stuttgart 2016, S. 81–83.
  9. Udo Schnelle: Die ersten 100 Jahre des Christentums. 30 – 130 n. Chr. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015. S. 171.
  10. Markus Tiwald: Die Logienquelle. Text, Kontext, Theologie. Kohlhammer, Stuttgart 2016, S. 117–130, S. 129.
  11. Udo Schnelle: Die ersten 100 Jahre des Christentums. 30 – 130 n. Chr. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015. S. 171.
  12. Udo Schnelle: Die ersten 100 Jahre des Christentums. 30 – 130 n. Chr. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, S. 218.
  13. Udo Schnelle: Theologie des Neuen Testamentes. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016. S. 352, S. 361, S. 364, S. 367, S. 384 - 385.
  14. Markus Tiwald: Die Logienquelle. Text, Kontext, Theologie. Kohlhammer, Stuttgart 2016. S. 136f.
  15. Markus Tiwald: Die Logienquelle. Text, Kontext, Theologie. ;Kohlhammer, Stuttgart 2016. S. 142f.
  16. Michael Goulder: Is Q a Juggernaut?, in: Journal of Biblical Literature. Nr. 115, 1996, S. 667–681.
  17. Markus Tiwald: Die Logienquelle. Text, Kontext, Theologie. Kohlhammer, Stuttgart 2016. S. 136.