Kapernaumkirche (Hamburg-Horn)

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Die Kapernaumkirche in Horn stand seit 2004 leer. Aufnahme 2013 mit Kreuz auf der Turmspitze
Chorfenster, 2014

Die Kapernaumkirche (ab Ende 2018 Al-Nour-Moschee) ist eine unter Denkmalschutz stehende ehemalige evangelisch-lutherische Kirche in Hamburg-Horn. Sie wurde nach einer Gemeindefusion 2004 entwidmet und nach jahrelangem Leerstand 2012 von einem islamischen Moscheeverein gekauft. Sie war das erste Kirchengebäude der EKD[1] und das zweite im Hamburger Stadtgebiet,[2][3] das in eine Moschee umgebaut wurde. Die Wiedereröffnung als Moschee erfolgte im Herbst 2018.[4]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kirchenbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kapernaumkirche wurde in den Jahren 1958 bis 1961 nach einem Entwurf von Otto Kindt fertiggestellt[5] und war einer von mehreren Kirchenneubauten im damals rasch wachsenden Stadtteil Horn.

Das Gebäude in der Sievekingsallee 191 wurde zeittypisch als annähernd ovales Kirchenschiff mit baulich getrenntem Turm errichtet. Den Turm gestaltete man mit 44 m Höhe besonders hoch, damit er sich gegen die benachbarte Wohnbebauung behaupten konnte. Die Wände von Turm und Kirchenschiff bestehen aus einer Mischung rautenförmiger Betonelemente mit klassischen Ziegelsteinen. Im Kirchenschiff sind die Betonelemente mit Glas geschlossen, im Turm sind sie offen und bildeten im oberen Bereich die Schallöffnungen für den Glockenstuhl. Die beiden Gebäudeteile sind durch einen niedrigen Bau mit Eingangshalle und Nebenräumen verbunden.

Die Fenster des Kirchenschiffs waren das beherrschende Element des Innenraums und ermöglichten eine zum Altarbereich hin zunehmende Durchlichtung des Raumes. Die Wandzone hinter dem Altar war vollflächig mit Glaselementen gefüllt. Sie wurden von Claus Wallner auf die klare Architektur des Innenraums abgestimmt und als farbig-abstrakte Formen ausgeführt. An Decke und Pfeilern waren die tragenden Betonelemente sichtbar, die zur Decke hin eine Art modernes Sterngewölbe bildeten. Die Sternform ist auch in der Außenansicht am kupfergedeckten Faltdach mit seinen giebelförmigen Elementen erkennbar.

Auf der Empore über dem Eingang befand sich eine Orgel aus der Werkstatt von Alfred Führer. Die Front der Empore zum Altar wies Intarsien des Künstlers Georg Engst auf, die Szenen aus den Evangelien zeigten. Das Kruzifix war ein Werk Klaus-Jürgen Luckeys.

Profanierung und Leerstand bis 2013[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sinkende Mitgliederzahlen und Kirchensteuereinnahmen zwangen um die Jahrtausendwende viele Hamburger Kirchengemeinden zu Fusionen und zur Aufgabe von Standorten.[A 1] Dies betraf auch die Kapernaumkirche, in der am 26. Dezember 2002 ein letzter Gottesdienst stattfand.[1] Nach der Beendigung der Nutzung als Kirche wurde die Orgel in die benachbarte evangelisch-methodistische Christuskirche in Hamm überführt, die drei Bronzeglocken erhielt die Ansgarkirche in Hamburg-Langenhorn.

Die im Zuge der Umstrukturierungen neu entstandene Kirchengemeinde zu Hamburg-Horn schloss die Kapernaumkirche 2004, ließ die benachbarten Gemeindegebäude abreißen und verkaufte einen Teil des Grundstücks. Auf den verkauften Teilen wurden Mietwohnungen und eine Seniorenresidenz errichtet. Im Kirchengebäude war die Kindertagesstätte der Gemeinde geplant,[6] was jedoch nicht umgesetzt wurde. Das Gebäude stand leer, die überdachten Flächen im Außenbereich wurden zeitweilig von Obdachlosen als Schlafplatz genutzt.[7]

Umnutzung als Moschee[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Turmspitze bei Nacht im Januar 2016 bereits mit arabischem Schriftzug "Allah".

Im November 2012 wurde das Gebäude durch die neuen Eigentümer an den Moscheeverein Islamisches Zentrum Al-Nour e.V. verkauft,[7][8] der es zu einer Moschee umbauen ließ.[A 2]

Der seit 1993 bestehende Verein „Al-Nour“ nutzte zuvor eine stillgelegte Tiefgarage im Stadtteil Hamburg-St. Georg als Gebetsraum.[9] Der Verein gab 2013 an, mit ungefähr 600 Mitgliedern[7] und regelmäßigen Besuchern aus über 30 Nationen die „größte arabische Moschee in Norddeutschland“ zu sein.[10] Er ist Mitglied im Rat der islamischen Gemeinschaften in Hamburg e.V., einer Vereinigung verschiedener Moscheevereine. Außerdem ist die Moschee Mitglied im Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) und gehört zu den Gründungsmitgliedern des Landesverbands in Hamburg.[11]

Reaktionen auf die veränderte Situation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus Kreisen der christlichen Kirchen kam es zu unterschiedlichen Reaktionen. Sowohl der damalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, als auch der katholische Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke nannten die Veräußerung ein „Missgeschick“.[12][13] Für kontroverse Diskussionen sorgte die Äußerung von Helge Adolphsen, dem ehemaligen Michel-Hauptpastor, der zunächst von einem „Dammbruch“ sprach.[13][14] Andere Vertreter der evangelischen Kirche äußerten sich neutral bis befürwortend.[13][15][16]

Reaktionen aus der Politik waren ebenfalls gespalten. Der kirchenpolitische Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion kritisierte das Vorhaben,[13] SPD-Bürgerschaftsabgeordnete forderten „interreligiösen Dialog“.[2]

Umbaumaßnahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das goldene Turmkreuz wurde im Sommer 2015 durch einen goldenen arabischen Schriftzug „Allah“ ersetzt, der von einem Scheinwerfer angestrahlt wird. Die ehemalige Glockenstube wird seitdem in Grün, der Farbe des Islams, illuminiert. Im Innenraum des Kirchenschiffs wurde die ehemalige Chorempore durch eine neue größere Empore ersetzt, um zwei getrennte Gebetsbereiche für Männer und Frauen zu schaffen, der komplette Fußboden wurde erneuert. Durch die Umbauten ist der Raum für bis zu 300 Personen nutzbar.[17][18] Zwischen dem ehemaligen Kirchenschiff und dem Turm entstand ein neuer Verbindungsbau, in dem Seminar- und Waschräume untergebracht sind.[19]

Der Sanierungsbedarf erwies sich als deutlich höher als erwartet.[20] Die Finanzierung des Projekts erfolgte überwiegend durch Spenden[21] und Zuwendungen des Staates Kuwait,[4][22] die Erhaltung des Kirchenschiffs wurde aus Mitteln der Denkmalförderung bezuschusst.[20] Der Umbau war im Herbst 2018 abgeschlossen, das Gebäude wird seit dem Oktober desselben Jahres als Moschee genutzt.

Fotografien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ralf Lange: Architektur in Hamburg. Edition Axel Menges, Hamburg 1995, ISBN 978-3-930698-58-5, S. 288.
  • Gertrud Schiller: Hamburgs neue Kirchen 1951–1961. Hrsg.: Evangelisch-lutherische Kirche Hamburg. Hans Christians Verlag, Hamburg 1961, S. 64, 79.
  • Karin Berkemann: Baukunst von morgen! Hrsg.: Denkmalschutzamt Hamburg. Dölling und Galitz Verlag, Hamburg 2007, ISBN 978-3-937904-60-3, S. 70 f.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kapernaumkirche (Hamburg-Horn) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. Liste ehemaliger evang.-luth. Kirchen in Hamburg.
  2. Ein direkter Verkauf an eine muslimische Gemeinde hätte nicht im Einklang mit der seit 2007 geltenden offiziellen Position der Evangelischen Kirche in Deutschland gestanden, siehe Gernot Knödler: Neue Normalität. In: die tageszeitung, Hamburg-Teil. 5. Februar 2013 (online [abgerufen am 18. Dezember 2018]). und Pressemitteilung der Evangelischen Kirche in Deutschland vom 12. Juni 2012

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Felix Neumann: Allah auf dem Kirchturmdach. Am 4. April 2017 auf katholisch.de, abgerufen am 22. Juli 2017
  2. a b Position Hansjörg Schmidts zur Umwandlung der Kapernaum-Kirche in eine Moschee. Abgerufen am 23. März 2013.
  3. Moscheen für Wilhelmsburg. In: Hamburger Abendblatt. abendblatt.de, 6. März 2007, S. Harburg-Teil, abgerufen am 2. November 2018.
  4. a b Nico Binde: Wie aus einer evangelischen Kirche eine Moschee wurde. (abendblatt.de [abgerufen am 26. September 2018]).
  5. Abschnitt S-Z. (PDF, ca. 1,35 MB) Sievekingsallee 191. (Nicht mehr online verfügbar.) In: Verzeichnis der erkannten Denkmäler nach § 7a Hamburgisches Denkmalschutzgesetz. hamburg.de, 7. November 2011, archiviert vom Original am 16. Dezember 2011; abgerufen am 22. Juli 2017.
  6. Horn: Die Kapernaumkirche wird zur Kindertagesstätte, in: Hamburger Abendblatt vom 22. März 2005, abgerufen am 11. Januar 2013.
  7. a b c Kristiana Ludwig: Tempel bleibt Tempel. In: die tageszeitung, Hamburg-Teil. 5. Februar 2013.online
  8. Mitteilung auf der Internetseite des Islamischen Zentrums Al-Nour. Abgerufen am 5. Februar 2013.
  9. Hasan Gökkaya: Ansturm auf die Flüchtlings-Moschee. Am 26. November 2015 auf mopo.de, abgerufen am 22. Juli 2017
  10. al-nour.de ueber uns (Memento vom 29. Oktober 2012 im Internet Archive)
  11. zentralrat.de / ZMD Pressemitteilungen / 16.09.2019 Neuer ZMD-Landesverband in Hamburg gegründet - Vorstandsvorsitzender der Al-Nour Moschee Daniel Abdin wurde zum ersten und neuen Vorsitzenden des Landesverbandes Hamburg gewählt. Abgerufen am 17. Oktober 2019.
  12. tagesspiegel.de 26. Februar 2013: Macht aus Kirchen Moscheen
  13. a b c d Verkauf der Kapernaum-Kirche sorgt für Wirbel
  14. Adolphsen relativierte die Äußerungen später hamburg-journal (Memento vom 24. März 2013 im Internet Archive) im NDR-Fernsehen vom 21. März 2013.
  15. Kristiana Ludwig, Andreas Speit: Halbmonds Nachbarn. In: die tageszeitung, Hamburg-Teil. 23. März 2013.
  16. Horn begrüßt Moschee in alter Kirche. In: Hamburger Abendblatt. 22. März 2013.
  17. Kristiana Ludwig: Die letzten knien draußen. In: die tageszeitung, Hamburg-Teil. 12. Februar 2013 (online).
  18. Presseerklärung vom „Al-Nour e. V.“ zum geplanten Beginn des Umbaus im Januar 2014. Abgerufen am 3. Januar 2014.
  19. Hamburger Kirche wird zur Moschee. Am 21. September 2015 auf faz.net, abgerufen am 22. Juli 2017
  20. a b Frank Pergande: Wie eine evangelische Kirche zur Moschee wurde. Am 27. April 2016 auf faz.net, abgerufen am 22. Juli 2017
  21. Simone Pauls: Böse Überraschungen beim Umbau zur Moschee. Am 12. September 2014 auf mopo.de, abgerufen am 22. Juli 2017
  22. Monika Dittrich: Wenn die Kirche zur Moschee wird. Am 7. Juni 2017 auf deutschlandfunk.de, abgerufen am 22. Juli 2017

Koordinaten: 53° 33′ 23″ N, 10° 4′ 53″ O