Kapernaumkirche (Hamburg-Horn)

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Die Kapernaumkirche in Horn steht seit 2005 leer.
Chorfenster, 2014

Die Kapernaumkirche ist eine ehemalige evangelisch-lutherische Kirche in Hamburg-Horn. Sie ist das erste Kirchengebäude der EKD[1] und das zweite im Hamburger Stadtgebiet,[2] das in eine Moschee umgebaut wurde.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kirchenbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kapernaumkirche wurde in den Jahren 1958 bis 1961 nach einem Entwurf von Otto Kindt fertiggestellt[3] und war einer von mehreren Kirchenneubauten im damals rasch wachsenden Stadtteil Horn.

Das Gebäude in der Sievekingsallee 191 wurde zeittypisch als annähernd ovales Kirchenschiff mit baulich getrenntem Turm errichtet. Den Turm gestaltete man mit 44 m Höhe besonders hoch, damit er sich gegen die benachbarte Wohnbebauung behaupten konnte. Die Wände von Turm und Kirchenschiff bestehen aus einer Mischung rautenförmiger Betonelemente mit klassischen Ziegelsteinen. Im Kirchenschiff sind die Betonelemente mit Glas geschlossen, im Turm sind sie offen und bildeten im oberen Bereich die Schallöffnungen für den Glockenstuhl. Die beiden Gebäudeteile sind durch einen niedrigen Bau mit Eingangshalle und Nebenräumen verbunden.

Die Fenster des Kirchenschiffs waren das beherrschende Element des Innenraums und ermöglichten eine zum Altarbereich hin zunehmende Durchlichtung des Raumes. Die Wandzone hinter dem Altar war vollflächig mit Glaselementen gefüllt. Sie wurden von Claus Wallner auf die klare Architektur des Innenraums abgestimmt und als farbig-abstrakte Formen ausgeführt. An Decke und Pfeilern waren die tragenden Betonelemente sichtbar, die zur Decke hin eine Art modernes Sterngewölbe bildeten. Die Sternform ist auch in der Außenansicht am kupfergedeckten Faltdach mit seinen giebelförmigen Elementen erkennbar.

Auf der Empore über dem Eingang befand sich eine Orgel aus der Werkstatt von Alfred Führer. Die Front der Empore zum Altar wies Intarsien des Künstlers Georg Engst auf, die Szenen aus den Evangelien zeigten. Das Kruzifix war ein Werk Klaus-Jürgen Luckeys.

Nach der Beendigung der Nutzung als Kirche wurde die Orgel in die benachbarte evangelisch-methodistische Christuskirche in Hamm überführt, die drei Bronzeglocken erhielt die evangelisch-lutherische Ansgarkirche in Hamburg-Langenhorn.

Profanierung und Leerstand bis 2013[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sinkende Mitgliederzahlen und Kirchensteuereinnahmen zwangen um die Jahrtausendwende viele Hamburger Kirchengemeinden zu Fusionen und zur Aufgabe von Standorten,[A 1] wovon auch die Kapernaumkirche betroffen war, wo am 26. Dezember 2002 ein letzter Gottesdienst stattfand.[1]

Die aus der Fusion von Kapernaum-, Nathanael- und Martinsgemeinde hervorgegangene Kirchengemeinde zu Hamburg-Horn ließ 2002 von einem Berliner Beratungsbüro ein übergreifendes Entwicklungskonzept für ihre Gemeindeimmobilien erstellen.[4] Aufgrund dessen wurde die Kapernaumkirche 2004 geschlossen, die benachbarten Gebäude (Gemeindehaus, Pastorat und Kindertagesstätte) abgerissen und ein Teil des Grundstücks an Investoren verkauft, die dort Mietwohnungen und eine Seniorenresidenz errichteten. Die Kirche selbst sollte die Kindertagesstätte der Gemeinde aufnehmen; für den Umbau existierten konkrete Vorstellungen (Stand: 2005).[5] Diese Umbaupläne wurden nicht umgesetzt; das Gebäude stand weiter leer.

Nach Beendigung der Bauarbeiten für die Wohnungen und die Seniorenresidenz kam es zu keiner konkreten Bautätigkeit im Bereich der ehemaligen Kirche. Diverse Anfragen der Lokalpolitik zum Zustand und zur weiteren Nutzung des Gebäudes blieben ohne greifbares Ergebnis.[6][7] Die überdachten Flächen im Außenbereich wurden von Obdachlosen als Schlafplatz genutzt.[8]

Umnutzung als Moschee[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im November 2012 wurde das Gebäude durch die neuen Eigentümer an den Moscheeverein Islamisches Zentrum Al-Nour e.V. verkauft,[8][9] der es zu einer Moschee umbauen möchte. Ein direkter Verkauf an eine muslimische Gemeinde hätte nicht im Einklang mit der seit 2007 geltenden offiziellen Position der Evangelischen Kirche in Deutschland gestanden.[10][11]

Der Verein „Al-Nour“ besteht seit 1993 und nutzt bislang eine stillgelegte Tiefgarage im Stadtteil Hamburg-St. Georg als Gebetsraum.[12] Der Verein gab 2013 an, mit ungefähr 600 Mitgliedern[8] und regelmäßigen Besuchern aus über 30 Nationen die „größte arabische Moschee in Norddeutschland“ zu sein.[13] Er ist Mitglied im Rat der islamischen Gemeinschaften in Hamburg e.V., einer Vereinigung verschiedener Moscheevereine.

Turm der ehemaligen Kapernaumkirche bei Nacht (Januar 2016)

Umbaumaßnahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das goldene Turmkreuz wurde im Sommer 2015 durch einen goldenen arabischen Schriftzug „Allah“ ersetzt, der von einem Scheinwerfer beleuchtet wird, und der Innenraum des Turms wird seitdem in Grün, der Farbe des Islams, illuminiert. Der Innenraum soll durch eine Erweiterung der bisherigen Empore in zwei getrennte Bereiche für Männer und Frauen geteilt werden. Geplant ist ebenfalls ein neuer Fußboden und eine Verglasung von Teilen des Daches. Durch die Umbauten soll der Raum für bis zu 300 Gläubige nutzbar sein.[14][15] Im September 2015 gab es den ersten Spatenstich für einen Verbindungsbau zwischen dem Kirchenschiff und dem Turm; dort sollen Seminarräume und Waschräume entstehen.[16]

Der ursprünglich geplante Termin zur Einweihung der Moschee im Frühjahr 2016 konnte in Folge des unerwartet hohen Sanierungsbedarfs des Gebäudes nicht eingehalten werden.[17] Ein offizieller Name für die neu entstandene Moschee, und ob der Namensbestandteil Kapernaum erhalten bleibt, wurde bislang nicht vom Eigentümer mitgeteilt (Stand: Januar 2016).

Die Finanzierung des Projekts erfolgt überwiegende durch Spenden.[18] An den Kosten des Umbaus, die mehrere Millionen Euro betragen, hat sich der Staat Kuwait beteiligt.[19] Die Erhaltung des Kirchenschiffs wurde zudem aus Mitteln der Denkmalförderung bezuschusst.[17]

Reaktionen auf die veränderte Situation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus Kreisen der christlichen Kirchen kam es zu unterschiedlichen Reaktionen. Nikolaus Schneider, der damalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, nannte die Veräußerung ein „Missgeschick“. Sie sei eine „geistliche Zumutung für die Menschen, die dort leben und sich mit der Kirche identifiziert haben“.[20] Die Formulierung „Missgeschick“ verwendete ebenfalls der katholische Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke.[21] Die bekannteste Äußerung stammt von Helge Adolphsen, dem ehemaligen Michel-Hauptpastor, der von einem „Dammbruch“ sprach,[21] diese Formulierung später jedoch wieder relativierte.[22] Die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs wünschte sich 2013 eine „möglichst unaufgeregte Diskussion“ und äußerte, sie wolle die „Situation […] mit der Al-Nour-Gemeinde konsensorientiert und positiv gestalten“.[21] Kay Kraack, der Pastor der evangelischen Gemeinde St. Georg, in der die Al-Nour-Moschee ihren ersten Sitz hat, betonte 2013, zu den Repräsentanten von „Al-Nour“ bestehe ein Vertrauensverhältnis.[23] Burkhard Kiersch, Pastor der früheren Eigentümerin der Kapernaumkirche, der Kirchengemeinde zu Hamburg-Horn, heißt „Al-Nour“ ausdrücklich willkommen.[24]

Reaktionen aus der Politik waren gespalten. So kritisierte Frank Schira, der damalige kirchenpolitische Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion in Hamburg, das Vorhaben;[21] Hansjörg Schmidt, der SPD-Bürgerschaftsabgeordnete für Hamburg-Horn, forderte einen „funktionierenden interreligiösen Dialog“,[25] der Hamburger SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Wolfgang Rose sieht die Moschee als eine „große Chance […] für Respekt und Toleranz“.[26]

Fotografien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ralf Lange: Architektur in Hamburg. Edition Axel Menges, Hamburg 1995, ISBN 978-3-930698-58-5, S. 288.
  • Gertrud Schiller: Hamburgs neue Kirchen 1951–1961. Hrsg.: Evangelisch-lutherische Kirche Hamburg. Hans Christians Verlag, Hamburg 1961, S. 64, 79.
  • Karin Berkemann: Baukunst von morgen! Hrsg.: Denkmalschutzamt Hamburg. Dölling und Galitz Verlag, Hamburg 2007, ISBN 978-3-937904-60-3, S. 70 f.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kapernaumkirche (Hamburg-Horn) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. Liste ehemaliger evang.-luth. Kirchen in Hamburg.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Felix Neumann: Allah auf dem Kirchturmdach. Am 4. April 2017 auf katholisch.de, abgerufen am 22. Juli 2017
  2. Jochen Gipp: Moschee – Erweiterungsbau an der Eckermannstraße. Sievekingsallee 191. In: Hamburger Abendblatt. abendblatt.de, 18. August 2007, S. Harburg-Teil, abgerufen am 22. Juli 2017.
  3. Abschnitt S-Z. Sievekingsallee 191. In: Verzeichnis der erkannten Denkmäler nach § 7a Hamburgisches Denkmalschutzgesetz. hamburg.de, 7. November 2011, archiviert vom Original am 16. Dezember 2011; abgerufen am 22. Juli 2017 (PDF, ca. 1,35 MB).
  4. Konzeptseite zu geplanten Änderungen der Gemeinde in Horn.
  5. Horn: Die Kapernaumkirche wird zur Kindertagesstätte, in: Hamburger Abendblatt vom 22. März 2005, abgerufen am 11. Januar 2013.
  6. Anfrage der CDU Hamburg-Mitte zum Zustand der Kirche. Abgerufen am 30. Januar 2013.
  7. Anfrage der Fraktion "Die Linke" in der Bezirksversammlung Mitte zur weiteren Nutzung des Geländes. Abgerufen am 30. Januar 2013.
  8. a b c Kristiana Ludwig: Tempel bleibt Tempel. In: die tageszeitung, Hamburg-Teil. 5. Februar 2013.online
  9. Mitteilung auf der Internetseite des Islamischen Zentrums Al-Nour. Abgerufen am 5. Februar 2013.
  10. Gernot Knödler: Neue Normalität. In: die tageszeitung, Hamburg-Teil. 5. Februar 2013.online
  11. Pressemitteilung der Evangelischen Kirche in Deutschland vom 12. Juni 2012
  12. Hasan Gökkaya: Ansturm auf die Flüchtlings-Moschee. Am 26. November 2015 auf mopo.de, abgerufen am 22. Juli 2017
  13. Islamisches Zentrum Al-Nour. al-nour.de, 2012, archiviert vom Original am 29. Oktober 2012; abgerufen am 22. Juli 2017.
  14. Kristiana Ludwig: Die letzten knien draußen. In: die tageszeitung, Hamburg-Teil. 12. Februar 2013 (online).
  15. Presseerklärung vom „Al-Nour e. V.“ zum geplanten Beginn des Umbaus im Januar 2014. Abgerufen am 3. Januar 2014.
  16. Hamburger Kirche wird zur Moschee. Am 21. September 2015 auf faz.net, abgerufen am 22. Juli 2017
  17. a b Frank Pergande: Wie eine evangelische Kirche zur Moschee wurde. Am 27. April 2016 auf faz.net, abgerufen am 22. Juli 2017
  18. Simone Pauls: Böse Überraschungen beim Umbau zur Moschee. Am 12. September 2014 auf mopo.de, abgerufen am 22. Juli 2017
  19. Monika Dittrich: Wenn die Kirche zur Moschee wird. Am 7. Juni 2017 auf deutschlandfunk.de, abgerufen am 22. Juli 2017
  20. tagesspiegel.de 26. Februar 2013: Macht aus Kirchen Moscheen
  21. a b c d Verkauf der Kapernaum-Kirche sorgt für Wirbel
  22. hamburg-journal (Memento vom 24. März 2013 im Internet Archive) im NDR-Fernsehen vom 21. März 2013.
  23. Kristiana Ludwig, Andreas Speit: Halbmonds Nachbarn. In: die tageszeitung, Hamburg-Teil. 23. März 2013.
  24. Horn begrüßt Moschee in alter Kirche. In: Hamburger Abendblatt. 22. März 2013.
  25. Position Hansjörg Schmidts zur Umwandlung der Kapernaum-Kirche in eine Moschee. Abgerufen am 23. März 2013.
  26. Aufruf zur Unterstützung der Moschee auf der Internetseite Wolfgang Rosés; abgerufen am 23. März 2013.

Koordinaten: 53° 33′ 23″ N, 10° 4′ 53″ O