Marguerite Friedlaender

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Marguerite Friedlaender, auch Marguerite Friedlaender-Wildenhain, (* 11. Oktober 1896 in Écully bei Lyon; † 24. Februar 1985 in Guerneville, Kalifornien)[1], war eine deutsch-englische Keramikerin und Porzellangestalterin. Sie lernte an der keramischen Werkstatt des Bauhauses und lehrte später an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, wo ihr gestalterischer Einfluss bis in die Gegenwart spürbar ist. Aufgrund ihres jüdischen Hintergrunds emigrierte sie 1933 zunächst in die Niederlande, später in die USA.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von einem deutsch-französischen Vater (Theodor Friedlaender) und einer englischen Mutter (Rose Calmann) mit thüringischen Wurzeln abstammend und in Frankreich sowie ab 1910 in Berlin aufgewachsen, bestimmte ihre Herkunft ihren Lebensstil, sie war Weltbürgerin. 1914 legte sie ihr Abitur auf einem englischen Internat in Folkestone ab. An der Kunstgewerbeschule Berlin studierte sie Holzbildhauerei und Zeichnen. Ab 1916/17 war sie Dekormalerin in einer Rudolstädter Porzellanmanufaktur. Von 1919 bis 1925 war Marguerite Friedlaender am Staatlichen Bauhaus eingeschrieben, absolvierte nach der Vorlehre zunächst bis 1922 eine Lehre in der keramischen Werkstatt des Bauhauses in Dornburg/Saale unter Formmeister Gerhard Marcks und Werkmeister Max Krehan. Anschließend arbeitete sie bis zu Krehans Tod im Jahre 1925 in der Keramischen Werkstatt Dornburg. 1926 legte sie ihre Meisterprüfung ab, Anfang 1928 verbrachte sie drei Monate zu Studienzwecken in Höhr-Grenzhausen.

„Hallesche Form“ Vase
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Von 1925 bis 1933 war sie an der Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein in Halle (Saale) tätig, seit 1926 arbeitend, entwerfend und lehrend als Leiterin der Keramikabteilung. Als erste weibliche Töpfermeisterin Deutschlands in einer solchen Stellung[2] entwickelte ab 1927 ein eigenes Schulprogramm. Ab 1929 stand sie der neu eingerichteten Porzellanwerkstatt vor. Gleichzeitig begann die Zusammenarbeit mit der Staatlichen Porzellanmanufaktur Berlin (KPM), die der Kunstgewerbeschule technische Einrichtungen wie Brennöfen zur Verfügung stellte und damit Friedländers Experimente förderte. Für die KPM entwarf sie u. a. 1929 das Kaffee- und Teeservice „Hallesche Form“, das 1930 auf der Leipziger Messe präsentiert werden konnte.[3]

Neben der Vasen-Serie entwarf sie fünf Service. Insgesamt entwickelte Friedlaender 59 Einzelformen für die KPM. Weißporzellan mit sachlich moderner Formgebung als Tischgeschirr galt zu diesem Zeitpunkt als Neuheit[4], wobei Friedlaenders KPM-Geschirr „Hallesche Form“ auch dekoriert auf den Markt kam, am erfolgreichsten mit dem von Trude Petri 1931 entworfenen Dekor „Goldringe“.

Zu dieser Zusammenarbeit mit der KPM schrieb Wilhelm Nauhaus: „In der kurzen Zeit von Januar 1930 bis Januar 1933 brachte die Staatliche Porzellanmanufaktur Berlin mehrere Tee- und Kaffeegeschirre, Vasen und Dosen von nicht übertroffener künstlerischer und technischer Qualität heraus, die den Ruhm der alten Manufaktur neu begründeten und rasch über Kontinente trugen. Der im Jahre 1933 zur Emigration gezwungenen Künstlerin wurde bald nach dem Betreten Amerikas auf einer Gesellschaft der Tee aus Friedländer-Porzellan gereicht, ohne daß der Gastgeber vom Zusammenhang zwischen Gast und Geschirr etwas ahnte“.[5]

1930 heiratete sie den Keramiker Franz Rudolf Wildenhain, ebenfalls Absolvent der Dornburger Bauhaus-Werkstatt. Unmittelbar nach der NS-Machtübernahme wurde sie auf Druck der Nationalsozialisten wegen ihrer jüdischen Herkunft entlassen. Sie musste Halle und Berlin verlassen und emigrierte zunächst in die Niederlande. Die bereits entwickelten Entwürfe der „Flugzeugtasse“, deren Untertasse als offener Kreisring ausgeformt war, (von Friedlaender selbst als „Ringmoccatasse“ bezeichnet[6]) wurden noch bis 1935 bei KPM hergestellt wie auch die Geschirre „Halle“ und „Burg Giebichenstein“ bis Kriegsbeginn weiter produziert wurden, nach 1933 allerdings ohne Namensnennung der jüdischen Entwerferin. In Putten bei Amersfoort und Amsterdam richtete sie das private Töpferstudio „Het Kruikje“ (Das Krüglein) ein, das sie gemeinsam mit ihrem Mann betrieb. 1937 gab die Regierung der Niederlande bei ihr ein Teeservice für die Manufaktur De Sphinx in Maastricht in Auftrag. „Five O’Clock“ war der letzte Entwurf dieser Art. Obwohl dieses Geschirr auf der Weltausstellung Paris 1937 mit einer Silbermedaille ausgezeichnet worden war, ging es nicht in Produktion.

1940 musste sie ohne ihren Mann in die USA ausweichen. Dort war sie von 1940 bis 1942 Leiterin der Keramikwerkstatt des College of Arts and Crafts in Oakland. Von 1942 bis 1949 arbeitete Marguerite Friedlaender in der Künstlerkolonie „Pond Farm“ in Guerneville, Kalifornien. 1949 trennten sich Marguerite Friedlaender und Franz Rudolf Wildenhain, der ihr erst 1947 in die USA hatte folgen können. Es kam zur Auflösung der „Pond Farm“. Danach begründete sie eine eigene Keramikwerkstatt, die „Pond Farm Pottery“, in der sie bis zu ihrem Tod schulbildend arbeitete und, basierend auf den keramischen Formen der Dornburger Bauhaus-Töpferei, eine eigene Tradition des Töpferhandwerks in den USA entfaltete. Die Verwendung elementarer Formen und deren ausgewogene Komposition zu Gesamtformen kennzeichnen gleichermaßen ihre Atelierkeramik wie ihre Entwürfe für die manufakturelle Serienproduktion. Neben ihrer keramischen Arbeit war Marguerite Friedlaender auch publizistisch tätig, hielt auf zahlreichen Kongressen Vorträge, schrieb Zeitschriftenbeiträge und veröffentliche ihre Lebenserinnerungen.

Anfang 2013 widmete ihr (sowie Margarete Heymann-Marks und Eva Stricker-Zeisel) das Bröhan-Museum eine Ausstellung im Rahmen des Berliner Themenjahrs 2013 – Zerstörte Vielfalt.[7]

In der Kunsthalle „Talstrasse“ in Halle (Saale) wird vom 18. November 2018 bis 24. Februar 2019 die Ausstellung „Wir machen nach Halle“ zu Marguerite Friedlaender und Gerhard Marcks gezeigt, ein Beitrag zum Bauhaus-Jubiläum 2019. Anschließend ist die Ausstellung vom 7. März 2019 bis 30. Juni 2019 im Gerhard-Marcks-Haus Bremen zu sehen.

Bildnis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Charles Crodel: Die Töpferin Marguerite Friedlaender, Berliner Sezession, 64. Ausstellung: Künstler unter sich. Malerei. Plastik. März/April 1931, Nr. 9 (Veröffentlichungen des Kunstdienstes Nr. 57)

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Zeit von 1929 bis 1933 für KPM:

  • Vasen-Serie „Halle“ (bis heute in Produktion)
  • Kaffee-, Mocca- und Teeservice „Hallesche Form“ (bis heute in Teilen in Produktion)
  • Speiseservice „Burg Giebichenstein“
  • Hotelgeschirr „Hermes“ (für den Flughafen Halle-Leipzig)
  • Flugzeugtasse („Ringmoccatasse“), 1933, (wieder in Produktion)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Marguerite Friedlaender-Wildenhain: Ein Leben für die Keramik. Die Handwerkskunst der großen Keramikerin des Bauhauses. Verlag Neue Keramik, Berlin 1989, ISBN 3-9802217-0-9.
  • Angela Dolgner (Red.): Burg Giebichenstein. Die Hallesche Kunstschule von den Anfängen bis zur Gegenwart. Staatliche Galerie Moritzburg, Halle 1993, ISBN 3-86105-076-5 (Ausstellungskatalog).
  • Wilhelm Nauhaus: Die Burg Giebichenstein. Geschichte einer deutschen Kunstschule. 1915 - 1933. Seemann, Leipzig 2. Auflage 1992, ISBN 3-363-00539-3.
  • Torsten Bröhan, Thomas Berg (Hrsg.): Design Classics, Taschen, Köln 2001, ISBN 3-8228-6876-0, S. 121–123.
  • Katja Schneider: Marguerite Friedlaender-Wildenhain: Vom Bauhaus an den Pazifik. In: Britta Jürgs (Hrsg.): Vom Salzstreuer bis zum Automobil: Designerinnen, S. 52–71, Aviva Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-932338-16-2.
  • Claudia Kanowski und Ingeborg Becker: Avantgarde für den Alltag: Jüdische Keramikerinnen in Deutschland 1919 – 1939. Marguerite Friedlaender-Wildenhain, Margarete Heymann-Marks, Eva Stricker-Zeisel. Verlag Bröhan-Museum, Berlin 1. Auflage 2013, ISBN 978-3941588103.
  • Dean Schwarz, Géraldine Schwarz (Hrsg.): Marguerite Wildenhain and the Bauhaus. An Eyewitness Anthology. Thuringia's Dornburg and Weimar Bauhaus, Burg Giebichenstein, het kruikje, the Herr Family, Pond Farm workshops, Pond Farm pottery, Luther College, South Bear School and related institutions – a pottery tradition continues. South Bear Press, Decorah IA 2007, ISBN 978-0-9761381-2-9.
  • Charlotte Fiell; Peter Fiell (Hrsg.): Design des 20. Jahrhunderts, Taschen, Köln 2012, ISBN 978-3-8365-4107-7, S. 257
  • Wir machen nach Halle. Marguerite Friedlaender und Gerhard Marcks, herausgegeben von Matthias Rataiczyk für die Kunsthalle "Talstrasse", Halle (Saale), 2018, mit Texten von Arie Hartog, Renate Luckner-Bien, Katja Schneider, Mirjam Verhey. ISBN 978-3-932962-96-7
  • Klaus Weber (Hrsg.): Keramik und Bauhaus. Bauhaus-Archiv, Berlin 1989, ISBN 3-891-81404-6 (Ausstellungskatalog)
  • Katja Schneider: Keramik der Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein (1925-1933), Arbeiten von Marguerite Friedlaender, Franz Rudolf Wildenhain und Gerhard Marcks. In Keramos. Zeitschrift der Gesellschaft der Keramikfreunde, Heft 118, Oktober 1987, S. 13–64.
  • Annette Bußmann: Friedlaender-Wildenhain, Marguerite, geb. Friedlaender. In: Eva Labouvie (Hrsg.): Frauen in Sachsen-Anhalt, Bd. 2: Ein biographisch-bibliographisches Lexikon vom 19. Jahrhundert bis 1945. Böhlau, Köln u. a. 2019, ISBN 978-3-412-51145-6, S. 158–162.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Annette Bußmann: Marguerite Friedlaender-Wildenhain in: Frauen in Sachsen-Anhalt 2. Ein biographisch-bibliographisches Lexikon vom 19. Jahrhundert bis 1945, Böhlau Verlag, Köln, Weimar, Wien, 2019, ISBN 978-3-412-51145-6 mit vielen weiteren Nachweisen
  2. Katja Schneider: Marguerite Friedlaender-Wildenhain: Vom Bauhaus an den Pazifik. In: Britta Jürgs (Hrsg.): Vom Salzstreuer bis zum Automobil: Designerinnen, S. 52, Aviva Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-932338-16-2
  3. Margarete Jarchow: Berliner Porzellan im 20. Jahrhundert, Dietrich Reimer, Berlin 1988, ISBN 3-496-01054-1, S. 42 f.
  4. Katja Schneider: Marguerite Friedlaender-Wildenhain: Vom Bauhaus an den Pazifik. In: Britta Jürgs (Hrsg.): Vom Salzstreuer bis zum Automobil: Designerinnen, S. 52, Aviva Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-932338-16-2
  5. Wilhelm Nauhaus: "Die Burg Giebichenstein", o. S.
  6. Archivierte Kopie (Memento des Originals vom 11. Juli 2015 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.resumee.eu Flugzeugtasse in Katalog, abgerufen am 26. März 2015
  7. http://www.broehan-museum.de/infoseiten/a_avantgarde.html, abgerufen am 26. März 2015